{"id":66434,"date":"2020-08-17T00:01:00","date_gmt":"2020-08-16T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=66434"},"modified":"2021-07-30T07:42:19","modified_gmt":"2021-07-30T05:42:19","slug":"haltung-die-vom-kopf-ausgeht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/17\/haltung-die-vom-kopf-ausgeht\/","title":{"rendered":"haltung, die vom kopf ausgeht"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">martin dragosits, 1965 in wien geboren und ansonsten software-entwickler, projektmanager, teamleiter und berater im it-bereich, schreibt eine n\u00fcchterne, analytische, mitunter sarkastische gedankenlyrik. seine gedichte sind lesbar vom kopf gelenkt. ebenso sachlich ist das cover-motiv des gedichtbands \u00bbWeisse Kreide\u00ab, die fotografie eines gen\u00fcgsam eingerichteten und sp\u00e4rlich erleuchteten raums. die texte zeigen haltungen, wie in \u00bbAm Ball bleiben\u00ab: \u00bbWenn Sprache \/ Wirklichkeit schafft \/ in die R\u00e4ume geht \/ k\u00f6rperbetont \/\/ Falten in die Zeit versenkt \/\/ parallele Welten aufeinander setzt \/\/ dann ihr Dichter \/ sprecht bitte \/ laut und vor allem konsequent\u00ab. er selbst tut dies in seiner lyrik, die auch \u00fcber komplizierte, ja absurde zusammenh\u00e4nge bedacht und einleuchtend spricht. die postmoderne beliebigkeit und indifferenz k\u00f6nnte durch die corona-krise etwas zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden sein. toleranz und relativismus sollten jedoch erhalten bleiben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">er betrachtet die wirklichkeit skeptisch. im gedicht \u00bbErde \u2012 Mond und zur\u00fcck\u00ab hei\u00dft es: \u00bbWas habt ihr \u00fcber \/ M\u00fcnchhausen gelacht \/ als wenn es nicht \/ selbstverst\u00e4ndlich ist \/ auf Kanonenkugeln \/ eine lange Nase zu machen \/ W\u00f6lfe und Kircht\u00fcrme \/ im Hintergrund \/\/ Wie k\u00f6nnt ihr glauben \/ dass der Mond \/ nicht zu erreichen ist \/ im Hei\u00dfluftballon \/ einfach so \/ wo doch das W\u00fcnschen \/ als Prinzip der L\u00fcge \/ in uns allen steckt\u00ab. im w\u00fcnschen klingt das m\u00e4rchen vom froschk\u00f6nig an, das mit \u00bbIn alten Zeiten, wo das W\u00fcnschen noch geholfen hat\u00ab beginnt. man k\u00f6nnte sagen, das w\u00fcnschen sei eine form der kompensation und illusion. einen ballonflug zum mond samt mondlandung beschrieb edgar allan poe. von der deutschen post erschien 2020 eine m\u00fcnchhausen-briefmarke, wohl nicht ohne ironie. der illusionist don quijote wird in spanien wie ein nationalheiliger verehrt, und touristisch vermarktet. wir sollten ihn uns als einen gl\u00fccklichen menschen vorstellen. denn was macht gl\u00fccklicher als hoffnung, wenn man die t\u00e4uschung nicht bemerkt. oder wei\u00df er insgeheim, da\u00df er in einer traumwelt lebt, die nicht die wirkliche ist?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">in \u00bb\u00dcbereinkunft\u00ab beschreibt martin dragosits verhaltensmuster, bei denen jeder das macht, was sowieso geschieht: \u00bbSogar die Funktion\u00e4re \/\/ in den Parteien, die Vertreter und Sekret\u00e4re f\u00fcr \/ Propaganda und Sekretion, der Finanzminister, \/ der Regierungschef und das Staatsoberhaupt, \/ sie alle sind unpolitisch, l\u00e4cheln unverbindlich, \/ fast unbeschwert und im Ansatz gl\u00fccklich.\u00ab so wird suggeriert, die herrschende politik, die freilich gegen\u00fcber andern gesellschaftlichen kr\u00e4ften, industrieverb\u00e4nden, finanzunternehmen, denkfabriken, lobbyisten, medien, an einflu\u00df verloren hat, sei zwingend notwendig wie nach einem naturgesetz. man tut einem lyriker indes nicht unbedingt etwas gutes, wenn man ihn politisch nennt, weil das leicht vorurteile stimuliert, er sei parteiisch und befangen. die wirkung mu\u00df immer durch die gedichte selbst entstehen, und nicht durch etikettenhafte benennungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">manche der texte gewinnen m\u00f6glicherweise durch den vortrag beim lesen noch, da sie operativ und dialogisch wirken. in \u00bbErgo sum\u00ab regt der autor an, \u00fcber die wirkung von gedichten nachzudenken, indem er sie untertreibt. \u00bbIch bin ein Gedicht, das nichts \/ will, gar nichts, \u00fcberhaupt \/ nichts, nicht einmal nichts, weder \/ hier noch dort. Ich bin \/\/ ohne Besitzer, geh\u00f6re niemandem, \/ keinem Zuh\u00f6rer, Leser, Vortragenden. \/ keinem Chirurgen, Schaffner, \/ Wegbegleiter. Ich h\u00fcpfe \u00fcber \/\/ alle Str\u00e4nge, Hindernisse, \/ Kuchenst\u00fccke, stopfe L\u00f6cher und \/ feuchte Schuhe, Nur wenn man \/ mich zwingt. Ich wurde gedichtet, \/\/ auf den Boden geworfen, zwischen \/ Hagel und Sonnenschein, Eiszeit \/ und Freiheit, ohne Frage oder \/ Abonnentenschein. So wie ich bin.