{"id":65987,"date":"2020-08-05T00:01:00","date_gmt":"2020-08-04T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=65987"},"modified":"2020-08-05T09:42:08","modified_gmt":"2020-08-05T07:42:08","slug":"rockstar-5-0","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/05\/rockstar-5-0\/","title":{"rendered":"Rockstar 5.0"},"content":{"rendered":"\n<p>Mannheim, Altstadt. Der Rickenbacker h\u00e4ngt vor den Knien, im Hintergrund wird angez\u00e4hlt. Erste Schl\u00fcpfer, mit Schei\u00dfe gef\u00fcllt, segeln gen B\u00fchne, landen sattsam auf den Verst\u00e4rkern, D\u00fcnnes spritzt seitw\u00e4rts. Die Boys sind begeistert. Als Intro gibt es \u00bbJohnny wills wissen\u00ab, eine Musik gewordene Abhandlung \u00fcber den Gitarristen, der vor allem von den Damen \u00fcber 60 f\u00fcr sein puttenhaftes Antlitz verehrt wird. Sie nennen ihn \u00bbPorzellan-Andy\u00ab, nichtsahnend, dass die vornehme Bl\u00e4sse vor allem durch die t\u00e4gliche Verklebung DIN A4 gro\u00dfer Fentanyl-Pflaster gef\u00f6rdert wird. Andy erz\u00e4hlt von seinen Pigmentst\u00f6rungen, seiner Sonnenallergie und seinem Engagement f\u00fcr genderkonforme Sprache, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Er kann es kaum noch ertragen, das politisch korrekte Gew\u00e4sch, die hundertvierte Form menschlicher Verpuppung, nach metro- und sapiosexuell jetzt noch heteroflexible, Cis-Woman, Dosh-Man, Lapsus-Oversex und hinter jedem zweitem Wort Sternchen*\/Slash und acht alternative Endungen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDa wird wieder \u00d6strogen ins semantische Grundwasser gekippt\u00ab, jammert Andy, aber er kommt nicht weit. Die Audienz stimmt einen Choral an und bezeichnet ihn mehrstimmig-einstimmig als Nazi, na klar, verdienterma\u00dfen. Er sprach zwar nur von seinem Sprachverdruss, aber in Wirklichkeit war er ganz vorne mit dabei, als Mengele in einem seiner Lieblingslager mit L\u00f6tkolben und Schwei\u00dfbrenner nach der Wahrheit gesucht hat. Aber wen k\u00fcmmerts. Die Boys rocken los, und, genau wie fr\u00fcher, sogleich werden allerorten H\u00f6rst\u00fcrze und Trommelfellfrakturen beklagt. Recht so, wer Zwietracht s\u00e4t, soll Zorn ernten. Unsere halbw\u00fcchsigen Gehilfen kommen von hinten zum B\u00fchnenrand und raffen einen Schlauch in die H\u00f6he, nehmen Ma\u00df, zielen auf die erste Reihe. Diese gibt sich unbeeindruckt, posiert neckisch kokett mit gesch\u00fcrzten Lippen. Wider Erwarten kommt kein Stroh-Rum, sondern ein Schwall F\u00e4kales durch die \u00d6ffnung, sorgt f\u00fcr spitze Freudenschreie und steilen Follower-Zuwachs bei Selfie-Liebhabern und Influencern der braunen Szene. Durchfall und geronnenes Fett vom letzten Thanksgiving-Truthahn schie\u00dft mit 10 Bar gen Publikum, alle Welt jubiliert. Die Band stimmt derweil das zweite St\u00fcck an, es hei\u00dft \u00bbFranky hats nicht drauf\u00ab und handelt von Franky, dem S\u00e4nger, und seiner erfolglosen Kandidatur f\u00fcr die Jusos bei der letzten Bundestagswahl. Das Jammern ist gro\u00df, aber auch dieser Tag geht mal zu Ende. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-large-font-size\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Rockstar 5.0<\/strong> von Philipp Schiemann. Killroy Media, 2020<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Rockstar_Cover-660x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-65989\" width=\"165\" height=\"256\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Angelehnt  an den Roman &#8222;\u00dcber Kunst&#8220; beschreibt &#8222;Rockstar 5.0&#8220; den bis ins  Groteske gesteigerten Touralltag einer Punkrockband im Deutschland des  Jahres 2019. &#8222;Die in diesem Text enthaltene Gesellschaftskritik&#8220;, so  Schiemann, &#8222;hat mir viel Spa\u00df gemacht und war l\u00e4ngst f\u00e4llig&#8220;. In  tagebuchartigen Skizzen persifliert der Autor das prek\u00e4re Dasein einer  altbackenen Rockband w\u00e4hrend ihrer Deutschlandtour im Jahr 2018. Eine  \u00e4tzende Satire, die sich gegen den aktuellen Zeitgeist Deutschlands und  seine mehr oder weniger popul\u00e4ren Protagonisten richtet und nicht davor  zur\u00fcckschreckt, die Dinge beim Namen zu nennen. In einer Zeit, die  unentschlossen zwischen sprachlicher Verrohung und Tabuisierung  schwankt, die in allen Lagern mit Trittbrettfahrern und Pappkameraden  gl\u00e4nzt, ein l\u00e4ngst f\u00e4lliges Statement ohne R\u00fccksicht auf Verluste. <\/p>\n\n\n\n<p>KUNO empfiehlt in diesem Zusammenhang auch <strong>I\u2019m a poet<\/strong>. CD1 Philipp Schiemann, Live in Deutschland. CD2 San Fransisco Anthology, 10 Bay Area Poets. Killroy Media, 2000 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend  \u2192<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1991 legen der <em>Sprechsteller<\/em> A. J. Weigoni und der Musiker und Komponist Frank Michaelis die zum Schlagwort gewordenen <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/18\/literaturclips-2\/\">Literaturclips<\/a><\/em> beim Dortmunder Independent-Label <em>Constrictor<\/em> auf dem neuen Medium der <em>Compact Disc<\/em> (kurz CD, englisch f\u00fcr <em>kompakte Scheibe<\/em>) vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mannheim, Altstadt. Der Rickenbacker h\u00e4ngt vor den Knien, im Hintergrund wird angez\u00e4hlt. Erste Schl\u00fcpfer, mit Schei\u00dfe gef\u00fcllt, segeln gen B\u00fchne, landen sattsam auf den Verst\u00e4rkern, D\u00fcnnes spritzt seitw\u00e4rts. Die Boys sind begeistert. Als Intro gibt es \u00bbJohnny wills wissen\u00ab, eine&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/05\/rockstar-5-0\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":202,"featured_media":65989,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2607],"class_list":["post-65987","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-philipp-schiemann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65987","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/202"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65987"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65987\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65987"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65987"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}