{"id":67721,"date":"2023-07-09T00:01:00","date_gmt":"2023-07-08T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=67721"},"modified":"2023-07-08T19:44:25","modified_gmt":"2023-07-08T17:44:25","slug":"aller-anfang-ist-zeremonie-oder-fragment-als-haltung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/09\/aller-anfang-ist-zeremonie-oder-fragment-als-haltung\/","title":{"rendered":"Aller Anfang ist Zeremonie oder Fragment als Haltung"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">Nach Lage der Dinge gibt es Verschiebungen. <br \/>Entgegengesetztes trifft sich in Erg\u00e4nzung. <br \/>Verwandtes trennt sich vom Plan, <br \/>Parallel-Laufendes w\u00e4chst zusammen. <br \/>Die T\u00e4uschung entlarvt, was Fehler benannt haben. <br \/>Ein Satz kr\u00e4uselt sich bildhaft sch\u00f6n, ja, <br \/>ein Wort zur Lage ein paarmal gewendet, <br \/>ein Tr\u00fcmmer, ein Grund, ein St\u00fcck, <br \/>darauf baut sich die Regel, das Spiel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">1979<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fragment &#8211; geheime Kontinuit\u00e4t des Offenen, Ankunft und Pr\u00e4senz allen Kunsttuns, dessen Angebot zum Unterwegsbleiben. \u00a0Aller Anfang ist Zeremonie und &#8211; Fragment. \u00a0Sinn ist \u00fcberall, ein Sog versprengter Verirrungen, kleinste Reaktionen zertrennter Materie, wenn Stoff von sich selbst getrennt wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In jedem &#8222;gelungenen&#8220; Kunstwerk halten auf fragw\u00fcrdige Weise die Begriffe &#8222;defekt&#8220; und &#8222;wiederhergestellt&#8220; &#8211; in einem urspr\u00fcnglichen Sinn, das eine wie immer gestaltete, bewegte, immer bewegte Einheit voraussetzt, einander in Schach. \u00a0Den Platz, den diese Einheit, das &#8222;Ganze&#8220; einmal eingenommen hat, belegt das Fragment: Das An-und Abgebrochene, das an seinen Bruchstellen auf eine wie immer geartete Totalit\u00e4t verweist, das minuti\u00f6s fixierte Vor-L\u00e4ufige auf dem Weg zu seiner Herkunft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine \u00fcber 2 Jahrzehnte lange Arbeit an den Grenzzonen vom Literatur und Kunst, Bild und Text, in der das Fragment sich zunehmend als HALTUNG jedem Anfangen anverwandelte, in der die Unterscheidung der Disziplinen Literatur und Kunst zweitrangig wurden, begegnete immer wieder der Spur, ob der eigenen oder fremden oder der eigenen als fremdgewordenen wie der fremden als anverwandelt eigenen als einer Art Dej\u00e0-Vu-Relikt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Spuren assoziieren ihre Herkunft aus Vergangenem, vor allem aber aus etwas anderem, was sie selber nicht sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch, der die Spur in die Erde setzte, ist vor\u00fcbergegangen, das Foto, das sie festgehalten hat, ist nicht Garantie f\u00fcr Authentizit\u00e4t, jeder &#8222;Rest&#8220; ist ein Anla\u00df f\u00fcr Sehnsucht, der gebunden werden mu\u00df an eine Geschichte, ehe er &#8211; wieder, neu &#8211; markiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragment, Fragmentierung, Aesthetik des Fragments: <br \/>Herkunft, Ankunft, Pr\u00e4senz und Wirksamkeit des Fragmentes akzentuieren, realisieren sich auf dreifache Weise:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">* Fragment ist Fundst\u00fcck, Bruchst\u00fcck eines einstigen (immer utopisch bleibenden!) Ganzen. Hierzu z\u00e4hlt sich auch das Fragment als ein Ergebnis bewu\u00dft inszenierter Aufl\u00f6sung oder Zerst\u00f6rung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">* Das Fragment wird gemacht, hergestellt, ohne, da\u00df ein Ganzes zuvor existiert h\u00e4tte, jedoch nun, in aller Pr\u00e4senz, sich als Teil eines Ganzen ausweist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte der K\u00fcnste, ob Literatur, darstellende, bildende Kunst oder Musik, ist ein offen gehaltener Speicher f\u00fcr diese beiden Gestalten des Fragments.