{"id":64794,"date":"2013-11-01T00:01:00","date_gmt":"2013-10-31T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64794"},"modified":"2021-03-09T17:31:56","modified_gmt":"2021-03-09T16:31:56","slug":"zwischen-kosmos-und-muell-kunst-als-theater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/01\/zwischen-kosmos-und-muell-kunst-als-theater\/","title":{"rendered":"Zwischen Kosmos und M\u00fcll \u2013 Kunst als Theater"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201e\u00dcberall wandeln sich Ausstellungen in Auff\u00fchrungen, werden Museen zu B\u00fchnen &#8230;\u201c<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hanno Rauterberg<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die Behauptung, dass junge K\u00fcnstler immer h\u00e4ufiger sich und ihre Werke inszenieren, ist evident: Anthony McCalls Lichtkegel in Berlin, Kibong Rhees Aquarium in Posen, Anthony Gormleys \u201eHorizon Field\u201c in Hamburg &#8230; Vielleicht zeigt sich, dass ein Museum nicht (mehr) der richtige Ort f\u00fcr die Kunst unserer Gegenwart ist. Die Verankerung mitten in der \u00d6ffentlichkeit (Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze) w\u00e4re konsequenter, wie etwa die in der New Yorker Railway Station in Mikrophone gesungene Oper mitten unter Passanten mit ausgeteilten Kopfh\u00f6rern. Andererseits sollte ein Kunstwerk nicht seinen Anspruch verlieren, kosmisches Bild zu sein und absolut zu gelten. Es schm\u00e4lert die Souver\u00e4nit\u00e4t der Kunst, das Werk im \u00dcberma\u00df mit gesellschaftlichen Kontexten zu umgeben. Statt der intendierten \u00d6ffnung zur Welt geschieht sonst leicht das Gegenteil: Selbstfesselung und Selbstentwertung. Es liegt im Wesen der Kunst, auf gemeinte Kontexte so anzuspielen, dass der Betrachter den Zeigefinger von Text und B\u00fchneninszenierung nicht ben\u00f6tigt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Man kann aber auch so denken: Die jungen K\u00fcnstler wollen das immanente und statische Werkprinzip \u00fcberwinden, wie es Calder mit seinen kinetischen Mobiles versuchte. Calder schuf abstrakte Kunstwerke, denen der Betrachter Bedeutungen nur schwer aufdr\u00e4ngen konnte durch Assoziationen: Balance, Fragilit\u00e4t, Bl\u00e4tter, Zweige, St\u00e4mme, Wind &#8230; Heutige Werke wollen offenbar viel inhaltlicher und konkreter sein \u2013 und zugleich Kunst pur bleiben. Sie wollen sich sozusagen mehrmals im Auge des Betrachters h\u00e4uten. Das gelingt manchen Werken der documenta XIII in Kassel und der Biennale in Venedig 2013: Ich denke an William Kentridge\u2019s filmischen Raum \u2013 und das \u201abrainologische\u2019 Konzept Carolyn Christov-Bakargievs.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">In der Bonner Bundeskunsthalle evoziert der Kunstprofessor John Bock mit einer ziemlich grotesk erscheinenden \u201aB\u00fchne der Anspielungen\u2019 auf innere und \u00e4u\u00dfere Dramen das Wiedererkennen eigener Erlebnisse im Betrachter. Das gelingt ihm, mal in humorvollen oder ironischen Installationen, mal in ernst und fast klassisch erscheinenden sublimen Kunst-Basteleien. Sie wirken auf den ersten Blick so, als breite hier jemand im Gewand eines Messie (s)eine gro\u00dfe weite Seele aus wie eine bl\u00fchende Wunde inmitten der M\u00fcllhalde unseres Lebens. Ausgestopfte Socken werden zu Netzen verkn\u00fcpft, die einen gro\u00dfen kubischen Raum \u00fcberw\u00f6lben \u2013 darin wie in einem K\u00e4fig Alltagsgegenst\u00e4nde, unser Leben eben, wie es sich in den Banalit\u00e4ten der tausend Notd\u00fcrfte entfaltet. Tr\u00e4ume offenbaren sich in Riesenpuppen, die verletzt sind, bluten und eitern. Deformierte K\u00f6rper und Lebensr\u00e4ume, Phantasien, Fernseh- und Kino-Impressionen: Vernetzung von hoher und niederer Kunst und Lebenst\u00e4tigkeit, widergespiegelt in absurd wirkenden dreidimensionalen M\u00f6bel-Collagen. Der Betrachter geht durch diese Seelenr\u00e4ume und Pressionen, w\u00e4hrend er lyrische S\u00e4tze h\u00f6rt, die von Band abgespielt werden, S\u00e4tze und Verse zwischen poetischer und allt\u00e4glicher Redeweise, zwischen Comic und Hochsprache.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Der K\u00fcnstler spielt immer offensichtlicher wie ein gro\u00dfes Kind auf einer Kunst-B\u00fchne, die ihm die Gesellschaft zur Verf\u00fcgung stellt, personalisiert in Galeristen, Museumsdirektorinnen, K\u00e4ufern und Ausstellungsbetrachtern. Alle diese Verfremdungen wollen innere und \u00e4u\u00dfere Welten verdeutlichen; die Verzerrung und \u00dcberdehnung ist ein altes Mittel der Kunst, wir erleben es in unserer Zeit besonders vielf\u00e4ltig. Ich finde diese B\u00fchnenwelten sehr unterhaltsam und passend zur Welt, in der wir leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Wir verabschieden uns schon l\u00e4ngst von der Haltbarkeit k\u00fcnstlerischer Werke; erinnert sei an Alexander Calders sehr zerbrechliche Mobiles und Tinguelys Kunst-Maschinen, die immer klappriger werden. Die in Kauf genommene schnelle Verg\u00e4nglichkeit des Kunstwerks spiegelt die Marktgesetze von heute wieder, die sich radikaler als je zuvor auch auf die Menschen und ihre Werke erstrecken. Ihre Kritik ist dem Kunstwerk immanent, und zwar nicht resignativ, sondern einigerma\u00dfen lustvoll. Nimm&#8217;s leicht, kann man dem konservativen Kunstliebhaber zurufen, viele dieser Werke filtern sich selber aus der Kunstwelt und sind, ehe sie Patina ansetzen, weg vom Augenfenster.