{"id":67215,"date":"2008-02-13T00:01:00","date_gmt":"2008-02-12T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=67215"},"modified":"2021-10-25T16:32:27","modified_gmt":"2021-10-25T14:32:27","slug":"windzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/02\/13\/windzeit\/","title":{"rendered":"Windzeit"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie legt die H\u00e4nde an die Glasscheiben das Busses. Sieht ein kleines M\u00e4dchen da stehen, das an einer roten Haarfranse kaut. Ein wenig Speichel im Mundeck langzieht. Sie anstiert. Dann wie wild zu winken beginnt. Der Bus h\u00e4lt ruckartig an. Kleine gedrungene Einfamilienh\u00e4user, eine Kiesstra\u00dfe. Kiefern in Reih und Glied. Wie lieblos aufgef\u00e4delt, denkt sie. Sie steht auf und zippt sich die schwarze Bomberjacke zu. Streift sich Str\u00e4hnen hinter die Ohrl\u00e4ppchen. Die H\u00e4nde stottern nach der Tasche, die sie ins Fach gepfercht hat. Ziehen. Die Tasche f\u00e4llt fast auf sie herab, die Muskeln ihrer Oberarme spannen sich an. S\u00e4uerlich. Sie keucht kurz auf. Streckt dann den Hals in die H\u00f6he. Wirbels\u00e4ule gerade richten. Einen Guten Eindruck machen. Ireland. <br \/>Als sie die Treppe des Busses schnell hinunterl\u00e4uft, beinah drippelt, wieder das kleine M\u00e4dchen. Es stiert sie mit offenem Mund an, die Haarstr\u00e4hnen klebt speichelig an ihrer wei\u00dfen Wange fest. Sie l\u00e4chelt. Eine kleine Frau schiebt sich ihr vor den Blick. Kaum gr\u00f6\u00dfer als das schleimfadenziehende M\u00e4dchen, das sie fest an der Hand h\u00e4lt. Umklammernder Griff. Kn\u00f6chelige Finger. Das Gesicht der Frau ist faltig und alt, die Haare in r\u00f6tlicher Dauerwelle in die H\u00f6he toupiert. Das kleine M\u00e4dchen gluckst.<br \/>Helen, sagt die Frau. Und dann: Sie m\u00fcssen das Aupair sein, nein.<br \/>Ja.<br \/>Sie reicht der winzigen runzeligen Frau die Hand. Nickt ihr zu.<br \/>Das ist meine Tochter Helen.<br \/>Sie h\u00e4lt dem Kind die Hand hin. Das M\u00e4dchen sieht sie nur aus gr\u00fcnen Augen an. Kein Aufschlag. Die Lider zucken nicht. Wie zuckerlrosa ihr Mund ist denkt sie und steckt die Hand wieder in die Jackentasche. \u00dcber den Gehsteig rollt ein blecherner alter Scooter heran. Ein kleiner Bub stupst ihn mit seinen F\u00fc\u00dfen an, immer wieder. Der Sch\u00e4del auf dem verhunzelten K\u00f6rper ist riesig und kahl, Nase und Gesicht eigent\u00fcmlich flach.<br \/>Das ist Jack.<br \/>Peng, sagt Jack und rammt den Scooter in die wei\u00dfen weichen Kniekehlen des M\u00e4dchens, die ganz frei und nackt sind unter dem kurzen Jeansrock.<br \/>Geben sie mir ihre Tasche. Die Stimme der Frau ist ruppig, sie dr\u00fcckt sich eine dicke Aschenbecherbrille zur\u00fcck auf die Stupsnase und greift nach dem Henkel.<br \/>Danke.<br \/>Sie gehen einen Kiesweg entlang.<br \/>Hinten ist das Meer.<br \/>Sch\u00f6n.<br \/>Ich wei\u00df nicht. Im Winter kommen warme Str\u00f6mungen. Mein Mann geht dann immer schwimmen.<br \/>Wie alt sind ihre Kinder.<br \/>Jack ist sieben, sehr gut in der Schule. Und Helen ist dreizehn.<br \/>Sie \u00fcberqueren einen kleine quadratischen Spielplatz. Ein M\u00e4dchen stupst immer wieder mit den F\u00fc\u00dfen die Schaukel an, auf der es sitzt, und macht Blasen mit dem Speichel des Mundes. Die ploppen und platzen auf. Helen guckt mit weit aufgerissenem Mund auf das M\u00e4dchen. Ihr Kopf wippt ein bisschen. Die Zunge h\u00e4ngt ihr ein wenig \u00fcber die Unterlippe dabei.