{"id":64839,"date":"2008-10-13T00:01:11","date_gmt":"2008-10-12T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64839"},"modified":"2021-03-16T09:08:44","modified_gmt":"2021-03-16T08:08:44","slug":"neptuns-tintenfass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/10\/13\/neptuns-tintenfass\/","title":{"rendered":"Neptuns Tintenfass"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sonette bestechen durch die Freiheit, die sie sich formal nehmen, und doch sind sie zugleich streng, was das sprachliche\u00a0Gleichma\u00df jenseits metrischer Silbengenauigkeit angeht. Und das ist das Wichtigste. Die Verse, die Worte, die S\u00e4tze, sie flie\u00dfen, und ich liebe die Sch\u00f6nheit solcher Melancholie wie in Sepia, I. \u00a0Diese Sprache r\u00fcckt Sie in die N\u00e4he von Durs Gr\u00fcnbein, denke ich, und ich meine das im guten Sinne. Bei Gr\u00fcnbein st\u00f6rt mich das Zuviel an Bildung, Ihre Verse wirken authentischer auf mich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In Sepia, II, entwickeln Sie die Melancholie deutlicher noch ins sanft Humorvolle, Selbstironische, und das ergibt eine wunderbare Stimmung: Das Menschliche, Allzumenschliche\u00a0reibt sich nun an einer subtilen, feingliedrigen Sprache, oder umgekehrt: Diese differenzierte Sprache arbeitet sich ab an der doppelten Weltsorge: am Grauen der Welt und den h\u00f6chsten Niederungen des Privaten&#8230; Die Bilder, die\u00a0den\u00a0erotischen Bezirk streifen, gefallen mir sehr als eine Art Psychologie des K\u00f6rperlichen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Reime befreit, vom Eis der Form gew\u00e4rmt, in wohltuenden Langversen, in denen Sie die Gedanken genauer,\u00a0unbeengter ausformulieren k\u00f6nnen &#8211; so reden Sie von der Liebe in nicht eben unkomplizierten Verh\u00e4ltnissen, die nur angedeutet\u00a0sind: H\u00f6rt mich die Geliebte? (Sepia, III)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tinte weist vielleicht hin auf das Schreibenwollenundm\u00fcssen des Liebenden, der\u00a0mit Worten durch die Welt tanzt, nicht aber mit dem ganzen Ich. In der Sepia-Welt, im Meer der Worte und Gedanken, lebt dieses Ich wie Neptun, ich sehe die Bilder Arnold B\u00f6cklins vor mir. Aber diese Welt im Meere steht dem Land, auf das die Sonne unerbittlich scheint und das sie auszehrt, gegen\u00fcber. Ich denke auch an die Meerjungfrau in Andersons M\u00e4rchen\u2026 Die gezeichnete Tinte ans Land tragen, wo sie lebt in den B\u00fcchern, aber dann wieder zur\u00fcck ins fl\u00fcssige Salz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sepia IV deute ich als ein Zwiegespr\u00e4ch, das Neptun mit sich selbst f\u00fchrt. Die Sepia ist st\u00e4rker als jede andere Liebe, sie verzeiht nicht, sie bindet st\u00e4rker. Und doch zieht die terrestrische Liebe zuweilen wilder an: \u201eMeinen Leib h\u00e4tte ich an die Tintenfische verkauft |\u00a0 F\u00fcr ein paar Blicke von dir\u201c (Sepia V), aber die Geliebte ist fern, kaum mehr zu erreichen. Liebe ist\u00a0 Harakiri, auch die nautische Liebe, die Liebe zur Tinte, zu den Worten, Gedanken und Geschichten, wird zur Guillotine des Selbst, das sich verr\u00e4t an die Poesie der Gef\u00fchle und des K\u00f6rpers, so oder so, es geht nicht anders.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verdacht, die unerreichbare Geliebte sei letztlich die Dichtkunst, kommt mir beim Lesen von Sepia, VI. Aber das ist nur ein fl\u00fcchtiger Gedanke. Zerrissenheit in dir selbst brennt, Neptun, du birgst Nord und S\u00fcd, Welt und Geist, Sinnlichkeit und Logik, Wort und Wirklichkeit in tausend Spannungen. Du kommst nicht heraus aus diesen dialektischen Verzwirbelungen, kannst und darfst dich nicht entscheiden. Du bist ein Gott des Meers, der Worte, an Land kippst du um, du erreichst nie das terrestrische Paradies der Liebe.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sanft ironisch klingt der Zyklus aus: Der Sehnsucht und der Hoffnung, mit der Geliebten wieder zusammen zu sein, steht die gef\u00fchlte Gewissheit gegen\u00fcber: Abschied vom gelebten Paradies, das sublimiert wird in der Poesie der neuen Verse.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sepia<\/strong>. Gedichte von Andr\u00e9 Schinkel mit Stichen von Inka Grebner, Bettina Haller, Karl-Georg Hirsch, Irina R\u00f6ssler, Bettina Rulf, Volker Wendt, Newena Wendt-Jontschewa, Wolfgang W\u00fcrfel<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Bergmann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-13322 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Bergmann-241x300.jpg\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Bergmann-241x300.jpg 241w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Bergmann.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 241px) 100vw, 241px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO sch\u00e4tzt den minuti\u00f6sen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=27947\">Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne \u2026 und Schwerkraft. Gedanken \u00fcber das lyrische Schreiben<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Sonette bestechen durch die Freiheit, die sie sich formal nehmen, und doch sind sie zugleich streng, was das sprachliche\u00a0Gleichma\u00df jenseits metrischer Silbengenauigkeit angeht. Und das ist das Wichtigste. 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