{"id":64828,"date":"2015-09-27T00:01:00","date_gmt":"2015-09-26T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64828"},"modified":"2021-10-24T11:41:19","modified_gmt":"2021-10-24T09:41:19","slug":"bleispiele","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/09\/27\/bleispiele\/","title":{"rendered":"Bleispiele"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bleigedichte las ich mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen an Form und Spiel, Heiterkeit und Ernst. Die sprachliche Variationsbreite innerhalb der monosyllabischen Dichtung frappiert. Das Vorwort ist vorz\u00fcglich gelungen. In der Tat sucht sich Erfahrung und tief Erlebtes immer wieder das Gewicht der Worte in der spannenden Einsilbigkeit und Schwere, die es erh\u00e4lt samt seiner Mehrdeutigkeit und die den leicht erreicht, der auch erlebt und erlitten hat, Rausch und H\u00f6henflug und tiefe Trauer kennt. Kann sein, dass sich die Seele auf den tiefen Grund der Worte fallen l\u00e4sst, wenn sie \u00fcber den Dingen schweben will. Darin stimme ich Helma Cardauns zu, der Mutter Ludwig Verbeeks, deren Worte das Motto des Gedichtbands bilden. \u201eManchmal finde ich mich als Muschel wieder\u201c, sagte sie einmal. Sein am Grund also, im tiefen Meer, das birgt und zeugt. Ihr widmete Ludwig Verbeek das sch\u00f6ne Gedicht \u201eF\u00fcr H. C.\u201c (S. 20). Der Gedichtband erscheint in den Tagen ihres Todes vor neun Jahren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Auf den ersten Seiten denkt so mancher Leser angesichts des monosyllabischen Wortfalls: Mich d\u00fcnkt, der Alte spricht im Fieber &#8230; Schwer wie Blei f\u00e4llt jedes Wort, im Flug ein Brand, ein Strich im Nichts \u2013 doch wird es hell am Rand, im Raum um Welt und Ich. Dann gew\u00f6hnt der Leser sich an Rhythmus und Takt, an Schwerfall und Leichtsinn des lyrischen Spiels, an Blei und Bleiguss der Wortgef\u00fcge \u2013 er beginnt zu genie\u00dfen, was ihm eben noch so erratisch in den Trichter fiel, jetzt schluckt er es wie Zuckerst\u00fcckchen und merkt zu seinem Gl\u00fcck: es ist noch lange nicht vor\u00fcber. In der Tat, das Beste kommt erst mit der Zeit, wie so oft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht, wann Ludwig Verbeek den Fr\u00fchen Grabspruch (S. 16) schrieb, ich vermute, er war noch ziemlich jung, aber wer wei\u00df, honi soit qui mal y pense, vielleicht kokettiert er heute genauso wie in seiner Jugend mit dem Tod, es m\u00f6chte ihm nicht \u00fcbel anstehn:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201ekein bett \/ war so gro\u00df \/ wie mein schlaf\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Es sind vielleicht sogar die sch\u00f6nsten Verse im ganzen Buch! \u00dcberhaupt, der Humor, der durch die Wortfugen weht, er ist ein Markenzeichen dieses Lyrikers, zumal sein Humor nicht auftritt wie ein Galan, sondern wie ein Weiser, wie eine fast unsichtbare Hand, die auf das Hintergr\u00fcndige von Schein und Sein hinweist, auf die Wahrheit, die wir oft nur ahnen und vermuten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Mal reimt es sich, mal reimt es sich nicht. Mal geht es ums Ganze, mal ums Gedicht, was f\u00fcr den Dichter so gut wie das Ganze ist. Im Reimspiel von \u201eSelbstverwirklichung\u201c (S. 35), das gegen\u00fcber dem Gedichtgedicht \u201eForm und Norm\u201c steht, geht es um die Liebe: \u201elebst du dich aus \/ grenz ich dich ein &#8230;\u201c \u2013 genauso steht es um das Verh\u00e4ltnis von Form und Inhalt im Gedicht. Am Ende siegt der Inhalt wie die Liebe \u2013 in der richtigen Form:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201e&#8230; keimt dir das herz im haus \/ sprie\u00dft ros und