{"id":66385,"date":"2024-06-05T00:01:00","date_gmt":"2024-06-04T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=66385"},"modified":"2022-02-25T17:41:13","modified_gmt":"2022-02-25T16:41:13","slug":"der-suerrealismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/06\/05\/der-suerrealismus\/","title":{"rendered":"Der S\u00fcrrealismus"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Seit Bakunin hat es in Europa keinen radikalen Begriff von Freiheit mehr gegeben. Die Surrealisten haben ihn. Sie sind die ersten, das liberale moralisch-humanistisch verkalkte Freiheitsideal zu erledigen, weil ihnen feststeht, da\u00df die Freiheit, die auf dieser Erde nur mit tausend h\u00e4rtesten Opfern erkauft werden kann, uneingeschr\u00e4nkt, in ihrer F\u00fclle und ohne jegliche pragmatische Berechnung will genossen werden, solange sie dauert. Und das beweist ihnen, da\u00df der Befreiungskampf der Menschheit in seiner schlichtesten revolution\u00e4ren Gestalt (die doch, und gerade, die Befreiung in jeder Hinsicht ist), die einzige Sache bleibt, der zu dienen sich lohnt&#8220;.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wo liegen die Voraussetzungen der Revolution? In der \u00c4nderung der Gesinnung oder der \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnisse? Das ist die Kardinalfrage, die das Verh\u00e4ltnis von Politik und Moral bestimmt und die keine Vertuschung zul\u00e4\u00dft. Der Surrealismus ist ihrer kommunistischen Beantwortung immer n\u00e4her gekommen. Und das bedeutet: Pessimismus auf der ganzen Linie. Jawohl und durchaus. Mi\u00dftrauen in das Geschick der Literatur, Mi\u00dftrauen in das Geschick der Freiheit, Mi\u00dftrauen in das Geschick der europ\u00e4ischen Menschheit, vor allem aber Mi\u00dftrauen, Mi\u00dftrauen und Mi\u00dftrauen in alle Verst\u00e4ndigung: zwischen den Klassen, zwischen den V\u00f6lkern, zwischen den Einzelnen. Und unbegrenztes Mi\u00dftrauen in I. G. Farben und die friedliche Vervollkommnung der Luftwaffe.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Geistige Str\u00f6mungen k\u00f6nnen ein Gef\u00e4lle erreichen, scharf genug, da\u00df der Kritiker seine Kraftstation an ihnen errichten kann. Solches Gef\u00e4lle schafft f\u00fcr den Surrealismus der Niveauunterschied Frankreich-Deutschland. Was da im Jahr 1919 in Frankreich im Kreis einiger Literaten &#8211; wir nennen gleich hier die wichtigsten Namen ANDR\u00c9 BRETON, LOUIS ARAGON, PHILIPPE SOUPAULT, ROBERT DESNOS, PAUL ELUARD &#8211; entsprungen ist, mag ein d\u00fcnnes B\u00e4chlein gewesen sein, gespeist von der feuchten Langeweile des Nachkriegs-Europa und den letzten Rinnsalen der franz\u00f6sischen Dekadenz. Die Neunmalweisen, die noch heute nicht \u00fcber die &#8222;authentischen Urspr\u00fcnge&#8220; der Bewegung hinauskommen, und auch noch heute nichts davon zu sagen wissen, als da\u00df hier wieder einmal eine Clique von Literaten die ehrw\u00fcrdige \u00d6ffentlichkeit mystifiziere, sind ein wenig wie eine Expertenversammlung, die an einer Quelle nach reichlicher \u00dcberlegung zur \u00dcberzeugung kommt, der kleine Bach da werde niemals Turbinen treiben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der deutsche Betrachter steht nicht an der Quelle. Das ist seine Chance. Er steht im Tal. Er kann die Energien der Bewegung absch\u00e4tzen. F\u00fcr ihn, der als Deutscher l\u00e4ngst mit der Krisis der Intelligenz, genauer gesagt, des humanistischen Freiheitsbegriffs vertraut ist, der wei\u00df, welch frenetischer Wille in ihr erwacht ist, aus dem Stadium der ewigen Diskussionen heraus und um jeden Preis zur Entscheidung zu kommen, der ihre \u00e4u\u00dferst exponierte Stellung zwischen anarchistischer Fronde und revolution\u00e4rer Disziplin am eigenen Leib hat erfahren m\u00fcssen, f\u00fcr den gibt es keine Entschuldigung, wenn er auf oberfl\u00e4chlichsten Augenschein die Bewegung f\u00fcr eine &#8222;k\u00fcnstlerische&#8220;, &#8222;poetische&#8220; halten sollte. Wenn sie dies im Anfang gewesen ist, so hat doch eben im Anfang BRETON schon erkl\u00e4rt, mit einer Praxis brechen zu wollen, die dem Publikum die literarischen Niederschl\u00e4ge einer bestimmten Existenzform vorlegt und diese Existenzform selber vorenth\u00e4lt. K\u00fcrzer und dialektischer gefa\u00dft aber hei\u00dft das: Hier wurde der Bereich der Dichtung von innen gesprengt, indem ein Kreis von engverbundenen Menschen &#8222;Dichterisches Leben&#8220; bis an die \u00e4u\u00dfersten Grenzen des M\u00f6glichen trieb. Und man kann es ihnen aufs Wort glauben, wenn sie behaupten, RIMBAUDs &#8222;Saison en Enfer&#8220; [Spielzeit in der H\u00f6lle &#8211; wp] habe keine Geheimnisse f\u00fcr sie mehr gehabt. Denn dieses Buch ist in der Tat die erste Urkunde einer solchen Bewegung. (Aus neueren Zeiten. Von \u00e4lteren Vorg\u00e4ngern wird noch gesprochen werden.) Kann man, worum es hier geht, endg\u00fcltiger und schneidender vorbringen als RIMBAUD es in seinem Handexemplar des genannten Buches getan hat? Da schreibt er, wo es hei\u00dft: &#8222;auf der Seide der Meere und der arktischen Blumen&#8220;, sp\u00e4terhin an den Rand: &#8222;Gibt&#8217;s nicht&#8220; (&#8222;Elles n&#8217;existent pas&#8220;).