{"id":65446,"date":"2020-06-19T00:01:00","date_gmt":"2020-06-18T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=65446"},"modified":"2020-12-28T05:42:49","modified_gmt":"2020-12-28T04:42:49","slug":"gruftgesaenge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/19\/gruftgesaenge\/","title":{"rendered":"Gruftges\u00e4nge"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">David Bowie hat sich auf seinem letzten Album <strong>Blackstar<\/strong> explizit mit seinem Sterben auseinandersetzt. Was ist von Bob Dylans neuem Album zu erwarten?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben eigentlich Popstars nicht wie jeder andere Mensch auch ein Recht auf Rente? Kommt nicht einmal die Zeit, da aus den immer wieder apostrophierten \u201eAltmeistern\u201c einfach nur alte M\u00e4nner geworden sind? Haben ihre kreative Visionen nicht auch ein Verfallsdatum? KUNO darf das fragen, denn erstens ist dies eine ganz normale Frage, und zweitens beantwortet die Realit\u00e4t dessen, was die Altmeister den Medien anbieten, die Frage selbst aufs deutlichste. Viele Kollegen haben bei Bob Dylans k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichtem 17-Minuten-Epos <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Rkr6TVnGtAM\">Murder Most Foul<\/a> eher abgewunken: Monoton wiederholte Melodien und eine Auflistung aller m\u00f6glichen Referenzpunkte der amerikanischen Geschichte und Popul\u00e4rkultur seit der Ermordung Kennedys sind nicht jedermanns Sache. Mit der &#8222;Last von 60 Karrierejahren&#8220; singt Dylan von der Ermordung Kennedys, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2020-03\/bob-dylan-murder-most-foul-song-usa\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">erz\u00e4hlt<\/a> Daniel Gerhardt auf <em>ZeitOnline<\/em>. Schon hei\u00dft es, Dylan besinge hier das Ende Amerikas inmitten der Pandemie, auch wenn das St\u00fcck wahrscheinlich vor Jahren aufgenommen wurde. &#8222;Die Unmittelbarkeit seines Vortrags und die Zeiten des Ausnahmezustands, in die hinein er das St\u00fcck ver\u00f6ffentlicht, k\u00f6nnten den wom\u00f6glich letzten gro\u00dfen Moment des Popgro\u00dfk\u00fcnstlers markieren. Nat\u00fcrlich kann man &#8218;Murder Most Foul&#8216; mit einen Textmarker in der Hand und amerikanischem Geschichtsbuch auf dem Scho\u00df h\u00f6ren, seine Zeilen und Verweise quasi-wissenschaftlich abarbeiten, wie es die selbsternannten Dylanologen in den kommenden Wochen sicherlich tun werden. Ebenso vielversprechend erscheint in diesen Tagen jedoch der direkte Zugang: h\u00f6ren und dann mal schauen, wohin das Lied einen weht.&#8220; Leider kommt Bob Dylan mit &#8222;Murder Most Foul&#8220; nicht einmal ansatzweise an das gro\u00dfe Vorbild <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WkNp56UZax4&amp;t=48s\">Howl<\/a> von Allen Ginsberg heran.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Er schreibt nun einmal keine Literatur.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Greil Marcus<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der\u00a0<em>New York Times<\/em>\u00a0hat &#8222;His Bobness&#8220; eines seiner raren, aber umso\u00a0<a class=\"\" href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/06\/12\/arts\/music\/bob-dylan-rough-and-rowdy-ways.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">epischeren Interviews<\/a> gegeben. Unter anderem geht es um seine gro\u00dfe Abrechnung &#8222;Murder Most Foul&#8220;, eines der j\u00fcngeren Lebenszeichen des Nobelpreistr\u00e4gers: &#8222;Ich denke \u00fcber das Ende der Menschheit nach. Die lange, sonderbare Reise des nackten Affen. Ohne es zu leicht nehmen zu wollen, aber jedes Leben ist so fl\u00fcchtig. Jedes menschliche Wesen, egal, wie stark oder m\u00e4chtig, ist zerbrechlich, wenn es um den Tod geht. Ich denke da ganz allgemein, nicht pers\u00f6nlich dar\u00fcber nach. &#8230; Heutzutage gibt es definitiv mehr Anspannung und Nervosit\u00e4t als fr\u00fcher. Aber das betrifft nur Leute eines gewissen Alters, Leute