{"id":64753,"date":"2007-08-01T00:45:30","date_gmt":"2007-07-31T22:45:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64753"},"modified":"2024-05-01T10:24:39","modified_gmt":"2024-05-01T08:24:39","slug":"diamantenschaum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/08\/01\/diamantenschaum\/","title":{"rendered":"Diamantenschaum"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zu Karin Maiers Lyrik: \u201e\u00fcbadacht\u201c &#8211; Boarische Gedichte (2007)<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Karin Maiers Gedichte erinnern mich an die logische Sch\u00e4rfe Erich Frieds, sind aber bildreicher. Die bayerische Lyrikerin denkt vom Dialekt her punktgenau und kommt so zu einer Pr\u00e4gnanz des Logischen, die den Leser frappiert. Sie liebt das literarische Paradoxon und die Antithese, die Dialektik. Das zeigt schon der Titel des Gedichts \u201esichtlich blind\u201c. Heimlich korrespondiert das vordergr\u00fcndig so lustig scheinende Gedicht mit der Position des Lyrikers, des K\u00fcnstlers, der eine ganz anders kartierte Welt im Kopf hat und der vermeintlichen Realit\u00e4t der ersten Ordnung andere Realit\u00e4ten gegen\u00fcberstellt. Antithetisch gebaut ist auch das folgende Gedicht:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><br \/>s fernsehkastl<br \/><br \/>so a fernsehkastl <br \/>is wia a wunder <br \/><br \/>oiwei <br \/>wenns d eischaltst <br \/>schaugd di s lebn o <br \/><br \/>oiwei <br \/>wenns d neischaugst <br \/>schaltst dei lebn aus <br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u201ewunder\u201c ironisiert die schreckliche Metamorphose des allt\u00e4glichen Eskapismus (in der letzten Strophe). Dem \u201efernsehkastl\u201c folgt das \u201ehirnkastl\u201c, jetzt geht es tiefer in uns hinein: Das lyrische Ich fragt sich gespielt naiv, wie das Gehirn eines Singvogels funktioniert \u2013 anders gesagt: Selbstreflexion scheitert wie die Frage nach dem Sinn unseres gesamten Seins. Bewusstsein ist nur eine Chim\u00e4re. Wir sind nur h\u00f6here Tiere, nichts weiter. <br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>s hirnkastl<br \/><br \/>manchmoi kommt mir <br \/>mei hirnkastl <br \/>wia a ramschladl vor <br \/><br \/>i w\u00fchl <br \/>wia varruckt drin rum <br \/>und suach nach am ton<br \/><br \/>nix kommt <br \/><br \/>i frag mi <br \/>wia die amsl des macht <br \/>die drau\u00dfn singt<br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Poetischer \u2013 im Sinne sinnlich verbildlichter Gedanken \u2013 sind die beiden folgenden Gedichte: <br \/><br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>winta hamma ?<br \/><br \/>d wiesn <br \/>schaugd a weng oid aus <br \/>in da fruah<br \/><br \/>da see <br \/>hod nix zum bei\u00dfn <br \/>er derf nur ab und zua <br \/>an himmi schlucka <br \/><br \/>s radl wundert se a<br \/>es draht <br \/>sicher durch <br \/><br \/>wenn s so weida geht <br \/>kann se da winta <br \/>wenna no reischneid <br \/>nimma an sich selba erinnern<br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses \u201aWintergedicht\u2019 lie\u00dfe sich im Unterschied zu den meisten anderen ins Hochdeutsche setzen und verl\u00f6re dann kaum seine Kraft. Die sanfte Ironie, wie die unvollendete Natur mit sich selbst redet \u2013 obwohl wir doch aus den anderen Gedichten wissen, dass Selbstreflexion zum Scheitern verurteilt ist \u2013 steigt vom Grund des unverfrorenen Sees bis hinauf zum Himmel. Der kleine See schluckt den gro\u00dfen Himmel, das Diesseits vereinnahmt das Jenseits, wir projizieren unsere geistige Nahrung\u2026 und so wird das Sollipsistische oder einfach nur das Subjektive unserer Existenz in grotesker Weise deutlich. Und zum Schluss wird der potentielle Alzheimer der Jahreszeit, die gar nicht recht geboren wurde, zum Bild der Unf\u00e4higkeit aller Selbsterkenntnis. Das ist einfach wunderbar gemacht. \u2013 Noch perspektivistischer ist dieses Gedicht:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><br \/>regnbognforelln<br \/><br \/>de oan sagn <br \/>des <br \/>de andern sagn <br \/>des andere <br \/><br \/>de oan ham recht <br \/>de andern s gro\u00dfe wort <br \/><br \/>s geht <br \/>durch mi durch <br \/>wia vo oam ufer <br \/>zum andern <br \/><br \/>manchmoi bleibt wos h\u00e4nga <br \/><br \/>de forelln wissn s <br \/><br \/><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><br \/>Offenbar h\u00e4ngt das lyrische Ich mitten in der Luft, es schwebt \u00fcber dem Fluss und ist lieber Teil der unbewussten Natur, mit der es sich versteht, als Teilnehmer des geistigen Diskurses unserer Zeit. Er versteht davon nur wenig, sagt er, hier rein da raus, aber das ist nur ein Spiel \u2013 das lyrische Ich ist nicht so naiv, wie es tut! Die Forellen als Zeugen der Skepsis zu benennen, ist eine heftige Verurteilung der M\u00f6glichkeiten und Ergebnisse menschlichen Denkens. <br \/><br \/>So gesehen sind Karin Maiers Mundartgedichte Gedankengedichte \u2013 die Hauptthemen sind Erkenntnis, Selbsterkenntnis, insgesamt: Skepsis gegen\u00fcber der Kultur und daher Sehnsucht nach einer einfacheren Harmonie, f\u00fcr die die Natur als Bild (weniger sie selbst im eigentlichen Sinn) steht. <br \/>\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch nie war mir das Bayerische derart sympathisch wie in solchen Gedichten. Welch eine starke Sprache und sensibel zugleich. Bei Karl Valentin ist mir das Bayerische nicht so nah gekommen. Und auch die besten bayerischen Kabarettisten von heute schaffen nicht diese Dichte und die wunderbare Aufhebung des Derben, das jedem Dialekt innewohnt. Karin Maiers Mundartgedichte entwickeln eine unglaubliche Zartheit und Leichtigkeit, ohne an Tiefe zu verlieren. Dem Dialekt verdankt sich die Kraft und die Bildpr\u00e4gnanz nicht allein, es liegt vielleicht tats\u00e4chlich auch daran, dass die Dichterin im Bayerischen von innen heraus das Wesentliche so leicht sagen kann, dass es zugleich auf engstem Raum Tiefe gewinnt.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Karin Maiers Lyrik: \u201e\u00fcbadacht\u201c &#8211; Boarische Gedichte (2007) Karin Maiers Gedichte erinnern mich an die logische Sch\u00e4rfe Erich Frieds, sind aber bildreicher. 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