{"id":66891,"date":"2020-12-01T00:01:00","date_gmt":"2020-11-30T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=66891"},"modified":"2020-10-04T12:08:32","modified_gmt":"2020-10-04T10:08:32","slug":"ich-glaube-an-einen-poethischen-zustand-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/01\/ich-glaube-an-einen-poethischen-zustand-der-sprache\/","title":{"rendered":"\u201eIch glaube an einen poet(h)ischen Zustand der Sprache\u201c"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Philippe Tancelin im Dialog mit Francisca Ricinski<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Francisca Ricinski: Sie sind ein \u201ezoon poetikon\u201c, authentisch und komplex: Dichter-Philosoph, Essayist, Schauspieler, Doktor der \u00c4sthetik, Professor, Koordinator verschiedener transdisziplin\u00e4rer Poetik-Workshops, Spiritus Rector des <em>Collectif Effraction <\/em>(Kollektiv \u201eEinbruch\u201c), Pr\u00e4sident der \u201eInternationale der Dichter\u201c, Autor eines imposanten Werkes, in zehn Sprachen \u00fcbersetzt. Und nun&#8230; mein Gespr\u00e4chspartner!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Beginnen wir mit dem Vers von H\u00f6lderlin: \u201eDoch dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde\u201c! Stimmt er \u00fcberein mit der Vision und dem Verst\u00e4ndnis Ihrer eigenen Pr\u00e4senz im sch\u00f6pferischen Raum?\u00a0 Die B\u00fccher und die anderen Publikationen, die Ihre Signatur tragen, sowie auch Ihre Gedanken, Reden und Interventionen best\u00e4tigen die Empathie und das Engagement f\u00fcr die Gl\u00fccklosen und die Verh\u00f6hnten von \u00fcberallher.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Philippe Tancelin: Ich befinde mich v\u00f6llig im Einklang mit diesem Vers von H\u00f6lderlin. Wir sind in die Welt gesetzt, sie geh\u00f6rt uns nicht. Wir verweilen dort, wo man uns begegnen, uns finden kann, wenn wir es wollen. Dort als Dichter leben bedeutet zweifelsohne das anzunehmen und sich gro\u00dfz\u00fcgig annehmen zu lassen als dieses Licht, das die Dinge aufscheinen l\u00e4sst, indem es sie benennt. Benennen: \u201eDie Ungesehenen\u201c statt die Unsichtbaren, die in der Tat Ausgel\u00f6schten, all diese Vergessenen, Verh\u00f6hnten, von der Gesellschaft Verleugneten, die endlich als pr\u00e4sent in dieser Welt erscheinen, Wesen in dieser Welt, von dieser Welt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: F\u00fcr Heidegger ist die Sprache das Haus des Seins. Und f\u00fcr Sie? Auf was bezieht sich das Wort <em>Sein<\/em> ? Der Bezug (vor allem der divergente) zwischen der Biographie eines Autors und seinem Werk, hat er Ihrer Meinung nach einen gro\u00dfen Stellenwert?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T: Das Haus des Seins ist ein Geb\u00e4ude, errichtet als Bleibe, wo das Sein sich aufh\u00e4lt nach seiner Art. Das Sein hat zwei W\u00e4chter: Die Poesie und die Philosophie, die es eigentlich nicht bewachen, sondern nur seine Unterkunft, sein \u201eabri\u201c sch\u00fctzen, im lateinischen Sinne von \u201eapricari\u201c, in die Sonne setzen, ins Licht. Die Sprache beh\u00fctet die Strahlkraft des Seins vor der Gefahr des Dunklen, des Verschlossenen, des Schweigens. Im Gegensatz zu dieser drohenden Gefahr wird bei Rilke, in den Elegien, ein Gang ins \u201eOffene\u201c vorgeschlagen. Eben dieses Offene l\u00e4sst uns hoffen, l\u00e4sst uns die Dringlichkeit einer Resonanz zwischen der Biographie und dem Werk eines Autors sehen. Das kann nur eine Suche werden. Niemand besitzt die Zukunft eines Helden oder einer Heldin, aber jeder und jede werden sich wundern, einer oder eine zu werden. Das ist das gleiche Staunen, auf das mich das Wort \u201e\u00eatre\u201c verweist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Derselbe gro\u00dfe Philosoph der Ph\u00e4nomenologie spricht von einer Spalte zwischen dem philosophischen Gedanken und dem poetischen Wort, doch er sieht in ihr auch einen Ort der Konvergenz. Seiner Ansicht nach ist die Poesie die freieste Form friedlicher Wechselwirkung mit der Sprache. Und was ist die Poesie f\u00fcr Philippe Tancelin?