wie uns beide. Unsereins neigt dazu, in der Vergangenheit zu leben. Aber das sind nur wir. Die jungen Leute haben diese Neigung nicht. Sie haben keine Geschichte. Alles, was sie kennen, ist, was sie sehen und h\u00f6ren und sie glauben alles m\u00f6gliche. In 20 oder 30 Jahren werden sie an der Spitze stehen. Wenn du heute jemanden siehst, der zehn Jahre alt ist, dann wird der in 20 oder 30 Jahren die Kontrolle haben und keine Ahnung von der Welt, die wir noch kannten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine ergrauten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/11\/fanboy\/\">Fanboys<\/a> in Deutschland sind v\u00f6llig aus dem H\u00e4uschen, weil sich &#8222;His Bobness&#8220; mal wieder aus dem Pleistoz\u00e4n der Popkultur meldet:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bob Dylan mag n\u00e4chstes Jahr 80 werden, aber auf &#8222;Rough and Roudy Ways&#8220;, seinem neuen Album, das diesen Freitag erscheint, zeigt er sich jung, also wieder als &#8222;ganz der alte&#8220;, schw\u00e4rmt Willi Winkler in der <em>SZ<\/em>: Keine Sinatra-Coverversionen, keine Nobelpreisdebatten mehr, einfach nur neue Musik mit schlechter Laune beim Blick auf den Zustand der Welt. Und R\u00fcckschau ist angesagt: &#8222;Staunend geht Dylan wie in einem Museum herum und erkennt sich \u00fcberall selber: den Protestierer, der mit Martin Luther King nach Washington marschierte, den Frauenverbraucher, den Gottsucher und Jesus-Finder, den C.G. Jung-Adepten und den Lubawitscher, den Reaktion\u00e4r und den Revolution\u00e4r, den unersch\u00f6pflichen Bildererfinder und den desillusionierten Entertainer, der in der Bar der unreinen Vernunft endlich auch den letzten Gast hinausgesungen hat und allein seiner Stimme lauscht, kr\u00e4chzend wie je und r\u00fchrend, wenn sie mit Trippelh\u00fcpfern den n\u00e4chsth\u00f6heren Ton erreichen will.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Rough and Rowdy Ways&#8220;, wird von Jan Wiele f\u00fcr die <em>FAZ<\/em> <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/pop\/bob-dylans-neues-album-rough-and-rowdy-ways-16812449.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">vorab besprochen<\/a>. Der Titel legt nahe, dass Dylan final den Cowboy in sich entdeckt hat, und vielleicht hat dieses Album, &#8222;das, vorweg gesagt, gro\u00dfartig ist, sogar gewisse parodistische Z\u00fcge. Aber im Gro\u00dfen und Ganzen scheint es Dylan sehr ernst zu sein mit der elegischen R\u00fcckschau&#8220;, die sich musikalisch entsprechend vielf\u00e4ltig pr\u00e4sentiert: Ist Dylan also gar der &#8222;Harold Bloom der Popmusik?&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der <em>Berliner Zeitung <\/em><a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur-vergnuegen\/bob-dylans-neues-album-langsame-heimkehr-li.87583\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">w\u00fcrdigt<\/a> Harry Nutt Dylan, der hier mal wieder Dutzende Referenzb\u00e4lle gleichzeitig in der Luft h\u00e4lt, als &#8222;Meister des subtilen Verbergens selbst dort, wo es ihm darum geht, anderen Anerkennung zu zollen.&#8220; Dass Dylan dann aber eben doch nicht mehr der J\u00fcngste ist, zeigt sich ihm allerdings schon auch: &#8222;Es kratzt und schmirgelt in der Stimme&#8220;, doch &#8222;in den meisten der insgesamt zehn St\u00fccke scheint Dylans ramponiertes Gesangsorgan die Ohren der Zuh\u00f6rer streicheln zu wollen.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der harte Kern der pensionierten Fanboys kann sich unter der sachkundigen Anleitung von Heinrich Detering nun Monate lang damit besch\u00e4ftigen, die verschwurbelten Texte zu entschl\u00fcssen, man braucht nur einen Doktortitel in Dylanologie, um die Alterpubert\u00e4t von &#8222;His Bobness&#8220; zu genie\u00dfen. Vielleicht werden aus alten wei\u00dfen M\u00e4nnern zu Weihnachten alte weise M\u00e4nner?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><em>Dylan k\u00f6nnte gut ohne den Nobelpreis f\u00fcr Literatur weiterleben und -arbeiten. Er ist auch kein genuiner Kandidat, insofern er halt kein \u201arichtiger\u2018 Schriftsteller ist, sondern ein Singer-Songwriter.