{"id":64820,"date":"2015-11-13T00:01:00","date_gmt":"2015-11-12T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64820"},"modified":"2020-05-23T16:25:44","modified_gmt":"2020-05-23T14:25:44","slug":"triebspiel-spieltrieb","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/11\/13\/triebspiel-spieltrieb\/","title":{"rendered":"TRIEBSPIEL = SPIELTRIEB ?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die\nB\u00fchnenfassung von Juli Zehs Roman SPIELTRIEB in der Werkstattb\u00fchne (Oper Bonn)\nist ausgezeichnet und schauspielerisch gro\u00dfartig umgesetzt. Mir gefiel die hoch\nbegabte junge Schauspielerin in der Hauptrolle (Ada). Eine unterhaltsame\nAuff\u00fchrung, 100 Minuten lang Freude f\u00fcr Hirn und Herz, und die Augen, gut\ninszeniert, gut eingerichtet f\u00fcr die B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<p>Das adoleszente Philosophieren und abenteuerlich-kriminelle Handeln\nder beiden Sch\u00fcler (in einer Sprache, die allerdings auch intellektuelle\nSch\u00fcler nie sprechen) und die beiden Lehrer (H\u00f6fi, Mathematik, und Smutek,\nDeutsch und Sport) f\u00fchrt zu einem geistigen Experiment: Die Verf\u00fchrung Smuteks\nim Rahmen eines kommunikativen Spieltriebs. Es geht um Macht \u00fcber Mitsch\u00fcler\nund Lehrer. Und um den Beweis, wie leicht man mit seinem Leben und dem der\nanderen spielen kann. Da werden die pausenlos hingeschleuderten Sentenzen von\nAda und ihrem drei Jahre \u00e4lteren Mitsch\u00fcler Alev oft zynisch. Insbesondere Alev\ntritt hochnarzisstisch auf. Die postpubert\u00e4ren Sprach-Spiele bewegen sich zwischen\naltklugem Nachplappern von Gelesenem und banalen Statements. Man gef\u00e4llt sich\nim Behaupten, man geh\u00f6re einer v\u00f6llig neuen Generation an, die alles Moralische\n\u00fcberwunden hat und alle Verhaltensweisen durchschaut und manipulieren kann. Ada\nbleibt hin und wieder skeptisch.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine gewisse N\u00e4he zu Choderlos de Laclos\u2019 Gef\u00e4hrliche\nLiebschaften bzw. zu Heiner M\u00fcllers QUARTETT, Juli Zeh bricht es intelligent\nherunter auf das Niveau Postpubertierender, und das Ganze als Gro\u00dfmetapher f\u00fcr\nden Zustand der Moral in unserer Gesellschaft.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schluss des St\u00fccks weist, wie auch die lange geheim gehaltene\npsychische Gewalt, Parallelen mit Musils Erz\u00e4hlung \u201eDie Verwirrungen des\nZ\u00f6glings T\u00f6rle\u00df\u201c auf. Aber im Unterschied zu den jungen Kadetten greift das\ngef\u00e4hrliche Spiel der Gymnasiasten in die Lehrerwelt ein. W\u00e4hrend die Jungen in\nder \u00f6sterreichischen Kadettenanstalt sich \u2013 besonders was ihre Sexualit\u00e4t\nangeht \u2013 sehr unbeholfen verhalten, als sie zur Hure Bo\u017eena gehen, bewegen sich\nAda und Alev clever auf der Ebene der Erwachsenenwelt. Das Ende: Smutek wehrt\nsich, als er die Erpressung durch seine Sch\u00fcler nicht mehr aush\u00e4lt, mit Gewalt,\ner schl\u00e4gt Alev brutal nieder. Die Sache kommt vor Gericht, der Prozess endet\nf\u00fcr alle mit glimpflichen Urteilen. In Musils Erz\u00e4hlung f\u00fchrt das Spiel mit dem\nES im ICH-Bereich der Sch\u00fcler