{"id":64823,"date":"2015-11-19T00:36:00","date_gmt":"2015-11-18T23:36:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64823"},"modified":"2021-11-19T17:50:51","modified_gmt":"2021-11-19T16:50:51","slug":"pflotsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/11\/19\/pflotsch\/","title":{"rendered":"Pflotsch!"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1982 bei Bern aufgewachsene (fast erblindete) Schweizer Autor diktiert seine Texte in den Computer. Er erz\u00e4hlt \u201eeine existenzielle Geschichte zum Thema Schuld.\u201c Es ist ein mysteri\u00f6ser Kriminalfall, den der Leser mehr erahnen muss, als dass er aufgekl\u00e4rt wird. Anders gesagt, Fehr will keinen \u00fcblichen (analytischen) Krimi schreiben, sondern einen Ausschnitt aus dem existenzialistischen Gef\u00fcge vom Einzelnen im gesellschaftlichen Geflecht geben. \u201eIch arbeite absolut ohne Bewusstsein f\u00fcr die Leser. &#8230; Diese Geschichte ist wahr, weil sie aus diesem Ursumpf kommt, den ich meine Kreativit\u00e4t oder Ideen nennen kann &#8230; Das Buch l\u00e4sst etwas offen, das man mit eigenen Bildern f\u00fcllt.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwarz, ein Landmann wird von Anatol Griese, dem Gemeindsverwalter, zu Frau Weiss von der Sozialhilfebeh\u00f6rde in der Kantonshauptstadt, gebracht, die den Fall quasi polizeilich \u00fcbernimmt: In dem riesigen Haus von Schwarz befindet sich ein Waffenlager und eine riesige Geldsumme, die Ehefrau ist verschwunden, die Leute vermuten Mord. Eine m\u00f6glicherweise umst\u00fcrzlerische, vermutlich aber nicht sozialistische, Vereinigung junger Leute, die in der Erz\u00e4hlung nicht auftritt, hat mit dem Waffenlager zu tun. Die fragmentarisch erz\u00e4hlte Handlung erscheint wie eine Metapher f\u00fcr die Schweiz: Das geheime Geld, das Waffenlager \u2013 Schweizer Banken und Waffenexport, b\u00fcrgerliche Enge und Wohlstandsverwaltung \u2013 das ist die Folie, auf der sich die Figuren mit sprechenden Namen in dieser szenischen Erz\u00e4hlung mit lyrischem Einschlag bewegen. \u201eDie Schweiz ist dreckig\u201c, sagt Fehr, man muss \u201ekritisch bleiben, hinterfragen, st\u00f6ren &#8230; Dass wir Konzerne beherbergen, womit wir uns direkt verantwortlich machen f\u00fcr den Tod von massenhaft Lebewesen. Das ist f\u00fcr mich ein Leiden.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kapitel 16 (genau in der Mitte des Buchs): Griese, der Gemeindsverwalter, kehrt nach der \u00dcbergabe Schwarz\u2019 noch einmal zur\u00fcck zu dessen Haus. Nach ergebnisloser Inspektion mit Taschenlampe verl\u00e4sst das finstre, scheinbar leere Haus, in dem er seltsam schlurfende Schritte h\u00f6rt, und steigt wieder den Berg hinauf zu seinem Auto im Wald, als das geheimnisvolle Geb\u00e4ude mit dem Waffenlager explodiert:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 es wird taghell<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Holz birst<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">er sieht noch Splitter an sich vorbeifliegen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">landet dann mit dem Gesicht im Matsch<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Adieu<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hinter ihm geht gewaltig die Sonne auf<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das riesige Dach fliegt davon und verfl\u00fcchtigt sich<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ringsherum schlagen Splitter ein<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der helle Wahnsinn bricht aus dem Haus aus und<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0 schl\u00e4gt sich Bahn ringsherum<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der Knall dr\u00fcckt Griese nachhaltig in die Ohren<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das Gesicht im Schlamm kriegt er keine Luft<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">rudert<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">jetzt f\u00e4hrt ihm auch die gewaltige Hitze \u00fcber den<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 R\u00fccken<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">er reisst den Kopf aus der Br\u00fche<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">reisst Luft hinein<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">voller Staub<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hustet<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">r\u00f6chelt<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">l\u00e4sst sich auf den R\u00fccken fallen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00fcber ihm der Himmel voller Funken<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die Nacht dunkelt wieder ein<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">aus der Erde recken sich Feuerzungen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">[&#8230;]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Inferno<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Griese dreht sich wieder auf den Bauch<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">w\u00fchlt wie eine Sau<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">kommt hoch<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">r\u00f6chelt<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hustet<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">h\u00f6rt nichts<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">schleift sich davon<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">allm\u00e4hlich den Hang hinauf<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in den Wald<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hockt in den ersten B\u00e4umen noch einmal ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in der Tiefe brodelt und feuert es<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">gelangt sp\u00e4ter einmal an den Wagen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">macht hinten die T\u00fcre auf<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">dann wieder zu<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">macht vorne die T\u00fcre auf<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">legt Plastik \u00fcber den Fahrersitz<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hievt sich hinein<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">klatscht die T\u00fcre zu<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">bleibt im Kalten sitzen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">es ist stockfinster<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">er atmet schwer<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sp\u00e4ter kommen die Ohren zur\u00fcck<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sp\u00e4ter h\u00f6rt er die Feuerwehr durch den Wald<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 brausen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eLeck mir am Arsch\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">schluchzt<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">diesmal hemmungsloser und kontinuierlich<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gespr\u00e4che und Telefonate (einseitig notiert) geh\u00f6ren zum Besten in dem kleinen Buch, das in vers\u00e4hnlichen Zeilen notiert ist, ohne Punkt und Komma, es gibt nur Anf\u00fchrungszeichen in den 32 oft filmszenisch wirkenden Kapiteln. Durch das im Ausdruck starke Hochdeutsch schimmert immer wieder Stil, Satzbau und die ganze F\u00e4rbung des Schwyzerd\u00fctsch, der deutsche Leser sp\u00fcrt das Anarchische und Archetypische der Kommunikation vielleicht besonders deutlich. \u201eDie Kargheit, Reduktion, Destillation. Eine existenzielle Geschichte mit einer gewissen Musikalit\u00e4t. Das bin ich. Das ist meine Religion.\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Simeliberg, von Michael Fehr. Verlag Der gesunde Menschen Versand, Luzern 2015.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">[Alle Zitate entnahm Ulrich Bergmann einem Gespr\u00e4ch in: DIE ZEIT 16\/2015 vom 16.4.2015]<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der 1982 bei Bern aufgewachsene (fast erblindete) Schweizer Autor diktiert seine Texte in den Computer. 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