{"id":65708,"date":"2011-11-12T00:01:00","date_gmt":"2011-11-11T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=65708"},"modified":"2021-06-22T05:45:08","modified_gmt":"2021-06-22T03:45:08","slug":"wuestes-land-im-19-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/11\/12\/wuestes-land-im-19-jahrhundert\/","title":{"rendered":"W\u00fcstes Land im 19. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was verbindet apokalyptische Gedichte aus dem 19. Jahrhundert mit den Werken von Quentin Tarantino? Was haben sie mit Endzeitfilmen wie \u201eI am Legend\u201c zu tun?<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anglistik-Professor Ralph Pordzik von der Uni W\u00fcrzburg erkl\u00e4rt es in einer neuen Studie. Endzeitstimmung verbreitet das Bild \u201eThe New Zealander\u201c von Gustave Dor\u00e9 aus dem Jahr 1872: Ein Neuseel\u00e4nder zeichnet die Ruinen Londons. Das Bild spiegelt eine damals in England weit verbreitete Sorge wider: Dass sich die Kolonien des Landes besser entwickeln als England selbst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4ngste der Menschen vor Atomkraft, Gentechnik, Klimawandel und anderen Entwicklungen haben sich vielfach in B\u00fcchern und Filmen niedergeschlagen. Zum Beispiel im Kinofilm \u201eI am Legend\u201c: Die Menschheit ist durch ein gentechnisch ver\u00e4ndertes Virus fast ausgel\u00f6scht, der Held der Geschichte streift mit seinem Hund durchs menschenleere, von Pflanzen \u00fcberwucherte Manhattan.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die Wurzeln solcher Katastrophen- und Endzeitfilme sieht Professor Ralph Pordzik im 19. Jahrhundert. \u201eIn Gro\u00dfbritannien besch\u00e4ftigten sich damals viele Literaten mit \u00e4hnlichen Szenarien\u201c, sagt er. In dieser Zeit entstanden zahlreiche apokalyptische Gedichte. Sie handeln zum Beispiel vom Leben in Ruinenst\u00e4dten oder vom letzten Menschen auf der Erde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Biblische Apokalyptik als Ausgangspunkt<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Warum besch\u00e4ftigten sich die Dichter damals zunehmend mit dem Untergang der Zivilisation? Ausgangspunkt daf\u00fcr war die biblische Apokalyptik: Sie beschreibt das Ende der Geschichte, den Anfang des tausendj\u00e4hrigen Gottesreichs. Bevor dieses anbrechen kann, m\u00fcssen immer wieder b\u00f6se M\u00e4chte geb\u00e4ndigt werden. Auf der Welt herrschen Krankheit, Gewalt und Zerst\u00f6rung. \u201e\u00dcber die Apokalypse wurde im 19. Jahrhundert viel diskutiert, auch aus religi\u00f6s-erzieherischen Gr\u00fcnden. Da ging es um die Mahnung, auf der richtigen Seite zu stehen, wenn Gottes Reich kommt\u201c, erkl\u00e4rt Pordzik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig aber entfernten sich die Menschen damals immer st\u00e4rker von der Religion. Das machte sich auch in der Literatur bemerkbar. \u201eAb 1850 \u00e4u\u00dferten viele Dichter eine wachsende ironische Distanz zur Idee der Apokalypse\u201c, erkl\u00e4rt der W\u00fcrzburger Professor. Vielen sei klar geworden, dass die biblische Vorstellung vom Ende der Welt rein fiktiv ist, dass sie in immer neuen Texten modifiziert und bearbeitet wurde. Warum also sollten sie selbst nicht auch mit diesem literarischen Material spielen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Tarantinos des 19. Jahrhunderts<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">So fingen die Lyriker aus rein schriftstellerischen \u00dcberlegungen damit an, die biblischen Bilder mit Motiven aus der Apokalyptik der Antike und anderer Kulturen zu vermischen. \u201eIm Prinzip machten sie genau das, was Quentin Tarantino heute in seinen Filmen macht\u201c, sagt Pordzik. Auch der amerikanische Regisseur reiht