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">Heinrich Detering<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was w\u00e4re geschehen, wenn Bob Dylan nicht im 20. Jahrhundertgelebt h\u00e4tte, sondern im Italien der Renaissance?&#8220; fragte sich Torsten van de Sand. <em>Robertos endlose Reise<\/em> erz\u00e4hlt die Geschichte des S\u00e4ngers Roberto di Lane, der 1478 wie aus dem Nichts in Florenz \u00adauftaucht und aufgrund seiner kraftvollen, originellen Lieder schnell bekannt wird. Er begegnet den Gro\u00dfen der Renais\u00adsance und befreundet sich mit Botticelli, Michelangelo und Leonardo da Vinci. Er findet den Ruhm, den er sich ersehnt, und droht daran zu scheitern. Auf seinen Reisen ist er stets in Gefahr, ein Spielball politi\u00adscher Machtk\u00e4mpfe zu werden. Angetrieben von seinem \u00adkreativen Genius und der Suche nach Grenzerweiterungen, findet er einen Weg, \u00adseine Kunst zu leben. Diese f\u00fchrt ihn kreuz und quer durch Italien. Vor dem Hintergrund einer Zeit des Wandels entfaltet sich ein Renaissance-Roadmovie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt inzwischen eine ganze Generation, die ohne Bob Dylan auszukommt und sich angew\u00f6hnt hat, auf diese Form der Gesinnungs\u00e4sthetik und den politischem Erhabenheitskitsch verzichten kann. Das ist der Nachteil des Alters: Er entdeckt, da\u00df die Welt sehr gut ohne einen auskommt. Widmen wir uns angelegentlich lieber der kleinen Form, dem Schreiben und Lesen im Netz und der Dylan-Dekonstruktion durch Jan Kuhlbrodt, keine Weltliteratur, daf\u00fcr jedoch sehr welthaltig. Mehr kann man von Pop nicht wollen und wahrscheinlich hat Pop auch nie mehr gewollt.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Rough and Rowdy Ways<\/strong>, von Bob Dylan. Sony Music<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Robertos endlose Reise<\/strong> von Torsten van de Sand, Killroy Media, 2018<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00dcber die kleine Form. Schreiben und Lesen im Netz<\/strong> von Jan Kuhlbrodt, 2017<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"240\" height=\"360\" class=\"wp-image-65448\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2.jpeg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2.jpeg 240w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2-200x300.jpeg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/image-2-160x240.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36281\">Nobelpreis f\u00fcr Bob Dylan<\/a> verk\u00fcndet wurde, teilten sich die Geister in Enthusiasten und Entt\u00e4uschte: ein gefundenes Fressen f\u00fcr alle diejenigen, die online ihre literarischen Meinungen kundtun, verteidigen und weiterentwickeln. Jan Kuhlbrodt stellt Dylans Songtexte in eine Linie mit dem heutigen Schreiben (und Lesen) kleiner Formen. Er reflektiert die Tagebuchliteratur der Digital Natives. In Zeiten nachlassender Aufmerksamkeitsspannen sind die sogenannten Sozialen Medien und diese kurze Form des Erz\u00e4hlens sicher gute Mittel um geh\u00f6rt zu werden, wenn man etwas zu sagen hat. Davon mag man halten, was man m\u00f6chte, aber Kuhlbrodt hat viel zu sagen. Seine Gedanken, die er teilweise wie einen Bewu\u00dftseinsstrom pr\u00e4sentiert, sind pointiert, sozialkritisch und ironisch gebrochen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Twitteratur<\/strong>, eine Anthologie. Erweiterte Taschenbuchausgabe mit der Dokumentation des Hungertuchpreises. Herausgegeben von Matthias Hagedorn, Edition Das Labor 2019.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; David Bowie hat sich auf seinem letzten Album Blackstar explizit mit seinem Sterben auseinandersetzt. Was ist von Bob Dylans neuem Album zu erwarten? Haben eigentlich Popstars nicht wie jeder andere Mensch auch ein Recht auf Rente? 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