{"id":68295,"date":"2020-07-22T00:01:00","date_gmt":"2020-07-21T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=68295"},"modified":"2020-07-22T09:12:14","modified_gmt":"2020-07-22T07:12:14","slug":"neusprech","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/22\/neusprech\/","title":{"rendered":"Neuspr\u00e9ch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\"><em>Newspeak <\/em>hei\u00dft die sprachpolitisch umgestaltete Sprache in George Orwells Roman <em>1984<\/em>. Durch Sprachplanung sollen sprachliche Ausdrucksm\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nkt und damit die Freiheit des Denkens aufgehoben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit <em>Farm der Tiere<\/em> und <em>1984<\/em> steht&nbsp;der Name des 1950 verstorbenen Orwell sinnbildlich f\u00fcr Repression und totale \u00dcberwachung. Von <em>1984<\/em> entlehnte Begriffe wie \u201eGedankenpolizei\u201c, \u201eWahrheitsministerium\u201c und \u201eGro\u00dfer Bruder\u201c sind ins Vokabular der politischen Sprache eingegangen. &#8222;<em>Neuspr\u00e9ch<\/em> ist eine Sprache, die von Kunst befallen, infiziert ist. Sprechen mit Kunst \u2013 als Kunst.\u201c, so Oliver Ross und Simon Starke, die Kuratoren der hier thematisierten Ausstellung. Wir sehen in dieser Aufbereitung Werke, in denen Sprache und Kunst einander wechselseitig durchdringen, quer durch die Sparten, von Malerei, zur Zeichnung, zur Performance, zur Installation und selbstverst\u00e4ndlich zum K\u00fcnstlerbuch. Objektive Typografie und funktionale Schriftgestaltung sind nicht unbedingt dasselbe. Es ist spannend zu sehen wie K\u00fcnstlerb\u00fccher und B\u00fccher \u00fcber Kunst ihren Status noch aushandeln. Zur Erinnerung: <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/04\/11\/kunstlerbucher\/\">K\u00fcnstlerb\u00fccher<\/a><\/em> sind keine Skizzenb\u00fccher, es handelt sich hier meist um Zeichnungen in der gleichen Verfahrensweise wie die autonomen Bl\u00e4tter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\"><em>Newspeak<\/em> wird im \u00fcbertragenen Sinne als Bezeichnung f\u00fcr Sprachformen oder sprachliche Mittel gebraucht, die durch Sprachplanung bewusst ver\u00e4ndert werden, um Tatsachen zu verbergen und die Ziele oder Ideologien der Anwender zu verschleiern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die K\u00fcnstler dieser Ausstellung arbeiten mit dem Motiv der \u00dcbertragung. Die wuchernde Bildsprache entspricht den wuchernden Bildphantasien. Text und Bild gehen eine Symbiose ein. Visuelle Gestaltung ist nicht einfach ein Gestalten von Gegebenem, sondern ein \u00a0Hervorgestalten von Gesuchtem. Dabei folgen diese K\u00fcnstler Aussage des russischen Avantgardisten El Lissitzky, der die bildnerischen Mittel analog dazu einsetzen wollte, wie die menschliche Stimme spricht: zugewandt, mit Nachdruck oder fordernd. Die Arbeiten zeigen, da\u00df es mit der Eindeutigkeit der Worte so ganz weit nicht her ist. <em>Neuspr\u00e9ch<\/em> greift einen zentralen Begriff aus George Orwells Roman <em>1984<\/em> neu akzentuiert und mit Blick auf das Widerst\u00e4ndige im Kontext bildender Kunst auf. Das Projekt umfasst zw\u00f6lf k\u00fcnstlerische Positionen, erg\u00e4nzt und im Dialog mit einer Auswahl von Arbeiten aus den Sammlungen des Zentrums f\u00fcr K\u00fcnstlerpublikationen. Den Weg der Abstraktion der durchlebten Realit\u00e4t zu einer nur ihm eigenen poetischen Bildsprache, das Spielen mit Worten und Begriffen, mit ungew\u00f6hnlichen Zusammenstellungen kann man hier ebenso studieren wie die Kompositionsformen, Themen, Motive, Techniken und Medien, denen sich die K\u00fcnstler zugewandt haben. Die K\u00fcnstler positionieren sich gegen Sprachverk\u00fcmmerungen eines technologischen Vereinheitlichungszwangs, gegen Marketingsprech, Pegidasprech, Kunstbetriebssprech, Anti-Terrorsprech, Politsprech, gegen die ganze Bandbreite