{"id":64767,"date":"1991-05-19T00:01:00","date_gmt":"1991-05-18T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64767"},"modified":"2022-02-28T15:41:10","modified_gmt":"2022-02-28T14:41:10","slug":"poetry-polis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/05\/19\/poetry-polis\/","title":{"rendered":"Poetry-Polis"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ihr seid die Poeten, die &#8230; formen und gestalten<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Rad fahre ich durchs Stockentor der Bonner Universit\u00e4t, dann \u00fcber den Marktplatz, ich biege beim \u201eMetropol\u201c in die Br\u00fcdergasse ein, am Lenker h\u00e4ngt meine kleine Tasche mit H\u0131d\u0131r \u00c7eliks Gedichtband \u201eNomaden\u201c, darin steckt mein Zettel mit den Fragen, die ich H\u0131d\u0131r stellen will. Mir war aufgefallen, dass in seinen Gedichten immer wieder vom Traum die Rede ist und von der Verschmelzung von Poesie und Politik. Das soll mein roter Faden sein im Gespr\u00e4ch mit H\u0131d\u0131r \u00c7elik, dem Leiter des MIGRApolis-Hauses in der Br\u00fcdergasse \u2013 eine sprechende Adresse! Immer wenn ich mein Rad an das Gel\u00e4nder der Unterf\u00fchrung zur Oper anschlie\u00dfe, denke ich: eine bessere Adresse kann das Institut f\u00fcr Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) und die Evangelische Migrations- und Fl\u00fcchtlingsarbeit Bonn kaum haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Treppenhaus stechen die Wandzettel ins Auge: \u201eDas Haus der Vielfalt ist ein Haus des Lernens &#8230; Dieses Haus sieht Vielfalt als Reichtum &#8230; ist Zufluchtsort &#8230;\u00a0 Die Bibel versteht Migration als Grundgegebenheit. Gottes Volk zieht aus der Knechtschaft. Gottes Sohn war Wanderprediger. Unsere Religion ist \u201anichtsesshaft\u2019.\u201c Im ersten Stock befindet sich \u00c7eliks B\u00fcro. Er schaut vom Schreibtisch zur T\u00fcr. Durchs Fenster hinter ihm sehe ich \u00fcber die Klostermauer von St. Remigius hinweg in die ausschlagenden B\u00e4ume.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin Mensch, der nicht tr\u00e4umt, | erreicht niemals die K\u00fcste &#8230;\u201c, schreibt \u00c7elik in seinem neuen Gedichtband <em>Nomaden <\/em>(S. 43). Ja, sagt er, Tr\u00e4ume sind der Kompass f\u00fcr unsere wesentlichen Ziele. Traum und Leben sind Zwillinge. Als Kind entwickeln wir unsere Phantasie in der Realit\u00e4t des Spiels, wir d\u00fcrfen als Erwachsene das Tr\u00e4umen nicht verlieren. Ich bin ein politischer Dichter. Ich kritisiere das politische System, wenn es Menschenrechte verletzt und Menschenw\u00fcrde nicht achtet. Mein Traum ist eine Welt ohne Krieg, ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, ohne Ungerechtigkeit \u2013 ich will Gleichheit, Wohlstand und Frieden f\u00fcr alle, und \u201e&#8230; es gibt keine Grenzen, die den Fluss der Herzen trennen.\u201c Das ist keine Utopie, meint H\u0131d\u0131r \u00c7elik. \u201eIch erblicke meinen Traum der Zukunft in deinen Augen | und entdecke dich &#8230;\u201c (S. 13)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Menschenleben bew\u00e4hrt sich in seinem Werk, das ein Gedicht eines neuen Bewusstseins sein soll. In diesem Werk \u00fcberleben wir den Tod: Als Abschied von einem falschen oder unvollkommenen Bewusstsein: \u201ePoesie | ist der Tod, ein Abschied aus dieser Welt\u201c und in der Weitergabe unserer gel\u00e4uterten Ideen: \u201ePoesie | ist geschriebenes, gesagtes und gesungenes Lied\u201c (S. 17f.). Unser Tun wirkt \u00fcber unseren Tod hinaus. Thomas Mann und Bert Brecht sind nicht tot. Das Gleiche gilt auch f\u00fcr einfache, namenlose Menschen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ePoesie | ist Nichts und Alles\u201c (S. 18). Die Welt, Gottes Sch\u00f6pfung, ist