{"id":64785,"date":"1999-03-30T00:01:00","date_gmt":"1999-03-29T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64785"},"modified":"2021-12-21T08:28:59","modified_gmt":"2021-12-21T07:28:59","slug":"die-umkehrung-der-apokalypse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/03\/30\/die-umkehrung-der-apokalypse\/","title":{"rendered":"Die Umkehrung der Apokalypse"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aleksej Gastev war ein politisch Handelnder, der sein k\u00fcnstlerisches Werk als politische Aktion sah. Er ist so gesehen ein Vorl\u00e4ufer des Gedankens der sozialen Plastik von Beuys. Ein entscheidender Vers steht im Zentrum des Manifests \u2013 in Order 05: \u201eDie Literatur vernichten.\u201c Das ist ein utopischer Gedanke: Die L\u00f6sung der sozialen Widerspr\u00fcche mit Hilfe eines von Maschinen unterst\u00fctzten Verstands nach Ma\u00dfgabe der Vernunft, die sich in der kommunistischen Ideologie manifestiert, soll alle K\u00fcnste \u00fcberfl\u00fcssig machen. Gastev sieht in der Literatur nur die Kompensation des Leidens an den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Eine solche Literatur ist also Opium des Volks und muss abgeschafft werden. EIN PACKEN VON ORDERN bedient sich ein letztes Mal k\u00fcnstlerischer Mittel \u2013 aber eigentlich nur noch in den \u00e4u\u00dferen Formen: Struktur (Anlehnung an den biblischen Dekalog), Versgestalt, und eine gewisse Metaphorik, die aber einer eindeutigen Vernunft untergeordnet ist und wenig Deutungsfreiraum bietet. In einem kurzen Vorwort sieht Gastev sein \u201eLibretto akuter Vorg\u00e4nge\u201c als \u201eSignal\u201c f\u00fcr den Aufbruch der Menschheit \u201eaus dem wirren Chaos dieser Tage\u201c. Das 10 Seiten lange Poem ist ein Manifest mit weit \u00fcber Postulate hinaus gehenden Befehlen (Ordern), die ausdruckslos, ohne Pathos vorzutragen sind; so steht es in der \u201eTechnischen Anweisung\u201c, einer Leseanleitung, nach dem kurzen Vorwort. Der Vortrag soll der unerbittlich genauen und genormten Maschinenarbeit gleichen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der am 26.9.1882 in Susdal geborene Aleksej Gastev, ein Prot\u00e9g\u00e9 Lenins, gr\u00fcndete 1920 in Moskau das Zentralinstitut f\u00fcr Arbeit (ZIT), das er als sein \u201eletztes Kunstwerk\u201c bezeichnete und bis zu seiner Verhaftung 1938 leitete. Im Zuge der Stalinschen S\u00e4uberungen wurde er wegen \u201ekonterrevolution\u00e4rer terroristischer Aktivit\u00e4ten\u201c zum Tode verurteilt und am 15.4.1939 erschossen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">EIN PACKEN VON ORDERN ist ein revolution\u00e4rpolitisches imperatives Programm, kein Literaturmanifest. Es war nur konsequent, dass Gastev sp\u00e4ter auch diese Form aufgab. Er folgt gleichsam seinen eigenen Befehlen. In ihrem lesenswerten kurzen Nachwort schreibt Cornelia K\u00f6ster: \u201eDer Hymnus auf die weltweite Verschmelzung von Masse und Maschine erlangte enorme Ber\u00fchmtheit und wurde in literaturhistorischem Zusammenhang immer wieder als singul\u00e4rer Ausweis einer neuen Gattung angef\u00fchrt. Milit\u00e4rische Lakonie und Maschinenlyrik formieren sich zum martialischen Postulat einer zuk\u00fcnftigen Gesellschaftsordnung. &#8230; \u201aEin Packen von Ordern\u2019 stellt zugleich Zenit und Ersch\u00f6pfung dieser neuen, der Revolution zuarbeitenden Literaturgattung dar. &#8230; Die revolution\u00e4re Neugestaltung der Gesellschaft entfachte und verlangte radikale Kr\u00e4fte. Mit seiner Biografie verk\u00f6rpert Gastev die Aufhebung der Grenze zwischen Kunst und Wissenschaft. F\u00fcr die Verwirklichung seiner Revolutionsideen wurde er vielfach angegriffen. Sein Credo hie\u00df: \u201aDie Maschinen sind nicht l\u00e4nger Objekte der Steuerung, sondern ihre Subjekte.\u2019 Lunatscharskij [Volkskommissar f\u00fcr das Bildungswesen] warf ihm deswegen \u201aMaschinenverg\u00f6tzung\u2019 vor.