{"id":68265,"date":"2023-09-03T00:01:12","date_gmt":"2023-09-02T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=68265"},"modified":"2022-02-25T19:20:38","modified_gmt":"2022-02-25T18:20:38","slug":"du-aber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/03\/du-aber\/","title":{"rendered":"Du aber"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An manchen Tagen ist die Welt bereits da zuende, wo sich der Blick aus dem Fenster an der erstbesten H\u00e4userfassade st\u00f6\u00dft. Ist es Tag, vermag einer sich noch vorzustellen, was da hinter den Gar- dinen vorgeht: Die Bedr\u00fcckung wird vollkommen, wenn dir be- wu\u00dft wird, da\u00df die Vorstellung nur funktioniert, weil du dir die Gewohnheiten ausmalen kannst, die den Aufenthalten der Men- schen unterlegt sind. Ist es Abend, gibt es zwei M\u00f6glichkeiten, die Welt aufh\u00f6ren zu lassen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird eine Tisch- oder Stehlampe eingeschaltet, vermischt sich die Sehnsucht nach Geborgenheit mit der Gewi\u00dfheit des Aus- gesto\u00dfenseins. Das hinter einer Gardine vermutete Allein- und Ausgeglichensein des Bewohners verd\u00fcstert dir die Hoffnung, ir- gendwo je zu Hause sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine pl\u00f6tzlich eingeschaltete Deckenleuchte im Haus gegen- \u00fcber, als zweite M\u00f6glichkeit einer Erz\u00e4hlung vom Rand deiner Welt, verletzt die menschliche Seele erheblich. Die menschliche Seele, das ist jenes unnachgiebige Organ der Identit\u00e4t, das die Er- b\u00e4rmlichkeit menschlicher Existenz der Gleichg\u00fcltigkeit ausliefert: nackt stehen die Menschen unter hochh\u00e4ngenden Deckenleuchten und meiden den Blick des Anderen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder sie laufen zwischen ausgek\u00fchlten Zimmern hin und her und verrichten Sinnloses.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Familie sitzt um einen K\u00fcchentisch mit Plastikschutz, Brot- scheiben auf Fr\u00fchst\u00fcckbrettern voller Schnittspuren werden be- legt, ein d\u00fcnnes Rauchf\u00e4hnchen steigt aus einer angeschlagenen Teekanne, Pfefferminze, vermischt mit dem faden Sp\u00fclwasser- geruch, der von \u00fcberallher entweicht. Verhaltenes Geschirrgeklap- per, \u00fcberreizte Elternstimmen, deren n\u00f6rgelnde Kinder aus will- k\u00fcrlich gew\u00e4hlten Satzfolgen Sinnzusammenh\u00e4nge erlernen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Du aber hockst in der feuchten D\u00e4mmerung deines sch\u00e4bigen Zimmers, sch\u00e4mst dich vor dir selber, eine Kerze anzuz\u00fcnden oder das Radio einzuschalten, das Echo des Tages. Un\u00fcberwindlich scheint das Bild der dumpfrot gestrichenen Treppe im kalten Flur auf die Stra\u00dfe hinaus. Der nahe Verkehrsl\u00e4rm beunruhigt dich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Gewissen tickt wie eine Zeitbombe. Jetzt Briefe schreiben, ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren, morgen? Die Ern\u00fcchterung ist die perfekt inszenierte Verletzbarkeit. Was jetzt noch zu denken \u00fcbrigbleibt, ist nur noch Wiederholung. Du bist sicher, du bist noch nicht bemerkt worden. Du bist sicher, da\u00df dieser Ausschnitt der Welt unwiderruflich deine Welt bleiben wird. Dein Hungergef\u00fchl macht dich schadenfroh. Mit eiskalten H\u00e4nden z\u00fcndest du dir eine Zigarette an und nimmst dir vor, morgen ein St\u00fcck Nessel vor dein Fenster zu h\u00e4ngen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>orten vern\u00e4hte alphabetien <\/strong>Texte von Angelika Janz. Verlag Wiecker Bote, Greifswald 2002.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"104\" height=\"157\" class=\"wp-image-67700\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Cover_orten.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 An manchen Tagen ist die Welt bereits da zuende, wo sich der Blick aus dem Fenster an der erstbesten H\u00e4userfassade st\u00f6\u00dft. 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