{"id":65971,"date":"2006-06-23T00:01:00","date_gmt":"2006-06-22T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=65971"},"modified":"2021-03-26T11:30:44","modified_gmt":"2021-03-26T10:30:44","slug":"einmal-fliegen-noch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/06\/23\/einmal-fliegen-noch\/","title":{"rendered":"Einmal fliegen noch"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es bleibt dabei, und es ist nicht zu leugnen: Michael Sch\u00f6nauer hat ein H\u00e4ndchen f\u00fcr gute Schreibe mit Spunk. Bj\u00f6rn Ludwig ist der n\u00e4chste Pfeffersprecher in der Reihe &#8222;killroy 10+1 stories&#8220;. &#8222;Einmal fliegen noch&#8220; hab ich, mit einer Flasche Gr\u00fcnem Veltliner, in zw\u00f6lf Stunden runtergegurgelt. Eine Wucht, das Buch, sowohl was die Schreibe als auch was die beschriebenen Gestalten angeht. Man vergi\u00dft das Buch nicht wieder, wenn man es einmal intus hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titel und die von Sch\u00f6nauer ausgew\u00e4hlten Textzitate auf dem Cover suggerieren zun\u00e4chst einen dieser \u00fcblichen, im Moment ja immer noch ach so trendigen Berlin-Gro\u00dfstadtromane. Man denkt erst: Ach Gott, derlei Zeug hab ich in den letzten Jahren doch schon jenuch jelesen, oder nich? Aber ich, als alter Killroy-Freak, wei\u00df inzwischen aus Erfahrung, da\u00df bei Sch\u00f6nauer nie &#8222;das \u00dcbliche&#8220; zu finden ist, da\u00df in seinen B\u00fcchern immer mehr drin ist als &#8222;man&#8220; vermutet. Und so ist es auch hier. Bj\u00f6rn Ludwigs Buch ist keinesfalls einer der \u00fcblichen Berlin-Romane, schon allein weil hier der eine lebenswichtige Faktor vorhanden ist, der bei herk\u00f6mmlichen Berlin-Romanen meist fehlt: Authentizit\u00e4t. Es geht in &#8222;Einmal fliegen noch&#8220; um einen Kreuzberger Hardcore-Alkoholiker namens Nils (der, anders als der Klappentext schreibt, f\u00fcr mich weniger ein Lebens-, sondern eher ein \u00dcberlebensk\u00fcnstler ist), der in einer Bar eine durchgeknallte polnische Boxerschnalle trifft und dann mit ihr durch den Sommer 2000 kajolt, bis zum g\u00e4nsehauterregenden Finale am Norweger Prejkestolen. Und das ist so lebensecht und unromantisch erz\u00e4hlt, da\u00df einem die Haare zu Berge stehen. Ludwig kennt sich aus, und das ist vor allem in den Details ersichtlich: da\u00df seine Schnalle, wenn sie sich \u00e4rgert, immer ohne jeden Artikel spricht, ist kein cooler Gag, sondern fu\u00dft darauf, da\u00df es im Polnischen keine Artikel gibt. Und die Begleiterscheinungen beim Fuselabusus hab ich lange nicht mehr so rigoros ehrlich und authentisch beschrieben gefunden: Pegel halten, Schwei\u00dfausbr\u00fcche, Entzug statt Kater, Trennung von Essen und Trinken (&#8222;grizzlyartiger Hunger&#8220;, wenn auf Entzug, wenn nicht, ersetzt der Fusel den Fra\u00df) und die \u00fcblichen Ausreden: gibt es einen Unterschied zwischen Trinker und S\u00e4ufer? Ist es ein Fortschritt, wenn der Alkoholiker sagen kann, er trinkt doch im Moment &#8222;nur Bier&#8220;?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">HEL Toussaint sagte mal, ein Schriftsteller ist erst dann einer, wenn er mindestens eine Gestalt geschaffen hat, die lebt. Die wirklich lebt! Benjamin von Stuckrad-Barres Heinis leben nicht, das sind Marionetten aus Teer, genauso die Figuren aus Houellebecqs Romanen. Aber Bj\u00f6rn Ludwigs Nils lebt. Man riecht ihn, h\u00f6rt ihn, f\u00fchlt ihn, sieht ihn. Man liest das Buch und f\u00fchlt sich NICHT allein, und das ist das Gro\u00dfe an diesem Roman. Ich w\u00fcnsche mir mehr von diesem Autor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Einmal fliegen noch<\/strong> von Bj\u00f6rn Ludwig. Killroy Media, 2006<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"160\" height=\"243\" class=\"wp-image-65974\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Fliegen_Cover.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat seit jeher ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es bleibt dabei, und es ist nicht zu leugnen: Michael Sch\u00f6nauer hat ein H\u00e4ndchen f\u00fcr gute Schreibe mit Spunk. 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