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">* Die dritte Form &#8211; das Fragment als Haltung &#8211; ist dem k\u00fcnstlerischer Tun selbst zuzuordnen, als Bewegung, Ereignis, ZuFall, Gegenw\u00e4rtigkeit, GeistesGegenwart, Gestimmtheit und Zusichselberkommen in der Ankunft des k\u00fcnstlerischen Impulses.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Fragmentereignis als Haltung ist selber nicht Stoff, Materie, sondern es entfaltet und qualifiziert diese erst im Offenen, fixiert sie in der Spannung des Augenblicks.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprechen k\u00f6nnte man hier auch von einer Anteilhabe am gro\u00dfen immer utopisch bleibenden Entwurf der Welt, des Daseins, Anteilhabe im Zufallen des k\u00fcnstlerischen Impulses, der Voraussetzung, Bedingung f\u00fcr alle Materialisierung in, und als Kunst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 31. Januar 1922 schrieb R.M. Rilke folgendes Gedicht, das mich seit den Anf\u00e4ngen meiner Arbeit begleitet, mich in Realisierung und Auslegung meiner Arbeit immer wieder neu motiviert: <br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Solang du Selbstgeworfnes f\u00e4ngst, ist alles <br \/>Geschicklichkeit und l\u00e4\u00dflicher Gewinn -; <br \/>erst wenn du pl\u00f6tzlich F\u00e4nger wirst des Balles, <br \/>den eine ewige Mit-Spielerin <br \/>dir zuwarf, deiner Mitte, in genau <br \/>gekonntem Schwung, in einem jener B\u00f6gen <br \/>aus Gottes gro\u00dfem Br\u00fcckenbau: <br \/>erst dann ist Fangen-K\u00f6nnen ein Verm\u00f6gen, &#8211; <br \/>nicht deines, einer Welt &#8230;&#8230;.<\/em><br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Rilke beschreibt hier das Fragment als Ereignis, als Zusichselberkommen von Kunst, wobei der K\u00fcnstler zum Mit-Spieler und Medium zur Vermittlung wie zum &#8222;Empfang&#8220; eines gro\u00dfen Plans ger\u00e4t &#8211; Platon liegt nahe,- die Sprache, Sprache, die auf Wahrhaftigkeit abzielt, spricht sich selber &#8211; durch uns. \u00a0Wir sind in solcher Haltung &#8211; Station, Hindurchgang und wieder Station; Ort der Ankunft wie auch, weitergedacht, des Mangels, des Verlustes &#8211; das Fragment strahlt auf eine Vollendung wie auch auf sein Verletztsein, sein Teil-Sein, Angebrochensein hin, wie der Phantomschmerz eines abgetrennten Gliedma\u00dfes.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was allen drei Fragmentgestalten gemeinsam ist, das ist ihre Abstrahlung, ihre Aura:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">* Das Fundst\u00fcck, die Scherbe, das Bruchst\u00fcck &#8222;strahlt&#8220; das Ganze einer einstigen Unversehrtheit aus.<br \/>* Das gemachte, hergestellte Fragment strahlt Intention und Sinngestimmtheit seines Sch\u00f6pfers im Hinblick auf die Bindung des Betrachters\/H\u00f6rers an eine EinDeutigkeit aus.<br \/>* Das Fragment als ZuFall, Ereignis, Anteilhabe verstr\u00f6mt die Aura von Sinn schlechthin, als Einheit von Immanenz und Transzendenz (die immer utopisch bleiben mu\u00df), als immer wieder Anfang einer Zeremonie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Wechselspiel von Vertraut- und Fremdheit, von Authentizit\u00e4t und Erinnerung. Die Geschichte des Fragmentes in den K\u00fcnsten ist die offengehaltene Geschichte des Eigenen, die an die Geschichte des Anderen, des Fremden st\u00f6\u00dft, in immer wieder neuen Anverwandlungsprozessen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>II <\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte der \u00dcberlieferung beginnt vielleicht da, wo ein zur Gen\u00fcge erforschter Planet einen anderen streift, der fremdes Leben nicht kennt. \u00a0Die Ersch\u00fctterung hinterl\u00e4\u00dft Jahrtausende sp\u00e4ter jenes Echo, das der Nerv\u00f6se als die Vibration seiner Nervenenden, der Romantiker als das Schlagen seines Herzens wiedererkennt. Immer aber deckt das fremde Leben nur Partien und Passagen eines gro\u00dfen Zusammenhangs ein, und auf anderen Sternen kennt man vielleicht gar kein Anderes.