<br \/>Die H\u00e4user sind klein und dicht aneinander gepresst. Sehen aus wie etwas zu gro\u00df geratene Schachteln. Hin und wieder ein Pub in Backsteinfarben.<br \/>Sie mustert Helen.<br \/>Sie sieht j\u00fcnger aus.<br \/>Das kommt vom Asthma.<br \/>Verstehe.<br \/>Sie gehen eine Weile schweigend.<br \/>Dann: Sie ist klein und zerbrechlich, aber bestimmt intelligent.<br \/>Eine Kerbe bildet sich zwischen den dichten r\u00f6tlichen Augenbrauen der Frau.<br \/>Nein, sagt sie barsch und hackt mit den mageren Fingern in der Luft herum.<br \/>Sie ist dumm.<br \/>Wie.<br \/>Sie geht in die Sonderschule.<br \/>Das glaub ich nicht.<br \/>Versuchen sie nicht, freundlich zu sein.<br \/>Sie erreichen eine Doppelhaush\u00e4lfte mit einem kleinen gr\u00fcnen Fleckchen Garten davor. Jack l\u00e4sst den Scooter bei der Gartent\u00fcre liegen und l\u00e4uft mit wedelndem Schritt auf das Haus zu. Sie sieht seine Kopfhaut, durch die eine blaue Ader durchschimmert. Die kleinen stummeligen F\u00fc\u00dfe stecken in Tennisschuhen. Eine Nacktschnecke schleimt auf dem Steinplattenweg zur Haust\u00fcre umher. Mit einem Sprung zergatscht er ihren K\u00f6rper. Ein Platschger\u00e4usch. Der Junge dreht sich zu seiner Mutter um. Verzieht den kleinen Kopf zu einer L\u00e4chelfratze. Sie schiebt ihn zur Seite, immer noch das wei\u00dfe M\u00e4dchen mit dem roten Haar an der Hand, das begonnen hat, kleine K\u00fcgelchen aus der Nase zu kletzeln. Diese in den Mund steckt. Dann die Zunge raush\u00e4ngen l\u00e4sst. Teilnahmslos in die Luft guckt und in einen Himmel, auf der ein Schwarm V\u00f6gel kleine Sprenkel hinmalt.<br \/>Die Frau geht sehr geb\u00fcckt, sperrt mit einem rasselnden Seufzen die T\u00fcre auf. Jack spuckt auf den Boden.<br \/>Ich hei\u00dfe Martha, eh ichs vergesse.<br \/>Nennen sie mich Tam.<br \/>Das ist kein Name f\u00fcr ein M\u00e4dchen.<br \/>Sie grinst schief. Jack beginnt, mit winzigen H\u00e4nden nach ihrem Hals zu greifen. Sie hebt ihn in die H\u00f6he und grinst ihn an. Er l\u00e4chelt und zeigt Zahnl\u00fccke. Wie platt sein Gesicht ist, denkt sie.<br \/>Wie alt sind sie, Tamara.<br \/>Zwanzig.<br \/>Sehn j\u00fcnger aus.<br \/>Sie zuckt mit den Schultern.<br \/>H\u00f6rn sie das \u00f6fter.<br \/>Nein.<br \/>Helen dreht sich in kreisender Bewegung um den Tisch und summt eine Melodie. Kippt dabei den Kopf wie spastisch zur Seite und verdreht die Augen. Klappt die Augen zu. Klappt sie wieder auf.<br \/>Ihr Zimmer ist im zweiten Stock, sagt Martha.<br \/>Danke.<br \/><br \/><em>Die Snoopytasche bevor sie dich in den Kindergarten schicken wei\u00dft du noch die vielen Nonnen mit den verknitterten Gesichtern deren dunkle M\u00e4ntel sich aufbauschen wenn sie rennen die Mutter hat dir das Jausenbrot eingepackt du pickst an ihren H\u00e4nden fest mit deinen Patscherh\u00e4nden\/ Schwei\u00dfh\u00e4nden und da viele St\u00fchle und seltsame Fr\u00fcchte aus Plastik willst nicht dass die Mutter weggeht du kotzt magst die Frauen nicht angucken die seltsame wei\u00dfe Streifen um die Stirn haben deren L\u00e4cheln ist nicht echt ist nix als vorgeschobene faltige Zahn Fleisch Fratze wo ist deine Mutter wei\u00dft noch nicht dass sie dir ab jetzt immer am Darmrand