{"id":64955,"date":"2021-07-19T00:01:00","date_gmt":"2021-07-18T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64955"},"modified":"2022-02-19T18:48:57","modified_gmt":"2022-02-19T17:48:57","slug":"metaphysik-des-schwebens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/19\/metaphysik-des-schwebens\/","title":{"rendered":"Metaphysik des Schwebens"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Bei dieser Aufnahme h\u00f6rt man den Komponisten Tom T\u00e4ger mit einer einer Musik der befreiten Melodien<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In hochkonzentrierter Form macht das Monodram <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\"><em>Se\u00f1ora Nada<\/em><\/a> etwas, was nur die Literatur kann, aber auch sie nur sehr selten: Es macht Dinge vorstellbar, die man sich nicht vorstellen kann, weil es nicht auszuhalten w\u00e4re, wenn man es t\u00e4te. Doch wenn sie wie hier verwandelt erscheinen, verdichtet, in jedem Wortsinn, zu Literatur, werden sie, wenn schon nicht ertr\u00e4glich, so doch erlebbar in einer Mischung aus Grauen und \u00e4sthetischem Genu\u00df. Dieses Monodram handelt von der Konstitution einer Gegenwirklichkeit der psychischen Prozesse. Was scheinbar geschieht, ist nur die Oberfl\u00e4che eines ganz anderen Abenteuers. Dem Titel liegt die Auffassung zugrunde, da\u00df sich jeder Mensch in seinem Bewu\u00dftsein eine Welt nach seinem Ma\u00df erschafft \u2013 ein Vorgang, den das Werk gleichsam in der Schrift wiederholt. Die erz\u00e4hlerischen Strukturen des Monodrams geraten ins Wackeln, die semantischen und morphologischen Valeurs der W\u00f6rter r\u00fccken ins Zentrum. Die entfesselte Sprachalchemie triumphiert \u00fcber den Traditionalismus. Die Redensarten haben versagt, so bleibt nur der Weg in die innere Demontage und Sprengung aller konditionierten Sprechhaltungen: heraus aus den Festlegungen, hinein in die Polysemie, das turbulente Spiel der Mehrdeutigkeiten. Seine Poesie ist kein Proze\u00df, in dem man eine Erkenntnis verschl\u00fcsselt oder treffender formuliert, sondern eine Sph\u00e4re menschlichen Tuns, die so autonom ist wie die Musik, die bildende Kunst, der Tanz. Will man beschreiben, warum diese lyrischen Monodramen eine so bet\u00f6rende Wirkung entfalten, k\u00f6nnte man sagen: Da ist ein Klang von Stille.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den ersten Zeilen wird dieser Ton angeschlagen, wie in der Er\u00f6ffnung einer Cellosonate, dr\u00e4ngender Abstieg in gefa\u00dfte Melancholie. Vorsichtig, zur\u00fcckhaltend setzen sie ein, die Langgedichte, aber sie alle variieren ein einziges \u00fcberw\u00e4ltigendes Thema \u2013 was der Mensch ist in seiner Ungesch\u00fctztheit, wie er sich darin bew\u00e4hren kann, vor allem vor sich selbst. Bei <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\"><em>Se\u00f1ora Nada<\/em><\/a> provoziert Weigoni mit einem stream\u2013of\u2013consciousness durch Inhalte, und nicht durch Dolby\u2013Surround. Darin wird er von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6174\">Tom T\u00e4ger<\/a> begleitet mit einer Musik der befreiten Melodien. Seine Komposition ist durchsetzt mit minimalistischen und improvisatorischen Erfahrungen, das Klangbild wird von experimentellen Kl\u00e4ngen zu Trivialkl\u00e4ngen in Bezug gesetzt. Es entsteht in der Zusammenarbeit mit der Regisseurin I<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9066\">oona Rauschan<\/a> und der Darstellerin Marina Rother ein Weltuntergangsdrama in Form einer fein ausziselierten, virtuos durchkomponierten Wortsymphonie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwarz ist die Farbe der Stille, Wei\u00df jene des Rauschens auf diesen menschenleeren Bildern, die Meer und Riff, Bucht und Hafen ins wechselnde Licht r\u00fccken. Die grammatische Implosion im letzten Wort, das Herausbrechen unbetonter Vokale, versinnlicht sprachlich das Motiv des Schiffbruchs. \u00dcber den sp\u00e4rlichen Werken der Zivilisation liegt die Aura schrecklicher Sch\u00f6nheit, Spuren verlieren sich am Strand. Den Kampf um die Dauer hat der Mensch hier immer schon verloren. Die Sch\u00f6nheit von Weigonis Sprache liegt in der lakonischen Pr\u00e4zision des Wortes, der Genauigkeit jeder Beobachtung: in der Poesie des bewu\u00dft erlebten Augenblicks. So als habe die Todesn\u00e4he, in der die Protagonistin sich befindet, auch das Bewu\u00dftsein des Lyrikers beim Schreiben aufs \u00c4u\u00dferste gesch\u00e4rft. Wo das Schreiben die Notwehr der Seele gegen den Ansturm des Nichts darstellt, wird alles m\u00f6glich. Weigoni ist ein Vertreter stilistischer Polyphonie, er schert sich nicht um die klassische Schriftsprache und Forderungen der sprachlichen Reinheit, sondern mischt gehobene mit niederen Ausdrucksweisen und wartet mit einer F\u00fclle von Soziolekten, dialektalen Eigenarten und syntaktischen F\u00fcgungen aus der gesprochenen Sprache auf. Er verwendet wissenschaftliche Begriffe wie Ausdr\u00fccke der Alltagssprache, nimmt tradierte Metaphern auf und pr\u00e4gt neue. Wiederholungen, motivische Wiederaufnahmen und Inversionen, rhetorische Fragen, aphoristische und apodiktische Formulierungen setzt er stilistisch wirkungsvoll ein und spickt seine Poesie mit Zitaten anderer und Anspielungen auf eigene Werke. Das kaleidoskopische Zitieren verschafft seinen