{"id":68073,"date":"1992-11-18T00:01:07","date_gmt":"1992-11-17T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=68073"},"modified":"2021-09-30T17:06:37","modified_gmt":"2021-09-30T15:06:37","slug":"zwieback","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/11\/18\/zwieback\/","title":{"rendered":"Erinnerungsevokationen"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Lange Zeit bin ich fr\u00fch schlafen gegangen. Manchmal, wenn ich noch kaum die Kerze ausgel\u00f6scht hatte, schlossen sich meine Augen so schnell, da\u00df ich nicht mehr die Zeit hatte, mir zu sagen: \u00bbJetzt schlafe ich ein.\u00ab Und eine halbe Stunde sp\u00e4ter weckte mich dann der Gedanke, da\u00df es nun Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch, das ich noch in meinen H\u00e4nden glaubte, zur Seite legen und mein Licht ausblasen; ich hatte auch w\u00e4hrend ich schlief nicht aufgeh\u00f6rt, \u00fcber das gerade Gelesene nachzudenken<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Proust im Januar 1909 einen Zwieback (welcher im Roman zu einer Madeleine wird) in seinen Tee taucht, wird er unwillk\u00fcrlich in seine Kindheit zur\u00fcckversetzt. Im Juli zieht er sich von der Welt zur\u00fcck, um seinen Roman zu schreiben, von dem der erste Entwurf im September 1912 fertig wird. Der erste Band <em>Du c\u00f4t\u00e9 de chez Swann<\/em> (1913; deutsch: <em>In Swanns Welt<\/em>, auch: <em>Auf dem Weg zu Swann<\/em>) wurde von Verlagsh\u00e4usern aus verschiedenen Gr\u00fcnden abgelehnt und erschien auf eigene Kosten im November 1913. Zu diesem Zeitpunkt waren von Proust nur drei B\u00e4nde geplant.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit<\/em> ist eine fiktive Autobiographie mit raffinierter Struktur: Ein weitgehend anonymes \u201eIch\u201c, das aber m\u00f6glicherweise &#8222;Marcel&#8220; hei\u00dft, erz\u00e4hlt von seinen zum Teil vergeblichen Versuchen, sich an seine Kindheit und Jugend zu erinnern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ihm willentlich nicht gelingt, erm\u00f6glichen ihm schlie\u00dflich eine Reihe \u201eunwillk\u00fcrlicher Erinnerungen\u201c \u2013 Sinnesassoziationen, die Erlebnisse der Vergangenheit auf intensive Weise vergegenw\u00e4rtigen und damit erinnerbar machen; das ber\u00fchmteste Beispiel ist der Geschmack einer in Tee getauchten Madeleine, der den Ort seiner Kindheit, Combray, in ganzer F\u00fclle wiederauferstehen l\u00e4sst. Am Ende des Romans entschlie\u00dft sich das \u201eIch\u201c, die auf diese Weise wiedererlebte und damit \u201ewiedergefundene\u201c Zeit nun in einem Roman festzuhalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die historisch zuerst entstandenen Anfangs- und Schlussteile des Romans haupts\u00e4chlich die Erinnerung und das Erinnern thematisieren, wird im Mittelteil, etwa ab <em>M\u00e4dchenbl\u00fcte<\/em>, das schon gleich zu Anfang in Aussicht gestellte &#8222;ungeheure Bauwerk der Erinnerung&#8220; durch pr\u00e4zise, perspektivisch wechselnde, teilweise ironisierende Beschreibungen der mond\u00e4n-dekadenten Gesellschaft der Jahrhundertwende und des Innenlebens ihres Betrachters (des Erz\u00e4hlers) aus kleinsten Beobachtungsatomen mosaikartig aufgebaut. Prousts Technik, auch noch den winzigsten Details allein schon durch ihre ausufernde Beschreibung Funktion zuzuweisen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Literaturhistorisch bedeutend ist Prousts Roman vor allem deshalb, weil er mit einer bis dahin ungekannten Konsequenz die Subjektivit\u00e4t der menschlichen Wahrnehmung inszeniert, mit all ihren Nachteilen und M\u00f6glichkeiten: So zeigt er einerseits, dass kein Mensch die Wirklichkeit oder Wahrheit als solche erkennen kann, sondern allenfalls eine subjektive Wahrheitsvorstellung besitzt. Andererseits entfaltet jeder Mensch in seiner subjektiven Wahrheit eine einzigartige Welt, jeder Mensch ist ein eigener Kosmos.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Erz\u00e4hlen und damit die Literatur werden von Proust als eine M\u00f6glichkeit entdeckt, anderen Menschen zumindest Teile dieser einzigartigen, subjektiven Welt eines \u201eIch\u201c zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"215\" height=\"321\" class=\"wp-image-57170\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Marcel_Proust_1900-2.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Marcel_Proust_1900-2.jpg 215w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Marcel_Proust_1900-2-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Marcel_Proust_1900-2-160x239.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Zum Bilde Prousts&#8220;, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/10\/zum-bilde-prousts\/\">Erinnerung<\/a> von Walter Benjamin.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Zeit bin ich fr\u00fch schlafen gegangen. 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