{"id":64769,"date":"2009-11-05T00:01:00","date_gmt":"2009-11-04T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64769"},"modified":"2021-10-17T17:26:44","modified_gmt":"2021-10-17T15:26:44","slug":"der-saum-des-erreichbaren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/05\/der-saum-des-erreichbaren\/","title":{"rendered":"Der Saum des Erreichbaren"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWei\u00dfe P\u00fcnktchen\u201c hei\u00dft das Nachwort, das A.S. schrieb. Ellipse also. Das, was nicht gesagt werden muss, was die Gedichte in schwarzen Buchstaben sagen. Es ist eine kleine Poetologie. Darin sagt er nicht nur, dass er die Gedichte diesmal nicht ordnete. Keine Zyklen, sondern magische Verse sind es. Ein Gedicht ordnet sich nicht unter, keinem Prinzip, auch\u00a0 nicht einem anderen Gedicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gedicht spiegelt sich die Zerrissenheit des K\u00fcnstlers: Im Gedicht ist er souver\u00e4n, im Leben seinen menschlichen Bed\u00fcrfnissen unterworfen. Im Gedicht ist er frei, im Leben unfrei. Mir f\u00e4llt Holger Benkel ein, der die Freiheit des K\u00fcnstlers auch f\u00fcr sein Leben durchsetzt; er lebt ein Existenzminimum, um ein dichterisches Maximum zu erreichen. Andr\u00e9 Schinkel ist nicht derart extrem konsequent in der Negation des b\u00fcrgerlichen Lebens. Als Redakteur der Literaturzeitschrift Sachsen-Anhalts, Ort der Augen, ist er nicht ganz frei. Da geh\u00f6rt er auch anderen: Den Mitgliedern des Beirats, dem Mitspracherecht des Herausgebers, den Autoren. Aber das ist eine andere Zerrissenheit. Der Spagat, der im Literaturbetrieb die einzige Kompromiss-Art ist, droht den K\u00fcnstler im Literatur-Macher zu zerrei\u00dfen. H\u00e4rter noch spaltet sich das Leben im Dichter, wenn er sich selbst geh\u00f6ren will. Hier steht er mit einem Bein in der Form, mit dem anderen im Inhalt \u2013 entweder du f\u00e4llst oder du l\u00e4ufst. Eigentlich l\u00e4uft dann das Gedicht, es l\u00e4uft dir weg, will selber frei sein. Man sieht: Das l\u00e4sst sich nicht ordnen, das geht seinen poetischen Gang. A.S. nennt das den \u201eAnfang des vereinzelnden Parlierens\u201c und er sieht: Die Gedichte werden in ihrer Vereinzelung auch genauer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem bricht das b\u00fcrgerliche Leben ein in die Sph\u00e4re des Dichtens, es geht auch gar nicht anders, denn nur selbst erlebte Welt kann Form und Ausdruck finden in allgemein g\u00fcltigen Versen. A.S. erw\u00e4hnt Liebe und Vaterschaft, spricht von tempor\u00e4rer Erf\u00fcllung: \u201e&#8230;die Fr\u00fcchte der Liebe waren eine Zeitlang ihr Katalysator zugleich.\u201c Dann die Gegenbewegung, der Schreibende \u201egierte zugleich nach dem \u00dcberallhin, zeitweise erschien es mir, der ich es nicht ausleben konnte, wie der Spiegel der Welt.\u201c Klar, dass er\u00a0 Vollkommenheit im Schreiben sucht, die im Leben nicht zu finden ist, dass also die Wahrheit des Seins wenigstens im Vers klarer wird als im gelebten Leben. Genau das war das Motiv f\u00fcr Andr\u00e9 Schinkel, hineinzugehen ins Leben, auch wenn \u201eder Moment der Erkenntnis &#8230; selten und fl\u00fcchtig ist.\u201c Selten habe ich einen Schriftsteller offener \u00fcber sich selbst erlebt wie Andr\u00e9 Schinkel, der seine Feigheit vor dem Leben sieht und bekennt und als K\u00fcnstler die einzige m\u00f6gliche Konsequenz zieht: Mutig zu werden, um Dichter sein zu k\u00f6nnen. Leichter gesagt: Die Kunst braucht Material. Die Kunst braucht Stoff und Nahrung, wenn das Leben im Vers gerinnen soll. Schinkel musste heraus aus seinem\u00a0 \u201eAutismus\u201c allzu zerebralen Schreibens: \u201eIch, der Lebensfeigling\u201c, sagt er, \u201etat einen Blick aufs Leben, nun doch, litt daran und profitierte davon und erweiterte, noch im Moment der Angst, jede F\u00e4higkeit zu verlieren, den Saum des Erreichbaren.