Schriften eine intertextuelle Ebene, die sich als eine Form kultureller Erinnerungsarbeit deuten l\u00e4\u00dft. In diesen Satzgirlanden, die zuweilen von schelmischem Gel\u00e4chter durchdrungen sind, geht es um unterschiedliche Anteile von Tradition und Traditionsbruch. Seine Sprache bringt das Geheimnis der Dinge zum Leuchten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\"><em>Se\u00f1ora Nada<\/em><\/a> pr\u00e4sentiert ein schwankendes Daseinsgef\u00fchl. Hier geht es um die Krankheiten der Epoche, um Entfremdung, Auraverlust der Kunst und die metaphysischen Konsequenzen, die f\u00fcr den transzendental Obdachlosen aus der Entzauberung der Welt entstanden sind. Dieses Monodram zeigt sich lyrisch hermetisch und auf engstem Raum labyrinthisch, die dahinsurrenden Zeilen sind raffiniert und lapidar zugleich, Stimmungsbilder aus dem Innersten einer \u00e4u\u00dferst ungesicherten Existenz. Wie im Mondlicht die Dinge eine quecksilbrig harte und zugleich diffus changierende Kontur annehmen, von der einen in die andere Gestalt wechseln, somit der Einbildungskraft doppelt ausgeliefert scheinen, erweist sich <em>Se\u00f1ora Nada<\/em> als somnambul und luzide zugleich. Eine n\u00e4chtlich phosphoreszierende Welt, Wachtraum und Traumerwachen, die sich nur in ganz wenigen Augenblicken vers\u00f6hnlich entspannt. Dieses Monodram bietet Momentaufnahmen einer be\u00e4ngstigend sinnlichen Metaphysik des Schwebens, einer gegenst\u00e4ndlichen Bodenlosigkeit gleitender, entgleitender Bezugspunkte, einer sich verschr\u00e4nkenden inneren und \u00e4u\u00dferen Welt. Es ist beides enthalten und gleichfalls bestimmend: Form und Formsprengung, bezogen auf die allgemeine Geschichte der Gattung Langgedicht, und besonders auf die individuelle.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier findet sich das l\u00e4ngst verloren geglaubte Ewige der Literatur, das noch noch Hingabe erfordert.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div id=\"attachment_88741\" style=\"width: 1394px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88741\" class=\"wp-image-88741 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"1384\" height=\"2560\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-scaled.jpg 1384w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-162x300.jpg 162w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-554x1024.jpg 554w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-768x1421.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-830x1536.jpg 830w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-1107x2048.jpg 1107w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-540x999.jpg 540w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-260x481.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/TADR-160x296.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 1384px) 100vw, 1384px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88741\" class=\"wp-caption-text\">Das Tonstudio an der Ruhr, kurzfristig nur mit dem Kanu zu erreichen<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Schuber<\/strong>, Werkausgabe der s\u00e4mtlichen Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2017<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>Jeder Band aus dem <em>Schuber<\/em> von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk. KUNO fa\u00dft die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">Stimmen<\/a> zu dieser verlegerischen Gro\u00dftat zusammen. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung &#8211; \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>H\u00f6rbproben \u2192 <\/strong>Probeh\u00f6ren kann man Ausz\u00fcge der <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/schmauchspuren.html\">Schmauchspuren<\/a>, von <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/neige.html\">An der Neige<\/a> und des Monodrams <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17799\">MetaPhon<\/a>. Zuletzt bei KUNO, eine Polemik von A.J. Weigoni \u00fcber den Sinn einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/02\/07\/bartleby\/\">Lesung<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei dieser Aufnahme h\u00f6rt man den Komponisten Tom T\u00e4ger mit einer einer Musik der befreiten Melodien In hochkonzentrierter Form macht das Monodram Se\u00f1ora Nada etwas, was nur die Literatur kann, aber auch sie nur sehr selten: Es macht Dinge vorstellbar,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/19\/metaphysik-des-schwebens\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":98641,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,36,35],"class_list":["post-64955","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-ioona-rauschan","tag-tom-tager"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64955","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64955"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64955\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98646,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64955\/revisions\/98646"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98641"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64955"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64955"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64955"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}