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Alles in allem handelt es sich \u2013 wieder einmal \u2013 um eine neue Kunstbegriffserweiterung: Viele Kunstwerke haben so lange Bestand wie B\u00fccher, die f\u00fcr einige Zeit vielleicht Bestseller werden, dann aber wieder verschwinden und vergessen werden. Nach solchen Ma\u00dfgaben stilisiert sich ein \u201ah\u00e4utiger\u2019 K\u00fcnstler, in diesem Bewusstsein erschafft er seine Werke, und seine K\u00fcnstlerexistenz wird so lange dauern, wie er Werke produziert, die mit seinem zur Schau gestellten K\u00fcnstlerleben korrespondieren. Das ist nichts Neues. Joseph Beuys hat sich selbst aufgef\u00fchrt \u2013 viele seiner Werke stehen inzwischen wie Gammelware und Ladenh\u00fcter in den Museen herum und langweilen ohne die Beseelung durch ihren Meister, sie sind nur noch Indizien seiner Ideen und seiner Performance. Ob sie in den Augen und Gehirnen sp\u00e4terer Generationen noch einmal lebendig werden, wei\u00df keiner.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ich sehe die gegenw\u00e4rtige Kunst wie Rauterberg als Ausdruck der Ersch\u00f6pfung einer Gesellschaft zwischen Besinnung und Sensation. Das ist allerdings seit \u00fcber einhundert Jahren kaum anders gewesen. Was Zeit und Mode herausfiltert, bleibt abzuwarten. Prognosen sind schwierig. Unsere Gehirne und Gef\u00fchle unterscheiden sich von den Marktgesetzen nicht so sehr, wie wir uns das oft einbilden \u2013 sie sind launisch wie die Ereignisse, die sie bewirken. Es ist nun einmal so: Gott k\u00e4mpft so vergeblich um seine Identit\u00e4t wie wir, und er wei\u00df auch nicht, wie er morgen oder \u00fcbermorgen denkt und was er sch\u00f6n findet. Die Mona Lisa zerf\u00e4llt, ihr schwebendes L\u00e4cheln wird einst zur reinen Idee, bis auch sie zerf\u00e4llt und vergessen wird. Kunst wird es so lange geben, wie Gott zur Arbeit geht. Erst wenn die Menschheit ausstirbt, ist Feierabend \u2013 auch f\u00fcr die absolute Kunst.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/2013-Bogen-sollbruchstellen-vorne.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"141\" class=\"wp-image-19693\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/2013-Bogen-sollbruchstellen-vorne-300x141.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/2013-Bogen-sollbruchstellen-vorne-300x141.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/2013-Bogen-sollbruchstellen-vorne.jpg 601w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die neue Jahresausstellung der Ateliergemeinschaft DER BOGEN wird wie jedes Jahr am Totensonntag (24.11.2013) um 17.00 Uhr er\u00f6ffnet.\u00a0 Aus guter Tradition und immer mit einem gewissen Augenzwinkern ist sie betitelt. Dieses Jahr haben sich die K\u00fcnstler dazu entschlossen, den Begriff <strong>Sollbruchstellen<\/strong> in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung zu r\u00fccken. Dabei k\u00f6nnte der Betrachter sich fragen, was dieses Wort denn eigentlich meint. Neben den lexikalischen Begriffsdefinitionen, die besonders auf wirtschaftliche Begebenheiten verweisen, finden sich tats\u00e4chlich viele Bezugspunkte zur Kunst. Sie selber kann als Sollbruchstelle betrachtet werden, ihre Inhalte, die transportierten Bilder, die Gedanken und der Umgang damit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Werkstattgalerie <strong>Der Bogen<\/strong>, M\u00f6hnestr. 58 &#8211; 59778 Neheim, bei Arnsberg<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e\u00dcberall wandeln sich Ausstellungen in Auff\u00fchrungen, werden Museen zu B\u00fchnen &#8230;\u201c Hanno Rauterberg Die Behauptung, dass junge K\u00fcnstler immer h\u00e4ufiger sich und ihre Werke inszenieren, ist evident: Anthony McCalls Lichtkegel in Berlin, Kibong Rhees Aquarium in Posen, Anthony Gormleys \u201eHorizon&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/11\/01\/zwischen-kosmos-und-muell-kunst-als-theater\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":9174,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-64794","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64794","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64794"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64794\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64794"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64794"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64794"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}