{"id":64806,"date":"2016-04-07T00:01:00","date_gmt":"2016-04-06T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64806"},"modified":"2020-05-23T15:52:53","modified_gmt":"2020-05-23T13:52:53","slug":"der-horizont-kippt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/04\/07\/der-horizont-kippt\/","title":{"rendered":"&#8230; der Horizont kippt"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 6.4.2016 um 20 Uhr war ich bei ihrer Lesung im Buchcaf\u00e9\nAntiquarius, Bonner Talweg 14, 53113 Bonn. Ein paar Stra\u00dfen weiter wohne ich.\nEs war der Tag meines Geburtstags. Egal. Primzahl unter 100. Ich feiere sowieso\nerst am Wochenende. Also hin zum Antiquarius. <\/p>\n\n\n\n<p>Die kleine enge Bude war picke packe rappelvoll. 30 plus.\nAlter auch. 30 plus bis 40 plus. Ich dann absolute Altersspitze. Primzahl unter\n100, hinter mir liegen schon 19, vor mir nur noch 6 weitere.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Die KRITISCHE AUSGABE, Lit. Zs. der Fachschaft Germanistik,\nBonner Uni, moderierte an. In der neuesten, jetzt erschienenen Ausgabe steht\neine philologische Rezension von Julias erstem Gedichtband. Der Autor der\nRezension, Fabian Beer, gibt Julia das Wort. <\/p>\n\n\n\n<p>Nun liest sie. Stellt ihren Gedichtband vor. Ich erlebte sie\nvor ungef\u00e4hr 10 Jahren in K\u00f6ln, als sie ihre Gedichte und Lieder im DUDDLE\nvortrug. Ich dachte: Sie sieht eigentlich immer noch so aus wie damals, nur\nsingt sie (leider) nicht mehr. Jetzt ist ihr Auftritt viel bescheidener, das\nist nicht falsch, &#8211; sie ist vorsichtig. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Rezensent der KRITISCHEN AUSGABE l\u00e4chelt hin und wieder\nin mitverstehendem Wissen bei dem ein oder anderen Vers. <\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Gedicht, das Julia liest, ist vielleicht das\nbeste, dachte ich, es ist das erste in ihrem Buch:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Paradies<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn sich deine Augen manchmal aufklappen,<\/p>\n\n\n\n<p>sperrangelweit, und der Horizont in sie kippt,<\/p>\n\n\n\n<p>denn wie sollte die Ferne sonst zu dir gelangen? <\/p>\n\n\n\n<p>(\u201eZum Begreifen nah\u201c hei\u00dft Julias Buch &#8230;)<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; dann sehe ich gerne hinein, denn sie spiegeln<\/p>\n\n\n\n<p>ungeahnte Theorien von Schwarzen L\u00f6chern, <\/p>\n\n\n\n<p>(man beachte die poetologischen Anspielungen!)<\/p>\n\n\n\n<p>achtsam geschmeckten Rosinen oder einfach <\/p>\n\n\n\n<p><em>Pupillen<\/em>, die du\nmit deinen \u00c4pfeln herumrollst,<\/p>\n\n\n\n<p>in die ich bei\u00dfen w\u00fcrde, wenn ich k\u00f6nnte,<\/p>\n\n\n\n<p>(immer noch poetologisch gemeint &#8211; Rosinen, \u00c4pfel, Synthese\nvon Sinn und Sinn &#8230; :-)<\/p>\n\n\n\n<p>und alle Fehler einfach wiederholen, ganz egal. <\/p>\n\n\n\n<p>(Ganz egal! Wir sehen: Was sich parodieren l\u00e4sst, hat\nSubstanz.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich das kleine Haus dort hinten w\u00e4re,<\/p>\n\n\n\n<p>an dem dein Blick sich lautlos verf\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sowieso w\u00fcrde ich vorschlagen,<\/p>\n\n\n\n<p>das Meckern der Schlange zu ignorieren. <\/p>\n\n\n\n<p>(Schlange! Subtile Ambivalenz! Das weiblich B\u00f6se und die\nhoffnungslos Wartenden.)