{"id":64717,"date":"2017-12-05T00:50:00","date_gmt":"2017-12-04T23:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64717"},"modified":"2021-06-07T16:24:35","modified_gmt":"2021-06-07T14:24:35","slug":"thermoplastische-texte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/12\/05\/thermoplastische-texte\/","title":{"rendered":"THERMOPLASTISCHE TEXTE"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Eine Gebrauchsanweisung zum Verst\u00e4ndnis gegenw\u00e4rtiger Dichtung am Beispiel von \u201eistanbul. eine matrjoschka\u201c von Dennis Mizioch<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00d6CHER IM POLYPROPYLENGEWEBE lautet der neueste Titel der zentralrheinischen Literaturzeitschrift mit dem doppelz\u00fcngigen Namen <em>Dichtungsring.<\/em> Michael Kohl, Herausgeber zusammen mit Werner Pelzer, schreibt im Editorial:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIm Langgedicht <em>istanbul. eine matrjoschka. <\/em>von Dennis Mizioch sind die L\u00f6cher im Polypropylengewebe das, was \u00fcbrig bleiben wird von einem Strauch, vom Leben. L\u00f6cher in einer weggeworfenen Plastikt\u00fcte. L\u00f6cher im Polypropylengewebe stehen aber auch, und hier verlasse ich den metaphorischen Kontext des Gedichts von Mizioch, f\u00fcr L\u00f6cher in der bunten und glatten Oberfl\u00e4che der real erscheinenden Welt. L\u00f6cher, durch Literatur und Kunst gerissen, L\u00f6cher, durch die Literatur und Kunst blicken, um die Welt unter dieser Oberfl\u00e4che zu vermessen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein philosophischer Text also? Und das in der Sprache der Poesie? Ich denke: ja, wenigstens indirekt, und zugleich ist der Text eine bildreiche, anspielungsvolle Kurzanalyse erlebter Gegenwartswelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennis Mizioch, 1992 in Karlsruhe geboren, ist Lehramtsstudent der Germanistik und Chemie in Heidelberg und Mitbegr\u00fcnder des dortigen Literaturkreises <em>echolot<\/em> (seit September 2015). 2015-2017 war er Mitglied der Darmst\u00e4dter Textwerkstatt unter Leitung von Kurt Drawert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber medias in res: es geht um das Polypropylengewebe und seine L\u00f6cher. Dennis Mizioch schreibt in seinem lyrischem Prosatext:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">\u201eeine plastikt\u00fcte hat sich in einem busch verfangen. sie wird ihn \u00fcberleben. der busch wird eines tages nicht in flammen aufgehen, er wird einfach verdorren und schrumpfen, verschwinden. wie ein mensch. seine existenz wird man nur durch die l\u00f6cher im polypropylengewebe nachweisen k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">an der bushaltestelle stapelt sich m\u00fcll in pappkartons. auf einem davon steht amazon. es reicht nur der anblick dieses kartons, gewellt vom regen, in dem sich leere joghurtbecher stapeln:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ich bin umgeben von ruinen. menschen sind ruinen, und die worte die sie sprechen, und die gedichte die sie schreiben. die zerkl\u00fcfteten sandsteinmauern sind ruinen, und die schwarzen katzen, die darauf sitzen, alles besteht aus ruinen; und mit jedem blinzeln entsteht eine neue leerstelle.