hocken wird so what<br \/><\/em><br \/>Im Zimmer. Sie wirft die Tasche auf ein blaues Himmelbett. Zippt sich ihre schwarze Jacke auf. Wirft sie in eine Ecke. Guckt sich um. Das Bett ist mit flauschigem Frottier \u00fcberzogen. Das Fenster breit, dass der Blick auf eine saftig gr\u00fcne Wiese fallen kann. Schwungh\u00fcgel, denkt sie. Weiter Himmel. Die Wolken h\u00e4ngen tief und gr\u00e4ulich herab. Dass es hier immer regnet, hat man ihr gesagt. Neben dem Bett ein Schrank mit Spiegelglast\u00fcre. Sie blinzelt kurz. Sieht sich selbst beim Stieren zu. Schiebt dann die T\u00fcr zur Seite. Reibeger\u00e4usch. Sie legt langsam die B\u00fcndel Kleider aus ihrer Tasche raus. Ihre Mundwinkel zucken kurz auf. Er wird nicht mehr anrufen, wei\u00df sie. Das zu wissen dr\u00fcckt so gegen ihr Schl\u00fcsselbein. Malmt an den Schl\u00e4fen. Sie vollf\u00fchrt eine Kaubewegung, die Atemlosigkeit abzufangen. Tastet nach der B\u00fcrste, die sie aufs Bett gelegt hat. Rasche Bewegungen. R\u00fcckw\u00e4rts kann man nicht leben, denkt sie. K\u00e4mmt und k\u00e4mmt sich das Haar. Rei\u00dft an. Fester. Und fester. Schneller. Hat sie Feuchtes in den Augen. Keinen Ausdruck im Gesicht. Als sie den Kopf zur Seite dreht, ein heller Schatten im T\u00fcrrahmen.<br \/>Hi.<br \/>Helen h\u00e4lt ihr eine kleine pinke Schminkdose hin. Sie l\u00e4chelt.<br \/>Komm rein.<br \/>Das M\u00e4dchen hat einen Finger in den Mund gesteckt, den sie mit dunkelrosafarbenem Lippenstift nachgezogen hat. Lutscht grinsend. Ihre Haut sieht aus wie Porzellan, darauf kleines r\u00f6tliches Gesprenkel. Die Haare sind d\u00fcnn, feinstr\u00e4hnig und ein wenig fransig an den Spitzen. Sie l\u00e4chelt.<br \/>Trippelt ihr ein St\u00fcck weit entgegen. Gluckst. Entrei\u00dft ihr dann mit festem Griff den Kamm.<br \/>Du m\u00f6chtest mich frisieren.<br \/>Ja.<br \/>Bitte.<br \/>Sie faltet die Beine im T\u00fcrenksitz. Helen steht hinter ihr. Nimmt die schwarzen Str\u00e4hnen ihres Haares in die Hand.<br \/>Du musst weiter oben ansetzen.<br \/>Sie greift nach den schmalen Handgelenken des M\u00e4dchens. Gelenke aus Papier, denkt sie. Glieder aus Glas. F\u00fchrt mit zarten Bewegungen die B\u00fcrste in ihrer Hand. Helen sieht sie aus dumpfen gr\u00fcnen Augen an. Die Lider zucken nicht. Der Blick scheint irgendwohin gekippt zu sein.<br \/>Dann flackert ein L\u00e4cheln auf.<br \/>Hast du einen Freund, fragt Helen.<br \/>Sie lacht.<br \/>Nein, sagt sie dann ernst und zieht die Beine an den Bauch. Du.<br \/>Nein. Sagt Helen. Kichert und schiebt sich eine Str\u00e4hne in den Mund. Kaut rum.<br \/>Ich will dich, wei\u00dft. Als Freund.<br \/>Sie wei\u00df nicht was sagen, l\u00e4chelt zu Boden. Helen k\u00e4mmt weiter. Dann steckt sie ihr die B\u00fcrste in die Haare.<br \/><br \/><em>Mit einem anderen Kindergarten versuchen sies dann wolln dich K\u00f6dern du darfst deinen Handabdruck in den Ton hineinpressen sagen sie dir tr\u00e4gst das gr\u00fcne Kleid mit den vielen wei\u00dfen P\u00fcnktchen die d\u00fcnne Tante r\u00fchrt den Gips an eine wei\u00dfe Masse in einem kleinen Topf darf ich deine Hand haben sagt sie und du sch\u00fcttelst den Kopf weil du denkst sie meint f\u00fcr immer du pl\u00e4rrst dr\u00fcckst Tr\u00e4nen aus den Augen raus sie sollen dich in Ruhe lassen so rollst mit den Aug\u00e4pfeln willst an die warme Bauchdecke der Mutter an ihren Schlabberbeutel die h\u00e4ngenden Br\u00fcste Honig Birnen Br\u00fcste die l\u00fcgen doch alle tun so als gings um den Gips als gings drum deine kleine Hand als Abdruck f\u00fcr immer fest zu halten dabei wolln sie nix als dich rumkriegen dass du da bleibst oder<br \/><\/em><br \/>Marthas Stimme, rau und kreischend. Sie st\u00f6\u00dft Helen zur Seite. Jammert.