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00e4sthetische Reiz der Order ist f\u00fcr mich gering, nicht nur weil ich im Westen aufwuchs in einem Klima manchmal ungeheuerlichen Individualismus. Die gedankliche Seite finde ich abschreckend, die Befehle sind kein Spiel. Ich lese alle ideologische \u00dcberfrachtung mit der Angst vor der Diktatur eines Robespierre oder Hitler. Die Vernunft l\u00e4sst sich nicht mit der Guillotine durchsetzen oder mit Befehlen verordnen. Es gibt nicht die eine Vernunft, denn es gibt auch nicht die eine Realit\u00e4t, schon gar nicht die eine Perspektive. Ich kann der \u00c4sthetik eines in sich geschlossenen wahr scheinenden philosophischen Systems gedanklich f\u00fcr eine Weile erliegen \u2013 so erging es mir in den Jahren 1967ff., als ich Marx und Lenin las und den Vietnam-Krieg ablehnte und die Doppelmoral des westdeutschen Regimes, das sich beim Schah-Besuch so deutlich offenbarte wie auch in diesem Jahr angesichts der arabischen Freiheitsbewegung. Aber meine (Selbst-)Verf\u00fchrung durch die Einfachheit geschlossener Gedanken-Systeme war zugleich gebrochen durch ein unausl\u00f6schliches Bewusstsein, dass nur ein individuelles Leben mich gl\u00fccklich machen kann, ein offenes Leben, das keinem System gehorcht, au\u00dfer tempor\u00e4r und wandelbar. Ich wollte mein Leben als offenen Prozess. Mein Studium der Literatur zeigte mir, dass die besten Ans\u00e4tze der Aufkl\u00e4rung mit der Zeit entarteten. Ich liebte Lessing, sp\u00e4ter auch die Ausgewogenheit von Vernunft und Gef\u00fchl in der Klassik, aber ich blieb kritisch. Nichts \u00fcberzeugte mich mehr als Hegels Gesetz der dialektischen Bewegung, das ich in der allgemeinen und meiner individuellen Geschichte erkenne \u2013 nur teile ich nicht den Fortschrittsglauben, allenfalls kann ich eine partielle und relative Vollendung hier und da sehen. Aber der Glaube an eine erfassbare feststehende Realit\u00e4t (als Zustand) oder Wirklichkeit (als Prozess) ist nach lang andauernder Kindheit meines Geistes l\u00e4ngst ersch\u00fcttert, und das hat auch Befreiendes. Im Zusammenhang mit Gastevs PACKEN VON ORDERN denke ich zur\u00fcck an ein verdammt wichtiges Buch, das ich las, als ich 16 Jahre alt war, ja ich verschlang dieses Buch mit hei\u00dfem Kopf: Wolfgang Leonhards autobiographische Schilderung DIE REVOLUTION ENTL\u00c4SST IHRE KINDER (1955). Ich verstand nicht alles in dem leidenschaftlich geschriebenen Buch, aber ich begriff, dass Ideologie sehr schnell zur Verlogenheit und zur Verbiegung der Gef\u00fchle f\u00fchrt, dass die Rechtfertigung des Individuellen aus dem \u00dcberindividuellen krank macht.\u00a0\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin Janus. Ich schaue zur\u00fcck in mein DDR-Leben, das ich nur als Kind erfuhr, das aber durch die Trennung von meiner Mutter weiter in mir wirkte. W\u00e4re mein Vater nicht aus der Gefangenschaft zur\u00fcckgekehrt: Ich w\u00e4re nicht in den Westen gekommen. Oft habe ich \u00fcberlegt, welche Zw\u00e4nge schlimmer sind: Die politische Unfreiheit und Fremdbestimmung im Osten oder die sozialen Widerspr\u00fcche im Westen \u2013 meine Antwort bleibt klar: Freiheit ist mir wichtiger als soziale Sicherheit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die historische Situation war 1921 eine ganz andere. Daher ist klar, dass mein Urteil als heutiger Leser ein anderes ist als das eines fortschrittlichen Lesers vor 90 Jahren in einem Land, in dem Menschen als Untertanen vor der Revolution wie Tiere behandelt wurden. Die grunds\u00e4tzlichen Fragestellungen sind jedoch gleich geblieben, die Frage nach der Funktion der Kunst und der richtigen Politik und die M\u00f6glichkeit der logisch funktionierenden Maschinen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anmerkungen zu den einzelnen Befehlen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 01<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Milit\u00e4rische Ausrichtung der Arbeiter (\u201eStillgestanden!