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1986<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragmente, Scherben, Reste, Bruchst\u00fccke, Relikte, Spuren &#8211; sie sind nicht Versprechen auf die Wiederherstellung jener einstigen Ganzheit, an der sie &#8211; historisch gesehen &#8211; noch teilhaben. \u00a0Die Umrisse, Frakturen ihres Bruchs bleiben, sind unreparabel, sind Bruchstellen der neuen Identit\u00e4t eines m\u00f6glichen Ganzen, eine Art Imperativ f\u00fcr die OffenGehaltenheit k\u00fcnstlerischen Tuns (ausgenommen die digitale Kunst: hier scheinen die Bruchstellen ausgel\u00f6scht, wenn sie nicht ausdr\u00fccklich zu dokumentarischen Zwecken gespeichert werden &#8211; das Fragmentarische hat seine Spuren nur noch in den Hirnzellen seines Korrektors abgelegt) .<br \/>Anders: Das Fragmentgewordene zeigt seine Wunden, konzentriert um seine Verletzungen alle Energien, die aus seinem KERN schie\u00dfen, um neue Haut bilden zu k\u00f6nnen. Es wird neue Br\u00fcche, Frakturen geben, Spuren: ihre Herkunft assoziierend aus dem Anderen, Fremdgewordenen. \u00a0Und doch wird das Neue sich in seiner Wirkung im Idealbild gelungener Kunst wiederfinden wollen, dem es nichts hinzuzuf\u00fcgen, nichts abzuziehen gilt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich interessieren die Nahtstellen und Grenzen korrespondierend-fragmentarischen Arbeitens in Bild- und Wortsprache, jenseits gegenseitiger illustratorischer Deckungen. Das Zugeordnetsein, das scheinbar Aneinandergen\u00e4htsein von Bild und Text, ob gegenst\u00e4ndlich oder konkret &#8211; immer findet eine gegenseitige Erweiterung formaler und inhaltlicher Wirkungen statt, es entsteht etwas &#8222;Drittes&#8220;, ein Mehrwert gerade, weil jedes Fragment eine Aura von Spekulativem abstrahlt, Phantasien entz\u00fcndet, die nach einem &#8222;Zusammenstimmen&#8220; fahnden, das nicht mit dem Bild des Sch\u00f6pfers identisch sein mu\u00df. \u00a0Gr\u00f6\u00dfte N\u00e4he &#8211; weiteste Entfernung, lautet die regellose Regel, und auch hier kann die Arbeit mit dem Fragment an \u00e4u\u00dferste Grenzen sto\u00dfen, die das Material so verfremden, umwandeln, da\u00df es sein Medium wechseln mu\u00df, so, wenn Text zum Bild, Sprachmaterial zu Bildmaterial wird in neu entwickelten Formen von Typografien (denken wir an Lissitzky oder Schwitters) oder umgekehrt: Wenn Bildhaftes zur Textur wird, wenn Bild-Material jenseits zu transportierender Inhalte die Funktion von Sprache \u00fcbernimmt. In Bild-Text-Sequenzen wird aus Bild-und Textfragmenten eine Geschichte vorangetrieben; man kann es bis zum \u00c4u\u00dfersten treiben und nur Fremdmaterial verwenden: Bilder, Fotos, aus Lexiken herausfotografiert, Fremdtexte aus Katalogen, Brosch\u00fcren &#8211; ein jedes Bild ist mit einer solchen F\u00fclle von Informationen und Assoziationen geladen, ein jeder Text schickt ein eidetisches Denken und Vorstellen auf zeitlos dauernde Reise, schon die Verkn\u00fcpfungen mit der eigenen Geschichte gehen gegen Unendlich, &#8211; und nun geschieht etwas Eigenartiges: die mutma\u00dfliche Beliebigkeit der Bild- und Textzuordnungen f\u00fcgt sich in Sinnf\u00e4lligkeit, Sinngehalt, Metaphorik und Symbolik erfinden ein je neues System, ohne sich in