<br \/>Jesus. Was hast du mit ihrem Haar gemacht.<br \/>Ist nicht schlimm.<br \/>Sie versucht ein schiefes L\u00e4cheln.<br \/>Diese wundersch\u00f6nen Haare.<br \/>Jack steht im T\u00fcrrahmen und grinst. Sie zwinkert ihm zu. Er schie\u00dft mit einer grellgelben Pistole nach ihr. Ratterger\u00e4usch. Helen st\u00f6\u00dft winzige Piepser aus, die sich wie Muckser einer Maus anh\u00f6ren. Wandert immer n\u00e4hre an den T\u00fcrrahmen heran.<br \/>Sch\u00f6nes Haar, murmelt sie, sch\u00f6nes Haar.<br \/>Stopp jetzt, sagt Martha.<br \/>Nestelt an der B\u00fcrste zwischen ihren Str\u00e4hnen rum. Wie das auf ihrer Kopfhaut zieht. Sie presst die Lippen gegeneinander. Sieht aus den Augenwinkeln, wie Helen Jack zur\u00fcck dr\u00e4ngt. Dann: eine Bewegung. Helen ergreift den wasserkopfartigen Sch\u00e4del des Jungen. Drischt ihn gegen den Holzrahmen der T\u00fcr. Ein gellender Schrei. Er greift nach einem orangeroten Haarb\u00fcschel. Martha hat die B\u00fcrste aus ihrem Haar gel\u00f6st. Springt auf und zerrt Jack von Helen weg. Stopp hab ich gesagt. Holt mit der Hand aus, auf der der Ehering steckt. Hand trifft Haut.<br \/><br \/>Helen hat Nasenbluten.<br \/><br \/><em>Martin hei\u00dft der Dicke der ausm Mund stinkt und ihr nennt ihn Martinsalat Tomatensalat ihr dreht Kreisrunden aufm Platz und betet f\u00fcr Tauben spielt Katzenbande Hand in Hand mit der Freundin sein ich hab einen Geheimgang im Schrank sagt die Freundin dahinter leben die Schlammonster und an meinem Geburstag nehm ich euch alle dahin mit ich bin die Katzenmutter und nur mein Papa darf manchmal da rein und deine Eltern wundern sich warum du nicht zu ihrer Geburtstagsfeier gehen magst hast Angst vor ihr stehst manchmal neben deiner Mutter und guckst ihr zu wenn sie die Hemden b\u00fcgelt im begehbaren Kleiderschrank die Handt\u00fccher zusammen legt und in die Regale schiebt fragst dich ob dahinter der Gang w\u00e4r die kuschligen Schlammmonster mit ihren Filzhaaren warten die du ja magst aber nicht mit denen leben weil du geh\u00f6rst doch zu Mama und Papa oder und die Eltern erz\u00e4hln der Freundin dann dass du krank bist verstehn gar nicht warum du nicht zur Party magst seltsames nerv\u00f6ses Kind sie machen sich Sorgen und<br \/><br \/><\/em>Sie werden sich schon noch daran gew\u00f6hnen, sagt Martha und l\u00e4chelt schief.<br \/>Sie sitzen in der K\u00fcche. Ein enger Raum, deren Hinterseite aus Spiegelt\u00fcren besteht, die in ein kleines Quadrat Garten hineinf\u00fchren. Der Tisch ist rund; blaue ovale Platsikdecken liegen da, Unterlage f\u00fcr die Kinder.<br \/>Sie braucht rund um die Uhr Betreuung, wissen sie.<br \/>Sie l\u00e4chelt.<br \/>Ich denke, Helen ist schon okay.<br \/>Warten sie, wenn sie anf\u00e4ngt mit ihren S\u00e4tzen. Der Psychotherapeut hat mir geraten, sie<br \/>abzustoppen. Manchmal sage ich den ganzen Tag nur stopp.<br \/>Marthas verrunzeltes Gesicht l\u00e4chelt schief. Die Falten um die Augen schieben sich zu riesigen Kerben zusammen. Felsen und Schluchten hat die im Gesicht, denkt sie.