\u00ab die unabh\u00e4ngigkeit gegen\u00fcber profanen zwecken machen lyrik autonom und geben ihr r\u00e4ume zur vertiefung und verdichtung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">in \u00bbNahverh\u00e4ltnis\u00ab liest man: \u00bbMein Wille hat \/ entschieden \/ ob frei oder unfrei \/ einen Bleistift \/ in die Hand zu nehmen \/\/ Laut neuerer Hirnforschung \/ Stand: Zu Beginn \/ des 21. Jahrhunderts \/ fiel \/ die Entscheidung \/ w\u00e4hrend mein Cortex \/ F\u00fcr und Wider \/ noch pr\u00fcfte \/\/ Sozusagen \/ eine Reise \/ bis die Entscheidung \/ ankommt \/ die uns trifft\u00ab. dies spielt auf neuere erkenntnisse der gehirnfoschung an, die besagen, da\u00df der mensch gar nicht so frei ist, wie er glaubt, sondern vielmehr von genetisch bedingten anlagen und instinkten, bis hin zu zw\u00e4ngen, und zumal unbewu\u00dften, abh\u00e4ngig denkt, f\u00fchlt und handelt, die objektiv vorgepr\u00e4gten mustern folgen. wer menschen mit wachem blick sieht und etwa ihren egoismus und opportunismus erkennt, und die verbindung von beidem im gruppenzwang, wu\u00dfte das l\u00e4ngst. wir sollten die warnungen davor ernstnehmen, wenngleich manche wissenschaftlichen theorien mythen \u00e4hneln, und zugleich die subjektiven freir\u00e4ume nutzen und erweitern, doch auch gefahren erkennen. in Ringelspiel\u00ab hei\u00dfts: \u00bbWir werden geboren \/ springen auf fahrende Z\u00fcge \/ und bewegen uns im Gleichgewicht \/ so lange es geht\u00ab. wie soetwas enden kann, wissen wir inzwischen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weisse Kreide<\/strong>, Gedichte von Martin Dragosits. Edition art science, St. Wolfgang, 2017<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"327\" class=\"wp-image-57266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/cover_Kreide.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/cover_Kreide.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/cover_Kreide-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/cover_Kreide-160x262.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Rezensionsessays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>. Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, zur Lyrik von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/18\/heiterer-sarkasmus\/\">HEL<\/a> = Herbert Laschet Toussaint, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/09\/08\/sinnlich-fassbare-kunst\/\">Haimo Hieronymus<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/20\/wohnraeume-der-poesie\/\">Friederike Mayr\u00f6cker<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/02\/09\/ein-behutsamer-charakter\/\">Holger Uske<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/kritischer-optimismus\/\">Joachim Paul<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/26\/wohnraeume-der-poesie-2\/\">Peter Engstler<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/10\/27\/kranich-2\/\">J\u00fcrgen Diehl<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/17\/der-grill-auf-der-hauswiese-der-welt\/\">Linda Vilhj\u00e1lmsd\u00f3ttir<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=55005\">Joanna Lisiak<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; martin dragosits, 1965 in wien geboren und ansonsten software-entwickler, projektmanager, teamleiter und berater im it-bereich, schreibt eine n\u00fcchterne, analytische, mitunter sarkastische gedankenlyrik. seine gedichte sind lesbar vom kopf gelenkt. ebenso sachlich ist das cover-motiv des gedichtbands \u00bbWeisse Kreide\u00ab, die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/17\/haltung-die-vom-kopf-ausgeht\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":57266,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,2359],"class_list":["post-66434","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-martin-dragosits"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66434","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=66434"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66434\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=66434"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=66434"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=66434"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}