\u201c), die hier vielleicht als Repr\u00e4sentanten der ganzen Gesellschaft zu sehen sind. Das Kollektiv als Maschine. Ausgerichtet auf eine Maschine (\u201eManometer\u201c), behelmt (\u201eGu\u00dfeisernes Augenband.\u201c), also eine einzige Perspektive? Aber wer befiehlt? Die Partei? Der Generalsekret\u00e4r? Oder befiehlt die Partei-Ideologie in jedem Einzelnen gleichzeitig, so dass die Order ein Selbstbefehl ist?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFeuer l\u00e4ngs der Linie.\u201c Eine Metapher f\u00fcr Verbot und Bestrafung: \u201eFlach zu den Stirnen&#8230;\u201c \u201eDrei\u00dfig erwischt, &#8211; Makulatur.\u201c Eine geringe Fehlerquote. Wie eine Armee werden \u201eTausend A gen Ost.\u201c geschickt, und \u201eKolonne 10 nach West.\u201c Armee und Arbeiterkollektiv werden eins, vielleicht nicht nur gedanklich, sondern auch konkret. R\u00e4tselhaft die letzte Zeile: \u201eNeunundzwanzigtausend, &#8211; wie tot.\u201c Ist die Armee von der Arbeit, vom Kampf, vom Marsch ersch\u00f6pft, oder soll sie willenlos dem sozialistischen Ziel dienen? \u2013 Metaphorik als Vergleiche, nicht immer eindeutig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 02<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit beginnt: \u201eAn die Maschinen.\u201c Mensch und Maschine arbeiten zusammen, sind eine Einheit. Alles l\u00e4uft nach Plan. \u2013 Kaum noch metaphorisch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 03<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Steigerung der Arbeitskraft mit medizinischen Mitteln, Steigerung der Arbeiterzahlen (Zehn, Hundertschaft, Eintausend, Million) und Arbeitsorte (Drei\u00dfig St\u00e4dte, Zwanzig Staaten). \u201eAgitkanonade\u201c lese ich als Propaganda. Alles ist dem gro\u00dfen Ziel unterworfen, das nie sehr konkret genannt wird. \u2013 Klare Strukturierung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 04<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Massenhafter Bau von Siedlungen, Stra\u00dfen und St\u00e4dten gleichsam in maschineller Herstellung. \u2013 \u00c4hnliche Beschreibung wie in 02.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 05<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weltrevolution. R\u00fcckblickend wird das Ziel der Arbeit in 01-04 klarer: Die ganze Welt, das ganze Universum ist das Eroberungsziel und wird dem kommunistischen Ziel unterworfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine letzte Totenmesse soll den im Kampf gefallenen Gegnern gelten (der Begriff der Messe ist hier wohl ironisch, fast schon zynisch gemeint als Abschied von einer \u00fcberwundenen Welt). Das \u201eWeltgeheul in den Katakomben\u201c meint vielleicht in Anspielung auf die sp\u00e4ter siegreichen Christen den Sieg der unterdr\u00fcckten Proletarier, die aufgerufen werden: \u201eMillionen, in die Zukunftsluken\u201c, sie sollen zu Waffen werden. Der nicht ideologisch organisierte\u00a0 Verstand soll eingesperrt werden, ebenso individuelle Gef\u00fchle, die sich gegen die kollektive Vernunft richten. Der Bourgeois wird umfunktioniert (Z. 7-10).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ganze Welt soll sich emp\u00f6ren gegen Unterdr\u00fcckung (Z. 11). Dann folgt die Vereinheitlichung der Sprache(n) und ihrer Begriffe; nur noch eine einzige Sprache, die russische \u2013 oder kommunistische.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eS\u00e4tze im Dezimalsystem. \/ Fabrikschmiede der Rede.\u201c Die Sprache soll klar werden, verst\u00e4ndlich und praktikabel f\u00fcr jeden \u2013 also Vereinfachung und Vereinheitlichung, d. h. dann allerdings auch Stagnation von Sprache und Denken, also auch Stagnation der sozialen Entwicklung. Zusammen mit dem folgenden Befehl (\u201eDie Literatur vernichten.\u201c) steht hier im Zentrum des Befehlssystems der gr\u00f6\u00dfte Widerspruch des gesamten Textes. Denn das Ziel der Vollendung entlarvt sich hier als Stillstand der Bewegung (\u201eStillgestanden!