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In wie unscheinbare, abseitige Substanz der dialektische Kern, der sich im Surrealismus entfaltet hat, urspr\u00fcnglich eingebettet lag, hat, zu einer Zeit, da die Entwicklung sich noch nicht absehen lie\u00df, 1924, ARAGON in seiner &#8222;Vague de R\u00eaves&#8220; gezeigt. Heute l\u00e4\u00dft sie sich absehen. Denn es ist kein Zweifel, da\u00df das heroische Stadium, von dem dort ARAGON den Heldenkatalog uns hinterlassen hat, beendet ist. Es gibt in solchen Bewegungen immer einen Augenblick, da die urspr\u00fcngliche Spannung des Geheimbundes im sachlichen, profanen Kampf um Macht und Herrschaft explodieren oder als \u00f6ffentliche Manifestation zerfallen und sich transformieren mu\u00df. In dieser Transformationsphase steht augenblicklich der Surrealismus. Damals aber, als er in Gestalt einer inspirierenden Traumwelle \u00fcber seine Stifter hereinbrach, schien er das Integralste, Abschlie\u00dfendste, Absoluteste. Alles, womit er in Ber\u00fchrung kam, integrierte sich. Das Leben schien nur lebenswert, wo die Schwelle, die zwischen Wachen und Schlaf ist, in jedem ausgetreten war, wie von Tritten massenhafter hin und wider flutender Bilder, die Sprache nur sie selbst, wo Laut und Bild und Bild und Laut mit automatischer Exaktheit derart gl\u00fccklich ineinandergriffen, da\u00df f\u00fcr den Groschen &#8222;Sinn&#8220; kein Spalt mehr \u00fcbrigblieb. Bild und Sprache haben den Vortritt. SAINT-POL-ROUX befestigt, wenn er gegen Morgen sich zum Schlaf niederlegt, an seiner T\u00fcr ein Schild: Le po\u00e9te travaille [der Dichter arbeitet &#8211; wp]. BRETON notiert: &#8222;Still. Ich will, wo keiner noch hindurchgegangen ist, hindurchgehen, still! &#8211; Nach Ihnen, liebste Sprache.&#8220; Die hat den Vortritt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht vor dem Sinn. Auch vor dem Ich. Im Weltgef\u00fcge lockert der Traum die Individualit\u00e4t wie einen hohlen Zahn. Diese Lockerung des Ich durch den Rausch ist eben zugleich die fruchtbare, lebendige Erfahrung, die diese Menschen aus dem Bannkreis des Rausches heraustreten lie\u00df. Es ist hier nicht der Ort, die surrealistische Erfahrung in ihrer ganzen Bestimmtheit zu umrei\u00dfen. Wer aber erkannt hat, da\u00df es sich in den Schriften dieses Kreises nicht um Literatur, sondern um anderes: Manifestation, Parole, Dokument, Bluff, F\u00e4lschung wenn man will, nur eben nicht um Literatur handelt, wei\u00df damit auch, da\u00df hier buchst\u00e4blich von Erfahrungen, nicht von Theorien, noch weniger von Phantasmen die Rede ist. Und diese Erfahrungen beschr\u00e4nken sich durchaus nicht auf den Traum, auf Stunden des Haschischessens oder des Opiumrauchens. Es ist ja ein so gro\u00dfer Irrtum, zu meinen, von &#8222;surrealistischen Erfahrungen&#8220; kennten wir nur die religi\u00f6sen Ekstasen oder die Ekstasen der Drogen. Opium f\u00fcrs Volk hat LENIN die Religion genannt und damit diese beiden Dinge n\u00e4her zusammenger\u00fcckt, als es den Surrealisten lieb sein d\u00fcrfte. Es wird noch von dem bitteren, leidenschaftlichen Aufstand gegen den Katholizismus die Rede sein, als in welchem RIMBAUD, LAUTR\u00c9AMONT, APOLLINAIRE den Surrealismus zur Welt brachten. Die wahre, sch\u00f6pferische \u00dcberwindung religi\u00f6ser Erleuchtung aber liegt nun wahrhaftig nicht bei den Rauschgiften. Sie liegt in einer \u00a0profanen Erleuchtung,\u00a0 einer materialistischen, anthropologischen Inspiration, zu der Haschisch, Opium und was immer sonst die Vorschule abgeben k\u00f6nnen. (Aber eine gef\u00e4hrliche. Und die der Religionen ist strenger.) Diese profane Erleuchtung hat den Surrealismus nicht immer auf ihrer, seiner H\u00f6he gefunden, und gerade die Schriften, die sie am kr\u00e4ftigsten bekunden, ARAGONs unvergleichlicher &#8222;Paysan de Paris&#8220; [Der Pariser Bauer &#8211; wp] und BRETONs &#8222;Nadja&#8220; zeigen da sehr st\u00f6rende Ausfallserscheinungen. So findet sich in der &#8222;Nadja&#8220; eine ausgezeichnete Stelle \u00fcber die &#8222;hinrei\u00dfenden Pariser Pl\u00fcnderungstage im Zeichen SACCOs und VANZETTIs&#8220;, und BRETON schlie\u00dft daran die Versicherung, der Boulevard Bonne-Nouvelle habe an diesen Tagen das strategische Versprechen der Revolte eingel\u00f6st, das sein Name schon immer gegeben habe. Es kommt aber auch Madame SACCO vor, und das ist nicht die Frau von FULLERs Opfer, sondern eine voyante, eine Hellseherin, die 3 Rue des Usines wohnt und PAUL ELUARD zu erz\u00e4hlen wei\u00df, da\u00df ihm von Nadja nichts Gutes bevorstehe. Nun gestehen wir dem halsbrecherischen Weg des Surrealismus, der \u00fcber D\u00e4cher, Blitzableiter, Regenrinnen, Veranden, Wetterfahnen, Stukkaturen geht &#8211; dem Fassadenkletterer m\u00fcssen alle Ornamente zum Besten dienen -, wir gestehen ihm zu, da\u00df er auch ins feuchte Hinterzimmer des Spiritismus hineinlange. Aber nicht gern h\u00f6ren wir ihn behutsam gegen die Scheiben klopfen, um wegen seiner Zukunft nachzufragen. Wer m\u00f6chte nicht diese Adoptivkinder der Revolution auf genaueste von allem geschieden wissen, was in den Konventikeln von abgetakelten Stiftsdamen, pensionierten Majoren, emigrierten Schiebern sich abspielt?