endg\u00fcltiger Erkl\u00e4rbarkeit zu verschlie\u00dfen und somit aus der Sph\u00e4re der Kunst herauszul\u00f6sen, die Offenheit des Fragmentarischen hat ihr vorl\u00e4ufiges BewegungsFeld gefunden. Fragmente, labile Gleichgewichte, Depots f\u00fcr die konjunktivische Ganzheit von Welt. \u00a0Das Fremde ist so nah, da\u00df es das Eigene auf Distanz h\u00e4lt: ein Akt der Anverwandlung des Anderen schlechthin oder, wie es Jean-Luc Nancy formulierte:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">&#8222;Das Fragment (die Kunst) &#8230;- es ist nichts anderes, als die multiple, diskrete, diskontinuierliche und heterogene Ber\u00fchrung des Seins&#8220;.<\/span> <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fragment k\u00f6nnte Aussichtsort einer Haltung sein, von der aus die Welt beobachtbar ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das Fragment, das Fragmentarische, eine Haltung, so wird es jede EinDeutigkeit zur\u00fcckweisen. \u00a0Es besitzt Spielarten, verschwimmende oder festumrissene Erscheinungsformen durchaus, wie den Rest als das Zur\u00fcckgebliebene, wie das Undefinierbare, Indifferente, St\u00fcckwerk, Splitter, es nimmt Zeugnis- und Symbolcharakter im Relikt, in der Reliquie an, sinnt auf Deckungsgleichheit, Identifizierung im Spiegel- oder Schattenbild. \u00a0Zwangsl\u00e4ufig bewegt sich diese Reihe auf ein Ende zu: den Tod. \u00a0Im Tod scheint alles Fragmentarische zusammengefunden. \u00a0F\u00fcr die Lebenden ist der Tod &#8211; das einzige, was ein Leben wirklich abschlie\u00dfen kann &#8211; wieder Fragment. \u00a0Wir sprechen von der &#8222;sterblichen H\u00fclle&#8220;, von Erinnerungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragment ist Ankunft, hatte ich eingangs gesagt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer ankommt, wei\u00df in der Regel, wohin er gefahren ist: Er ist im ganz Anderen angekommen. \u00a0Zuallererst sucht er nach einem Plan der neuen Gegend. \u00a0Ihm graut vor jedem \u00fcberfl\u00fcssigen Schritt, den er dennoch jetzt unentschieden unternimmt, solange er auf seine Gastgeber, die ihn abholen wollten, warten mu\u00df. \u00a0Oder er wird nicht abgeholt, seine Ankunft ist unvorbereitet. \u00a0Er versucht sich zu erinnern, an die Abfahrt, den allm\u00e4hlichen Verlust an N\u00e4he, den Zugewinn an Ferne, der nicht ferner werden konnte, bis das Eigene an das Fremde stie\u00df, das jetzt so nah ist, da\u00df nur noch Exil nach innen m\u00f6glich ist.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>III. <\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fragment ist der Speicher f\u00fcr alle nur m\u00f6glichen Anf\u00e4nge. \u00a0Die Erinnerung, der Traum, jede Art sch\u00f6pferischen Tuns n\u00e4hrt sich am Fragmentarischen. \u00a0Nicht Speicher im Sinn der Genforschung, in der jedes Fragment unseres K\u00f6rpers, jede Zelle die gesamte Information unserer leiblichen und seelischen Pers\u00f6nlichkeit enth\u00e4lt &#8211; eine gef\u00e4hrliche Sicht des Fragmentarischen, dessen entschl\u00fcsselbarer Code in die Verf\u00fchrung zur Reproduzierbarkeit des Menschen m\u00fcndet. \u00a0Und auch nicht Speicher im digitalen Verst\u00e4ndnis als berechenbarer, quantifizierbarer, jederzeit verf\u00fcg- und ver\u00e4nderbarer Funktionswert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fragment als Speicher ist ein offenes Gela\u00df, das uns im Augenblick des Betretens mit allein nur uns erreichbaren, bewegenden und beweglichen Anl\u00e4ssen empf\u00e4ngt. \u00a0Sobald wir uns f\u00fcr einen Anla\u00df entscheiden, werden wir ihn ergreifen und &#8222;auf die Spitze treiben&#8220;, sprich: Wir werden von ihm zu seiner augenblicklich besten Realisierbarkeit gef\u00fchrt. \u00a0Wir erinnern uns an Platon, Rilke: Die Sprache, ob die der bildhaften oder Wortkunst spricht sich selber, &#8222;Fangenk\u00f6nnen ist ein Verm\u00f6gen, nicht deines, einer Welt&#8220;. \u00a0Nachdem ich &#8222;Speicher&#8220; und &#8222;Spitze&#8220; mit meinen \u00dcberlegungen zum Fragment verbunden hatte, schlug ich die etymologische Wurzel von Speicher eher pflichtgem\u00e4\u00df nach: ich fand seine lateinische Wurzel in &#8222;spica, \u00c4hre, eigentlich -Spitze-&#8222;.