{"id":65934,"date":"2000-06-01T00:01:00","date_gmt":"2000-05-31T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=65934"},"modified":"2022-02-17T15:59:55","modified_gmt":"2022-02-17T14:59:55","slug":"junkie-ufer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/06\/01\/junkie-ufer\/","title":{"rendered":"Junkie-Ufer"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Landkarte der Literatur ist es nicht weit von der &#8222;Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen&#8220; (Steinbeck) bis zum &#8222;Junkie-Ufer&#8220; des Kersten Flenter. Dutzende von Geschichten und Romanen berichten von diesem Freiraum, den es, vorzugsweise &#8222;On the road&#8220; (Kerouac), buchst\u00e4blich zu erfahren gilt. Allen ihren Helden ist eins gemein: Sie bewegen sich (oder verharren) in einem geschlossenen System, in dem nur K\u00fcrze und Freaks sich auskennen: einem System, das sich vor allem durch Abgrenzung definiert: der Drop-out der Sixties ebenso wie die zeitlosen Gestalten, die hierzulande &#8222;vogelfrei&#8220; und in den USA &#8222;outlaw&#8220; genannt werden, sind anders (und werden als abartig verfolgt) in Denk- und Verhaltensweise, sind zerbrechlich, sehr zerbrechlich: aber sie strahlen eine Liebensw\u00fcrdigkeit aus, die sich dem Ged\u00e4chtnis des Lesers einpr\u00e4gt; und: durch sie gewinnt unsere &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; des Alltags einen Glanz (der auch: das Fremde des Abenteuers genannt werden kann), der \u00dcberleben erleichtert. Eine solche kleine Welt, nur bedingt sch\u00f6n, nur ungern als wahr akzeptabel, und gewiss nur f\u00fcr denjenigem, der relativ unbeschadet mitleiden darf, &#8211; einen solchen Topos des Verr\u00fcckten (im tats\u00e4chlichen wie \u00fcbergeordneten Sinne: Schief- &amp; Schr\u00e4glage signalisierend, die unser Wahrnehmungsverm\u00f6gen, das festgef\u00fcgte-geeichte, ins Wanken zu bringen vermag) hat auch der Hannoveraner Autor (Jahrgang 66) zu Tage gef\u00f6rdert. Er tut es mit einem Blick, der bei aller \u00dcbergangsstimmung, bei allem ausgespuckten Elend, bei allem Blues noch ein bisschen Sonnenschein f\u00e4ngt (Zeit f\u00fcr das missbrauchte Wort Menschlichkeit), mithin so einf\u00fchlsam, dass wir uns nicht verzaubert (und verschaukelt) vorkommen m\u00fcssen, zudem nicht geblendet, sondern aufgefordert, uns wirklich ber\u00fchren zu lassen (und nicht nur ger\u00fchrt wie im Clinch, in Pose stecken bleiben). Die Momentaufnahmen, stets nicht mehr als ein paar Seiten lang, ergeben demzufolge auch weniger eine Erz\u00e4hlung (wie der Untertitel des Bandes suggeriert), vielmehr eine von vielen Br\u00fcchen fragmentierte Wegstrecke, in die sich der Autor einbezieht, ziemlich schonungslos, den Fluchtpunkt anstrebend. Sicherlich, die Gestrandeten, Ausgesto\u00dfenen, Verirrten, mit denen Flenter uns nahe tritt, taumeln zwischen Schattenhaftigkeit und Idyllik, zwischen Untergang und einem m\u00fchseligen Wiederaufstehen, und wir d\u00fcrfen nicht in ihre Tiefen tauchen, bleiben fast voyeurhaft an ihrer rauen Haut h\u00e4ngen: Und das &#8222;Warum?&#8220; ist dem Autor, so scheint&#8217;s, so l\u00e4stig, dass er verzichtet, diese Frage auch nur anzutippen; aber gerade diese Ungereimtheit, dieses Kaputte im Text, es sagt mehr als ein Wortestrudel, der uns zum Faszinosum mitrei\u00dft &#8211; und dann unbefriedigt entl\u00e4sst. Kersten Flenter kann und will nicht zufrieden sein. Weder mit sich, noch mit seinen \u00fcberkandidelten, manchmal m\u00e4rchenhaft zurecht gesponnenen, bisweilen so scharf wie ein Kr\u00e4chz-kr\u00e4chz am fr\u00fchen Wintermorgen die Illusion zerschneidenden Bruchst\u00fccken aus dem Leben von Junkies und Pennern, Schreibern und abgehalfterten Veteranen einer Subkultur. Das Unfertige, oder auch nur das Halbfertige, ist ihnen nicht Programm und Sch\u00f6nrednerei, Attit\u00fcde eben, es kommt indes aus einer Wahrnehmungsebene, die das vermeintlich Ganze aus dem Blick verloren hat, weil es in seinem Pomp nur jedes Teilchen, aus dem es besteht, zu verf\u00e4lschen droht. Hologrammatisch, im Kleinen, unscheinbar, aber dennoch das ahnend, was im Innersten zusammenh\u00e4lt und gleichzeitig zu trennen vermag, werden wir nicht nur Zeugen f\u00fcr das, was Herzlichkeit sein k\u00f6nnte, und d\u00fcnne Haut im Gegensatz zur Elefantenmentalit\u00e4t auszeichnet, wir werden zudem nicht Opfer eines Auffangprozesses, mit dem wir gemeinhin das Schicksal anderer medienbestimmt goutieren. Zart, aber nicht verz\u00fcrtelnd, unbeugsam, aber nicht starr, verwittert, aber nicht wetterlaunisch, mit Schwachstellen durchsetzt, aber nicht schw\u00e4chlich, ist JUNKIE-UFER Beleg f\u00fcr ein gro\u00dfes Talent. Kein Meisterwerk, aber ein H\u00f6henflug. Zudem in wundersch\u00f6ner, sorgsamer Buchgestaltung. Etwas, das man gernhaben kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\">(Dieser Text erschien zuerst in: Listen, Heft 61)<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Junkie-Ufer<\/strong>, von Kerten Flenter. Killroy Media, 2000<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"160\" height=\"241\" class=\"wp-image-65936\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Junkie_Cover.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Eine Hinweis auf \u201e<a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/flenter\/zeigefinger.htm\">Der Zeige\u00adfinger im Auge Oliver Hardys<\/a>\u201c ist konsequente Underground-Poesie zu h\u00f6ren, die Kersten Flenter so gnadenlos wie stilsicher durchexer\u00adziert \u2013 wof\u00fcr Kompromisse?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">KUNO hat seit jeher ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Auf der Landkarte der Literatur ist es nicht weit von der &#8222;Stra\u00dfe der \u00d6lsardinen&#8220; (Steinbeck) bis zum &#8222;Junkie-Ufer&#8220; des Kersten Flenter. 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