{"id":64780,"date":"1999-03-09T00:01:00","date_gmt":"1999-03-08T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64780"},"modified":"2021-03-15T21:40:10","modified_gmt":"2021-03-15T20:40:10","slug":"mosaikfugato-sinnthese-zerbruch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/03\/09\/mosaikfugato-sinnthese-zerbruch\/","title":{"rendered":"Mosaikfugato. Sinnthese: Zerbruch"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00fcber Bernstein und Hans Ludwig Pfeiffer, Bildhauer, Maler<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ariadnefaden<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Durchs Weltallschwarz st\u00fcrzt torkelnd, haltlos, erdlos, nackt, das Nichts schauende aufgerissene Augen, entbrillt, ein Mann, schwerleibig kopf\u00fcber, ortlos &#8211; k\u00f6rperloses Entsetzen. Den irren Fingern entgleitet das rote Garn, ein zerbrochener Zollstock schwebt mit &#8211;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Ludwig Pfeiffer, Bildhauer, Maler<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">1903 in Rom geboren. Der Vater wird Kunstprofessor in K\u00f6nigsberg. Der Sohn geht nach Berlin, studiert Bildhauerei und Malerei, lebt von Karikaturen f\u00fcr die satirische Presse der Weimarer Republik, hat ein Atelier und hofft auf k\u00fcnstlerischen Erfolg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Erste Lebenserosionen: Seine K\u00fcnstlerexistenz, die sich in den Bahnen der Expressionisten bewegt, wird gel\u00e4hmt von Hitlers Kunst-Diktat, Pfeiffer \u00fcberlebt als Kulissenmaler f\u00fcr die Unterhaltungsfilmindustrie, entwirft Reklamebilder und malt heimlich die eigene Art.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zieht als Sanit\u00e4ter in den Krieg, Ostfront. Das Berliner Atelier wird zerbombt. Als die letzten Kopfverwundeten in einem W\u00fcrttembergischen Lazarett gestorben oder entlassen sind, ist Pfeiffer ein freier K\u00fcnstler ohne Werk, ohne Leinwand, mittellos.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Uhrpendelstechschritt<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Soldat, nackt, Dolch im Taillengurt, der stahlbehelmte Kopf ist stur horizontorientiert. Er geht mit exakt gestreckten, pendelnden Armen im Paradeschritt auf eine Grube zu, \u00fcber der eine Pendeluhr in der Luft steht, 12 Uhr, das Pendel ist mit dem ausschreitenden Bein und dem mitschwingenden Arm gleichgeschaltet. Das Bein schon \u00fcber der Tiefe\u00a0 &#8212;&#8212;-.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr einen Hungerlohn reparieren die \u00fcberlebenden K\u00fcnstler die kriegszerst\u00f6rte Kunst am Bau, Fassaden, Figuren, Reliefs, Tore, Fresken &#8211; meist nach vorhandenen Pl\u00e4nen, oft aber auch nach eigenen Ideen im vorgegebenen Stil. Pfeiffers Barockengel in den R\u00e4umen der Stuttgarter Residenz entwickeln die Barocklust noch ein paar Epochenjahrzehnte weiter, unter den Stuckdecken toben die Putten als Kinder der antiautorit\u00e4ren Erziehungs\u00e4ra, &#8211; und die siebzehn Engel in der bis auf die Grundmauern zerbombten Marktkirche in Freudenstadt werden zur horizontalen Version der Engelss\u00e4ule im Stra\u00dfburger M\u00fcnster.