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Wesensbestimmung des Fragmentes als Speicher f\u00fcr alle nur m\u00f6glichen, auf die Spitze zustrebenden Anl\u00e4sse liegt jedem k\u00fcnstlerischen Proze\u00df zugrunde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Beispiel aus meiner eigenen Arbeit ist die Entstehung, Erarbeitung von &#8222;Fragmenttexten&#8220;. Vermittelbar sind sie als ausgestellte in k\u00fcnstlerischen und publizierte in literarischen Zusammenh\u00e4ngen seit 1979.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verwende den Begriff &#8222;Fragmenttext&#8220; auch dann noch, wenn die &#8222;Komplettierung&#8220; des fremden Textkerns, Texttorsos, an seinen beschnittenen R\u00e4ndern durch eigene, hinzugef\u00fcgte Wortfragmente be-grenzt, jetzt Sinnf\u00e4lligkeit signalisiert. Im Rahmen eines Pro-seminars der Universit\u00e4t Greifswald zur Experimentellen Literatur\/Kunst \/ Learning by doing wurde den Studenten ein Textfragment aus dem Programm der SED zur &#8222;Bearbeitung&#8220; vorgelegt &#8211; die verschiedenen &#8222;Komplettierungen&#8220; dokumentieren die &#8222;Speichertheorie&#8220;.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das den verletzten Zeilenr\u00e4ndern hinzugef\u00fcgte Sprachmaterial besitzt ebenso den Status eines Fragmentes wie sein Anla\u00df, einen Text-Heraus-schnitt, beliebig, aus beliebigen Druckwerken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zusammenfinden beider Textfragmente f\u00fchrt zu einer Lesart, die im literarischen Sinne &#8222;Sinn macht&#8220;, im k\u00fcnstlerischen Kontext, oft r\u00fccksichtslos nach formalen Aspekten be-schnitten und handschriftlich bearbeitet, eine&#8220;Aestetik des Fragments&#8220; postuliert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das eigensprachlich Fragmentarische, ob handschriftlich, per Reiseschreibmaschine, Stempel oder Letraset, entbehrt nicht &#8211; isoliert ent-ziffert &#8211; einer Beliebigkeit, und doch konnte es nur zustande kommen, weil das Fremdtext-Fragment, als Gegenstand der augenblicklichen Gestimmtheit und Erwartung, gefunden war. Dieser Texttorso, seinem einstigen Zusammenhang ent-schnitten, entfremdet, hat sein MILIEU gewechselt; einem fremden Text entwendet, anonymisiert, reduziert bis zur Unkenntlichkeit, Unrecherchierbarkeit, reduziert auf seine buchst\u00e4bliche Materialit\u00e4t, hat seine Urheberschaft eingeb\u00fc\u00dft: Seine Sinntr\u00e4gerschaft in Zugeh\u00f6rigkeit zu einem einstmals Ganzen, einer wie immer formulierten, geladenen Botschaft, wurde fragmentiert, verletzt, ja, mi\u00dfachtet. Das bedeutet:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer m\u00f6glichen neuen Lesbarkeit, die wiederum eine Botschaft entziffern l\u00e4\u00dft, geht der Akt der Versehrung, Verunkenntlichung voraus, die Fragmente werden Reklamebl\u00e4ttern, Handzetteln, Werbebrosch\u00fcren, Verpackungen, seltenen Kulturartikeln oder literarischen Quellen ent-schnitten, deren potentielle &#8222;Wiederherstellung&#8220; nicht nur unber\u00fccksichtigt bleibt, sondern vermieden werden mu\u00df &#8211; hier liegt Material vor, das neu anverwandelt wird so lange, bis das Fremdgesetzte einer Eigengesetzlichkeit gehorcht. \u00a0Die Auslotung der Wertigkeit von Ursprungs- und Neutext spielt keine Rolle mehr.