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00fcbrigen ist BRETONs Buch wohl geschaffen, einige Grundz\u00fcge dieser &#8222;profanen Erleuchtung&#8220; daran zu erl\u00e4utern. Er nennt &#8222;Nadja&#8220; ein &#8222;livre \u00e1 porte battante&#8220;, ein &#8222;Buch, wo die T\u00fcr klappt&#8220;. (In Moskau wohnte ich in einem Hotel, in dem fast alle Zimmer von tibetanischen Lamas belegt waren, die zu einem Kongre\u00df der gesamten buddhistischen Kirchen von Moskau gekommen waren. Es fiel mir auf, wieviele T\u00fcren in den G\u00e4ngen des Hauses stets angelehnt standen. Was erst ein Zufall schien, wurde mir unheimlich. Ich erfuhr: in solchen Zimmern wohnten Angeh\u00f6rige einer Sekte, die gelobt hatten, sich nie in geschlossenen R\u00e4umen aufzuhalten. Den Schock, den ich damals erfuhr, mu\u00df der Leser von &#8222;Nadja&#8220; versp\u00fcren.) Im Glashaus zu leben ist eine revolution\u00e4re Tugend par excellence. Auch das ist ein Rausch, ist ein moralischer Exhibitionismus, den wir sehr n\u00f6tig haben. Die Diskretion in Sachen eigener Existenz ist aus einer aristokratischen Tugend mehr und mehr zu einer Angelegenheit arrivierter Kleinb\u00fcrger geworden. &#8222;Nadja&#8220; hat die wahre, sch\u00f6pferische Synthese zwischen Kunstroman und Schl\u00fcsselroman gefunden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man braucht \u00fcbrigens &#8211; und auch darauf f\u00fchrt &#8222;Nadja&#8220; &#8211; nur mit der Liebe Ernst zu machen, um auch in ihr eine &#8222;profane Erleuchtung&#8220; zu erkennen. &#8222;Ich habe&#8220;, erz\u00e4hlt der Verfasser, &#8222;mich gerade damals (d. h. zur Zeit des Umgangs mit Nadja) viel mit der Epoche LUDWIGs VII. besch\u00e4ftigt, weil es die Zeit der \u00a0Liebesh\u00f6fe\u00a0 war und ich suchte mir mit gro\u00dfer Intensit\u00e4t zu vergegenw\u00e4rtigen, wie man damals das Leben angesehen hat.&#8220; \u00dcber die provencalische Minne wissen wir nun von einem neuen Autor einiges Genaueres, das \u00fcberaschend nah an die surrealistische Konzeption der Liebe heranf\u00fchrt. &#8222;Alle Dichter des Neuen Stils besitzen&#8220; &#8211; so hei\u00dft es in ERICH AUERBACHs ausgezeichnetem &#8222;Dante als Dichter der irdischen Welt&#8220; &#8211; &#8222;eine mystische Geliebte, ihnen allen geschehen ungef\u00e4hr die gleichen sehr sonderbaren Liebesabenteuer, ihnen allen schenkt oder versagt Amore Gaben, die mehr einer Erleuchung als einem sinnlichen Genu\u00df gleichen, sie alle sind einer Art geheimer Verbindung angeh\u00f6rig, die ihr inneres und vielleicht auch ihr \u00e4u\u00dferes Leben bestimmt.&#8220; Es ist ja eigent\u00fcmlich mit der Dialektik des Rausches bestellt. Ist nicht vielleicht jede Ekstase in \u00a0einer\u00a0 Welt besch\u00e4mende N\u00fcchternheit in der komplement\u00e4ren? Worauf sonst will Minne &#8211; und sie, nicht Liebe, bindet BRETON an das telepathische M\u00e4dchen &#8211; hinaus, als da\u00df Keuschheit auch eine Entr\u00fccktheit ist? In eine Welt, die nicht nur an Herz-Jesu-Gr\u00fcfte oder Marien-Alt\u00e4re grenzt, sondern auch an den Morgen vor einer Schlacht oder nach einem Sieg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dame ist in der esoterischen Liebe das Unwesentlichste. So auch bei BRETON. Er ist mehr den Dingen nahe, denen NADJA nahe ist, als ihr selber. Welches sind nun die Dinge, denen sie nahe ist? Deren Kanon ist f\u00fcr den Surrealismus so aufschlu\u00dfreich wie nur m\u00f6glich. Wo beginnen? Er hat sich einer erstaunlichen Entdeckung zu r\u00fchmen. Er stie\u00df zuerst auf die revolution\u00e4ren Energien, die im &#8222;Veralteten&#8220; erscheinen, in den ersten Eisenkonstruktioinen, den ersten Fabrikgeb\u00e4uden, den fr\u00fchesten Photos, den Gegenst\u00e4nden, die anfangen auszusterben, den Salonfl\u00fcgeln, den Kleidern von vor f\u00fcnf Jahren, den mond\u00e4nen Versammlungslokalen, wenn die vogue [Mode &#8211; wp] beginnt sich von ihnen zur\u00fcckzuziehen. Wie diese Dinge zur Revolution stehen &#8211; niemand kann einen genaueren Begriff davon haben, als diese Autoren. Wie das Elend, nicht nur das soziale sondern genauso das architektonische, das Elend des Interieurs, die versklavten und versklavenden Dinge in revolution\u00e4ren Nihilismus umschlangen, das hat vor diesen Sehern und Zeichendeutern noch niemand gewahrt. Um von ARAGONs &#8222;Passage de l&#8217;Op\u00e9ra&#8220; zu schweigen: BRETON und NADJA sind das Liebespaar, das alles, was wir auf traurigen Eisenbahnfahrten (die Eisenbahnen beginnen zu altern), an gottverlassenen Sonntagnachmittagen in den Proletariervierteln der gro\u00dfen St\u00e4dte, im ersten Blick durchs regennasse Fenster einer neuen Wohnung erfuhren, in revolution\u00e4rer Erfahrung, wenn nicht Handlung, einl\u00f6sen. Sie bringen die gewaltigen Kr\u00e4fte der &#8222;Stimmung&#8220; zur Explosion, die in diesen Dingen verborgen sind. Was glauben Sie wohl, wie sich ein Leben gestalten w\u00fcrde, das sich in einem entscheidenden Augenblick gerade durch den letzten beliebtesten Gassenhauer bestimmen lie\u00dfe?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Trick, der diese Dingwelt bew\u00e4ltigt &#8211; es ist anst\u00e4ndiger hier von einem Trick als von einer Methode zu reden &#8211; besteht in der Auswechslung des historischen Blicks aufs Gewesene gegen den politischen. &#8222;Tut Euch auf, Gr\u00e4ber, Ihr, Tote der Pinakotheken, Leichname hinter spanischen W\u00e4nden, in Pal\u00e4sten, Schl\u00f6ssern und Kl\u00f6stern, hier steht der fabelhafte Schl\u00fcsselbewahrer, der einen Bund mit Schl\u00fcsseln aller Zeiten in H\u00e4nden h\u00e4lt, der wei\u00df, wie man auf die verschlagendsten Schl\u00f6sser zu dr\u00fccken hat und der Euch einl\u00e4dt, mitten hinein in die Welt von heute zu treten, Euch unter die Lasttr\u00e4ger, die Mechaniker zu mischen, die das Geld adelt, Euch h\u00e4uslich in ihren Automobilen niederzulassen, die sch\u00f6n sind wie R\u00fcstungen aus der Ritterzeit, in den internationalen Schlafwagen Platz zu nehmen und Euch mit all den Leuten zusammenzuschwei\u00dfen, die heute noch stolz auf ihre Vorrechte sind. Aber die Zivilisation wird kurzen Proze\u00df mit ihnen machen.