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam heilen, l\u00fcckenhaft, fragmentarisch, diese Wunden, aber kein Gips rettet das Seelentorso, abends hackt und schl\u00e4gt die Erinnerung &#8211; Krieg, Dem\u00fctigung, Familientr\u00fcmmer, Tod &#8212;&#8212;-<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Berggipfelmeer<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingelagert zwischen vereisten Gipfelzacken, \u00fcber denen die Tiefen der Erdsph\u00e4re in feinen Streifen aufsteigen \u2013 Hellblauwei\u00df, Hellblauschimmer, Lichtblau, Ultramarinblau, zur\u00fcck zu Hellblauwei\u00df, dann Wei\u00df, Zitronengelbschimmer, Gelblicht \u2013, eine Terrasse baumlanger Pianotasten. Davor \u00f6ffnet sich zum Himmel hin eine tiefe Todeskammer. Die Stufen einer Treppe, die aus dem Berginnern zu den Tasten f\u00fchrt, steigt ein Mann hoch, nackt, umgeben von Notenlinienb\u00e4ndern, die ins Gipfelmeer wachsen und eine Gruppe in T\u00fccher eingeh\u00fcllter Menschen erreichen, auf deren kopflosen R\u00fcmpfen sich riesige Ohren aufrichten \u2013 Imagination einer Zukunft, die der Krieg zerhauen hat: Kompositionen eines Toten in leblosen Gipfeleiszonen, ungeborener Geist, ungeschriebene Musik vor einem erdfernen Publikum im ungelebten Frieden himmelnaher Farbharmonie: Pfeiffers Erinnerung an den im Krieg gefallenen Bruder.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernstein<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch sind die Kunstakademien in Deutschland nicht wiederer\u00f6ffnet. In den Tr\u00fcmmern ist kein Lebensraum f\u00fcr Kunst, vordergr\u00fcndiger sind die Aufgaben der \u00dcberlebenden. Trotzdem gr\u00fcndet Pfeiffer zusammen mit Paul K\u00e4lberer, Maler aus Glatt bei Sulz am Neckar und Vorsitzender des neuen K\u00fcnstlerverbandes W\u00fcrttemberg-S\u00fcd, im ehemaligen Kloster Bernstein eine Kunstschule.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wiener Literaturwissenschaftler Thieberger, der in der Zeit der Illegalit\u00e4t als verfolgter Jude sich in Frankreich verbarg, unterst\u00fctzt das Bernstein-Unternehmen, jetzt als franz\u00f6sischer Besatzungsoffizier.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Klostergeb\u00e4ude, das den Nationalsozialisten als Ferienheim der Hitlerjugend diente, ist 1946 gepl\u00fcndert und verw\u00fcstet. Die ersten Kunstsch\u00fcler richten Bernstein wieder her; f\u00fcr den Winter werden Ofenrohre aus Konservendosen installiert. Der Kr\u00e4utergarten der M\u00f6nche wird Gem\u00fcsegarten, der Weinberg am angrenzenden H\u00fcgel lebt wieder. Als H\u00f6rsaal und Gemeinschaftsatelier dient die leere Klosterkirche. Pfeiffer organisiert alles, beschafft die notwendigen Malutensilien, die Farben werden aus Erde, Pflanzen und Eigelb hergestellt. Die Bauern der Umgebung geben Butter, Brot, Milch, und Kartoffeln f\u00fcr Bilder, die Pfeiffer und seine Sch\u00fcler malen. Pfeiffer ist Dozent und Hausmeister, G\u00e4rtner und Klempner, Verwalter und Dienstmagd in einem. Die etwa zwanzig Sch\u00fcler zahlen, soweit sie k\u00f6nnen, im Monat 50 Reichsmark f\u00fcr Unterkunft, Essen und Unterricht. Eine Ausbildungsurkunde gibt es nicht, weil eine staatliche Anerkennung der Schule nicht realisierbar ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunstschule ist ein Verein mit Satzung, eine der ersten B\u00fcrgerinitiativen nach dem Krieg. Die Kompetenzen sind kaum definiert: K\u00e4lberer fungiert als \u201aAu\u00dfenminister\u2019 und regelt den Papierkram mit den Beh\u00f6rden und der Besatzungsmacht, Pfeiffer verbindet Kunst und Leben auf dem Bernstein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Joachim Gei\u00dfler ist Mitte zwanzig. Er kennt au\u00dfer seiner Schulzeit am Gymnasium nur den Krieg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In den letzten Kampfhandlungen an der Ostfront riss ihm eine Granate beide F\u00fc\u00dfe ab und traf sein Hirn. Das Lazarett f\u00fcr Kopfverletzte war inzwischen in einem G\u00fcterzug stationiert, der in die Heimat fuhr. Gei\u00dfler wurde vom leitenden Arzt als lebensunwertes Leben eingestuft, der Fiebernde galt als irreversibel hirnkrank, war Ballast f\u00fcr das \u00fcberforderte und mittellos rollende Schienenlazarett. Der Sanit\u00e4ter Pfeiffer bewahrte den in seinen Augen langsam Genesenden vor dem medikament\u00f6s verordneten Exitus, bewacht Gei\u00dflers Bett und pflegt den Kopf gesund.