{"id":65659,"date":"2020-06-26T00:01:00","date_gmt":"2020-06-25T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=65659"},"modified":"2021-03-07T18:54:43","modified_gmt":"2021-03-07T17:54:43","slug":"lakonien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/26\/lakonien\/","title":{"rendered":"Im Grab mit meinen lieben Konjunktiven"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch nie hat jemand eine Landkarte von mir aufgeklappt. Die leeren St\u00e4dte und versunkenen Titel, die man mit der Nasenspitze suchte, Vorstadtkinos, Hundeasyle, London ohne Nebel, ein Zirkuszelt aus Flugschatten und Schlaf, wo eine ewig schief gehende Sonne ihre eigenen Schatten w\u00e4rmte. <em>Lakonien<\/em>, so der Name der Provinz und all der Dinge, die darin vork\u00e4men, eine Welt, in der ich und alle, die mich kennen, noch einmal aufliefen, nur in sinnabgewandter Richtung. Wo Gott sich br\u00fcsk zur Erde beugte und sagte: <em>Hier liegt ein kleiner Vogel, und der hat keinen Namen<\/em>. Wer blind ist, f\u00e4nde darin schnell sein Ziel, denn dieses wechselte den Ort und k\u00e4me ihm entgegen. Nach Hause k\u00f6nnte man sich nur <em>verirren<\/em>: man m\u00fcsste jedes Mal auf einem anderen Weg hinfinden. Keiner erkennte mehr den anderen, alle m\u00fcssten einander unentwegt \u00fcberzeugen, dass sie es <em>wirklich<\/em> sind. Es g\u00e4be Mondkarten f\u00fcr Umwege, Anleitungen f\u00fcr die Unwahrheit von Nutzh\u00f6lzern, schwer erziehbare Filme; die Gebirge zur Linken, schwer von Abgeschiedenheit, die satten blauen Himmel rechts, schon sichtbar angez\u00e4hlt. (Irgendwer z\u00e4hlt immer das Blau des Himmels.) Bach-Toccaten beleuchteten unterseeische Friedh\u00f6fe, gestrandete Wale l\u00e4sen eine Messe f\u00fcr Jablonski, und der Winter verabschiedete sich nicht nur in Treviso allj\u00e4hrlich als Champion. Die Schneebeben und Grabschmieden, die Tr\u00f6stungssprachen aus dem Eisfach der Geschichte, k\u00f6nnte man sich aufrecht stehend entgehen lassen. Wieso laut der Welt sein <em>Halt!<\/em> zurufen, wenn uns ein Wort versammelt. Wir k\u00f6nnten einfach weitermachen so, nur w\u00e4re diese Welt irgendwann alle, befristet in Phonemen, die man wie Halme \u00fcberall am Wegrand knickt. Keine weichen Aquarelle \u00fcbrig dann, keine ged\u00e4mpften Mondaufg\u00e4nge, keine Haifischbecken f\u00fcr die Chroniken. Man d\u00fcrfte weinen, sich selbst in seinem Todesjahr begegnen, im Plagiat der H\u00f6lle wandeln, nach dem Ende aller Litaneien. Da passte kein Satz irgendwo dazwischen. Dass niemand danach fragt, weckt mein Interesse.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mehrwegballaden<\/strong>. Neue Spektakel und Dioramen von Ralph Pordzik. \u00c9cole Noire, 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\">\r\n<div id=\"attachment_65660\" style=\"width: 184px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-65660\" class=\"wp-image-65660\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Mehrwegballaden-696x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"256\" \/><p id=\"caption-attachment-65660\" class=\"wp-caption-text\">Cover \u00a9 Koshiro Onchi<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In den<em> Aufzeichnungen<\/em> von Ralph Pordzik findet sich eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt, sie scheint auf besondere Weise verf\u00fcgbar und dienstbar zu sein. Diese Notate entsprechen der Denkgenauigkeit der Sp\u00e4tmoderne, es ist <em>Twitteratur<\/em> im besten Sinn. \u2013 Lesen Sie auch einen Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits von seinem ersten Band<strong> Verabredung mit meinem Publikum<\/strong> war KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14498\">angetan<\/a>. Auf KUNO lesen Sie auch einen Rezensionsessay von Holger Benkel \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/12\/mit-deutschen-untertiteln\/\">Ralph Pordzik<\/a>\u00a0 \u2013 Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Noch nie hat jemand eine Landkarte von mir aufgeklappt. 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