&#8220; Diese Rede hat sein Freund HENRI HERTZ APOLLINAIRE in den Mund gelegt. Von APOLLINAIRE geht diese Technik aus. Er hat sie in seinem Novellenband &#8222;L&#8217;H\u00e9r\u00e9siarque&#8220; mit machiavellistischer Berechnung verwendet, um den Katholizismus (an dem er innerlich hing) in die Luft gehen zu lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Mittelpunkt dieser Dingwelt steht das Getr\u00e4umteste ihrer Objekte, die Stadt Paris selbst. Aber erst die Revolte treibt ihr surrealistisches Gesicht restlos heraus. (Menschenleere Stra\u00dfen, in denen Pfiffe und Sch\u00fcsse die Entscheidung diktieren.) Und kein Gesicht ist in dem Grad surrealistisch wie das wahre Gesicht einer Stadt. Kein Bild von CHIRICO oder MAX ERNST kann sich mit den scharfen Aufrissen ihrer Forts messen, die erst erobert und besetzt sein m\u00fcssen, um ihr Geschick und in ihrem Geschick, im Geschick ihrer Massen, das eigene zu meistern. NADJA ist ein Exponent dieser Massen und dessen, was sie revolution\u00e4r inspiriert: &#8222;La grande inconscience vive et sonore qui m&#8217;inspire mes seuls actes probants dans le sens o\u00fa toujours je veux prouver, qu&#8217;elle dispose \u00e1 tout jamais de tout ce qui est \u00e1 moi.&#8220; Hier also findet man das Verzeichnis dieser Befestigungen, angefangen von jener Place Maubert, wo sich wie nirgends sonst der Schmutz seine ganze symbolische Gewalt bewahrt hat, bis zu jenem &#8222;Th\u00e9\u00e2tre Moderne&#8220;, das ich untr\u00f6stlich bin, nicht mehr gekannt zu haben. Aber in BRETONs Schilderung der Bar im Obergescho\u00df &#8211; &#8222;ganz dunkel ist&#8217;s, tunnelartige Lauben, durch die man nicht durchfindet &#8211; ein Salon auf dem Grund eines Sees&#8220; &#8211; ist etwas, was mir jenen unverstandensten Raum des alten Prinze\u00df-Caf\u00e9s in Erinnerung bringt. Es war das Hinterzimmer im ersten Stock mit seinen Paaren im blauen Licht. Wir nannten es &#8222;die Anatomie&#8220;; es war das letzte Lokal f\u00fcr die Liebe. An solchen Stellen greift bei BRETON auf sehr merkw\u00fcrdige Weise die Photographie ein. Sie macht die Stra\u00dfen, Tore, Pl\u00e4tze der Stadt zu Jllustrationen eines Kolportageromans, zapft diesen jahrhundertealten Architekturen ihre banale Evidenz ab, um sie mit allerurspr\u00fcnglichster Intensit\u00e4t dem dargestellten Geschehen zuzuwenden, auf das genau wie in alten Dienstm\u00e4dchenb\u00fcchern wortgetreue Zitate mit Seitenzahlen verweisen. Und all die Orte von Paris, die hier auftauchen, sind Stellen, an denen das, was zwischen diesen Menschen ist, sich wie eine Dreht\u00fcr bewegt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das Paris der Surrealisten ist eine &#8222;kleine Welt&#8220;. Das hei\u00dft in der gro\u00dfen, im Kosmos, sieht es nicht anders aus. Auch dort gibt es carrefours [Kreuzungen &#8211; wp], an denen geisterhafte Signale aus dem Verkehr aufblitzen, unerdenkliche Analogien und Verschr\u00e4nkungen von Geschehnissen an der Tagesordnung sind. Es ist der Raum, von dem die Lyrik des Surrealismus Bericht gibt. Und das ist anzumerken, w\u00e4re es auch nur, um dem obligaten Mi\u00dfverst\u00e4ndnis des &#8222;l&#8217;art pour l&#8217;art&#8220; [Kunst um der Kunst willen &#8211; wp] zu begegnen. Denn das l&#8217;art pour l&#8217;art ist ja fast niemals buchst\u00e4blich zu nehmen gewesen, fast immer eine Flagge, unter der ein Gut segelt, das man nicht deklarieren kann, weil noch der Name fehlt. Es w\u00e4re der Augenblick, an ein Werk zu gehen, das wie kein anderes die Krisis der K\u00fcnste, von der wir Zeuge sind, erhellen w\u00fcrde: eine Geschichte der esoterischen Dichtung. Auch ist es keineswegs Zufall, da\u00df sie noch fehlt. Denn sie zu schreiben, wie sie geschrieben zu werden verlangt &#8211; also nicht als Sammelwerk, zu dem die einzelnen &#8222;Fachleute&#8220;, ein jeder auf seinem Gebiet &#8222;das Wissenswerteste beisteuern&#8220; -, sondern als fundierte Schrift eines einzelnen, der aus innerer N\u00f6tigung heraus weniger die Entwicklungsgeschichte als ein immer wieder erneutes urspr\u00fcngliches Aufleben der esoterischen Dichtung darstellte &#8211; so geschrieben w\u00e4re sie eine jener gelehrten Bekenntnisschriften, die in jedem Jahrhundert zu z\u00e4hlen sind. Auf ihrem letzten Blatt m\u00fc\u00dfte man das R\u00f6ntgenbild des Surrealismus finden. BRETON deutet in der &#8222;Introduction au Discours sur le peu de R\u00e9alite&#8220; an, wie der philosophische Realismus des Mittelalters der poetischen Erfahrung zugrunde liegt. Dieser Realismus aber &#8211; der Glaube also an eine wirkliche Sonderexistenz der Begriffe, sei es au\u00dferhalb der Dinge, sei es innerhalb ihrer &#8211; hat immer sehr schnell den \u00dcbergang aus dem logischen Begriffsreich ins magische Wortreich gefunden. Und magische Wortexperimente, nicht artistische Spielereien sind die passionierten phonetischen und graphischen Verwandlungsspiele, die sich nun schon f\u00fcnfzehn Jahre durch die gesamte Literatur der Avantgarde ziehen, sie m\u00f6ge Futurismus, Dadaismus oder Surrealismus hei\u00dfen. Wie hier Parole, Zauberformel und Begriff durcheinandergehen, das zeigen die folgenden Worte APOLLINAIREs aus seinem letzten Manifest: &#8222;L&#8217;Esprit nouveau et les Po\u00b4tes.