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: Wenn es eine Spaltung zwischen dem philosophischen Gedanken und dem poetischen Wort gibt, wenn diese dennoch nach Heidegger eine Figur der Konvergenz darstellt, so ist sie f\u00fcr mich dieser verbindende Abstand einer jeden S\u00e4ule zum Tempel und aller untereinander zu ihm. So wird es auch mit der Liebe sein, n\u00e4mlich immer dann, wenn man ihr jegliche Vertrautheit, welche sie nur behindert, banalisiert und herabw\u00fcrdigt, strikt verweigert, analog dem von Brecht so gesch\u00e4tzten \u201eVerfremdungseffekt\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: K\u00f6nnte man das Bewusstsein der Sprache (nach der Formulierung von Saussure) oder, anders gesagt, die Beziehung zwischen den Begriffen des Bewusstseins und der Sprache als ein der Poesie und der Philosophie Gemeinsames betrachten? Ist dann das Gegenteil, das hei\u00dft das Unbewusste der Sprache, eher auf Enth\u00fcllung und auf einen poetischen Zustand ausgerichtet? Und ist das Poetische ein Begriff, der ebenso zum Territorium der Poesie geh\u00f6rt?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph-T: Ich glaube nicht, dass die Dichtung ein Territorium ist. Mit Ren\u00e9 Char betrachte ich sie vielmehr als eine Durchquerung, denn sie ist ja eine Nomadin, und ihre Bleibe ist die Reise, ein Durchstreifen ohne Ziel, quer durch alle Ausdrucksgebiete. Ich glaube an einen poetischen Zustand der Sprache, solange ihre Sinne offen sind f\u00fcr Bedeutungen, die sich jenseits der W\u00f6rter entfalten, deren gewohnten Sinn man zuvor zerschlagen hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Was erhoffen Sie sich von Ihren Texten? Dass sie ber\u00fchren, zum Denken einladen, eine Welle des Bewusstseins und eine \u00d6ffnung zur Welt hervorbringen, dass sie die Wahrnehmungsweise und Einstellung zu ihr ver\u00e4ndern, ja, eine Umorientierung des Lebens bewirken? Und dass sie sich in den Dienst der Menschlichkeit stellen? Oder lassen Sie sich einfach treiben und schreiben, um sich von Ihrem \u00dcberma\u00df an Gef\u00fchlen und Gedanken zu befreien?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: Ich schreibe nicht aus solcher \u00dcberf\u00fclle heraus. Ich schreibe nicht zur L\u00e4uterung von was auch immer. Es ist eher das Gegenteil, ich schreibe n\u00e4mlich gegen ein \u00dcberma\u00df von Leere an, eine Leere voll von kleinen erb\u00e4rmlichen \u00c4ngsten, all diese Ungedanken vor lauter Angst sie zu denken, diese \u00c4ngste, die sich in rettenden R\u00e4umen verlieren, diese \u00c4ngste, nicht man selbst unter den Seinen zu bleiben, diese \u00c4ngste des anderen Ichs, gef\u00f6rdert durch ein \u00dcberma\u00df an gesellschaftlicher Kontrolle. Das schlie\u00dft ein bestimmtes Schreiben ein, d.h. Texte, die nicht beabsichtigen, das Niveau zu heben, die Wahrnehmung oder das Bewusstsein des Anderen. Nur einfach Zeuge sein, Aufruf sein und Erinnerung an unsere Gegenwart in der Welt, an das, was diese imstande ist, aufscheinen zu lassen, und was gewisse Reden und Verhaltensweisen zu verbergen suchen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Ist es aufgrund Ihres Vertrauens in die Wirkungskraft schonungsloser Gedanken und Worte auf diejenigen, die Ihre Texte lesen oder Ihnen spontan lauschen, dass Sie sich zu Gunsten der Unmittelbarkeit des poetischen Aktes aussprechen, des m\u00fcndlichen Charakters der Dichtung? Was passiert da mit der Dichotomie zwischen Wirklichkeit und Phantastischem und der suggestiven Kraft der Sprache?