<br \/>Martha wischt die kleinen H\u00e4nde in ihrer Sch\u00fcrze ab. Kurz und barsch. Greift dann nach der bauchigen Kaffeetasse.<br \/>Schmeckt ihnen die Jause.<br \/>Sie versucht zu nicken.<br \/>Der K\u00e4se ist dick und bamstig, eine viel zu gro\u00dfe Schicht. Beinahe so dick wie das weiche Toastbrot selbst, an dem sie kaut. Billigstes Brot, wei\u00df sie. Bem\u00fcht sich, zu l\u00e4cheln. Dann, zwischen den Kaubewegung und dem Runterschlucken:<br \/>Essen sie nichts.<br \/>Ich mach mir nichts aus Essen. Ich brauch nicht viel.<br \/>Pause. Martha steht auf und kippt die Glast\u00fcre, die in den kleinen \u00e4rmlichen Garten hinausf\u00fchrt.<br \/>Regen wird kommen, sagt sie. Werden sich schon noch daran gew\u00f6hnen, dass es hier immer regnet.<br \/>Sie schiebt den Teller mit dem angeknabberten Toastbrot von sich weg. Hat einen schweren Kropf pl\u00f6tzlich.<br \/>Sie m\u00fcssen ihr immer die Medizin geben.<br \/>Was genau nimmt sie denn. Wogegen.<br \/>Darum geht&#8217;s nicht. Das wei\u00df der Psychiater.<br \/>Verstehe.<br \/>Martha kreist schnell mit den Handgelenken. Zieht dann an den \u00c4rmeln des ausgebleichten Wollpullovers herum.<br \/>Das Ger\u00e4usch eines klappernden Schl\u00fcsselbundes. Marthas Mundwinkel zucken ein wenig nach oben. Sie blickt von ihrem Teller auf, dreht sich um. Ein fetter riesiger Mann schlie\u00dft die T\u00fcre hinter sich. Sein Sch\u00e4del ist kahl. Wie Martha tr\u00e4gt auch er eine fette Hornbrille. Zippt einen gr\u00fcnen Overall auf und l\u00e4chelt. Gedunsene Wangen hat er, denkt sie. Seine H\u00e4nde sind riesig und lang. Sch\u00e4len die F\u00fc\u00dfe aus abgehatschten Tennisschuhen. Wirft sie in eine Ecke.<br \/>Das ist Alan.<br \/>Sie greift nach den H\u00e4nden des riesigen Mannes, der leicht vorn\u00fcbergekippt in ihre Richtung schleicht.<br \/>Tam.<br \/>Freut mich.<br \/>Die Stimme des Mannes ist nasal und schmeichelnd.<br \/>Wie alt sind sie.<br \/>Zwanzig.<br \/>Sehen \u00e4lter aus.<br \/>Sie sieht j\u00fcnger aus, sagt Martha und steht auf. \u00d6ffnet die Mikrowelle, dann den K\u00fchlschrank. Eine Schachtel Tiefk\u00fchlpizza. Hinter der Glaswand wird der Himmel dunkel. Regen f\u00e4llt in dicken Sch\u00fcren.<br \/>Hab ichs nicht gesagt.<br \/>Ja.<br \/>Sie nickt Martha zu. Die hat eine runde gefrorene Scheibe aus der Schachtel herausgel\u00f6st. Legt sie auf einen Teller. Schiebt diesen in die Mikrowelle. Wirft die T\u00fcr der Mikrowelle zu. Rasch. Seuzt mit labbernden Lippen auf.<br \/>Ich arbeite Tags\u00fcber in einem Supermarkt, wissen sie. Sagt Alan.<br \/>Und abens als Security- Mann. Anders geht&#8217;s nicht. Martha ist f\u00fcr die Kinder da und wir brauchen Geld.<br \/>W\u00e4r alles nicht so schlimm, wenn die Schule von Helen nicht w\u00e4r. Die ist teuer. Auch die Medikamente. Eigentlich muss rund um die Uhr wer f\u00fcr sie da sein.<br \/>Alan runzelt die wei\u00dfe Stirn zu kleinen B\u00fcndeln Wei\u00dfw\u00fcrsten.<br \/>Sie haben sie schon kennen gelernt.<br \/>Ja.