des Wir\/Die-Sprech. Ein ambitioniertes Programm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\">&#8222;\u00dcber Nationalismus&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>In der <em>NZZ <\/em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/ambivalenz-in-eindeutigkeit-ueberfuehren-heisst-kitsch-produzieren-ld.1566615\" target=\"_blank\">pl\u00e4diert<\/a> der Schriftsteller und Philosoph Philipp Tingler angesichts der Pandemie und ihrer Folgen Orwells &#8222;\u00dcber Nationalismus&#8220; zu lesen, um sich gegen \u00dcbertreibungen und Hysterie zu wappnen, die oft aus Angst vor dem Uneindeutigen entst\u00fcnden: &#8222;Orwell entwickelt einen unkonventionellen Nationalismus-Begriff; er spricht von Nationalismus in allen F\u00e4llen, in denen sich ein  Kollektiv imaginiert, das relativ deutliche Zugeh\u00f6rigkeitskriterien  formuliert und sich vermittels dieser nach au\u00dfen abgrenzt. Genau das ist  heute Identit\u00e4tspolitik. Identit\u00e4tspolitik, von rechts oder links, ist die Idiotenantwort auf die St\u00f6rung einer eingebildeten Eindeutigkeit, das ausgrenzende Abstellen und Fixieren auf vermeintlich eindeutige, fixe Besonderheiten statt auf die Universalit\u00e4t des Menschseins. Orwell empfiehlt in seinem Essay: Selbstreflexion, Selbsthinterfragung, Selbstaufkl\u00e4rung. Also nicht das Abstreifen der Denkschw\u00e4chen und  Kurzschl\u00fcsse, das verm\u00f6ge der Mensch nicht, aber Bewusstmachung der eigenen Befangenheiten  und Irrationalit\u00e4ten. Das ist etwas ganz anderes als die Bewusstmachung  der m\u00f6glichen ethischen Aufladungen jedes zu tuenden Schritts. Es setzt  bei den eigenen Grenzen an, nicht bei denen der Welt. Es ist machbarer. Es ist Selbstaufkl\u00e4rung aus selbstverschuldeter Unm\u00fcndigkeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausstellung <em>Neuspr\u00e9ch<\/em> im Bremer Zentrum f\u00fcr K\u00fcnstlerpublikationen an der Weserburg wird kuratiert von den K\u00fcnstlern Oliver Ross und Simon Starke, in Kooperation mit Bettina Brach vom Zentrum f\u00fcr K\u00fcnstlerpublikationen. Noch bis zum 13.12.2020<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/neusprechKORRweb-724x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-68298\" width=\"181\" height=\"256\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>K\u00fcnstler der Ausstellung:<\/p>\n\n\n\n<p>Armin Chodzinski (mit einem Vortragsraum und neuen Lehrfilmen)<br \/> Hans-Christian Dany (mit einer Vortrags-Einlassung zu NEUSPR\u00c9CH)<br \/> reproducts (mit filmisch-hypnotisch-poetischen Farbtherapien)<br \/> Gunter Reski (mit einem halb geschriebenen, halb gemalten Wand-Journal)<br \/> Oliver Ross (mit einem Kunst-Beichtstuhl)<br \/> Ingrid Scherr und Peter Lynen (mit einer gemeinsamen Raum-Installation)<br \/> Aleen Solari (mit einer schlecht beleuchteten Wand-Boden-Situation)<br \/> Simon Starke (mit einer illustrationsbest\u00fcckten Lehrtafelabfolge)<br \/> Andrea Tippel (mit ihrer tapezierten Andrealismus-Bibliothek)<br \/> Jan Voss (mit einer ortsbezogenen Ein- und Auslassung)<br \/> Annette Wehrmann (mit einem bisher unver\u00f6ffentlichten Zeichnungskonvolut)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend&nbsp;<\/strong><strong>\u2192&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum Thema K\u00fcnstlerbucher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;bibliophilen Kostbarkeiten sind \nerh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421 \u2013 \nBestellungen \u00fcber: edition-das-labor@web.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Newspeak hei\u00dft die sprachpolitisch umgestaltete Sprache in George Orwells Roman 1984. Durch Sprachplanung sollen sprachliche Ausdrucksm\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nkt und damit die Freiheit des Denkens aufgehoben werden. 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