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T. Es handelt sich bei mir weniger um Vertrauen in Wirkungskraft als vielmehr um eine engagierte Suche nach der Unmittelbarkeit des poetischen Aktes, die Suche nach einer Resonanz der Sprache und des eigentlichen Seins, was ich manchmal das \u201eUrwort\u201c nenne, das Wort des Wahren, nicht im Sinne eines verifizierten, in Beschlag genommenen Wortes, sondern als Wort der Suche. Das ist eine Suche, die einen Anfang von Sch\u00f6nheit schafft, von Wahrheit und Echtheit, einen Anfang aller werdenden Dinge. Die m\u00fcndliche Dimension der Dichtung erleichtert diese offene Suche nach dem Wirklichen: diese Erm\u00f6glichung von \u201eUngetr\u00e4umtem\u201c angesichts des Unm\u00f6glichen der uns diktierten Wirklichkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Der Autor ist, etymologisch gesehen, \u201eder Urheber, der vermehrt und vorantreibt\u201c. Zu welchen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten greift der moderne Dichter, um den Spielraum seiner Rede zu erweitern und zu bereichern? Welche Rolle spielt f\u00fcr ihn noch die Bildsprache? (vor allem die Metapher, das Symbol)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T. Wenn der Autor wirklich der ist, der vorantreibt, dann muss der moderne Dichter, angesichts der Entwertung der Worte in der Haupt- und Herrschaftssprache, zun\u00e4chst die W\u00f6rter mitsamt ihrer totalit\u00e4ren Bedeutung und ihren Denkbefehlen zerschlagen. Er muss die vorgefertigten Bilder und Clich\u00e9s zerst\u00f6ren, sich der Festsetzung des Sinns samt seinen g\u00e4ngigen Repr\u00e4sentationen widersetzen und \u00fcberhaupt sich der \u201apolizeilichen\u2018 Art und Weise, die Welt auf einschr\u00e4nkende Begriffe festzulegen, verweigern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R. Sind wir Zeugen einer verst\u00e4rkten Ausbreitung der Alltagssprache sowie der Praktiken der Macht und ihrer Kommunikationskan\u00e4le, die den Atem der Poeten ersticken und ihr Wort beschlagnahmen und entwerten?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T. : Heidegger hatte sie geahnt, die brutale und vulg\u00e4re Technisierung der Sprache als banales Werkzeug der Verst\u00e4ndigung, der direktiven Mitteilung, die sich funktional gibt, und dies mit einem universellen Anspruch ohnegleichen. Ich meine damit auch die Digitalisierung und die Mediensprache. Diese Technisierung entwertet die Urw\u00fcchsigkeit der Sprache, die ich eben angesprochen habe und nun erneut anf\u00fchre. Die Ausweitung der digitalisierten Sprache bis in die Alltagssprache hinein wird jedoch nicht den Atem des Dichters ersticken, aber sie zwingt uns eine Welt auf, in der das Poetische in den Untergrund gedr\u00e4ngt wird. Dem Dichter bleibt daher keine andere M\u00f6glichkeit als eine Sprache des \u201aEinbruchs\u2018 zu erfinden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Als mein Buch \u201e<em>Car tu \u00e9tais pluie\u201c <\/em>(Denn du warst Regen), geschrieben zusammen mit dem tunesischen Dichter Abdel-Wahed Souayah, in Ihrer namhaften Sammlung\u00a0 <em>Dichter aus f\u00fcnf Kontinenten<\/em> erschien, hat mir das eine mehrfache Freude bereitet. Denn jetzt habe ich auch noch das Privileg, hier direkt mit Ihnen zu kommunizieren und Ihnen erneut f\u00fcr die Einladung, der Gruppe \u201eEffraction\u201c anzugeh\u00f6ren, zu danken, die vor fast\u00a0 sechs Jahren in Paris, rund um den Verlag L\u2019Harmattan, entstand. Sie, Philippe, zusammen mit dem Kollektiv \u201eEffraction\u201c, unterst\u00fctzen, wenn ich das recht sehe, das lebendige, wirksame Wort bei seiner Aufgabe, im Herzen der Ideen zu wirken, das Denken und das Bewusstsein mitzugestalten, um sich der Manipulation und dem Diktat der politischen wie finanziellen M\u00e4chte zu entziehen. Gibt es \u00fcberhaupt eine menschliche Beziehung, die nicht dem Einfluss des anderen unterworfen ist, eine \u2013 ja stets subjektive \u2013 Kommunikation, die keinen gewollten Effekt beim anderen hervorruft?