aus dem Nichts entstanden. Sie ist dynamisch wie Poesie. Traumstoff. Dieser Stoff schl\u00e4ft in jedem Menschen. Er kann ihn zum Reden bringen \u2013 in seiner Haltung, im Gespr\u00e4ch und im Handeln. Aus dem Nichts der Form entfaltet sich die Poesie der Tat. Vielleicht ist das die Seele. Ich kann sie nicht beweisen. Aber der Glaube daran beruhigt mich, gibt mir inneren Frieden, sagt H\u0131d\u0131r \u00c7elik. Dieser Glaube ist mein Reichtum. Der Tod ist keine endg\u00fcltige L\u00f6sung, sondern \u00dcbergang in einem ewigen Prozess von Traum und Leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erinnert an Richard Rortys Gedanken zur Politik, sage ich, von religi\u00f6sen Aspekten mal abgesehen. Rorty postuliert in seinem Buch \u201eKontingenz, Ironie und Solidarit\u00e4t\u201c (1989) Freiheit statt Wahrheit, er ermuntert zur Selbsterschaffung der Einzelnen als m\u00fcndige Gesellschafter einer staatlichen Gemeinschaft, Nietzsches Gedanken im <em>Zarathustra<\/em> aufgreifend. Ich denke auch an Josef Beuys\u2019 Begriff der sozialen Plastik. \u2013 Ja, sagt H\u0131d\u0131r \u00c7elik, Politik muss poetisch sein. Sie f\u00e4ngt im Einzelnen an. Jeder muss sich selbstkritisch erfahren, die \u201aMigration in sich selbst\u2019 bestehen, nur so kommt es zum Verst\u00e4ndnis der Mitmenschen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Kindheit erfahren wir, wenn wir Gl\u00fcck haben, eine unbesch\u00e4digte Heimat, sagt H\u0131d\u0131r \u00c7elik. Unsere Kindheit tragen wir wie einen Sack Proviant durch unser Leben, davon zehren wir. Aber es gibt keine Heimat ohne Abschied, kein Leben ohne Abschiede von kindlichen Positionen, ohne Verluste kindlicher Harmonie.\u00a0 In meiner Kindheit habe ich mich nicht ethnisch orientiert. Ich empfand mich als Mensch wie jeder andere. Sp\u00e4ter stand ich einer \u00f6kologisch verletzten Natur gegen\u00fcber, ich erkannte die Zerrissenheit einer unpoetischen Welt. Ich trage die Bilder meiner Kindheit im Kopf, die Landschaft Dersim, die Berge von Hakkari, den Fluss Munzur, \u201eder meine Tr\u00e4nen tr\u00e4gt\u201c. Jetzt ist das Rheinland meine Heimat. Ich bin Kurde, T\u00fcrke, Deutscher, Rheinl\u00e4nder. Ich habe Menschen zu Freunden. Ich weine nicht als T\u00fcrke oder Kurde &#8230;, sondern immer als Mensch. Das ist oft nicht einfach, ich wei\u00df, viele Menschen stecken einen gern in ihre Schubladen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u0131d\u0131r \u00c7elik holt sein Buch \u201eDer Fluss meiner Tr\u00e4ume\u201c aus dem Regal und liest mir einige Passagen vor. Ich bin wie die Zugv\u00f6gel, sagt er, auf der Reise nach der Heimat meiner Sehns\u00fcchte. Ich wollte raus aus der Kleinheit der D\u00f6rfer, hinein in die St\u00e4dte. Ich war neugierig. Ich wollte die Welt erforschen. Ich suchte auch andere Kulturen. Als meine Eltern schon in Deutschland waren, machte ich in der T\u00fcrkei mein Abitur. Dann kam ich auch nach Deutschland und studierte Maschinenbau in Siegen. W\u00e4hrend eines Praktikums bei Kl\u00f6ckner-Moeller in Bonn wurde ich Gewerkschaftler bei der IG Metall und vertrat f\u00fcnf Jahre lang die Interessen der Arbeitnehmer. Dann studierte ich an der Bonner Universit\u00e4t Politikwissenschaft, Soziologie und Vergleichende Literaturwissenschaften, w\u00e4hrend ich weiter arbeiten ging. Ich schrieb meine Dissertation 1995 bei Professor Jacobsen \u00fcber das Thema \u201eDie Migrationspolitik bundesdeutscher Parteien und Gewerkschaften\u201c. Nun bin ich seit zwanzig Jahren Leiter der Evangelischen Migrations- und Fl\u00fcchtlingsarbeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mich als Jugendlicher nie einer Religion zugeh\u00f6rig gef\u00fchlt, wenn auch meine Eltern Alewiten waren. Sp\u00e4ter in Deutschland f\u00fchlte ich