{"id":64777,"date":"1995-08-11T00:01:26","date_gmt":"1995-08-10T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64777"},"modified":"2022-02-21T13:12:40","modified_gmt":"2022-02-21T12:12:40","slug":"neuschnee","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/08\/11\/neuschnee\/","title":{"rendered":"Neuschnee"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Zum Schluss des \u201eZauberbergs\u201c<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich nach meiner Sch\u00fclerzeit den Zauberberg noch einmal las, erkannte ich erst die \u00e4sthetische Struktur, die metaphorische Vernetzung. Ich wusste damals auch noch nicht viel von Thomas Manns Leben, nichts \u00fcber seine Veranlagung. Als ich vor einigen Jahren den Zauberberg zum dritten oder vierten Mal las, wurde mir Castorp zum ersten Mal ganz ungeheuerlich. Ich meine seine Liebesunf\u00e4higkeit und seine Unf\u00e4higkeit, die Erkenntnis vom \u201eSchnee\u201c-Kapitel ins Leben umzusetzen. Au\u00dferdem ist mir heute die Zeit-Struktur des Romans klarer, w\u00e4hrend mich fr\u00fcher nur das Philosophieren \u00fcber die Zeit interessiert hatte. Am besten gef\u00e4llt mir heute &#8211; sprachlich &#8211; der Schluss des Romans, der so kalt und warm zugleich ist, kalt gegen den tumben Hans Castorp, der in den ersten Gefechten f\u00e4llt, warm wegen des Liedes vom Lindenbaum und der im Schluss versteckten Humanit\u00e4t, die im \u201eSchnee\u201c-Kapitel explizit formuliert wird als Gebot: \u201eDu sollst dem Tod keine Macht einr\u00e4umen \u00fcber deine Gedanken.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sind f\u00fcnf Seiten, die pl\u00f6tzlich aus dem \u201eraunenden Imperfekt\u201c (TM) ins Pr\u00e4sens fallen. Es ert\u00f6nt die Fanfare der Gegenwart. Der Erste Weltkrieg wird zur schlimmstm\u00f6glichen Wende f\u00fcr Hans Castorp und viele andere, wenn auch oft erst im Angesicht des Grauens an der Front. Der Autor beschreibt Castorps Sturmlauf in seinen Tod mit einem seltsam anteilnehmenden und zugleich frostig distanzierten \u201eWir\u201c. Ich kenne keine h\u00e4rtere K\u00e4lte gegen eine Romanfigur, die uns alle mitmeint, als diese im letzten Kapitel. Sie rei\u00dft nicht nur Castorp aus dem Stumpfsinn, sondern auch den Leser, vielleicht gilt das erz\u00e4hlende Wir auch ihm. Das ist kein pluralis maiestatis, sondern ein richtendes, ein heimlich didaktisches Ich im Sinne des pars pro toto. Es beginnt die Erz\u00e4hlung vom Todeslauf Castorps mit einem aufr\u00fcttelnden Erschrecken: &#8222;Wo sind wir&#8220;? Was ist das? &#8211; Eine halbe Seite sp\u00e4ter die lapidare Antwort: \u201e\u2026 es ist der Krieg.\u201c Der Erz\u00e4hler nennt Castorp dann einen \u201egutm\u00fctigen S\u00fcnder \u2026 im schwergesogenen Mantel, mit Sturmgep\u00e4ck\u201c und zieht das Fazit angesichts des 7-j\u00e4hrigen Dornr\u00f6schenschlafs, aus dem keine Prinzessin ihn erettete: \u201e\u2026 das war kein Lustwandel\u201c. Jetzt wechseln Imperfekt und Pr\u00e4sens, die Zeit ger\u00e4t durcheinander. Der Erz\u00e4hler dokumentiert eine Weile sp\u00e4ter die Unsicherheit seiner Vorstellungen vom Kampf und das Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber dem Krieg und dem v\u00f6llig unbedachten Hineinschlittern in den Tod, jedenfalls was Castorp angeht; er begreift sich wieder in einem eigenartigen Plural: \u201ewir schauenden Schatten am Wege\u2026\u201c Es folgt eine Anspielung auf den mediterranen Traum vom paradiesischen Gl\u00fcck im \u201eSchnee\u201c-Kapitel, das Castorp am Morgen nach seiner Erkenntnis-Odyssee im Schnee schon wieder vergessen hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun kommt &#8211; nach fast eintausend empathischen Seiten! &#8211; die entschiedenste K\u00e4lte, die ein Autor und Erz\u00e4hler seiner Romanfigur widerfahren l\u00e4sst: \u201eDa ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp!\u201c Der Erz\u00e4hler, jetzt allwissend, sieht Hans Castorp blind in den Tod st\u00fcrmen. \u201eWas denn\u201c, staunt der Erz\u00e4hler, \u201eer singt!\u201c Der Erz\u00e4hler tut nat\u00fcrlich nur so. Das ist bittere Ironie gegen die Romanfigur. Sie wird verurteilt, im metaphorischen Netz eingefangen, denn nun folgt das Lied vom Lindenbaum: \u201eIch schnitt in seine Rinde \/ So manches liebe Wort &#8211; \u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon f\u00e4llt Castorp. Im Lied sind Liebe und Tod verbunden. Schubert hat das sch\u00f6ne Lied Wilhelm M\u00fcllers vertont. Der Leser singt mit Castorp die Verse mit. Der steht noch einmal auf, \u201ebewu\u00dftlos singend: \u201aUnd sei-ne Zweige rau-uschten, \/ Als rie-fen sie mir zu-\u2019. Der Erz\u00e4hler verschweigt die folgenden Verse: Komm her zu mir, Geselle, \/ Hier findest du deine Ruh\u2019!