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: In dieser Hinsicht und in Bezug auf Ihre Frage, ist jegliche menschliche Beziehung eines solchen Austauschs f\u00e4hig, die Art der Aufnahme, das Erfassen und die Vorstellung des Anderen zu ver\u00e4ndern. Was man \u201aEinfluss\u2018 nennt, muss verstanden werden als St\u00e4rke des Austauschs, nicht als Macht, auch nicht als Wille, eine Autorit\u00e4t auszu\u00fcben und damit eine Beeintr\u00e4chtigung der Autonomie und Legitimit\u00e4t anderen Denkens zu bewirken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Es ist eine Welle von Fragen, die einen nun bedr\u00e4ngen. Sie stellen sich fast von allein: Warum das Syntagma \u201eDer Kampf der Sprache\u201c? (Sie erinnert mich f\u00fcr einen Augenblick an <em>la bataille d\u2019Hernani<\/em>). Glauben Sie wirklich, dass man die Konsequenzen, die durch die Herabsetzung der Sprachen und der Kommunikation entstanden sind, mindern kann? Betrachten Sie sich als Rebell oder eher als verantwortungsvoller Autor, der sich in den Kampf wirft &#8211; um einen Satz von Sartre zu\u00a0 zitieren?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: Wenn wir das Wort \u201everantwortlich\u201c h\u00f6ren, gem\u00e4\u00df seinem etymologischen Sinn \u201eantworten\u201c, einer Sache Gewicht verleihen, so ist der verantwortungsbewusste Autor notwendigerweise ein Rebell, indem er nicht die Autorit\u00e4t anerkennt, die sich die \u201aInhaber\u2018 einer von ihnen in Beschlag genommenen Sprache anma\u00dfen, deren Wortsinn sie entwerten und durch ein Kommunikationsmittel ersetzen zur Kontrolle des Ausdrucks mittels Macht- und Ordnungworten, die sie selber definieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Wie laufen die Sitzungen dieser internationalen Gemeinschaft von Dichtern und K\u00fcnstlern ab, welche Ziele und Aktionen nach au\u00dfen, bei Ihnen und in einer globalen Vision, wie pr\u00e4gen Sie das soziale Leben, das politische und literarische?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: Die Gemeinschaft der Dichter und \u201eengagierten\u201c K\u00fcnstler (ein entwerteter Begriff, dessen hohen historischen Wert man sich wieder zu eigen machen sollte), pflegt ein kritisches Nachdenken \u00fcber die Konfiszierung der Sprache durch die gesellschaftlichen Machthaber und gleichzeitig agiert sie mit ihren Schriften und \u00f6ffentlichen Veranstaltungen. Letztendlich geht es darum, das Unerwartete anderer Bedeutungen f\u00fcr andere Pr\u00e4senzen in der Welt aufscheinen zu lassen, im Hinblick auf eine lebenswertere Welt und in Resonanz mit der Rebellion der V\u00f6lker gegen ein von oben verordnetes Leben, wie man es heute in zahlreichen L\u00e4ndern vorfindet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Wenn wir auf das Thema der aktuellen Ausgabe unserer Zeitschrift fokussieren, so tun wir das auch, um Ihre Meinung zur frustrierenden Situation der Sprache zu erfahren, ihre Unsagbarkeit, so wie sie einst der heute gefeierte Beethoven empfand, das Herz gl\u00fchend in dem Wunsch, seine Liebe auszudr\u00fccken&#8230; Zuallererst, Ihre Meinung zum Thema Schweigen, das Sie ja in hohem Ma\u00dfe zu besch\u00e4ftigen scheint.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: Was mich besonders besch\u00e4ftigt angesichts des zur Zeit vorherrschenden Denkens, ist die Verwirrung, die es in der Sprache\u00a0 schafft. Wie man vom Unsichtbaren spricht, um das Ungesehene zu bezeichnen, so spricht man vom Unsagbaren, um das Ungesagte zu benennen. Es gibt Empfindungen, Gef\u00fchle, die die Sprache nicht erreichen kann, woraus die zwingende Notwendigkeit einer erfinderischen Zukunft folgt, wortfinderisch zu sein, W\u00f6rter zu erfinden ineins mit anderem Lebenssinn, anderen Existenzweisen, anderen Formen der Liebe als diejenigen, die uns die Komfortzonen einer aufgedr\u00e4ngten Realit\u00e4t, mit der wir uns l\u00e4ngst abgefunden haben, genie\u00dfen lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Einige Titel Ihrer Sammlungen ziehen mich besonders an, das sind diese Worte, die anregen, in helldunkle R\u00e4ume und Schweigen zu tauchen, non-verbale Sprachen, von abgr\u00fcndiger Tiefe : <em>Poethik des Schweigens, Poethik des Staunens, Die \u00c4sthetik des Schattens<\/em> (geschrieben mit Ihrer Schwester Genevi\u00e8ve Clancy), <em>Verticale du silence, Der Wald des Lebens<\/em>&#8230;Was ist es, Ihr Schweigen? Stimme der Einsamkeit, des inneren Exils, Ablehnung des Nichtssagenden, Sprache kranker W\u00f6rter, Ruhe zwischen den K\u00e4mpfen? Oder Ihre spezielle Form der Eloquenz?