&#8220; Da sagt er, 1918: &#8222;F\u00fcr die Geschwindigkeit und die Einfachheit, mit der wir alle uns daran gew\u00f6hnt haben, durch ein einziges Wort so komplexe Wesenheiten wie eine Menge, ein Volk, wie das Universum zu bezeichnen, gibt es nicht modernes Entsprechendes in der Dichtung. Die heutigen Dichter aber f\u00fcllen diese L\u00fccke aus; ihre synthetischen Dichtungen schaffen neue Wesen, deren plastische Erscheinung ebenso komplex ist wie die Wort f\u00fcr Kollektiva.&#8220; Wenn nun freilich APOLLINAIRE und BRETON in gleicher Richtung noch energischer vorsto\u00dfen, und den Anschlu\u00df des Surrealismus an die Umwelt mit der Erkl\u00e4rung vollziehen: &#8222;Die Eroberungen der Wissenschaft beruhen viel mehr auf einem surrealistischen als auf einem logischen Denken&#8220;, wenn sie mit anderen Worten die Mystifikation, deren Gipfel BRETON in der Poesie sieht (das l\u00e4\u00dft sich verteidigen), zur Grundlage auch wissenschaftlicher und technischer Entwicklung machen, so ist eine solche Integration zu st\u00fcrmisch. Es ist sehr lehrreich, den \u00fcberst\u00fcrzten Anschlu\u00df dieser Bewegung an das unverstandene Maschinenwunder &#8211; APOLLINAIRE: &#8222;Die alten Fabeln sind zum gro\u00dfen Teil realisiert, nun ist es an den Dichtern, neue zu erdenken, die die Erfinder ihrerseits dann wieder verwirklichen m\u00f6gen&#8220; -, diese schw\u00fclen Phantasien mit den gut ventilierten Utopien eines SCHEERBART zu vergleichen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Der Gedanke an alle menschliche Aktivit\u00e4t macht mich lachen&#8220;, diese \u00c4u\u00dferung von ARAGON bezeichnet recht deutlich, welchen Weg der Surrealismus von seinen Urspr\u00fcngen bis zu seiner Politisierung zu machen hatte. Mit Recht hat PIERRE NAVILLE, der dieser Gruppe urspr\u00fcnglich angeh\u00f6rte, in seiner ausgezeichneten Schrift &#8222;La R\u00e9volution et les Intellectuels&#8220; diese Entwicklung dialektisch genannt. Bei dieser Umwandlung einer extrem kontemplativen Haltung in die revolution\u00e4re Opposition spielt die Feindschaft der Bourgeoisie gegen jedwede Bekundung radikaler geistiger Freiheit eine Hauptrolle. Diese Feindschaft dr\u00e4ngte den Surrealismus nach links. Politische Ereignisse, vor allem der Marokkokrieg, beschleunigten diese Entwicklung. Mit dem Manifest &#8222;Die Intellektuellen gegen den Marokkokrieg&#8220;, das in der &#8222;Humanit\u00e9&#8220; erschien, war eine grunds\u00e4tzlich andere Plattform gewonnen, als etwa der ber\u00fchmte Skandal beim Bankett SAINT-POL-ROUX sie bezeichnet. Damals, kurz nach dem Krieg, als die Surrealisten, die die Feier eines von ihnen verehrten Dichters durch die Anwesenheit nationalistischer Elemente kompromittiert fanden, in den Ruf &#8222;Es lebe Deutschland&#8220; ausbrachen, blieben sie in den Grenzen des Skandals, gegen den die Bourgeosie bekanntlich ebenso dickfellig wie empfindlich gegen jede Aktion ist. Merkw\u00fcrdig die \u00dcbereinstimmung, in der unter dem Einflu\u00df solcher politischen Witterungen APOLLINAIRE und ARAGON die Zukunft des Dichters gesehen haben. Die Kapitel &#8222;Verfolgung&#8220; und &#8222;Mord&#8220; des &#8222;Po\u00e9te assassin\u00e9&#8220; bei APOLLINAIRE enthalten die ber\u00fchmte Schilderung eines Dichter-Progroms. Die Verlagsh\u00e4user werden gest\u00fcrmt, die Gedichtb\u00fccher ins Feuer geworfen, die Dichter erschlagen. Und die gleichen Szenen spielen sich zu gleicher Zeit auf der ganzen Erde ab. Bei ARAGON ruft in der Vorahnung solcher Greuel die &#8222;Imagination&#8220; ihre Mannschaft zu einem letzten Kreuzzug auf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man mu\u00df, um solche Prophetien zu verstehen und die Linie, die vom Surrealismus erreicht wurde, strategisch zu ermessen, sich danach umsehen, welche Denkart in der sogeannten wohlgesinnten linksb\u00fcrgerlichen Intelligenz verbreitet ist. Sie bekundet sich deutlich genug in der gegenw\u00e4rtigen Ru\u00dfland-Orientierung dieser Kreise. Wir reden hier nat\u00fcrlich nicht von B\u00c9RAUD, der der L\u00fcge \u00fcber Ru\u00dfland die Bahn gebrochen hat, oder von FABRE-LUCE, der ihm auf diesem gebahnten Weg als braver Esel, bepackt mit allen b\u00fcrgerlichen Ressentiments nachtrottet. Aber wie problematisch ist selbst das typische Vermittlerbuch DUHAMELs. Wie schwer ertr\u00e4glich die forciert aufrechte, forciert beherzte und herzliche Sprache des protestantischen Theologen, die es durchzieht. Wie verbraucht die von Verlegenheit und Sprachunkenntnis diktierte Methode, die Dinge in irgendeine symbolistische Beleuchtung zu r\u00fccken. Wie verr\u00e4terisch sein Resumee: &#8222;Die wahre, tiefere Revolution, die, welche in gewissem Sinne die Substanz der slawischen Seele selbst wandeln k\u00f6nnte, ist noch nicht erfolgt.