<br \/><br \/><em>Den Clown im Fernsehn willst du heiraten der ist \u00e4hnlich wie der aus Stoff der der Mutter an der Wand h\u00e4ngt mit dem tanzt du dann vorm Hauptabendprogramm umher aber du sch\u00e4mst dich als die Mutter es der besten Freundin erz\u00e4hlt wie wenns was Geheimes w\u00e4r den Clown so zu lieben sagst in deiner Wut dass du den gar nicht magst dass der n\u00e4mlich deppert ist und die Eltern wundern sich wissen nicht so recht sie kaufen ein Ticket f\u00fcrs Clownmusical und dir ist ganz sauer in Herzgegend weil du denkst dass der Clown es jetzt wei\u00df wie du \u00fcber ihn geschimpft hast freust dich auf die Abendvorstellung fragen die Eltern du freust dich kein bisschen die Schuld macht dir Schluckb\u00fcndel im Mund nickst aber nur und malst den K\u00f6rper des Clowns mit Hutblume auf eine riesige Rolle Papier und als ihr ihn trefft dann im Park den Clown ohne Schminke da schiebst immer wieder nur Trauben in deinen Mund rein vor Nervosit\u00e4t traust dich gar nicht so richtig ihn anzugucken dann hast Schwei\u00dfh\u00e4nde und dir purzeln fast die Augen raus ausm Gesicht ob du in den verliebt bist<br \/><br \/><\/em>V\u00f6gel fallen vom Himmel, sagt Helen.<br \/>Sie sitzen am Bett und Helen k\u00e4mmt das zottelige blonde Haar einer Porzellanpuppe. Renkt ihr die Glieder aus. Grinst schief. Spastische Puppe, denkt sie. Sie schiebt die H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe der Porzellanpuppe wieder zurecht. Guckt dabei ein pausb\u00e4ckiges wei\u00dfes Gesicht mit dichten Wimpern und fetten roten Lippen an. Die Wangen, Hand- und Fu\u00dfgelenke hat Helen mit rotem Filszstift angekrizzelt. In wilden, w\u00fctenden Strichen. Sie zuckt.<br \/>Wei\u00dft du, was du da sagst, fragt sie.<br \/>Es regnet tote V\u00f6gel.<br \/>Helen nickt noch einmal.<br \/>Dann: Die Puppe ist dick und h\u00e4sslich.<br \/>Sie greift nach dem blonden zotteligen Haar und sch\u00fcttelt den Porzellank\u00f6rper. Arme und Beine schlenkern und st\u00f6\u00dfen in klickenden Ger\u00e4uschen gegeneinander.<br \/>Stopp.<br \/>Sie nimmt Helen die Puppe aus der Hand und legt sie aufs Bett. Streichelt deren Kopf in sanften, luftigen Bewegungen. Hebt dann die Hand. Legt sie auf Hellens r\u00f6tlichen Scheitel. Leicht. F\u00e4hrt langsam auf und ab. Helens Blick ist stumpf und dumpf. Pl\u00f6tzlich st\u00f6\u00dft sie einen Quietscher aus. Brabbelt laut.<br \/>Tote V\u00f6gel regnet es. Wie tot die V\u00f6gel sind es regnet tote Vogel. Oder.<br \/>Sie steht auf und beginnt, auf dem blauen Himmelbett umher zu h\u00fcpfen. Das d\u00fcnne rote Haar flattert. Ihre Zunge h\u00e4ngt aus dem Mund. Sie hebt die H\u00e4nde. Der K\u00f6rper ist schmal. Kein Fett an den Knochen, nur wei\u00dfe durchschimmernde Haut. Sie lacht. Jack \u00f6ffnet die T\u00fcre. Zielt mit seiner Pistole auf Tam und l\u00e4uft ihr entgegen.<br \/>Brennt mein Arsch oder sitze ich auf einem K\u00e4nguruh, fragt er.<br \/>Sie lacht.<br \/>Wo hast denn das her.<br \/>Aus dem Fernsehr, sagt Jack.<br \/>Wirft sich auf Tam drauf, l\u00e4sst die Pistole fallen und grabscht mit seinen winzigen H\u00e4ndchen nach ihren Titten. Sie packt ihn an den Handgelenken, dr\u00fcckt die H\u00e4nde sanft weg. Hebt ihn hoch. Helen h\u00fcpft immer noch mit federnden wei\u00dfen F\u00fc\u00dfen umher. Jack verzieht das flache Gesicht zu einem breiten Grinser und beginnt, im Gegentakt mit Helen mitzuwippen. Sie steht auf. Springt und springt.<br \/><br \/>Lachen. Rasselnder Atem.