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.:\u00a0 Erlauben Sie mir, die Rechtschreibung\u00a0 des Terminus \u00ab\u00a0poethisch\u00a0\u00bb zu unterstreichen. Er bedeutet f\u00fcr mich gleichermassen das Poetische und das Ethos. Das Schweigen ist keine blo\u00dfe Reduktion des Wortes. Es ist das, was dem Wort vorangeht, es aufsteigen l\u00e4sst, unerwartet, erstaunlich, \u00fcberw\u00e4ltigend, wie eben ein Gedicht es vermag. Es ist weder die Stimme der Einsamkeit, des inneren Exils, noch ver\u00e4chtliche Ablehnung des Nichtssagenden, sondern, wie Sie es so sch\u00f6n suggerierten: diese Eloquenz, die mein Heimweh nach dem Land des Anderen durchmisst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Glauben Sie, dass die Dichtung echte Chancen hat sich weiter zu entwickeln oder zumindest zu \u00fcberleben? Denn in ihrer akustischen Form zum Beispiel, die durch Dada und Autoren der zweiten Avantgarde wie Oskar Pastior und Ernst Jandl die Laute zum Vibrieren brachten, ohne R\u00fccksicht auf die Bedeutung der W\u00f6rter, entwickelt sie sich in noch innovativerer Weise. Sie kennen sicher Henri Chopin, den Dichter-Herausgeber der \u201eRevue OU\u201c, die sich vor allem den Neuerern der\u00a0 elektronischen Dichtung widmet, oder die sprachlichen wie musikalischen Performances der elektro-akustischen Musik. Nicht zu vergessen auch die visuelle und die computererzeugte Poesie, die Anti-Poesie &#8230; So viele Versuche, die klassischen Grenzen der literarischen Felder zu sprengen und Bande zu kn\u00fcpfen f\u00fcr ein neues, hybrides Werk! Also: Wohin bewegt sich die Dichtung?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: Die Poesie, wie ich sie sehe, hat mit der Literatur nichts zu tun.\u00a0 Sie erz\u00e4hlt nicht, berichtet nicht. Sie l\u00f6st ein Quellen aus, eine Sinnsch\u00f6pfung schon durch das blo\u00dfe Hervorsprudeln, und sie bietet die Mittel f\u00fcr eine sch\u00f6pferische Fortsetzung in der Entfaltung des Gedichtes beim Leser.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Sie\u00a0 haben uns ein franz\u00f6sisches Poem anvertraut. (Die deutsche Version stammt von Doris Distelmaier-Haas, Schriftstellerin, Malerin und \u00dcbersetzerin). Kann man Dichtung \u00fcbersetzen? Sollte der \u00dcbersetzer Dichter sein? Betrachten Sie die Frage des Rhythmus in der \u00dcbersetzung, ja, des freien Verses als wesentlich? Sind Sie einverstanden mit Yves Bonnefoy \u201edass man nur die Dichter \u00fcbersetzen soll, die man wahrlich liebt.\u201c?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: Wenn der \u00dcbersetzer des Dichters kein Dichter ist, dann wird er es notwendigerweise dank dieses \u00dcbergangs, den er vom Erf\u00fchlen der dichterischen Innerlichkeit eines Wortes oder einer Schrift hin zum Anderen vollzieht, und zwar ausgehend vom Rhythmus. Was Bonnefoys Aussage betrifft, so stimme ich mit ihr \u00fcberein . Man sollte nur die Dichter \u00fcbersetzen, die zu einem Staunen, \u00e4hnlich der Liebe, f\u00fchren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">F.R.: Sind wir bei einer wirklichen Krise der Poesie angelangt oder nur bei einer momentanen Konfusion, einer Krise ihrer Definition? Wenn absurderweise niemand mehr zu schreiben oder ein Gedicht \u00f6ffentlich zu rezitieren wagte, ohne von seinen Zeitgenossen l\u00e4cherlich gemacht zu werden, w\u00e4ren Sie versucht, sich selbst zu verleugnen wie Blaise Cendrars, indem Sie Ihre Gedichtb\u00e4nde in eine Kiste einsperren?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ph.T.: Was auch aus der Selbstgef\u00e4lligkeit einer Gesellschaft entstehen mag, das Gedicht wird ihr nicht zum Opfer fallen. Es kennt nur die Hoffnung und das Gl\u00fcck des Staunens. Auf die Gefahr hin, aus der Poesie verbannt zu werden, hoffe ich, niemals die bescheidene Furche aus den Augen zu verlieren, die der \u201eAckersmann der Worte\u201c beharrlich zieht (Eine Bezeichnung, die mir vor nunmehr 45 Jahren ein italienischer Journalist verliehen hat, dem ich f\u00fcr seinen Scharfsinn danke.)