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Versehen mit den erforderlichen Papieren zum Passieren der Milit\u00e4rbezirksgrenzen f\u00e4hrt Gei\u00dfler knapp zwei Jahre sp\u00e4ter nach Bernstein. In Fischingen, letzter Bahnhof auf dem Weg zum Kloster, l\u00e4sst er sich von einem Bauern auf dem Heuwagen f\u00fcr f\u00fcnf Reichsmark mitnehmen; die bandagierten Beinst\u00fcmpfe h\u00e4ngen von der Ladefl\u00e4che des von Pferden gezogenen Wagens herunter \u2013 die letzten paar hundert Meter kriecht er auf allen vieren, bis Bernsteinsch\u00fcler ihn bemerken und ins Geb\u00e4ude tragen. Seine Klosterzelle wird sein Atelier. Pfeiffer erteilt dort bis tief in die Nacht Einzelunterricht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gro\u00dfe Individuum<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Umrissen einer schwerleibigen Gestalt \u2013 breitbeinig, hilflos nach unten gesteckte Arme mit geballten F\u00e4usten, der Kopf mit breitem Nacken gesichtslos und im Verh\u00e4ltnis zum bedrohlich wirkenden massigen Rumpf winzig \u2013 t\u00fcrmen sich im Spektrum grauer Farbt\u00f6ne nackte K\u00f6rper, M\u00e4nner Frauen Kinder, in dichten Gruppen, gereiht, auch einzeln und beziehungslos, schreiend, weinend, tr\u00e4umend, angstvoll, lachend, zufrieden; Hunderte von Seelenportr\u00e4ts und Aktperspektiven in einen K\u00f6rper geschmolzen. Die Umkehrung der Wand Michelangelos! An einer Stelle, an der Schulter, ballt sich eine Menschengruppe, bildet eine Auswucherung des sinnlos auf breiten Beinen wankenden Gesamtleibes, will zum Arm wachsen, will handeln, oder will herausfallen in die wei\u00dfe Tiefe des Nichts. Aber die Ausst\u00fclpung der Wollenden ist zu schwach. Zu stark die Kr\u00e4fte der kollektivierten Arme, die die Ausbrechenden festhalten und zur\u00fcckrei\u00dfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bernsteinsch\u00fcler, dem Kriege entronnen, arbeitslos, heimatlos, unwissend, sind aufgefangen, lernen wieder gehen, denken, handeln, sehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfeiffer besucht mit ihnen eine Ausstellung der BR\u00dcCKE-Maler in M\u00fcnchen, zwanzig, drei\u00dfig Jahre tief ist die Grube, die Hitler und der Krieg der Kunst in Deutschland grub; verf\u00fchrt, verdorben, verbogen die Hirne so vieler \u2013 es ist schwer, die Anker \u00fcber diese Grube zur\u00fcckzuwerfen, am fast Verlorenen anzukn\u00fcpfen f\u00fcr eine eigene k\u00fcnstlerische Zukunft. Nur wenigen Bernsteinern wird das gelingen, ohnehin taugt f\u00fcr die meisten der Bernstein nur als Sprungbrett in die t\u00e4glichen Berufe.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfeiffer muss Geld verdienen, damit die Kunstschule lebt; f\u00fcr Wochen \u00fcberl\u00e4sst er die kaum erwachsenen Sch\u00fcler ihrer bisher kaum je verantworteten Freiheit. W\u00e4hrend Pfeiffer Schl\u00f6sser, Kirchen und Rath\u00e4user restauriert, verschwimmt die k\u00fcnstlerische Arbeit der Klostersch\u00fcler im Wein, die im Krieg erlittenen Lebensdefizite werden rauschhaft kompensiert, und ohnehin ist der zur\u00fcckkehrende Meister kein strenger Erzieher und lenkt die Kunst-Bildung in unerschrockener G\u00fcte und Gutm\u00fctigkeit \u2013 gen\u00fcgend Chaos also f\u00fcr die Erzeugung starker nacherlebender Phantasie, gen\u00fcgend Autorit\u00e4t f\u00fcr den Bau der Fundamente k\u00fcnstlerischer Entwicklung. Die ersten Serien der Stillleben, gemalt mit feinsten