{"id":68015,"date":"2004-08-08T00:01:01","date_gmt":"2004-08-07T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=68015"},"modified":"2020-07-18T16:34:11","modified_gmt":"2020-07-18T14:34:11","slug":"integration-light-bitte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/08\/08\/integration-light-bitte\/","title":{"rendered":"Integration light, bitte!"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eUnd? Wie hei\u00dft das\nZauberwort?\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBitte!\u201c sagt l\u00e4chelnd das\nbrave deutsche Kind. \u201cIntegration!\u201c meint der Migrationsexperte in sozialen\nDiensten deutscher Kommunalverwaltungen. Und die figurbewusste junge Dame der\nSpa\u00dfgesellschaft bestellt l\u00e4chelnd: \u201eCola, aber bitte light!\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Schreibwillige wie ich, die \u00fcber Menschen berichten, haben ihre\nZeitgenossen im Blick &#8211; in Bus und Bahn, im B\u00fcro und in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen, auf\nSteh- und Sitzpl\u00e4tzen, in B\u00fcrger- und Ausl\u00e4nderzentren, Restaurants, auf Spa\u00df-Partys\nund Pflichtveranstaltungen. Und light sind sie, irgendwie light und bem\u00fcht,\nsich von ihrer allertol(l)erantesten Seite zu zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es Unbelehrbare\n(deutsche und ausl\u00e4ndische), die glauben, Integration sei nicht alles. Wir sind\ntolerant genug, ihnen den Unglauben zu lassen. Nachhaltig (auch so ein\nZauberwort) k\u00e4mpfen wir dennoch weiter f\u00fcr die Integration und meinen auch\nIntegration und nicht Assimilierung light.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\">Deutsche haben nichts gegen Ausl\u00e4nder<\/p>\n\n\n\n<p>Integration bedeutet selbstredend\nnicht nur Anpassung f\u00fcr Nicht-Deutsche, die lebensl\u00e4nglich G\u00e4ste unter\nDeutschen bleiben wollen. (Richtige Deutsche k\u00f6nnen sie nun einmal wegen ihrer\nHerkunft nicht werden.)<\/p>\n\n\n\n<p>Deutsche haben einfach nichts\ngegen Ausl\u00e4nder. Benehmen m\u00fcssen die sich nat\u00fcrlich. Ordentlich! Auf Sauberkeit\nachten und nicht immer so laut br\u00fcllen, keine Schutzgelder erpressen, nicht\nimmer gleich das Messer z\u00fccken und so &#8230; <\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns ja auch an die\nt\u00fcrkische, griechische und sogar asiatische K\u00fcche gew\u00f6hnen m\u00fcssen. Zugegeben,\nausl\u00e4ndische K\u00f6che w\u00fcrzen ihre Gerichte f\u00fcr uns etwas weniger scharf.\nSchlie\u00dflich wollen die damit auch nur Geld verdienen. Integration geht eben nur\ngegenseitig und nicht allein durch den Magen. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen kann selbst ein\nwahrer Deutscher eine muslimische Nicht-EU-Ausl\u00e4nderin aus dem tiefsten\nAnatolien heiraten und gilt weiterhin als unbescholten. Ja, es gibt sogar deutsche\nEhem\u00e4nner, die der Liebe wegen die Muttersprache ihrer ausl\u00e4ndischen Frau\nerlernt haben. Manche gar als aussichtslos prognostizierte Mischehe hat\nerstaunlich lange gehalten. Der deutsche Mann ist eben von Natur aus\ntol(l)erant und anpassungsf\u00e4hig. Nicht, dass er gleich Kopftuch tragen w\u00fcrde.\nAber wie ist es zu erkl\u00e4ren, dass bei uns inzwischen nicht einmal mehr der Bau\nvon M\u00fcllverbrennungsanlagen ohne Schmiergeld l\u00e4uft, wo doch die schwersten\nFormen der Korruption in Italien, in der T\u00fcrkei und in Afrika zu Hause sind.