unter starkem Leidensdruck aller Beteiligten \u00fcber\nVerletzungen untereinander zu einer ersten Stufe im Erwachsenwerden. Bei Juli\nZeh f\u00fchrt das Spiel gegen die \u00dcBER-ICH-Instanzen zwar auch zur gegenseitigen\nEntfremdung aller, doch in einem viel bewussteren Prozess kommt es \u00fcber\nzunehmendem Zweifel zu Selbsterkenntnissen und einem h\u00f6heren Grad an\nErwachsenheit, weil die H\u00fcrde der Sexualit\u00e4t nicht, wie im Fall der deutlich\nj\u00fcngeren und unerfahreneren Knaben, die entscheidende Rolle bei der Reifung\nspielt. <\/p>\n\n\n\n<p>Juli Zehs St\u00fcck mag ziemlich konstruiert erscheinen, aber das macht Sinn.\nDer schlaue Zuschauer\/Leser muss alles Metaphorische und \u00dcberspitzte runterbrechen\nauf das Glaubhafte. Es ist vollkommen klar, dass selbst die allerbesten\nSch\u00fcler, wenn sie ernsthaft diskutieren, nicht so elaboriert reden wie im Roman\noder im B\u00fchnenst\u00fcck. Mich st\u00f6rt das nicht, im Gegenteil. Ich suche auf der B\u00fchne\nund auch in Romanen nicht die realistische Abbildung. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Wenigsten wissen, dass hinter dem Ernst-Bloch-Gymnasium das P\u00e4dagogium\nOtto-K\u00fchne-Schule steht, die meisten P\u00e4daner wissen nicht, wer Juli Zeh ist. &#8211;\nDie viel zu intensive N\u00e4he zwischen Lehrern und Sch\u00fclern auf dem P\u00e4da war immer\nschon &#8211; vor allem zu Zeiten, als es das Internat noch gab &#8211; kein Ausweis\np\u00e4dagogischer Meisterschaft. Lehrer drangen viel zu sehr in die Hirne ihrer\n(vor allem begabten) Sch\u00fcler ein. Juli Zeh zeigt, wie das dann eben auch mal\numgekehrt zur\u00fcckschallt. Ich bin \u00fcberzeugt, dass sie sich den sehr\nnarzisstischen Lehrern durchaus so \u00fcberlegen f\u00fchlte, wie sie das Ada sagen\nl\u00e4sst. Inwieweit sich das Machtkampfspiel mit Smutek im Kopf abspielte oder\ntats\u00e4chlich zutrug, ist nur eine Frage nach den Anteilen &#8211; es handelt sich um\neine Melange von Wirklichkeits- und Vorstellungsebenen. Juli Zehs Roman stie\u00df\nin eine Wunde: Es gab neben p\u00e4dagogisch-platonischen \u00dcbergriffen auch sexuellen\nMissbrauch am P\u00e4da, der erwiesen ist. Mit diesem Material spielt Juli Zeh, und\nsie greift weit \u00fcber diese Realit\u00e4ten hinaus und schrieb einen Roman \u00fcber\nadoleszente Wirklichkeitsaneignung, und in diesem Prozess wird die\nUnvollkommenheit der Erwachsenen-Welt am Beispiel der p\u00e4dagogischen Binnenwelt\ngespiegelt. <\/p>\n\n\n\n<p>So gesehen stellt sich der Roman \u201eSpieltrieb\u201c\nebenb\u00fcrtig neben andere gro\u00dfe Adoleszenz-Romane, etwa Musils \u201eDie Verwirrungen\ndes Z\u00f6glings T\u00f6rle\u00df\u201c. Das \u201aExperiment\u2019, das Alev und Ada inszenieren, will\nSelbstbefreiung. Die gelingt nicht ganz. Aber sie ist belletristisch neuartig\nund eine wirklich gute Idee.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die B\u00fchnenfassung von Juli Zehs Roman SPIELTRIEB in der Werkstattb\u00fchne (Oper Bonn) ist ausgezeichnet und schauspielerisch gro\u00dfartig umgesetzt. Mir gefiel die hoch begabte junge Schauspielerin in der Hauptrolle (Ada). 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