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese respektlose Art, die Vogelfreiheit des gedruckten Wortes bis zur buchst\u00e4blichen Vereinzelung auszuspielen, signalisiert die Elastizit\u00e4t des respektabel Gedruckten, ist Ausdruck zeitgeistiger Verf\u00fcgbarkeit \u00fcber Lebendiges, Lebloses, Bewegliches und Unbewegliche Aufforderung zur Weiterverarbeitung inbegriffen. \u00dcber diesen Umweg ger\u00e4t der digitale Umgang mit Sprache, Sprachformen &#8211; und Wirklichkeiten doch noch einmal in den Blick: unvermeidbar f\u00fcr heutige Praktiken in, mit und f\u00fcr das Finden von Fassung der Wirklichkeit an der Jahrtausendgrenze, unvermeidbar auch f\u00fcr alle Formen von Kritik daran, vermeidbar jedoch mit allem Nachdruck in der Bearbeitung von Fremdtext nach der &#8222;Fragmenttextmethode&#8220;.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An den typografischen Grenzen von Fremd- und Eigentext scheiden sich die Geister. \u00a0Unter Zuhilfenahme eines Computers geriete diese Methode zu kunstgewerblerischem Besserwissen, zur Attrappe jenes k\u00fcnstlerischen Ankunftsprozesses, an dessen R\u00e4ndern und Grenzen noch Wildnis aufscheint, isolierte Wildnis sicherlich, die ihren R\u00fcckzug bereits angetreten hat in die geistigen Exile eines unersch\u00fctterlichen Glaubenwollens an gl\u00fcckliche F\u00fcgungen in einem grenzenlos offen ausgespannten Ganzen der Welt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zusammenlesen beider aneinandergen\u00e4hter Fragmente &#8211; es ist ein unnachsichtiger Spiegel, in den ich hineinschaue, ein Aufblitzen von Sinn w\u00e4hrend immer vorl\u00e4ufig bleibender Fahndung nach einer Erf\u00fcllung von Sprache entlang scheinbar unvereinbarer Grenzen, w\u00e4hrend alles auf die Mitte zustrebt, die sich st\u00e4ndig verschiebt. \u00a0Beharrlichkeit des Abstandes zu aller Eindeutigkeit. \u00a0Das Unmittelbare. \u00a0Dem Zwiespalt das Zwie entzogen wie die Strahlen der Mitte. \u00a0K\u00f6nnte ich Punkte setzen, von nichts aus, von mir nicht, wo bin ich dann?<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<div id=\"attachment_19507\" style=\"width: 309px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19507\" class=\"size-full wp-image-19507\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" \/><p id=\"caption-attachment-19507\" class=\"wp-caption-text\">Angelika Janz<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Lage der Dinge gibt es Verschiebungen. Entgegengesetztes trifft sich in Erg\u00e4nzung. Verwandtes trennt sich vom Plan, Parallel-Laufendes w\u00e4chst zusammen. Die T\u00e4uschung entlarvt, was Fehler benannt haben. Ein Satz kr\u00e4uselt sich bildhaft sch\u00f6n, ja, ein Wort zur Lage ein paarmal&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/09\/aller-anfang-ist-zeremonie-oder-fragment-als-haltung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":53,"featured_media":97863,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[918],"class_list":["post-67721","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-angelika-janz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/53"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=67721"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67721\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104826,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67721\/revisions\/104826"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97863"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=67721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=67721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=67721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}