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich finde, das zeigen die Gedichte nun auch. Sie atmen st\u00e4rker als die fr\u00fcheren Gedichte, weil mehr Leben in sie eingeflossen ist. Die fr\u00fcheren Gedichte waren nicht \u00fcbel und sie waren nicht nur gedankliche Abstraktionen des Lebens; vor diesem Schicksal bewahrte sie die Metaphorik, die auf das Leben hindeutete. Nun aber sagen die Verse viel mehr als Anspielung auf Erlebtes, Erlittenes, Bedachtes, Gef\u00fchltes \u2013 jetzt ist es gelebtes und gewagtes Leben. Nicht dass nun die \u00c4ngste \u00fcberwunden w\u00e4ren, das gelingt vielleicht nur dem Gedicht als Souver\u00e4n der Gedanken und Gef\u00fchle, aber Schinkels vita activa r\u00fchrt den Leser mehr an, zumal der nun viel mehr wagende Dichter seine Kampfzone ausgeweitet hat, er transzendiert in andere Dimensionen, er mei\u00dfelt aus der Brut seiner Gedichte einen so feinen Humor, dass ich denke, so eine Heiterkeit ist das Ma\u00df der Ausgewogenheit zwischen Form und Inhalt, also Klassik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Themen der in vier Kapitel eingeteilten Gedichte (also doch noch eine Ordnung?) umfassen das ganze Leben und die Kunst. Ich w\u00fcrde scheitern, versuchte ich, auch nur die besten Gedichte zu w\u00fcrdigen. Ich beschr\u00e4nke mich auf eins. \u201eL\u00f6wenpanneau\u201c hei\u00dft das Gedicht, das dem Buch den Namen gibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehen Sie hier: die Lefzen des schleichenden Harems,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unwiederholbar, als h\u00e4tte sie Picasso gemalt,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sagt Gerhard Bosinski, der es wirklich gesehn hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja!, und So ist es!, denkt man, nur da\u00df Picasso<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelebt hat vor f\u00fcnfunddrei\u00dfig mal tausend Jahren<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mit dem Pinsel das Licht f\u00fchren mu\u00dfte,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Um den Fels zu erkennen; mit einer Hand den auf-<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Steigenden Steindom abst\u00fctzend oder der Schatten<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Geister und B\u00e4ren sich zu erwehrn. Jener<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Picasso, den wir in unseren Tr\u00e4umen betrachten,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei seiner m\u00fchseligen Arbeit, im flackernden Rauch<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer kiefernen Kerze, den Schurz mit Farbe be-<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleckert, den Mund voll ockerner Erde. Und dieses<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das heiligste Bild, in einer Galerie verlehmter<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ikonen: die Tafeln der L\u00f6wen und Mammuts, weit,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter den Balustraden der Geh\u00f6rnten, Geduckten, die<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schnuppernden Flotze erhoben, auf blutiger Jagd.