&#8220; Es ist das Typische dieser linken franz\u00f6sischen Intelligenz &#8211; genau wie der entsprechenden russischen auch -, da\u00df ihre positive Funktion ganz und gar aus einem Gef\u00fchl der Verpflichtung, nicht gegen die Revolution, sondern gegen die \u00fcberkommene Kultur hervorgeht. Ihre kollektive Leistung, soweit sie positiv ist, n\u00e4hert sich der von Konservatoren. Politisch und wirtschaftlich aber wird man bei ihnen mit der Gefahr der Sabotage immer rechnen m\u00fcssen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Charakteristische dieser ganzen linksb\u00fcrgerlichen Position ist ihre unheilbare Verkupplung von idealistischer Moral mit politischer Praxis. Nur im Kontrast gegen die hilflosen Kompromisse der &#8222;Gesinnung&#8220; sind gewisse Kernst\u00fccke des Surrealismus, ja der surrealistischen Tradition, zu verstehen. Viel ist f\u00fcr dieses Verst\u00e4ndnis noch nicht geschehen. Zu verf\u00fchrerisch war es, den Satanismus eines RIMBAUD und LAUTR\u00c9AMONT als Pendant zum l&#8217;art pour l&#8217;art in einem Inventar des Snobismus zu fassen. Entschlie\u00dft man sich aber, diese romantische Attrape zu \u00f6ffnen, so findet man darin etwas Brauchbares. Man findet den Kult des B\u00f6sen als einen wie auch immer romantischen Desinfektions- und Isolierungsapparat der Politik gegen jeden moralisierenden Dilettantismus. In dieser \u00dcberzeugung wird man, st\u00f6\u00dft man bei BRETON auf das Szenario eines Schauerst\u00fccks, in dessen Mittelpunkt eine Kindersch\u00e4ndung steht, vielleicht um ein paar Jahrzehnte zur\u00fcckgreifen. Es haben in den Jahren 1865 bis 1875 einige gro\u00dfe Anarchisten, ohne voneinander zu wissen, an ihren H\u00f6llenmaschinen gearbeitet. Und das Erstaunliche ist: sie haben unabh\u00e4ngig voneinander deren Uhr genau auf die gleiche Stunde gestellt und vierzig Jahre sp\u00e4ter explodierten in Westeuropa die Schriften DOSTOJEWSKIs, RIMBAUDs und LAUTR\u00c9AMONTs zu gleicher Zeit. Man k\u00f6nnte, um genauer zu sein aus dem Gesamtwerk DOSTOJEWSKIs die eine Stelle herausgreifen, die wirklich erst um 1915 ver\u00f6ffentlicht wurde: &#8222;Stavrogins Beichte&#8220; aus den D\u00e4monen. Dieses Kapitel, das sich aufs engste mit dem dritten Gesang der &#8222;Chants de Maldoror&#8220; ber\u00fchrt, enth\u00e4lt eine Rechfertigung des B\u00f6sen, die gewisse Motive des Surrealismus gewaltiger auspr\u00e4gt als es irgendeinem seiner heutigen Wortf\u00fchrer gelungen ist. Denn STAVROGIN ist ein Surrealist avant la lettre [Druckvorlage eines Surrealisten &#8211; wp]. Es hat keiner so wie er begriffen, wie ahnungslos die Meinung de Spie\u00dfer ist, das Gute sei zwar bei aller m\u00e4nnlichen Tugend dessen, der es \u00fcbt, von Gott inspiriert; das B\u00f6se aber, das stamme ganz aus unserer Spontaneit\u00e4t, darin seien wir selbst\u00e4ndig und ganz und gar auf uns gestellte Wesen. Keiner hat wie er auch im gemeinsten Tun und gerade in ihm die Inspiration gesehen. Er hat noch die Niedertracht als etwas so im Weltlauf, doch auch in uns selber Pr\u00e4formiertes, uns Nahgelegtes, wenn nicht Aufgegebenes erkannt, wie der idealistische Bourgeois die Tugend. DOSTOJEWSKIs Gott hat nicht nur Himmel und Erde und Mensch und Tier geschaffen, sondern auch die Gemeinheit, die Rache, die Grausamkeit. Und auch hier lie\u00df er sich nicht vom Teufel ins Handwerk pfuschen. Darum sind sie alle bei ihm ganz urspr\u00fcnglich, vielleicht nicht &#8222;herrlich&#8220;, aber ewig neu &#8222;wie am ersten Tag&#8220; und himmelweit entfernt von den Klischees, unter denen dem Philister die S\u00fcnde erscheint.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gro\u00df ist die Spannung ist, die die erw\u00e4hnten Dichter zu ihrer erstaunlichen Fernwirkung bef\u00e4higt, belegt auf geradezu skurrile Art der Brief, den IDSIDORE DUCASSE am 23. Oktober 1869 an seinen Verleger richtet, um ihm sein Dichten plausibel zu machen. Da stellt er sich in eine Reihe mit MICKIEWICZ, MILTON, SOUTHEY, ALFRED de MUSSET, BAUDELAIRE und sagt: &#8222;Nat\u00fcrlich habe ich den Ton etwas voller genommen, um etwas Neues in diese Literatur einzuf\u00fchren, die doch die Verzweiflung nur singt, um den Leser niederzudr\u00fccken und auf da\u00df er dann das Gute als Heilmittel desto st\u00e4rker ersehne. So singt man also schlie\u00dflich doch immer nur das Gute, nur die Methode ist philosophischer und weniger naiv als die der alten Schule, von der nur VICTOR HUGO und einige andere sich noch am Leben befinden.&#8220; Steht aber LAUTR\u00c9AMONTs erratisches Buch \u00fcberhaupt in irgendeinem Zusammenhang, l\u00e4\u00dft es sich vielmehr in einen stellen, so ist es der der Insurrektion. Es war darum ein sehr begreiflicher und ansich nicht einsichtloser Versuch, den SOUPAULT 1927 in seiner Ausgabe der s\u00e4mtlichen Werke machte, ISIDORE DUCASSE eine politische Vita zu schreiben. Leider gibt es keine Dokumente f\u00fcr sie, und da\u00df SOUPAULT welche heranzog, beruhte auf einer Verwechslung. Dagegen ist erfreulicherweise ein entsprechender Versuch bei RIMBAUD gegl\u00fcckt, und es ist das Verdienst von MARCEL COULON, sein wahres Bild gegen die katholische Usurpation durch CLAUDEL und BERRICHON verteidigt zu haben. RIMBAUD ist Katholik, jawohl, aber er ist es, seiner Selbstdarstellung nach, an seinem elendesten Teil, den er nicht m\u00fcde wird zu denunzieren, seinem und jedem Ha\u00df, seiner und jeglicher Verachtung auszuliefern: dem Teil, der ihn zum Bekenntnis zwingt, die Revolte nicht zu