<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>In der erwartbar akademisch formulierten Rezension Fabian\nBeers wird die Autorin zitiert: ihre lyrische Intention sei es nicht, die Welt\nmimetisch im Sinne von Aristoteles abzubilden, sie wolle \u201emit einem ge\u00f6ffneten\nSinnangebot in Spannung treten\u201c. Das hei\u00dft: sie will die polysemantische\nWirkung der Sprache so organisieren, dass mehr als nur das Wesen einer\nSituation, eines Sachverhalts lesbar wird. Dergestalt, dass der Leser sich\nselbst dem Begreifen n\u00e4her bringt, indem er das gelesene Gedicht in seiner\neigenen Sprache nachspricht, mit Worten oder Ideen. Das sind keine neuen Dinge\nin der Lyrik, aber die Autorin zeigt, dass sie wei\u00df, wie und was sie schreibt.\nSie hat sich freigeschwommen aus dem kleinen Pool liedhafter Verse in der Zeit\nihres Beginnens vor ungef\u00e4hr zehn Jahren. Die Gedichte sind nun wesentlich\nsubtiler, sie setzen darauf, dass sich komplexe Metaphern beim Lesen\nmultiplizieren, aber man muss das nicht ausrechnen. Julia Trompeters Gedichte\nsind voll von solchen spielerischen Wirklichkeits- und\nPerspektivenverfremdungen, die den Leser seinen Erkenntnissen n\u00e4her bringt. <\/p>\n\n\n\n<p>Leicht sind diese Gedichte nicht, zumal sie poetologische\nMetaebenen und Selbstkommentierungen enthalten. Hermetisch wirken jedoch nur\neinzelne Stellen \u2013 und man muss auch nie das ganze Gedicht in philologischer\nVollendung kapieren. Anders betrachtet: Wer k\u00f6nnte meine Lesart\nwiderlegen,&nbsp; angesichts der gewollten und\nungewollt sich ergebenden Komplexit\u00e4t der Gedichte?&nbsp; Schon die N\u00e4he meines \u201aVerstehensgedichts\u2019\nzum gelesenen reicht \u2013 und so sind wir wieder beim Titel des Lyrikbands.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Was soll ich sagen. Alles in allem ein reicher Gedichtband &#8211;\nrund 100 Seiten. Eingeteilt in 5 Abschnitte. <\/p>\n\n\n\n<p>Zum Begreifen nah.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieben Lamellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein freischwebender Ton.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus gekachelten Nestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Feldforschung, gelichtet. <\/p>\n\n\n\n<p>Ordnung muss sein. Aber hier gar nicht ernst gemeint. Gut\nso. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Pause unterhielt ich mich mit Julia. Sie hat gute\nErinnerungen an kv. In den fr\u00fchen Jahren waren die Kommentare erfreulich fair,\nmeint sie. Ich sagte: Ja, das war einmal. Im Moment geht es wieder ganz gut. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sage: kv ist gut f\u00fcr um zu wissen, wie mein Text\nankommt. Und das ist eigentlich nur bei kv so direkt m\u00f6glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Was wird aus Julia? &#8211; Ich wei\u00df es nicht. Ich habe sie nicht\ngefragt. Ich ahne: Sicher noch ein Buch. Standbein: Wissenschaft oder sowas in\nder Art. <\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls: Ein subtil formulierter Gedichtband. Eine\nsympathische Autorin. Ein wundervolles Wiedersehen nach zehn Jahren! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist im Verlag Sch\u00f6ffling &amp; Co. Julias erster\nLyrikband \u201eZum Begreifen nah\u201c erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 6.4.2016 um 20 Uhr war ich bei ihrer Lesung im Buchcaf\u00e9 Antiquarius, Bonner Talweg 14, 53113 Bonn. Ein paar Stra\u00dfen weiter wohne ich. Es war der Tag meines Geburtstags. Egal. Primzahl unter 100. 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