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><em>Philippe Tancelin<\/em>: Um nun ein Schlu\u00dfwort f\u00fcr unser Gespr\u00e4ch zu setzen, sei es mir erlaubt, meinen Dank an die Literaturzeitschrift \u201eDichtungsring\u201c auszusprechen f\u00fcr den Empfang, den sie uns hier bereitet hat, und unseren Leserinnen und Lesern f\u00fcr ihr Interesse an unseren \u00c4u\u00dferungen, von denen ich hoffe, dass sie auch jenseits dieser Zeilen fortleben und sich entfalten m\u00f6gen auf der H\u00f6he der Fragen, die sie so treffend hervorriefen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Aus dem Franz\u00f6sischen von Doris-Distelmaier-Haas und Alfons Knauth.<\/span><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Eine Leseprobe aus <strong>DR 57<\/strong> mit der sich die Autorin Francisca Ricinski w\u00fcrdevoll als Herausgeberin des Dichtungsrings verabschiedete.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66613\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/DR57_Cover-e1593884725215.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"320\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Ein R\u00fcckblick auf die ersten 10 Jahre Dichtungsring findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/06\/22\/10-jahre-dichtungsring\/\">hier<\/a>. &#8211; Es herrscht die Annahme, das <em>Netzwerk<\/em> sei erst mit dem Internet erfunden worden, es gab jedoch eine Zusammenarbeit von Individuen bereits auf analoger Ebene. KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25201\">dokumentierte<\/a> den Grenzverkehr im Dreil\u00e4ndereck. Ein Kollegengespr\u00e4ch von A.J. Weigoni mit Bruno Kartheuser finden Sie <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kartheuser.htm\">hier<\/a>. &#8211; Weiterhin zu empfehlen auch ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12771\">Essay <\/a>\u00fcber Francisca Ricinskis lyrische Prosa <em>Auf silikonweichen Pfoten<\/em>, <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/rauschan.htm\">Ioona Rauschans<\/a> Roman<em> Abhauen<\/em> oder die Lyrikerin <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Ines Hagemeyer<\/a>. Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte von Ulrich Bergmann aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. &#8211; Ein Portr\u00e4t des Herausgebers und Lyrikers Peter Ettl findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/29\/wild-horses-could-not-drag-me-away\/\">hier<\/a>. \u2013 Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philippe Tancelin im Dialog mit Francisca Ricinski Francisca Ricinski: Sie sind ein \u201ezoon poetikon\u201c, authentisch und komplex: Dichter-Philosoph, Essayist, Schauspieler, Doktor der \u00c4sthetik, Professor, Koordinator verschiedener transdisziplin\u00e4rer Poetik-Workshops, Spiritus Rector des Collectif Effraction (Kollektiv \u201eEinbruch\u201c), Pr\u00e4sident der \u201eInternationale der Dichter\u201c,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/01\/ich-glaube-an-einen-poethischen-zustand-der-sprache\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":34,"featured_media":66613,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[93],"class_list":["post-66891","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-francisca-ricinski"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66891","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/34"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=66891"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66891\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=66891"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=66891"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=66891"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}