\u201c), und das ist der eigentliche Friedhof der Bewegung \u2013 der Mensch macht sich \u00fcberfl\u00fcssig, wenn er zur vollkommenen Maschine wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eTunnel zu Kehlen machen. \/ Sie zum Sprechen bringen.\u201c Die Metaphorik ist schwer zu deuten. Ich denke, dass hier nicht das individuelle Unbewusste gemeint ist, sondern das soziale Unterdr\u00fccktsein, das sich artikulieren soll (vgl. die Katakomben in Z. 2).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Himmel \u2013 hier nun deutlich ironisch angesprochen \u2013 soll sich \u00e4rgern (\u201e&#8230; ins Rot zur Erregung.\u201c), ein deutlicher Hieb gegen Kirche und Religion.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schluss des insgesamt l\u00e4ngsten Befehls (Z. 19-23) beschw\u00f6rt wieder die Einheit in der Genauigkeit und intensiven Leistung von Mensch und Maschine.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gastev schreibt in der \u201eTechnischen Anweisung\u201c, dass die 5. Order parallel zu den anderen Ordern vorgelesen werden kann. Sie ist das \u201aHerz\u2019 des Manifests, denn sie enth\u00e4lt die Motivationen, die den beherzten Kampf begleiten sollen: \u201eArterienpumpen, legt los.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 06<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Welt wird zur globalen Zukunfts-Sinfonie. Asien, Amerika und Afrika. Die Musik wird hier zur Metapher des Zusammenklangs, der Sch\u00f6nheit und Kraft der Bewegung. Allerdings hei\u00dft es im Schluss-Vers: \u201eOrchestergraben zuklappen.\u201c Das entspricht dem Satz in Order 05: \u201eDie Literatur vernichten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 07<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder weltweite Arbeit der Bewegung: Aufbau neuer Technik: Infrastruktur, Verkehr und Kommunikation. Eine Revolution der Gesundheit soll in Gang gesetzt werden: \u201e20 Millionen Kr\u00fcppel auf die Beine bringen.\u201c Es folgt die Verherrlichung der weltweiten Sportbewegung (Z. 10, 18), die hier vielleicht nur ein Bild f\u00fcr die Funktionalit\u00e4t und Gesundheit des K\u00f6rpers ist, und schlie\u00dflich die Apotheose des K\u00f6rpers in der letzten Zeile: \u201eHorcht auf die Sportler, ihr K\u00f6rper ist Poesie.\u201c Das passt zwar gut zur Gleichschaltung von Mensch und Maschine, aber der Poesie-Begriff, der eben noch \u00fcberwunden werden sollte, lebt neu auf: Das ist die Aufhebung der alten Poesie in einer neuen Poesie. Anders gesagt: Eine Welt, die keine Poesie mehr n\u00f6tig hat, wird selbst die reinste Poesie&#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In Gastevs Befehl: \u201eSonne eine halbe Stunde ausschalten&#8230; Sonne wieder einschalten.\u201c, wirkt der Fortschrittsglaube und die Allmachtsphantasie des siegreichen Kommunismus ziemlich komisch \u00fcbertrieben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 08<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der metaphorischste Befehl: Die Geschichte der letzten zwanzig Jahrhunderte wird in Bildern der maschinellen Verarbeitung neu aufgemischt, eine Million Jahrhunderte pro Minute werden gleichsam neu gekocht und der gesamten Menschheit verabreicht: Durch die Weltrevolution entsteht der neue Mensch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Order besticht durch ihren R\u00fcckfall in die poetische Sprache, die mit kontrastierenden expressiven Farben und Bildern die Dynamik und Geschwindigkeit der revolution\u00e4ren Bewegung als Umkehrung der Apokalypse postuliert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 09<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch einmal der Befehl zur letzten Schlacht \u2013 milit\u00e4risch, geistig, maschinell. Interessant sind wieder die Bilder f\u00fcr den geistigen Kampf: \u201eSchlacht der Syllogismen. &#8230; Die Hirne durchwaschen.\u201c Eine neue Sprache, ja eine neue (ideologische) Logik muss her, ein neues, verordnetes Einheitsdenken!