Erdfarben, werden in der Klosterkirche aufgestellt, Pfeiffer analysiert die Bilder von der Orgelempore aus. Die Eitempera-Bilder leuchten matt-sanft im intendierten Pfeiffer-Ton, in schw\u00e4bische Alb-Heiterkeit gewendete Worpsweder Farbmelancholie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernstein: Seelenwundenheilort, Besinnungsort, Kunstwiederbelebungsort, Idylle im Kahlschlag, behauptet seine Existenz als p\u00e4dagogische Provinz f\u00fcr durchziehende Suchende zun\u00e4chst unangetastet von der restaurativen Wiederaufbau-Eiszeit, unber\u00fchrt von W\u00e4hrungsreform und Republikgr\u00fcndung, bis 1951.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann sinken die Sch\u00fclerzahlen, da inzwischen auch die Kunstakademien wiederer\u00f6ffnet haben; der Kultusminister sch\u00e4tzt die Offenheit Bernsteins, bindet die Gew\u00e4hrung der Zusch\u00fcsse aber an die Auflage, Pfeiffer solle, um die Attraktivit\u00e4t seiner Kunstschule zu erh\u00f6hen, einen namhaften Dozenten auf den Bernstein bringen. HAP Grieshaber, der Heckels Lehrstuhl in Karlsruhe erben will, f\u00fcr den Ruf aber nur in Frage kommt, wenn er eine Kunstschult\u00e4tigkeit nachweisen kann, wird von Pfeiffers Schwester f\u00fcr eine \u201aGastdozentur\u2019 gewonnen. Riccarda liebt den polygamen Holzschneider, sp\u00e4ter heiratet sie ihn.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Grieshabers erste Auftritte auf dem Bernstein geraten zum vollkommenen Kahlschlag f\u00fcr alle Pfeifferschen Saaten. Grieshaber inszeniert sich als temperamentvoller Einzug der Moderne in die r\u00fcckst\u00e4ndige Provinz, begeistert die Sch\u00fcler mit intuitionistischen Manifesten, beschw\u00f6rt die k\u00fcnstlerische Form, zelebriert Saufmessen und walzt den stillen Pfeiffer mit dem Aufbruchsgeschrei eines Wirtschaftskunstwunderpropheten nieder. Grieshaber will (im Hinblick auf die Erziehung zu eigener Kunst) nichts anderes als Pfeiffer &#8211; nur auf andere Weise will er Leben und Kunst vers\u00f6hnen. Er richtet Kurse f\u00fcr Typographie und Photographie ein, protegiert k\u00fcnstlerisches Industriedesign und gewinnt mit Reklameauftr\u00e4gen f\u00fcr Sch\u00fcler dann und wann einen Industriebetrieb als Sponsor. In kurzer Zeit erreicht er, dass die meisten Sch\u00fcler die Kunstschule verlassen, weil seine Au\u00dfenorientierung den Weg in praktische Berufe ebnete.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">HAP inszeniert sich selbst. Er will Bernstein zu einem neuen Goethe-Weimar des 20. Jahrhunderts hochstylen, ein schw\u00e4bisches BAUHAUS kreieren, er umgibt sich mit einem Stab organisatorisch versierter Inszenierungshelfer \u2013 unter ihnen Margot F\u00fcrst aus Israel mit ihrem Mann \u2013, deutsche Schriftsteller und K\u00fcnstler werden eingeladen, diese Bernsteinbewegung mitzutragen. Gottfried Benn aber antwortet nicht, und Theodor Heu\u00df meint, das Unternehmen Bernstein sei etwas zu hochgestochen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Scheitern Neu-Weimars rettet HAP als Alleinzentralisten in Bernstein und schafft mit der Zeit, da werbestrategisch sublim publizierte Bernsteinfiktionen entstehen, einen kleinen Mythos, der zur Erlangung der Karlsruher Heckel-Professur ausreicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfeiffer st\u00f6rt in diesem Konzept. Grieshaber l\u00e4sst seine Satelliten einen konkurrierenden Tr\u00e4gerverein gr\u00fcnden, der Pfeiffers Bernsteinschule ausman\u00f6vriert und Pfeiffer am Ende der Auseinandersetzungen de facto den Status eines ungern geduldeten Untermieters aufzwingt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00e4lberer ist zu krank, um Pfeiffer unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen. Riccarda, inzwischen schwanger, steht auf der Seite ihres Liebhabers. Die wenigen noch auf dem Bernstein bleibenden Sch\u00fcler sind in Lager zerfallen und ohnm\u00e4chtig. Und die regionalen Beh\u00f6rden, die die Pfeiffer-Schule st\u00fctzen, entpuppen sich in ihren Attacken gegen Grieshaber &amp; Co. als Immer-noch-Nazis und Antisemiten. Indem sie gegen Grieshaber den Verfassungsschutz mobilisieren, weil sie kommunistische Umtriebe auf dem Bernstein vermuten, Grieshabers Wirken als Unwesen entarteter Kunst und seine Freunde als eine sich an Deutschland r\u00e4chende Judenclique diffamieren, fallen diese subalternen Beh\u00f6rden Pfeiffer in den R\u00fccken, der von all den schriftlich gef\u00fchrten Auseinandersetzungen nichts erf\u00e4hrt, und machen es Grieshaber leicht die Alleinherrschaft auf dem Bernstein zu erringen. Am Ende steht Pfeiffer selbst unter dem von Grieshaber nie dementierten Verdacht Nazi und Antisemit zu sein; wenigstens in k\u00fcnstlerischer Hinsicht erscheint Pfeiffer als Gesinnungs-Genosse des Kunstfaschismus. Er kann sich nicht wehren. Das Kultusministerium in Stuttgart l\u00e4sst Pfeiffer fallen. Pfeiffer gibt auf. 1954 verl\u00e4sst er den Bernstein endg\u00fcltig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Undurchsichtig bleibt f\u00fcr ihn, dass er nun auch keine staatlich gef\u00f6rderten Restaurierungsauftr\u00e4ge mehr erh\u00e4lt. V\u00f6llig mittellos erreicht der Verzweifelnde nach monatelanger zielloser Wanderung den Schlossberg der kleinen ehemaligen Kreisstadt Neuenb\u00fcrg an der Enz. Dem Verhungern nahe wird der Lebensm\u00fcde Tage sp\u00e4ter aufgefunden: Lebensleere, Todeswunschkraftlosigkeit, Seelenquerschnittsl\u00e4hmung &#8212;&#8212;-.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Prometheus nach dem letzten Krieg<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Schulter liegend ein Mann \u2013 die an den Boden gepressten Arme st\u00fctzen den schr\u00e4g aufgerichteten Rumpf und das Gewicht der vertikal empor gestreckten Beine. Der Kopf f\u00e4llt an einer Kante des Podestwagens hinten \u00fcber.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Augen, nach hinten gerichtet, mit Goldm\u00fcnzen verbrillt, sehen die tragische Akrobatik der selbstfesselnden Haltung nicht. Die Beine verwandeln sich vom Knie zum Fu\u00df in schw\u00e4rzlich verrauchte Schornsteine. Der Po tr\u00e4gt das aus dem Darm gepresste stangenkubische Betongeb\u00e4ude eines Bank- oder Versicherungskonzerns, \u00fcber dessen monotone Fensterreihen ameisenartige Insekten kriechen. Auf dem Dach steht die Miniatur der Statue of Liberty, mit einer blinkenden Blaulichtfackel winkend. Kleine Spielzeugautos \u00fcberfahren die Arme des aufs Kreuz Gelegten, Brust und Bauch der Figur ohne aufrechten Gang sind anilinfarben besudelt. Nackt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfeiffer findet wieder Arbeit als Restaurator, erh\u00e4lt sich m\u00fchsam den \u00dcberlebenserhaltungswillen. Er mietet die Baracken am Schlossberg, in denen das Stadtbauamt durch kriegsbedingte Raumnot untergebracht war, zu einem geringen Preis. Raum f\u00fcr bescheidene Atelierarbeit, doch tastende Leere im sch\u00e4delvoll gel\u00e4hmten Hirn.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem die \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnisse sich bessern, nimmt die Kraft zu, dem schwer verwundeten Leben ein Ende zu setzen. Die Brandbomben, die das Atelier in Berlin vernichteten, und Bernsteinerinnerungsbrand treiben Pfeiffer zur letzten L\u00e4hmung an. Pl\u00f6tzliche Zufallskomik: Der scheppernde Radioklang einer Bach-Kantate aus der Ferne und eine Heiratsannonce in der Frauenillustrierten CONSTANZE (Gr\u00fcnert, der Buchh\u00e4ndler, \u00fcberl\u00e4sst Pfeiffer freundschaftlich unverkaufte Zeitschriften) erzeugen eine kleine Kraft, den Lebensrest zynisch herauszufordern \u2013 Lebenssinnlosigkeitsbeweise als Lebensverlangengewaltschrei.