{"id":64756,"date":"1996-05-23T00:01:00","date_gmt":"1996-05-22T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64756"},"modified":"2021-05-19T21:22:52","modified_gmt":"2021-05-19T19:22:52","slug":"manfred-prichas-gedicht-koma","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/05\/23\/manfred-prichas-gedicht-koma\/","title":{"rendered":"Manfred Pricha&#8217;s Gedicht \u201eKoma\u201c"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>wenn du stirbst<br \/>wachst du auf<br \/>zuverl\u00e4ssig aus den tr\u00e4umen<br \/>vom denkw\u00fcrdigen leben<br \/>das sich anschlie\u00dft<br \/>ausgeschlossen in dir<br \/>oder besser gef\u00fchllos<br \/>nicht richtig erinnert<br \/>wie von einer woge<br \/>\u00fcbersp\u00fclt und untergepfl\u00fcgt<br \/>ein weites leeres feld schwerelos<br \/>mit komischen wiederholungen<br \/>so eingesperrt in dir<br \/>im dunkeln scheu\u00dflich wach<br \/>begegnest du dir<br \/><br \/>du dr\u00fcckst dir die hand<br \/>zugeteilt von gegen\u00fcber<br \/>und sprichst ohne stimme<br \/>zu dir nach drau\u00dfen<br \/>merkw\u00fcrdig versperrt<br \/>ohne geh\u00f6rt zu werden<br \/>spricht es sich mit dir aus<br \/>unabl\u00e4ssig und zuversichtlich<br \/>ohne kopfzerbrechen<br \/>verfolgt dich ein schatten<br \/>\u00fcberkommen vielmehr<br \/>in umgekehrter reihenfolge<br \/>schlie\u00dft ein schleifendes leben<br \/>sich an die tr\u00e4ume<br \/>mit ausgestorbener erinnerung<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Manfred Pricha&#8217;s Gedicht \u201eKoma\u201c beginnt scheinbar\u00a0paradox: \u201ewenn du stirbst \/ wachst du auf\u201c &#8211; der endg\u00fcltige Tod ist hier nicht gemeint, sondern ein Koma, ein dem Tod verwandter und dem Leben entfremdeter Zustand, der in den folgenden Versen vertiefend in metaphorischen Andeutungen beschrieben wird, die zun\u00e4chst sehr verwirren: Ich wache zuverl\u00e4ssig auf \u201eaus den tr\u00e4umen \/ vom denkw\u00fcrdigen leben \/ das sich anschlie\u00dft&#8230;\u201c Versteht das nur einer, der selber ein Koma erlebte? Dann f\u00fchle ich mich ausgeschlossen, der Autor versetzte\u00a0mich dann in ein Zwangs-Koma des Unverst\u00e4ndnisses; das Gedicht m\u00fcsste sich\u00a0doch an alle wenden, denke ich, nicht nur an Insider. Aber es liegt an mir, die Bedeutung eines konkreten Komas ins Allgemeine zu \u00fcbersetzen. Ich denke, dass die elaborierten Bilder dies erm\u00f6glichen und eine Verbindung zum allt\u00e4glich und bewusst Erlebbaren herstellen.\u00a0Diese Bilder\u00a0beschreiben ein versch\u00fcttetes Bewusstseins,\u00a0einen (halb) erlebbaren Autismus,\u00a0ich bin ausgeschlossen in mir, gef\u00fchllos&#8230; eingesperrt in mir: \u201eim dunkeln scheu\u00dflich wach \/ begegnest du dir\u201c &#8211; das erinnert mich an Ernst Jandls Gedicht \u201ereisebericht\u201c, in dem ein au\u00dfer sich Lebender immer wieder sich selbst begegnet, ohne sich zu erfahren, der sich nichts zu sagen hat, der sich nicht findet, der mit sich selbst nicht im Bewusstsein ankommt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zweite Strophe beginnt mit den Worten: \u201edu dr\u00fcckst dir die hand \/ zugeteilt von gegen\u00fcber\u201c &#8211; das lyrische Ich lebt in zwei Dimensionen, es\u00a0scheint eine transzendente Ebene, eine Gespaltenheit des Bewusstseins zu erleben, aber nur halb, das Ich regiert nicht mehr,\u00a0das lyrische Ich befindet sich in einer pathologischen\u00a0Gefangenschaft, die \u00c4hnlichkeit hat mit Zust\u00e4nden, die wir in unserem Leben selbst verschulden k\u00f6nnen, etwa in der Hektik unserer tausend Verpflichtungen und Fluchten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Koma dieses Gedichts erscheint mir als die\u00a0Zuspitzung solcher f\u00fcr alle erlebbaren Zust\u00e4nde zu sein,\u00a0der pathologische Gipfel\u00a0allt\u00e4glicher Existenz, deren Paradoxie durch die Summierung gesellschaftlicher Widerspr\u00fcche und Konflikte ins Absurde f\u00fchren kann, selbst verschuldet, aber auch schuldlos.\u00a0Das Gedicht zeigt mir, dass Gesundheit und Krankheit nur\u00a0vorl\u00e4ufige Begriffe unendlich vieler Zust\u00e4nde einer k\u00f6rperlich-geistigen Existenz sind, die eine vielf\u00e4ltige Einheit zwischen Wohlgef\u00fchl und Schmerz bilden. Alles in allem ein sehr sch\u00f6nes, wahres Gedicht.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; wenn du stirbstwachst du aufzuverl\u00e4ssig aus den tr\u00e4umenvom denkw\u00fcrdigen lebendas sich anschlie\u00dftausgeschlossen in diroder besser gef\u00fchllosnicht richtig erinnertwie von einer woge\u00fcbersp\u00fclt und untergepfl\u00fcgtein weites leeres feld schwerelosmit komischen wiederholungenso eingesperrt in dirim dunkeln scheu\u00dflich wachbegegnest du dir du dr\u00fcckst&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/05\/23\/manfred-prichas-gedicht-koma\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":9174,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[780,866],"class_list":["post-64756","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-manfred-pricha","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64756","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64756"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64756\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}