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, die Verse treffen es genau! Castorp war schon tot, bevor er starb. Er lebte ja kaum. Er sehnte sich nach Liebe, unf\u00e4hig Liebe zu geben oder zu empfangen. Er sah in der Sehnsucht die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Steigerung der Liebe. Er traute der Realit\u00e4t nicht, und so entging er ihr im Tr\u00e4umen, mitten im Leben, bis er f\u00e4llt, sinnlos, keine wirkliche Idee steht hinter Castorp. Er ist der scheiternde Parzival. \u201eLebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. \u2026 Wir haben sie erz\u00e4hlt um ihretwillen, nicht um deinethalben, denn du warst simpel \u2026 und wir verleugnen nicht die p\u00e4dagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe f\u00fcr dich gefa\u00dft\u2026 Fahr wohl -\u201c, ruft der Erz\u00e4hler Castorp zu, denn der ist der Prototyp des tumben Deutschen, der sich in den Ersten Weltkrieg f\u00fchren lie\u00df, und sp\u00e4ter in den Zweiten, noch d\u00fcmmer, noch viel weniger verf\u00fchrt. Ein von tragikomischen Z\u00fcgen nicht freier Hermesweg in den Hades, das ist der Weg Castorps. Ein makabrer Totentanz ist der Krieg. Der Erz\u00e4hler sagt noch k\u00e4lter als bisher: \u201e\u2026 das arge Tanzvergn\u00fcgen, worein du gerissen bist, dauert noch manches S\u00fcndenj\u00e4hrchen, und wir m\u00f6chten nicht hoch wetten, da\u00df du davonkommst. Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbek\u00fcmmert die Frage offen.\u201c Im Kapitel \u201eDer gro\u00dfe Stumpfsinn\u201c hat Castorp eine Ahnung vom Ende des faulen Friedens, er sieht f\u00fcr einen Moment die Gefahr vor sich, und er will dem J\u00fcngsten Gericht, so nennt er es tats\u00e4chlich, entfliehen. Es gelang ihm nicht zur rechten Zeit, wie es uns allen nicht gelang &#8211; und vielleicht bald schon wieder nicht gelingen will. Der Erz\u00e4hler wendet sich von Castorp endg\u00fcltig ab und dem Leser seiner und unserer Gegenwart zu und formuliert die letzten Worte des Romans mit einer hoffenden, aber leider ganz offenen Frage: \u201eWird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entz\u00fcndet, einmal die Liebe steigen?\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=32773&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Bergmann-Erz.Cover_.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"323\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong>\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch Ulrich Bergmanns <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/02\/ex-oriente-lux\/\">Gedanken<\/a> <\/em>zu Thomas Manns Roman \u201eJoseph und seine Br\u00fcder\u201c. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens liest Ulrich Bergmann Thomas Manns <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/27\/narrative-kaelte\/\">Doktor Faustus<\/a>. \u00dcber Thomas Manns Erz\u00e4hlung <em>Der Tod in Venedig<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/tag\/thomas-mann\/\">hier<\/a> ein Artikel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schluss des \u201eZauberbergs\u201c Als ich nach meiner Sch\u00fclerzeit den Zauberberg noch einmal las, erkannte ich erst die \u00e4sthetische Struktur, die metaphorische Vernetzung. Ich wusste damals auch noch nicht viel von Thomas Manns Leben, nichts \u00fcber seine Veranlagung. Als ich&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/08\/11\/neuschnee\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[282,866],"class_list":["post-64777","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-thomas-mann","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64777","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64777"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64777\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99172,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64777\/revisions\/99172"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64777"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64777"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64777"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}