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Andr\u00e9 Schinkel deutet Picassos K\u00fcnstlertum, der mit dem Pinsel das Licht f\u00fchrte, und\u00a0 erkennt (in der Grotte Chauvet im Tal der Ard\u00e8che) \u201eDas heiligste Bild, in einer Galerie verlehmter Ikonen: die Tafeln der L\u00f6wen und Mammuts&#8230; auf blutiger Jagd\u201c. Tertium comparationis ist die unver\u00e4nderliche Wahrheit, die schon in der H\u00f6hlenmalerei vor f\u00fcnfunddrei\u00dfigtausend Jahren galt: Dass das K\u00fcnstlertum im Leben verankert ist, und umgekehrt, und dass es im Leben wie in der Kunst um Leben und Tod geht. Die Kunst gibt es nicht ohne das andere, die Nichtkunst, das blo\u00dfe Leben, das sich in seinem Erleben seiner selbst noch nicht bewusst werden kann. Die Kunst kommt immer danach. Nach dem Erlebten. Aber sie flie\u00dft nicht nur in sich selbst. Gedichte sind keine blo\u00dfe Mechanik, sondern bewirken neues Leben. So gesehen wird Kunst auch ein Davor. Sie modelliert den denkenden und f\u00fchlenden Lebenden allm\u00e4hlich. Die Utopie solcher Dialektik ist klar: Es ist die Hoffnung auf eine Synthese: Lebenskunst. Schinkel nennt das \u201eGesamtkunstwerk der Grotte Chauvet&#8230; ein Urbild f\u00fcr Erf\u00fcllung und Hoffnung auf Befreiung durch die Kunst.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Erf\u00fchlte und Getr\u00e4umte kommt zur Sprache \u2013 und so reduziert sich im Selbstgespr\u00e4ch des Dichters der Zweifel an einer hoffnungslos scheinenden Welt. \u201eWas ich gewann\u201c, sagt Schinkel, \u201eist die Liebe zur Klarheit: die Gedichte, glaube ich, kommen zu mir und sprechen nun mit mir.\u201c Und mit dem Leser.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe seit Jahren keinen derart gro\u00dfartigen Gedichtband eines lebenden deutschsprachigen Lyrikers gelesen. Was Durs Gr\u00fcnbein immer mehr verliert, gewinnt Andr\u00e9 Schinkel: Sinnlichkeit und \u00dcberraschung in der Metaphorik, Gedanklichkeit im plastischen Lebensextrakt, Klarheit, stilistische Vielfalt, eine Leichtigkeit der Form, die erreicht wird, weil die Inhalte mit ihr Schritt halten und nicht davonfliegen, in manchen Gedichten wohnt eine heitere Stimmung, Humor entfaltet sich neben dem Ernst dessen, der wirklich etwas zum Leben zu sagen hat, weil er im Leben steht, der eine Sprache hat, die im besten und mehrfachen Sinn des Wortes den Leser unterh\u00e4lt. Diese Gedichte erz\u00e4hlen, erf\u00fchlen eine Welt. Sie denken und tanzen. Sie schwingen melodisch im Takt einer nat\u00fcrlichen, wenn auch elaborierten, Sprache. Sie schweigen und sagen viel. Manche sind still, manche lauter, einige sind politisch und klagen leise, niemals aber larmoyant, immer steht ein Geist dr\u00fcber, dem du vertraust. Alle Verse bewegen dich, wenn du genau hinh\u00f6rst. Wenn du ganz tief in die Verse hinein liest, streust du den Sand ins Getriebe deines Autismus! Lies die Bilder, die genau sind, von dir!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>L\u00f6wenpanneau<\/strong>. Neue Gedichte von Andr\u00e9 Schinkel. mitteldeutscher verlag. Halle 2009<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-64133\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/image-1024x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"256\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a> &#8211; Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch auf KUNO die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30810\">W\u00fcrdigung<\/a>\u00a0von Andr\u00e9 Schinkels Prosa, sowie die Rezension <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/29\/von-raum-zu-zeitraum\/\">Von Test zu Text, von Raum zu Zeitraum.<\/a><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u201eWei\u00dfe P\u00fcnktchen\u201c hei\u00dft das Nachwort, das A.S. schrieb. 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