{"id":64803,"date":"1997-01-29T00:01:00","date_gmt":"1997-01-28T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64803"},"modified":"2022-02-21T12:00:44","modified_gmt":"2022-02-21T11:00:44","slug":"narrative-kaelte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/29\/narrative-kaelte\/","title":{"rendered":"Narrative K\u00e4lte in Thomas Manns Doktor Faustus"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Vergleich zu den m\u00fchelos zu konsumierenden &#8222;Buddenbrooks&#8220;, dem atmosph\u00e4risch dichten &#8222;Zauberberg&#8220; oder dem heiteren &#8222;Felix Krull&#8220; macht es der d\u00fcstere, mitunter spr\u00f6de wirkende Faustroman dem Leser nicht leicht. &#8222;Doktor Faustus&#8220; treibt ein Spiel par excellence mit den Bedeutungsebenen. Ulrich Bergmann \u00fcber Thomas Manns wildesten Roman.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat, wie der Erz\u00e4hler Hans Castorp fallen l\u00e4sst (nicht erst am Schluss), das hat eine didaktisch-kritische K\u00e4lte ohnegleichen. Auch Adrian Leverk\u00fchn wird im Ganzen recht distanziert\u00a0behandelt. Thomas Mann benutzt Leverk\u00fchn und die atonale Musik als Gro\u00df-Metaphern. Leverk\u00fchn ist nicht der t\u00e4tige Faust Goethes, sondern schlie\u00dft sich im fiktiven Pfeiffering bei M\u00fcnchen ein in seinen Elfenbeinturm \u2013 und tut nichts gegen den\u00a0sich anbahnenden deutschen Faschismus, wie die ihn umgebende gesellschaftliche, k\u00fcnstlerische und intellektuelle Elite, die v\u00f6llig versagt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind alles Antihelden, der Erz\u00e4hler muss kalt sein.\u00a0Thomas Mann will Leverk\u00fchn durch\u00a0seinen\u00a0Erz\u00e4hler Zeitblom, einen Freund Leverk\u00fchns, freundlicher behandeln \u2013 und er versucht zu differenzieren: einerseits\u00a0ein faustisches K\u00fcnstlertum mit bedeutenden atonal-freitonalen musikalischen Werken, andererseits die Verdammung der kalten 12-Ton-Technik als Ahnung und Spiegel faschistischer Unmenschlichkeit. Meines Erachtens gelingt das Doppelspiel nicht, falls es ein Doppelspiel sein soll. Thomas Mann verdammt beides: die K\u00fcnstlerexistenz Leverk\u00fchns <em>und<\/em> die atonale Musik, die er hier als Metapher instrumentalisiert. (Verst\u00e4ndlich, dass sich Sch\u00f6nberg in diesem Roman missbraucht sah.)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwierig ist die Deutung des Selbstbezugs: TM spiegelt sich ja selbst in Zeitblom und Leverk\u00fchn. Als Zeitblom ist er der enzyklop\u00e4distisch Gebildete und politische Mahner und Kritiker, als Leverk\u00fchn der K\u00fcnstler, der nur im Verzicht auf Subjektivit\u00e4t (also auch Liebe) zu allgemeing\u00fcltigen Werken gelangt. In der Kombination Zeitblom\/Leverk\u00fchn gewinnt er f\u00fcr sich das politisch bewusste K\u00fcnstlertum. Ein Grattanz, der in den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull \u00e4hnlich schwierig ist.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht h\u00e4tte Thomas Mann besser gewisse Richtungen der abstrakten Malerei nehmen sollen \u2013 die optische Kunst steht der literarischen Sprache ohnehin viel n\u00e4her als die Musik. Zur Musik von Sch\u00f6nberg, Webern, Berg hatte Mann keinen Draht. Er hielt sie offensichtlich f\u00fcr einen Irrweg. Da stand und steht er nicht allein. Ich glaube nicht, dass die atonale, freitonale, dissonante Musik als Metapher f\u00fcr den (Hitler-)Faschismus taugt. Einzelne musikalische Ph\u00e4nomene lassen sich dem Geist eines Zeitalters (immer nur partiell) sicherlich zuordnen. Aber die Umkehrung oder Aufl\u00f6sung der harmonischen Ordnung in der Musik? Da wird das Kind mit dem Bade ausgesch\u00fcttet. Mit Leichtigkeit h\u00e4tte sich ein Roman schreiben lassen, in dem die romantische Musik Wagners als verf\u00fchrerisch und\u00a0die Ordnung der Harmonie als autorit\u00e4r gesehen wird, w\u00e4hrend die freitonale Musik als Befreiung von zwingender Ordnung, als Apotheose der Freiheit darstellbar w\u00e4re.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun r\u00fcckt Thomas Mann auch das Faustische zum Faschistischen \u2013 und da wird entweder dem Faschismus zuviel des Guten angetan oder dem Faustischen \u00fcbel mitgespielt. Der Goethische Faust ist ja kein Frankenstein, sondern das gesamte Drama will Archetypen unseres menschlichen Seins bewusst machen.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich interessieren\u00a0bei Thomas Mann nach wie vor mehr sein WIE des Erz\u00e4hlens, die Hintergr\u00fcndigkeit, die Gro\u00dfmetaphern, die ironische Vielfalt, die Selbstreferenz innerhalb der Erz\u00e4hlung, das Skurrile in Vokabular und Syntax, &#8230; Manches sehe ich auch hier kritisch (gewollte Umst\u00e4ndlichkeit und Stilpirouetten).\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, dass die Buddenbrooks und der Zauberberg \u00fcberzeugendere Romane sind als das Sp\u00e4twerk Thomas Manns, der \u2013 H\u00e4ndel \u00e4hnlich \u2013 ein Fr\u00fchvollendeter war. In den\u00a0Buddenbrooks zeigt er sich als Vollender Theodor Fontanes im \u00dcbergang zum\u00a0magisch-realistischen Erz\u00e4hlen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Doktor Faustus<\/strong>.<em> Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverk\u00fchn, erz\u00e4hlt von einem Freunde<\/em> entstand zwischen dem 23. Mai 1943 und dem 29. Januar 1947<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_13738\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Bergmann_1_sw-122x150.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13738\" class=\"size-full wp-image-13738\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Bergmann_1_sw-122x150.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13738\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong>\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch Ulrich Bergmanns <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/02\/ex-oriente-lux\/\">Gedanken<\/a> <\/em>zu Thomas Manns Roman \u201eJoseph und seine Br\u00fcder\u201c. \u00dcber Thomas Manns Erz\u00e4hlung <em>Der Tod in Venedig<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/tag\/thomas-mann\/\">hier<\/a> ein Artikel. Und Bergmanns\u00a0<span class=\"ILfuVd c3biWd\"><span class=\"hgKElc\">\u00dcberlegungen der zum Untergang verurteilten b\u00fcrgerlichen Welt vor dem Ersten Weltkrieg<\/span><\/span>\u00a0 anhand des <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/08\/12\/neuschnee\/\">Zauberbergs<\/a><\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Vergleich zu den m\u00fchelos zu konsumierenden &#8222;Buddenbrooks&#8220;, dem atmosph\u00e4risch dichten &#8222;Zauberberg&#8220; oder dem heiteren &#8222;Felix Krull&#8220; macht es der d\u00fcstere, mitunter spr\u00f6de wirkende Faustroman dem Leser nicht leicht. &#8222;Doktor Faustus&#8220; treibt ein Spiel par excellence mit den Bedeutungsebenen. 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