<br \/><br \/>Irgendwann liegen sie alle da, zu einem riesigen B\u00fcndel aus Fleisch zusammengerollt. Helen summt in piepsenden Lauten. Jack dr\u00fcckt seinen gro\u00dfen nackten Kopf auf ihre Brust. Der bebt, wenn sie ein und ausatmet. In heftigen ersch\u00f6pften Z\u00fcgen. Hat pl\u00f6tzlich wieder sein Gesicht vor Augen: Die markanten harten Backenknochen, das breite Gesicht. Die wasserblauen Augen mit den dichten Wimpern. Sie zuckt mit den Lidern. Wird ihn nicht mehr anrufen. Hinterm Fenster f\u00e4llt immer noch Regen. Ein Wolkenmosaik am Himmel. Die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume zucken ruckartig im Wind. Eine Schafherde fleckt den Schwungh\u00fcgel.<br \/>Wo bist du daheim, fragt Helen.<br \/>Jetzt bin ich hier daheim.<br \/>Und sonst.<br \/>Das ist weit. \u00dcber den Ozean musst du fliegen.<br \/>Wie ist das da, wo du herkommst.<br \/>Sie versucht zu l\u00e4cheln.<br \/>Das ist eine wundersch\u00f6ne Landschaft, auf die sich alle ausreden.<br \/>Helen setzt sich auf und sieht ihr mit pl\u00f6tzlich scharfem Ausdruck in die Augen.<br \/>Warum.<br \/>Weil sie kaputt sind.<br \/>Und sonst.<br \/>Das ist eine Kontrolle, der entkommen nur die Verr\u00fcckten. Und darum reise ich immer.<br \/>Daheim. Sagt Helen und wippt immer wieder mit dem Oberk\u00f6rper hin und her. Daheim. Daheim. Daheim.<br \/>Kleine tretende F\u00fc\u00dfe. Jack rollt sich aus dem Bett, dr\u00fcckt dabei seine winzigen Sohlen in ihren Bauch.<br \/>Brennt jetzt mein Arsch oder sitze ich auf einem K\u00e4nguruh, fragt er.<br \/>Kannst du mir das in deinen Worten erkl\u00e4ren, antwortet sie.<br \/>Ich will fernsehn.<br \/>Er schleudert die F\u00fc\u00dfe in der Luft rum und l\u00e4uft zur T\u00fcre. Bevor er sie \u00f6ffnet, dreht er sich nochmal um.<br \/>Du solltest mit Helen nicht so reden, als w\u00fcrde sie was verstehn.<br \/>Warum.<br \/>Daheim, sagt Helen.<br \/>Jack l\u00e4uft davon.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>. In ihrem preisgekr\u00f6nten Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17985\"><em>Referenzuniversum<\/em><\/a> geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen, das Kollegengespr\u00e4ch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>\u00a0von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt <em>Wortspielhalle<\/em>. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der <em>Wortspielhalle<\/em> in der Reihe <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie legt die H\u00e4nde an die Glasscheiben das Busses. Sieht ein kleines M\u00e4dchen da stehen, das an einer roten Haarfranse kaut. Ein wenig Speichel im Mundeck langzieht. Sie anstiert. Dann wie wild zu winken beginnt. Der Bus h\u00e4lt ruckartig&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/02\/13\/windzeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":100,"featured_media":18268,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[394],"class_list":["post-67215","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-sophie-reyer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/100"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=67215"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67215\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=67215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=67215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=67215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}