verstehen. Aber das ist das Bekenntnis eines Kommunarden, der sich selbst nicht genug tun konnte, und als er der Dichtung den R\u00fccken kehrte, der Religion schon l\u00e4ngst in seiner fr\u00fchesten Dichtung den Abschied gegeben hatte. &#8222;Ha\u00df, dir habe ich meinen Schatz anvertraut&#8220;, schreibt er in der &#8222;Saison en Enfer&#8220;. Auch an diesem Wort k\u00f6nnte eine Poetik des Surrealismus sich hochranken und die w\u00fcrde sogar ihre Wurzeln tiefer als jene Theorie der &#8222;surprise&#8220;, des \u00fcberraschten Dichtens, die von APOLLINAIRE stammt, bis in die Tiefe POEscher Gedanken hinabsenken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit BAKUNIN hat es in Europa keinen radikalen Begriff von Freiheit mehr gegeben. Die Surrealisten haben ihn. Sie sind die ersten, das liberale moralisch-humanistisch verkalkte Freiheitsideal zu erledigen, weil ihnen feststeht, da\u00df &#8222;die Freiheit, die auf dieser Erde nur mit tausend h\u00e4rtesten Opfern erkauft werden kann, uneingeschr\u00e4nkt, in ihrer F\u00fclle und ohne jegliche pragmatische Berechnung will genossen werden, solange sie dauert.&#8220; Und das beweist ihnen, &#8222;da\u00df der Befreiungskampf der Menschheit in seiner schlichtesten revolution\u00e4ren Gestalt (die doch, und gerade, die Befreiung in jeder Hinsicht ist), die einzige Sache bleibt, der zu dienen sich lohnt&#8220;. Aber gelingt es ihnen, diese Erfahrung von Freiheit mit der anderen revolution\u00e4ren Erfahrung zu verschwei\u00dfen, die wir doch anerkennen m\u00fcssen, weil sie hatten: mit dem Konstruktiven, Diktatorischen der Revolution? Kurz &#8211; die Revolute an die Revolution zu binden? Wie haben wir ein Dasein, das ganz und gar auf den Boulevard Bonne-Nouvelle sich ausrichtet, in R\u00e4umen von Le CORBUSIER und OUD uns vorzustellen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kr\u00e4fte des Rausches f\u00fcr die Revolution zu gewinnen, darum kreist der Surrealismus in allen B\u00fcchern und Unternehmen. Das darf er seine eigenste Aufgabe nennen. F\u00fcr die ist&#8217;s nicht damit getan, da\u00df, wie wir wissen, eine rauschhafte Komponente in jedem revolution\u00e4ren Akt lebendig ist. Sie ist identisch mit der anarchischen. Den Akzent aber ausschlie\u00dflich auf diese setzen, das hie\u00dfe die methodische und disziplin\u00e4re Vorbereitung der Revolution v\u00f6llig zugunsten einer zwischen \u00dcbung und Vorfeier schwankenden Praxis hintansetzen. Hinzu kommt eine allzu kurz gefa\u00dfte, undialektische Anschauung vom Wesen des Rausches. Die \u00c4sthetik des peintre [des Malers &#8211; wp], des po\u00e9te &#8222;en \u00e9tat de surprise&#8220; [Zustand der \u00dcberraschung &#8211; wp], der Kunst als Reaktion des \u00dcberraschten ist in einigen sehr verh\u00e4ngnisvollen romantischen Vorurteilen befangen. Jede ernsthafte Ergr\u00fcndung der okkulten, surrealistischen, phantasmagorischen Gaben und Ph\u00e4nomene hat eine dialektische Verschr\u00e4nkung zur Voraussetzung, die ein romantischer Kopf sich niemals aneignen wird. Es bringt uns n\u00e4mlich nicht weiter, die r\u00e4tselhafte Seite am R\u00e4tselhaften pathetisch oder fanatisch zu unterstreichen; vielmehr durchdringen wir das Geheimnis nur in dem Grad, als wir es im Allt\u00e4glichen wiederfinden, kraft einer dialektischen Optik, die das Allt\u00e4glich als undurchdringlich, das Undurchdringlich als allt\u00e4glich erkennt. Die passionierteste Untersuchung telepathischer Ph\u00e4nomene wird einen zum Beispiel \u00fcber das Lesen (das ein eminent telepathischer Vorgang ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Lesens \u00fcber die telepathischen Ph\u00e4nomene. Oder: die passionierteste Untersuchung des Haschischrausches wird einen \u00fcber das Denken (das ein emientes Narkotikum ist) nicht halb soviel lehren, wie die profane Erleuchtung des Denkens \u00fcber den Haschischrausch. Der Leser, der Denkende, der Wartende, der Flaneur sind ebensowohl Typen des Erleuchteten wie der Opiumesser, der Tr\u00e4umer, der Berauschte. Und sind profanere. Ganz zu schweigen von jener f\u00fcrchterlichsten Droge &#8211; uns selber -, die wir in der Einsamkeit zu uns nehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Kr\u00e4fte des Rausches f\u00fcr die Revolution zu gewinnen&#8220; &#8211; mit anderen Worten: Dichterische Politik? &#8222;Nous en avons soup\u00e9. Alles lieber als das!&#8220; Nun &#8211; es wird Sie umso mehr interessieren, wie sehr ein Exkurs in die Dichtung die Dinge kl\u00e4rt. Denn: was ist das Programm der b\u00fcrgerlichen Parteien? Ein schlechtes Fr\u00fchlingsgedicht. Mit Vergleichen bis zum Platzen gef\u00fcllt. Der Sozialist sieht jene &#8222;sch\u00f6nere Zukunft unserer Kinder und Enkel&#8220; darin, da\u00df alle handeln, &#8222;als w\u00e4ren sie Engel&#8220; und jeder soviel hat, &#8222;als w\u00e4re er reich&#8220; und jeder so lebt, &#8222;als w\u00e4re er frei&#8220;. Von Engeln, Reichtum, Freiheit keine Spur. Alles nur Bilder. Und der Bilderschatz dieser sozialdemokratischen Vereinsdichter? Ihre &#8222;Gradus ad parnassum&#8220; [Stufen zum Sitz der Musen &#8211; wp]. Der Optimismus. Da sp\u00fcrt man dann doch andere Luft in der Schrift von NAVILLE, die die &#8222;Organisierung des Pessimismus&#8220; zur Forderung des Tages macht. Im Namen seiner literarischen Freunde stellt er ein Ultimatum, an