{"id":65073,"date":"2012-05-30T00:17:00","date_gmt":"2012-05-29T22:17:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=65073"},"modified":"2020-05-30T18:21:15","modified_gmt":"2020-05-30T16:21:15","slug":"entspannungsuebungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/30\/entspannungsuebungen\/","title":{"rendered":"Entspannungs\u00fcbungen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\">Vor 10 Jahren starb Heiner Link. KUNO erinnert an den viel zu fr\u00fch verstorbenen Schriftsteller:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Entspannen, Abspannen, Umspannen. In der Ruhe liegt die Kraft, in der Kraft ruht die Potenz, in der Potenz, nun ja, vielleicht ist das das Problem.<\/em><br \/><em>.<\/em><br \/>Mittags ein Viertel trockenen Roten, dazu ein paar Nudeln, und man ist ein anderer Mensch. Da treten die Gesundheitsprobleme in den Hintergrund. Irgendjemand sagte mal, sein Lebensziel sei das Erreichen eines abso-luten Leck-mich-am-Arsch-Gef\u00fchles. Ich halte das f\u00fcr eine sehr interessante Dimension.\u00a0 <br \/>. <br \/>Kann passieren was will: Leck mich am Arsch!\u00a0 <br \/>. <br \/>Ach ja. Ich sitze also beim Italiener \u00fcber meinen Nudeln, und zwischen dem Rotweinglas und der Karaffe hindurch sehe ich l\u00fcstern an den bestrumpften Schenkeln eines weiblichen Gastes hinauf und \u00fcberlege, was ich davon halten soll. Die Frau ist keine 50 und sehr attraktiv. Immer wieder schl\u00e4gt sie die Beine \u00fcbereinander, und da\u00df dabei das Kleid immer h\u00f6her rutscht, st\u00f6rt wirklich niemanden. Sie bemerkt meinen Blick und l\u00e4chelt. Ein Rotwein bessert die Stimmung, definitiv. Dies ist evident. An die m\u00f6cht ich mich schon einmal hinlegen. Wie eine Hypotenuse.\u00a0 <br \/>Die Kontrapunktierung Heideggers weist gnostische Z\u00fcge auf, das bayerische Bier wird teilweise religi\u00f6s verehrt, und ich preise hier italienischen Rotwein an. Als fiele mir nichts Besseres ein. Als k\u00f6nnte ich mir schon mittags Alkohol erlauben. Gravit\u00e4tisch schreiten k\u00f6nnen attraktive Frauen auch auf die Toilette. Ein Wadenmuskel allein kann mich in die angenehmsten Schwingungen versetzen. <br \/>. <br \/>Noch ein Viertel? Prego, Signore! Warum nicht einmal sitzen bleiben und \u00fcber das Leben nachdenken? Kann eine Erz\u00e4hlung tats\u00e4chlich fraktal strukturiert sein, k\u00f6nnen da Landschaftsformen figurieren? Es f\u00e4llt mir auch auf, da\u00df der Rotwein noch ein bi\u00dfchen jung ist. Blaustichig liegt er im Glas und hinterl\u00e4\u00dft am Gaumen ein sanftes Brennen, das aber schnell abebbt. Ich mag Frauen, die Kleider tragen. Kleider sind mir eine Freude, Hosen sind doch milit\u00e4risch.\u00a0 <br \/>Der Begleiter dieser Frau sieht aus wie ein Zahnarzt. Bunt bebrillt und ein blaues Hemd mit wei\u00dfem Kragen, Manschettenkn\u00f6pfe. Ich mag keine Zahn\u00e4rzte. Was ist das nur f\u00fcr ein Beruf? Anderen Leuten im Maul rumzufummeln. Im rosigen Fleisch fremder M\u00e4uler zu grabschen. Chirurgenfinger nat\u00fcrlich, lang und schmal und feingliedrig. Schon alleine wegen meiner Fingerphysiognomie k\u00f6nnte ich nie ein Zahnarzt sein. Eher ein Holzf\u00e4ller. Meine Finger sind kurz und drall und kr\u00e4ftig. Eine Klaviersonate k\u00f6nnte ich niemals spielen. Eine Klaviersonate w\u00fcrde sich sehr merkw\u00fcrdig anh\u00f6ren, bei meinen Fingern.\u00a0 <br \/>. <br \/>Ich sitze bequem und rauche und glotze. Das Kleid dieser Frau ist blau und ihre Schuhe ebenfalls. Das ist ein sch\u00f6ner Kontrast zu ihren blonden Haaren. Vom Ohrl\u00e4ppchen baumelt ein goldener Ring. Einmal hineinbei\u00dfen in ein solches Ohrl\u00e4ppchen. Tja. Aber der Zahnarzt k\u00f6nnte auch ein EDV-Mann sein. Ein Spezialist. Ich mag keine EDV-Spezialisten. Was ist das nur f\u00fcr ein Beruf, den ganzen Tag logisch denken zu m\u00fcssen. Da m\u00fcssen die Hirnw\u00fcrste schon sehr geordnet sein. Bei meinen Hirnw\u00fcrsten kann von Ordnung nicht die Rede sein, die liegen da wie ein hingeschmissener Gartenschlauch. Der Kellner erkundigt sich nach meinem Befinden. Mein Befinden liegt dem Kellner am Herzen. Mein Befinden neigt zu einem weiteren Viertel Roten. Goldene Gebi\u00dfhaken funkeln zwischen seinen Z\u00e4hnen, da kann es sich wohl kaum um ein l\u00fcckenloses Gebi\u00df handeln. A propos: Ein Autor, dessen Helden existentielle Dinge erleben, denkt nie prim\u00e4r von der Form her. Ich schaue mir also den Hals dieser Frau an. Der Hals einer Frau ist mir besonders wichtig. Manche Frauen haben H\u00e4lse, die sogar mit meinen kurzen Fin-gern umschlie\u00dfbar w\u00e4ren. Diese Frau hat einen solchen Hals, ein ganz wunderbarer Hals. Tja.