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeheuerlich, wie die Menschenmassen instrumentalisiert werden:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eOrientierung im Raum weghauen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitgef\u00fchl einschalten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Finsternis auf die Massen fallen lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">schichtweise Staud\u00e4mme von Menschen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wird der Mensch zum bewusstlosen Material der Befehlenden und in einer Materialschlacht aufgeopfert \u2013 das klingt wie eine Vorahnung auf die sp\u00e4tere Zeit des Stalinismus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schluss der 9. Order gipfelt in einem f\u00fcr die Zeit des Totalitarismus nicht untypischen Biologismus: \u201eHirnbefreite Frauen, geb\u00e4rt. \/ Geb\u00e4rt auf der Stelle, es eilt.\u201c Da wird die Frau zur Geb\u00e4rmaschine f\u00fcr neue Geb\u00e4rmaschinen und die Soldaten der Zukunft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Order 10<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Passend zum Gedanken der Materialschlacht im Interesse eines fragw\u00fcrdigen\u00a0 Fortschritts nach Ma\u00dfgabe einer einheitlichen Weltideologie lautet der letzte Befehl:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMeldung erstatten: sechshundert St\u00e4dte \u2013 Probe bestanden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwanzig St\u00e4dte hin \u2013 Ausschu\u00dfware.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hatten wir schon in der 1. Order: Eine relativ kleine Fehlerquote. Aber ein Maximum an Entmenschlichung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gastev \u00fcbersch\u00e4tzt die Kraft des Verstands und der Maschinen und ideologischen Algorithmen. Er untersch\u00e4tzt Gef\u00fchle und Individualit\u00e4t des Einzelnen. Sein Dekalog ist der Versuch, eine Zweite Aufkl\u00e4rung zu initiieren, die machtvoller als die Aufl\u00e4rung im 18. Jahrhundert der nun sozial akzentuierten Vernunft zum Sieg verhilft. In der Tat wirken einige Stellen unfreiwillig komisch, weil unser Glaube an die Vollendung sozialer Utopien nach dem Scheitern der Franz\u00f6sischen Revolution, dem Scheitern der nationalsozialistischen und sowjetischen Diktatur, aber auch angesichts der wachsenden Unzul\u00e4nglichkeiten der b\u00fcrgerlichen Demokratie\u00a0 ersch\u00fcttert ist, so dass ein Pathos der Fortschrittsleidenschaft befremdet. Dieses Pathos steht auch im Widerspruch zu Gastevs philosophischem Fundament einer leidenschaftslosen Orientierung an Verstand und Vernunft.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aleksej Gastevs Manifest Ein Packen von Ordern (1921). Ostheim\/Rh\u00f6n (Verlag Peter Engstler) 1. Auflage 1999. Erste vollst\u00e4ndige \u00dcbersetzung aus dem Russischen ins Deutsche und Nachwort von Cornelia K\u00f6ster<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aleksej Gastev war ein politisch Handelnder, der sein k\u00fcnstlerisches Werk als politische Aktion sah. Er ist so gesehen ein Vorl\u00e4ufer des Gedankens der sozialen Plastik von Beuys. Ein entscheidender Vers steht im Zentrum des Manifests \u2013 in Order 05:&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/03\/30\/die-umkehrung-der-apokalypse\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":9174,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2537,866],"class_list":["post-64785","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-aleksej-gastev","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64785","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64785"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64785\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64785"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64785"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64785"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}