dem unfehlbar dieser gewissenlose, dieser dilettantische Optimismus Farbe bekennen mu\u00df: Wo liegen die Voraussetzungen der Revolution? In der \u00c4nderung der Gesinnung oder der \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnisse? Das ist die Kardinalfrage, die das Verh\u00e4ltnis von Politik und Moral bestimmt und die keine Vertuschung zul\u00e4\u00dft. Der Surrealismus ist ihrer kommunistischen Beantwortung immer n\u00e4her gekommen. Und das bedeutet: Pessimismus auf der ganzen Linie. Jawohl und durchaus. Mi\u00dftrauen in das Geschick der Literatur, Mi\u00dftrauen in das Geschick der Freiheit, Mi\u00dftrauen in das Geschick der europ\u00e4ischen Menschheit, vor allem aber Mi\u00dftrauen, Mi\u00dftrauen und Mi\u00dftrauen in alle Verst\u00e4ndigung: zwischen den Klassen, zwischen den V\u00f6lkern, zwischen den Einzelnen. Und unbegrenztes Mi\u00dftrauen in I. G. Farben und die friedliche Vervollkommnung der Luftwaffe. Aber was nun, was dann?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier tritt die Einsicht in ihr Recht, die im &#8222;Trait\u00e9 du Style&#8220;, ARAGONs letztem Buch, die Unterscheidung von Vergleich und Bild verlangt. Eine gl\u00fcckliche Einsicht in Stilfragen, die erweitert sein will. Erweiterung: nirgends treffen diese beiden &#8211; Vergleich und Bild &#8211; so drastisch und so unvers\u00f6hnlich wie in der Politik aufeinander. Den Pessimismus organisieren hei\u00dft n\u00e4mlich nichts anderes als die moralische Metapher aus der Politik herausbef\u00f6rdern und im Raum des politischen Handelns den hundertprozentigen Bildraum entdecken. Dieser Bildraum aber ist kontemplativ \u00fcberhaupt nicht mehr auszumessen. Wenn es die doppelte Aufgabe der revolution\u00e4ren Intelligenz ist, die intellektuelle Vorherrschaft der Bourgeosie zu st\u00fcrzen und den Kontakt mit den proletarischen Massen zu gewinnen, so hat sie vor dem zweiten Teil dieser Aufgabe fast v\u00f6llig versagt, weil er nicht mehr kontemplativ zu bew\u00e4ltigen ist. Und doch hat das die wenigsten gehindert, sie immer wieder so zu stellen, als w\u00e4re sie es, und nach proletarischen Dichtern, Denkern und K\u00fcnstlern zu rufen. Dagegen mu\u00dfte schon TROTZKI &#8211; in &#8222;Literatur und Revolution&#8220; &#8211; darauf verweisen, da\u00df sie nur aus einer siegreichen Revolution hervorgehen werden. In Wahrheit handelt es sich viel weniger darum, den K\u00fcnstler b\u00fcrgerlicher Abkunft zum Meister der &#8222;Proletarischen Kunst&#8220; zu machen, als ihn, und sei es auf Kosten seines k\u00fcnstlerischen Wirkens, an wichtigen Orten dieses Bildraums in Funktion zu setzen. Ja, sollte nicht vielleicht die Unterbrechung seiner &#8222;K\u00fcnstlerlaufbahn&#8220; ein wesentlicher Teil dieser Funktion sein?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Desto besser werden die Witze, die er erz\u00e4hlt. Und desto besser erz\u00e4hlt er sie. Denn auch im Witz, in der Beschimpfung, im Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, \u00fcberall, wo ein Handeln selber das Bild aus sich herausstellt und ist, in sich hineinrei\u00dft und fri\u00dft, wo die N\u00e4he sich selbst aus den Augen sieht, tut dieser gesuchte Bildraum sich auf, die Welt allseitiger und integraler Aktualit\u00e4t, in der die &#8222;gute Stube&#8220; ausf\u00e4llt, der Raum mit einem Wort, in welchem der politische Materialismus und die physische Kreatur den inneren Menschen, die Psyche, das Individuum oder was wir ihnen sonst vorwerfen wollen, nach dialektischer Vernichtung &#8211; wird dieser Raum noch Bildraum, und konkreter: Leibraum sein. Denn es hilft nichts, das Eingest\u00e4ndnis ist f\u00e4llig: Der metaphysische Materialismus VOGTscher und BUCHARINscher Observanz l\u00e4\u00dft sich in den anthropologischen Materialismus, wie die Erfahrung der Surrealisten und fr\u00fcher eines HEBBEL, GEORG B\u00dcCHNER, NIETZSCHE, RIMBAUD ihn belegt , nicht bruchlos \u00fcberf\u00fchren. Es bleibt ein Rest. Auch das Kollektivum ist leibhaft. Und die Physis, die sich in der Technik ihm organisiert, ist nach ihrer ganzen politischen und sachlichen Wirklichkeit nur in jenem Bildraum zu erzeugen, in welchem die profane Erleuchtung uns heimisch macht. Erst wenn sich in ihr Leib und Bildraum so tief durchdringen, da\u00df alle revolution\u00e4re Spannung leibliche kollektive Innervation [Nervenimpulse &#8211; wp]), alle leiblichen Innervationen des Kollektivs revolution\u00e4re Entladung werden, hat die Wirklichkeit sich so sehr selbst \u00fcbertroffen, wie das kommunistische Manifest es fordert. F\u00fcr den Augenblick sind die Surrealisten die einzigen, die seine heutige Order begriffen haben. Sie geben, Mann f\u00fcr Mann, ihr Mienenspiel im Tausch gegen das Zifferblatt eines Weckers, der jede Minute sechzig Sekunden lang anschl\u00e4gt.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der S\u00fcrrealismus<\/strong> (Die letzte Momentaufnahme der europ\u00e4ischen Intelligenz), von Walter Benjamin in Literarische Welt, Nr. 5, Berlin 1929<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnerte KUNO in 2020 an diesen undogmatischen Denker und lie\u00df die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; &#8222;Seit Bakunin hat es in Europa keinen radikalen Begriff von Freiheit mehr gegeben. Die Surrealisten haben ihn. 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