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zyniker baut sich die Falle, in die er gehen will, um ins Leben zur\u00fcck gefangen zu werden. Pfeiffers Falle war so gut konstruiert, dass sie Lebenssinnwahrscheinlichkeit konstituierte: Da er NICHTS erwartete, konnte ETWAS werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Antwort auf die Annonce der Greifswalder \u00c4rztin N. (ICH SUCHE NUR EINEN GUTEN MANN): Dem bescheidenen Wunsch k\u00f6nne er mangels Qualifikation nicht entsprechen, er rate ihr aus eigener Erfahrung, ihre Suche nach dem Guten aufzugeben usw. Damit kommt er in die engere Wahl. Ein wenig sp\u00e4ter heiratet sie ihn. Er ist 55 Jahre alt, zeugt einen Sohn und entl\u00e4sst sich, fast gesund, ins Leben zur\u00fcck. Nach sechs Ehejahren stirbt die Frau an Krebs, der von der sp\u00e4ten Schwangerschaft angeregt worden war. Fast wieder mittellos \u00fcberlebt er die Jahre, nun wieder als Restaurator, bis er dann, als er das Rentenalter erreicht, auf Grund einer Erbschaft seine dritte K\u00fcnstlerexistenz in den Gew\u00f6lben der ehemaligen Kutscher-Loge des Schlosses begr\u00fcnden kann, endlich ganz frei &#8212;&#8212;-<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Theatrum mundi<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfeiffers Abbau der Seelenfl\u00f6ze beginnt, zuf\u00e4llig in der 68er Aufbruchsstimmung. Er haut die aufgestauten Lebenserkenntnisse ins Gips-Bild, schafft ein satirisch-d\u00fcsteres Weltpanoptikum, avantgardistische Erz\u00e4hl-Objekte von neobarocker Sinnlichkeit: Pop Art in der schw\u00e4bischen Provinz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfeiffers Lebenstraumata verbildlichen sich in den Objekten: Publikationen der zu g\u00fcltigen Aussagen gewordenen Lebenserfahrungswunden einer bis auf den Kern zermahlenen Seele.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6pfung und Krone der Sch\u00f6pfung<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Evolutionsdrama steht als Figurine auf gegipsten Schweinebeinen, breitbeinig aufrecht auf plattem, plastikfolienverpacktem Podest, der nackte Unterleib ist die animalische Basis, deren sich prostituierende Schamfront kaum verh\u00fcllt wird durch eine als Magdsch\u00fcrze dienende Tortenpapierdecke. Der Bauch, ein w\u00fcrfelf\u00f6rmiger Vitrinenkasten, vorn ein Glasfenster, enth\u00e4lt den unverdauten Mineralienm\u00fcll, eine schwer im Magen sich t\u00fcrmende Steinhalde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zitzenartigen Br\u00fcste, aggressiv erigierte Jet-Turbinen, halten eine Viereckebene, die mit Steppengrasfransen bebortet sind. Die Br\u00fcste werden von Farnen \u00fcberwuchert. L\u00e4ssig, als w\u00e4ren sie zum Schlaf gebettet, ruhen die kindhaft kleinen schwachen Sphinx-Arme in den Pflanzen, die sich zum Hals hin in gr\u00fcnliche T\u00e4towierungen verwandeln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Globus-Gips-Kopf, dumme Physiognomie mit l\u00e4cherlich-rudiment\u00e4ren Sinnesorganen, tr\u00e4gt ein Fresko: Die Tiere im Hirn: Hund, L\u00f6we, Stier, Schlange, Drache, Esel, Papagei, Spinne, Maus \u2013 Hirntiere als Motor der ganzen, auf ihren schweinernen Beinen schwankenden Labilit\u00e4tsanimalit\u00e4t, unter deren After das vom Hirn heraus geschissene Produkt dieses Zeugungsungeheuers steht, die A-Bombe, Selbstvernichtungsmaschine, Sch\u00f6pfungs-Selbstzur\u00fccknahme.