dorn da raus \/ dringt in mich ein \/\/ du lebst dich aus\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Eine \u00e4hnliche Struktur zeigt das Gedicht \u201eInbild\u201c (S. 40):<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201ebist du mir fern \/ so fehlst du mir \/ und in mir w\u00e4chst \/ dein bild &#8230;\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Auch hier siegt die Kraft des Lebens, der Liebe, die jedes normende Ma\u00df sprengt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201e&#8230; seis wort seis zahl \/ das herz es singt \/\/ und springt\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Und wieder ein Gedicht \u00fcber die Grenze des Lebens: \u201eTotentanz\u201c (S. 42), eines der sch\u00f6nsten Gedichte in diesem Band, ein Lied des Leiermanns:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201e&#8230; der tod spielt \/ spielt auf \/ zum tanz \/ blind rinnt \/ der satz \/ des sands \/ &#8230; \/ im staub \/ strahlt auf \/ sein glanz \/ viel f\u00e4llt \/ die welt \/ f\u00e4llt ganz\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die acht kleinen \u201aStrophen\u2019 singen ein Lied vom Nichts, das aber ein Lied bleibt. Das Leben \u2013 ein heroischer Nihilismus \u00e0 la Sartre und Camus?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">An die \u201aBeweisf\u00fchrungsgedichte\u2019 Erich Frieds erinnert \u201eAnliegen\u201c (S. 46). In dieser Art gibt es noch zwei oder drei Bleigedichte. Die Logik der Argumentation wird humorvoll gef\u00e4hrdet durch Wortspiele. Die Frage zweier Liebender, wer wen mehr liebt (\u201ean dir \/ liegt \/ mir mehr \/ als dir \/ lieb ist\u201c contra \u201ean mir \/ liegt \/ dir mehr \/ als mir \/ lieb ist\u201c), endet im Vorwurf des lyrischen Ichs: \u201ean dir liegt es mehr\u201c&#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ein wenig aus der Reihe f\u00e4llt das \u201eSo nett D\u201c, ein monosyllabisches, auf vier Jamben pro Vers verk\u00fcrztes Sonett in Paarreimen, ein politisches Gedicht \u00fcber die kritische Metamorphose \u201ewir sind das volk\u201c zu \u201ewir sind ein volk\u201c. Da bekommt die undialektische Form ein Bleigewicht, das der Gravitation des Schwarzen Lochs \u00e4hnelt, die Form droht den Inhalt zu verschlingen, Qualit\u00e4t schl\u00e4gt zuletzt um in blasse Quantit\u00e4t &#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">In philosophelnden Versen wird das Nichts mehrmals in Streifen geschnitten, gew\u00fcrfelt und platt gehauen, das Nichts wird so lange vernichtet, bis es quasi aufersteht und zu sein scheint. Aber auch wenn es existiert, sieht es nur so aus, als ob es existiert. Das wird so lange behauptet, bis das All, oder das Sein, Feind oder gro\u00dfer Bruder des Nichts, das Nichts umarmend, sich aufl\u00f6st. Alles ist nichts. Nichts ist alles. Ein \u00e4hnliches Spiel mit den Worten und Inhalten veranstaltet das Gedicht \u201eSchlaf\u201c (S. 78), das mit elliptischen Konsekutivs\u00e4tzen und indirekten Frages\u00e4tzen den ber\u00fchmten Satz des Sokrates umkreist und konkludiert: Ich wei\u00df, dass ich nicht wei\u00df,\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201e&#8230; da\u00df ich wei\u00df \/ ob ich wei\u00df \/ da\u00df ich leb \/ ob ich tot bin\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Erstaunlich: Der Verbeeksche Syllaps bekommt keinen Kollaps. Die Zyklopiade der Bleiw\u00f6rter erm\u00fcdet den Leser nicht, es sind zum Gl\u00fcck auch ein paar Gewichte aus Papier dabei, semantischer Puder, der vom Bleihimmel langsam auf den Bleigrund des tieferen Sinns schwebt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Mir f\u00e4llt auf, dass die Gedichte kaum verraten, aus