\nIntegration ist eben ein gegenseitiger Prozess. Erst wenn beide Seiten von\neinander lernen, gelingt sie. Allerdings, so schwarz wie in Afrika m\u00fcssen wir\nda noch nicht sehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Deutsche bevorzugen Korruption\nlight, leichtgew\u00fcrzt wie einheimisch-ausl\u00e4ndische K\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\">Ehrliche Politiker geben zu, dass sie l\u00fcgen<\/p>\n\n\n\n<p>Ein kunstinteressierter deutscher Rechtsanwalt, den ich bei der\nFinissage zur Ausstellung \u201eZeitzeichen zur Unzeit\u201c traf, meinte, nachdenklich\n\u00fcber sein graues Haupthaar streichend, die ehrlichsten Politiker seien jene,\ndie zugeben zu l\u00fcgen. Und das tun doch immer mehr deutsche Politiker, wenn sie\nvor Gericht der Vorteilsnahme \u00fcberf\u00fchrt sind. Schlie\u00dflich leben wir in einem\nRechtsstaat. <\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Stammkneipe h\u00f6re ich selbst von Leuten mit gehobenem\nWortschatz die stets wiederkehrende Floskel: \u201eWir werden global beschissen!\u201c\nUnwahrheit \u2013 oder besser Wahrheit light hat eben auch weltweit integrative\nWirkung. Wie Karies und Paradentose, denn meine Zahn\u00e4rztin droht: \u201eGlauben Sie,\nwenn die Krankenkasse demn\u00e4chst nicht mehr zahlt, sich noch eine neue Br\u00fccke\nleisten zu k\u00f6nnen? Zahnlos werden sie rumlaufen, wie die in Afrika und auf dem\nBalkan!\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Auch Armut wirkt in Zeiten der Globalisierung integrativ. Wir in\nDeutschland nehmen selbstverst\u00e4ndlich lieber reiche Ausl\u00e4nder auf. (Integration\nlight&#8230;!)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeld verteilen die nur nach oben um! Die Drecksjobs machen Ausl\u00e4nder!\u201c\nemp\u00f6rt sich Dieter. Er arbeitet im \u00d6ffentlichen Dienst, ist f\u00fcr echte\nIntegration und bei \u201ever.di\u201c in der Gewerkschaft. Aber, aber! Mussten wir nicht\nauch klein angefangen \u2013 nach dem Krieg? Viele Ausl\u00e4nder kommen nun mal aus\nKriegsgebieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\">Ohne erhobenen moralischen Zeigefinger<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nSchriftsteller? Manch mutiger nicht-deutscher sa\u00df und sitzt &#8211; und das nicht\nmehr hinter seinem Schreibtisch -, nur weil er die Wahrheit \u00fcber Korruption in\nseinem Land schrieb. Da f\u00fchlt der deutsche Gedichte- und Geschichtenschreiber\nnat\u00fcrlich auch einen versch\u00e4mten Drang, der Wahrheit und Gerechtigkeit zu ihrem\nRecht zu verhelfen. Allerdings, wer will schon einer dieser unbequemen\nRechthaber mit hoch erhobenem moralischem Zeigefinger sein. Wer das n\u00f6tig hat,\nmacht sich nur verd\u00e4chtig, davon ablenken zu wollen, ein schlechter\nSchriftsteller zu sein. Sein Job ist es, gute Geschichten zu erfinden, die es\nmit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen. Glaubw\u00fcrdig m\u00fcssen sie zwar schon\nerscheinen. Und spritzig und unterhaltsam ein wenig vom wahren unertr\u00e4glichen\nLeben ablenken. Wahrheit und life light, eben! <\/p>\n\n\n\n<p>Und mein wohlsortierter Buchh\u00e4ndler schielt sehns\u00fcchtig zu seinem Regal mit den deutschen Klassikern und dem daneben \u2013 dort stehen ausl\u00e4ndische Erz\u00e4hler. \u201eUnd was wollen die Leute lesen? Promi-Tratsch zwischen zwei Buchdeckeln auf denen ganz spezielle Wahrheiten angek\u00fcndigt werden!\u201c Seufzt und beginnt seine Tageseinnahmen zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong><\/strong><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Lesen Sie auch seine glossierende Anmerkung \u00fcber Twitteratur:<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21804\">Kurz knackig einf\u00fchlsam<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnd? Wie hei\u00dft das Zauberwort?\u201c \u201eBitte!\u201c sagt l\u00e4chelnd das brave deutsche Kind. \u201cIntegration!\u201c meint der Migrationsexperte in sozialen Diensten deutscher Kommunalverwaltungen. 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