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die dem Kugelkopf aufgegipfelte Krone treibt drei vergoldete Plastiken von Laurens, Wotruba und Giacometti in die Himmelsspitze, die drei Skulpturen setzen einander Lorbeerkr\u00e4nze auf &#8211; w\u00e4hrend unter ihnen, angetrieben vom drohenden Genickschuss, auf einem Kugellagerkreis die nackte Menschheit rotiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gro\u00dfe Bla-Bla-Maschine<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dorisch-maskuline Knickerbockers\u00e4ulenbeine in Schn\u00fcrsenkelschuhen. Der Bein-Tempel ist das Tor zum kollektiven Unterk\u00f6rperweib, dar\u00fcber ein Bauchladen-Kasten: Durch den hochgeklappten Deckel schauen Augenpaare, darunter h\u00e4ngen M\u00fcnder, die die Zunge heraus strecken und zur\u00fcckschnappen, wenn bei der Drehung der Kurbel an der H\u00fcfte zugleich die H\u00e4mmer in einer Pianotastenphalanx unter den drei Mundreihen auf eine Holzplatte klappernd niederfallen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Strahlenkranz goldener Lanzetten und schillernder Pfauenfedern umgibt den Kopf, ein Posaunentrichter. Aus dem Trichter quillt eine Wolke anonymer Portr\u00e4ts. Zwei Engel blasen auf den Schultern der Figur den Blabla-Ton klistierend aus Trichtern in ihren Aftern \u2013 w\u00e4hrend die Doppelarme der tautologischen Unendlichkeitsplapperfigur links und rechts mit beschw\u00f6rend erhobenen Fingern bedeutungsvoll Sinnleere fuchteln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kollektive Altarmaschine oder figurierte Monstranz, self-portable.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Versinken im Alter<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In den rostbraunen Tonziegel-Zellen ers\u00e4uft das Leben im Wasser der Zeit, das als Rinnenrinnsal zum Grund der Grube fallend den kubischen Brunnenraum, langsam steigend, f\u00fcllt \u2013 der K\u00f6rper versinkt, das wei\u00dfe Greisengesicht in hilflos schr\u00e4ger Lage, das halbe Bewusstsein untergetaucht, erschaut durch den schmalen Augenspalt die aufgerissenen Staun-Augen eines Kindes in der unbegriffenen Nachbar-Wasserzelle. Jeder in seiner Zeitzelle. M\u00fchsam winkt die geflutete Hand des Alten, fl\u00fcstert der kaum ge\u00f6ffnete Mund dem \u00fcber die trennende Mauer gebeugten Kind zu, dessen Spiegelbild, im Wasser des Sterbenden untergehend, antwortet.<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Hans Ludwig Pfeiffer, geboren 30.3.1903 in Rom, gestorben 9.3.1999 in Berlin.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00fcber Bernstein und Hans Ludwig Pfeiffer, Bildhauer, Maler Ariadnefaden Durchs Weltallschwarz st\u00fcrzt torkelnd, haltlos, erdlos, nackt, das Nichts schauende aufgerissene Augen, entbrillt, ein Mann, schwerleibig kopf\u00fcber, ortlos &#8211; k\u00f6rperloses Entsetzen. Den irren Fingern entgleitet das rote Garn, ein zerbrochener Zollstock&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/03\/09\/mosaikfugato-sinnthese-zerbruch\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":9174,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2536,866],"class_list":["post-64780","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-bernstein","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64780","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64780"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64780\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64780"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64780"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64780"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}