\u00a0 <br \/>. <br \/>Der Mann an ihrem Tisch k\u00f6nnte eigentlich auch ein Steuerberater sein. Ich mag keine Steuerberater. Was ist das nur f\u00fcr ein Beruf? Den ganzen Tag mit Zahlen zu hantieren. Da m\u00fcssen die Hirnw\u00fcrste ja tabellarisch an-geordnet sein. Ein Steuerberater k\u00f6nnte ich nicht sein. Formen Sie doch mal einen Gartenschlauch zu einer Tabelle. <br \/>. <br \/>Der Mann k\u00fc\u00dft die Frau. Mitten im Lokal, mitten am Tag. Er beugt sich nach vorn, und seine Krawatte mit expressionistischen Motiven h\u00e4ngt im Salz- und Pfefferst\u00e4nder. Lang k\u00fcssen sich die beiden. So wie er k\u00fc\u00dft, k\u00f6nnte er auch ein Rechtsanwalt sein. So fordernd. Ich mag keine Rechtsanw\u00e4lte. Was ist das nur f\u00fcr ein Beruf? Jedem Idioten zu seinem Recht zu verhelfen. Wie m\u00fcssen da die Hirnw\u00fcrste aussehen? Aporien, Aporien, Aporien. Aber was ist schon ein Fortschrittsparadigma gegen diese Beine. Locker wippt das Bein dieser Frau die Luft unter dem Tisch durcheinander, und der Kellner bringt mir einen Grappa. Ich scheine eine Verzehrschallmauer durchbrochen zu haben.\u00a0 <br \/>. <br \/>Der Mann legt jetzt die Hand auf die Hand der Frau. So wie er seine Hand auf die Hand der Frau legt, k\u00f6nnte er auch ein Werbefachmann sein. So vereinnahmend. Ich mag keine Werbefachleute. Was ist das nur f\u00fcr ein Beruf?\u00a0 Aus Schei\u00dfe Gold zu machen. Von den Hirnw\u00fcrsten will ich in diesem Zusammenhang einmal nicht reden. Es m\u00fc\u00dfte drau\u00dfen regnen, weil dann wirds drinnen immer so gem\u00fctlich und niemand versp\u00fcrt wirklich den Wunsch, das Lokal zu verlassen. Vielleicht erreicht man das totale Leck-mich-am-Arsch-Gef\u00fchl nur \u00fcber Meditation? Ich halte mich also an meinem Weinglas fest und singe ein langes und tiefes O in mich hinein, bis hinunter in den Dickdarm summt der Ton und versetzt mich in ein seltsames Vibrieren. Nicht unangenehm, aber irgendwie habe ich das Gef\u00fchl, da\u00df es nicht funktioniert, wenn es mir nicht gelingt, den Blick von dieser Frau zu wenden. Schon treten die linken Hirnw\u00fcrste gegen die rechten an, ein dreimin\u00fctiges Gemetzel, und schon h\u00e4ngt mein Blick stumpf im gebl\u00fcmten Vorhang. Es sind ganz gr\u00e4\u00dfliche Bl\u00fcmchen, chromdioxydgr\u00fcnes Blattwerk und zinkfarbene Bl\u00fcten vor taubenblauen Hintergrund.\u00a0 <br \/>. <br \/>Das O, das Vibrieren und dieser Schei\u00dfvorhang.\u00a0 <br \/>Zum Meditieren mu\u00df man schon geboren sein.\u00a0 <br \/>. <br \/>Ich winke mir den Kellner heran und bitte ihn, den Begleiter dieser Frau zu fragen, was er von Beruf ist. Wie Sie w\u00fcnschen, Signore, er geht hin\u00fcber und unterbricht die Turtelei. Das ist durchaus spannend, und um mir die Zeit zu verk\u00fcrzen, denke ich \u00fcber den politisch-\u00e4sthetischen Sp\u00e4tmodernismus in der deutschen Gegenwartsliteratur nach. Doch der Kellner steht schon wieder an meinem Tisch:\u00a0 <br \/>. <br \/>Es tut mir leid, Signore, der Mann meinte, Sie k\u00f6nnten ihn am Arsch lecken. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">***<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover-572x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-65074\" width=\"286\" height=\"512\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover-572x1024.jpg 572w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover-168x300.jpg 168w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover-768x1374.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover-858x1536.jpg 858w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover-558x999.jpg 558w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover-260x465.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover-160x286.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/affen_Cover.jpg 916w\" sizes=\"auto, (max-width: 286px) 100vw, 286px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Affen zeichnen nicht<\/strong> von Heiner Link, &nbsp;Reclam Verlag Leipzig, Juli 1999&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 10 Jahren starb Heiner Link. 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