eine gewisse N\u00e4he zum Christentum. Dabei hat sicherlich meine alewitische Herkunft eine gro\u00dfe Rolle gespielt. F\u00fcr mich geh\u00f6ren Religionen und Sozialismus zusammen. Jesus Christus sehe ich als gewaltlosen Sozialrevolution\u00e4r, zumindest war er das in seiner Zeit. Er predigte gegen Ungerechtigkeit. Mir ist der Glaube wichtig, meine soziale \u00dcberzeugung und Verantwortung gegen\u00fcber Menschen. \u00dcber\u00a0 alle institutionellen Formen von Religionen muss man kritisch diskutieren. Glaube ist etwas anderes. Auch da finde ich Heimat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage H\u0131d\u0131r, was ihm Lessings Ringparabel bedeutet. \u2013 Die Parabel betrifft die drei gro\u00dfen abrahamitischen Religionen. Im Dorf meiner Kindheit gab es einen Brunnen. Wenn wir Kinder Wasser holten, ging jedes seinen eigenen Weg. Ich denke, es ist egal, welchen Weg du zu Gott gehst, wenn du nur den Brunnen erreichst und das Wasser daraus sch\u00f6pfst. Das Wasser ist der Glaube, das Leben, und \u00fcberall ist Gott derselbe Gott. Es geht bei dieser Frage um das Ziel, es gibt viele Wege zu diesem Ziel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist dein Bonner Traum?, frage ich H\u0131d\u0131r \u00c7elik. \u2013 Ein Haus voller Poesie, sagt er,\u00a0 f\u00fcr Poeten, Schriftsteller, Migranten &#8230; f\u00fcr alle. Hier gilt wieder die Gleichung: Poesie ist Politik. Die Poesie ist eine besondere Sprache deiner Bewusstwerdung und der Bewusstmachung anderer. Poesie ist die Botschaft: Du darfst und du sollst tr\u00e4umen von einer besseren Welt. Sie ist machbar, wenn wir alle miteinander reden und uns nicht gegenseitig in unsere Schubladen stecken oder ausgrenzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb hat H\u0131d\u0131r \u00c7elik 1998 auch den Free Pen Verlag gegr\u00fcndet. Dort erscheinen belletristische oder migrationsfachliche B\u00fccher von Autoren mit Migrationshintergrund genauso wie B\u00fccher deutscher Autoren aus Bonn und ganz Deutschland. Der Verlag ist mit dieser Doppelnatur einmalig in Deutschland. Die Edition \u201eKlotho\u201c, die der Bonner Schriftsteller Rainer Maria Gassen als Herausgeber und Lektor betreut, entstand auf Anregung des deutsch-griechischen Autors Giorgios Krommidas.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eEin Mensch, der nicht tr\u00e4umt, wird niemals gl\u00fccklich sein.\u201c<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=32773&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/Bergmann-Erz.Cover_.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"323\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. &#8211; Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr seid die Poeten, die &#8230; formen und gestalten Mit dem Rad fahre ich durchs Stockentor der Bonner Universit\u00e4t, dann \u00fcber den Marktplatz, ich biege beim \u201eMetropol\u201c in die Br\u00fcdergasse ein, am Lenker h\u00e4ngt meine kleine Tasche mit H\u0131d\u0131r \u00c7eliks&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/05\/19\/poetry-polis\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2534,866],"class_list":["post-64767","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hidir-eren-celik","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64767","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64767"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64767\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101246,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64767\/revisions\/101246"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64767"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64767"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64767"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}