zahlreiche Motive aus anderen Filmen aneinander \u2013 und schafft dadurch ironische Distanz zu den Gewaltszenen, wie etwa im Streifen \u201eKill Bill\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Alte Vorstellungen vom Ende der Weltzeit, wie die Auferstehung der Toten und das universale Gericht Gottes, wurden so weitgehend zu den Akten gelegt. Stattdessen griffen die Dichter Visionen vom politischen Verfall, Bilder von nationalen Katastrophen und vom Weiterleben in Ruinen auf. \u201eDie Apokalyptik ging \u00fcber in die Idee eines sprichw\u00f6rtlich \u201aw\u00fcsten\u2018 Landes\u201c, so Pordzik. Ihren lyrischen H\u00f6hepunkt habe diese Entwicklung im 20. Jahrhundert gefunden, besonders in T. S. Eliots ber\u00fchmtem Gedicht \u201eThe Waste Land\u201c (Das w\u00fcste Land) von 1922.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Romane und Filme greifen Motive auf<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die Gedichte des 19. Jahrhunderts haben die noch heute verbreiteten Katastrophenszenarien ma\u00dfgeblich mitbestimmt \u2013 das ist Pordziks Kernthese. Die apokalyptischen Bilder der Lyriker lebten ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zuerst in Romanen weiter, etwa in \u201eThe Time Machine\u201c von Herbert George Wells oder in Richard Jefferies \u201eAfter London\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Mit dem Aufkommen des Films wurden die Geschichten dann \u00fcber dieses Medium neu erz\u00e4hlt und weiter bearbeitet. \u201eUnd noch heute werden die fulminanten Bilder vom Ende der Welt, wie sie erstmals in den Gedichten des 19. Jahrhunderts erschaffen wurden, in Blockbustern wie Deep Impact oder The Day After Tomorrow endlos ausgeschlachtet\u201c, so Pordzik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Erste systematische Analyse der Gedichte<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die apokalyptischen Gedichte des 19. Jahrhunderts wurden bislang nur vereinzelt wissenschaftliche Aufs\u00e4tze publiziert. Diese befassen sich vor allem mit den bedeutenden Dichtern der viktorianischen \u00c4ra: Alfred Lord Tennyson, Matthew Arnold und Robert Browning. Ralph Pordzik hat sich erstmals systematisch mit den Gedichten auseinandergesetzt und sie in den kulturellen und literarischen Kontext ihrer Zeit eingeordnet. Studierende waren in diese Arbeit mit eingebunden, denn der Professor hat die Gedichte \u00fcber mehrere Semester hinweg auch in Seminaren behandelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Leseprobe der Studie in \u201eAnglia\u201c<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Pordziks Studie \u201eVictorian Wastelands. Apocalyptic Discourse in Ninetheenth-Century Poetry\u201c erscheint voraussichtlich im M\u00e4rz 2012. Publiziert wird sie als Buch in englischer Sprache beim Universit\u00e4tsverlag Winter in Heidelberg. Wer schon jetzt etwas daraus lesen will: Ein gek\u00fcrzter Vorabdruck eines Kapitels ist bereits in der Zeitschrift \u201eAnglia\u201c erschienen (Band 128.3, 2010).<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Bereits von seinem ersten Band<strong> Verabredung mit meinem Publikum<\/strong> war KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14498\">angetan<\/a>. Auf KUNO lesen Sie auch einen Rezensionsessay von Holger Benkel \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>\u00a0 \u2013 Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Was verbindet apokalyptische Gedichte aus dem 19. Jahrhundert mit den Werken von Quentin Tarantino? Was haben sie mit Endzeitfilmen wie \u201eI am Legend\u201c zu tun? Anglistik-Professor Ralph Pordzik von der Uni W\u00fcrzburg erkl\u00e4rt es in einer neuen Studie. 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