welcher Zeit sie stammen. So gleichwertig sind die allermeisten. Ich denke auch \u2013 insbesondere bei \u201eSucht\u201c (S. 88) \u2013 an Vorl\u00e4ufer des einsilbigen Wortgesangs, Goethes \u201eHexeneinmaleins\u201c:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Du mu\u00dft versteh\u2019n! \/ Aus Eins mach Zehn, \/Und Zwei la\u00df geh\u2019n, \/ Und Drei mach gleich, \/ So bist Du reich. \/ Verlier die Vier! \/ Aus F\u00fcnf und Sechs, \/ So sagt die Hex\u2019, \/ Mach Sieben und Acht, \/ So ist\u2019s vollbracht: \/ Und Neun ist Eins, \/ Und Zehn ist keins. \/ Das ist das Hexen-Einmaleins!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die \u201eEnzyklop\u00e4dische Litanei\u201c wird schon im Vorwort als \u201ewichtigster programmatischer Text\u201c bezeichnet. In diesem Gedicht zeigt Ludwig Verbeek, indem er idiomatische Wort-Wendungen durchdekliniert, dass f\u00fcr ihn die Sprache sowohl eine spielerische als auch intendierte Seite hat. Sprache spielt sich von selbst, wenn wir uns loslassen, sie spielt unsere Gedanken nach, sie spielt uns unsere Gedanken zu, wir spielen zur\u00fcck, ein dialektisches Gewebe, das Verantwortung verlangt, wenn es nicht nur reines Spiel sein soll.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">das wort folgt dem wort<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">das wort nimmt beim wort<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">das wort h\u00e4lt das wort<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">das wort verl\u00e4\u00dft sich auf das wort<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">das wort bricht das wort<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">das wort verliert das wort<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Schon in der ersten Strophe (von insgesamt sieben) wird klar, wie wesentlich das Wort f\u00fcr unser Leben ist. Das Wort bindet uns an die Welt, wir binden unsere Gedanken und Taten durch Worte an die Welt, wir verbinden und verb\u00fcnden uns durch die Sprache. Der tautologische Charakter der Wahrheit wird deutlich in den vielen gleichf\u00f6rmigen S\u00e4tzen, die ein \u00c4quivalent zum monosyllabischen Bleigewicht dieses Gedichts hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">So mahnt die allumfassende Litanei, indirekt klagend: Das Wort verlangt Ehrlichkeit, Vertrauen, Genauigkeit, Vollst\u00e4ndigkeit, Stimmigkeit und vieles Wichtige mehr \u2013 dann gibt es uns Heimat und verleiht uns Identit\u00e4t und innere Stimmigkeit, \u00dcbereinstimmung mit der Welt, bis hin zur paradiesischen Hoffnung, die in der Anspielung auf die Bibel anklingt: \u201e&#8230; das wort ist im anfang das wort &#8230;\u201c Und wenn es im letzten Vers hei\u00dft: \u201e&#8230; das wort folgt dem wort\u201c, den Anfang des Gedichts wiederholend, so lese ich das als Hinweis auf das Leben als perpetuum mobile, das ewige Leben. So wird aus der Litanei ein Lied.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Wort f\u00fcr Wort in Norm und Form<\/strong>, von Ludwig Verbeek. S\u00e4mtliche Bleigedichte 1961-2012. Edition Klotho. Free Pen Verlag, Bonn 2013<\/p>\r\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-93440\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/Verbeek_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"98\" height=\"150\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Die Bleigedichte las ich mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen an Form und Spiel, Heiterkeit und Ernst. Die sprachliche Variationsbreite innerhalb der monosyllabischen Dichtung frappiert. Das Vorwort ist vorz\u00fcglich gelungen. 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