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">[&#8230;]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">am kleiderschrank kleben polaroidfotos aus istanbul. das sonnenlicht spiegelt sich auf dem kunststoffpapier, es ist ein anderes als das in den bildern. die finger des jungen gleiten vorsichtig \u00fcber die polymerfolie. jahre sp\u00e4ter wird er die fotos wieder finden, in irgendeinem pappkarton, in dem er eigentlich den toaster vermutet hatte. er wird die bilder anfassen, ansehen, ins licht der lampe halten. die gl\u00e4nzenden fingerabdr\u00fccke auf dem kunststoffpapier werden ihn treffen wie ein messerstich zwischen die rippen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der beil\u00e4ufige Held in dieser Momentaufnahme ist umgeben von Plastik und M\u00fcll. Es ist eine durch und durch k\u00fcnstliche, fl\u00fcchtige Welt \u2013 aber die Erinnerung leuchtet von Gef\u00fchlen und lebt. Und doch bleibt am Ende nur eine Leerstelle, ein virtuelles Nichts. Der Tod ist das Loch, in das wir alle fallen. Am Ende \u00fcberlebt uns der Stoffwechselprozess unserer Artefakte und, wenn es hoch kommt, die Form, die Leerstelle also. Das Loch ist die Form.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo L\u00f6cher als Formprinzip das Sein konstituieren, triumphiert der Schein \u00fcber das Sein: eine Matrixwelt. Mizioch nennt seinen Text eine <em>matrjoschka<\/em>, eine ineinandergeschachtelte Puppe. matrjoschka \u2013 die kleine Mutter, das M\u00fctterchen. Auch Matrix kommt von mater, Mutter. Die Puppe in der Puppe in der Puppe, eine kleine Dynastie also, versinnbildlicht unser Zeitalter in seiner Reproduzierbarkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Polypropylengewebe tr\u00e4gt noch eine andere Idee. Der Stoff, CH<sub>3<\/sub>, ist ein thermoplastischer Hochleistungskunststoff, etwas h\u00e4rter als Polyethylen. Der Stoff ist verformbar, die Verformung ist grunds\u00e4tzlich reversibel. Bei sehr starker Erhitzung verfl\u00fcchtigt sich das fl\u00fcssig gewordene Polypropylengewebe, es verschwindet im gro\u00dfen Loch des Seins, im Nichts. Das ist die Leerstelle. Wenn man aber seinen thermoplastischen Aggregatszustand in Ruhe l\u00e4sst, ist das Polypropylen best\u00e4ndig und kaum erm\u00fcdbar \u2013 etwa in Scharnieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Den thermoplastischen Kunststoff gibt es als Spritzguss, oder in Blasform \u2013 und nun erkennen wir auch langsam seine Bedeutung etwa als Joghurtbecher oder F\u00fcllmaterial in Verpackungen. Seine Best\u00e4ndigkeit erweist Polypropylen auch als Schaumstoff. Da sieht man auch die L\u00f6cher. Sie sind wichtig f\u00fcr die unerm\u00fcdliche Verformung. Als Kissen gibt es nach, beim Sitzen werden die L\u00f6cher kleiner, verschwinden jedoch nie ganz, und sie weiten sich immer wieder, und zwar best\u00e4ndig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennis Mizioch sieht unsere Welt auch als Schaumstoffwelt, deren Gewebe vom Loch geradezu lebt, wie \u00fcberhaupt alle Natur: Ohne Loch, ohne Form oder das Nichts und den Tod kein Werden! Das ist die biologisch-existenzialistische Sicht. Zugleich ist Miziochs poetische Beschreibung eine subtile, leicht ironische und zugleich ganz ernst gemeinte Kritik an einer Welt und einem Sein, das hohl ist. Und der Text stellt permanent die Frage:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Was ist angesichts der Schwankungen aller Erscheinungsformen \u00fcberhaupt Realit\u00e4t?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Erinnert sei noch einmal an <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/12\/the-matrix-has-you\/\">MATRIX I<\/a>, den gro\u00dfartigen Film der Wachowski-Geschwister, und an die Matrjoschka. Welt, Leben, Existenz und Realit\u00e4t \u2013 das sind thermoplastische Begriffe. Auch Schein und Schaum haben eine reale Seite, und Traum- und Schaumstoff geh\u00f6ren zu unserer Welt als Wille und Vorstellung.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schaum-Stoff \u2013 und hier schlie\u00dft sich ein Kreis \u2013 so hie\u00df die Dichtungsring-Nummer 28\/29 im Jahr 2000.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Gebrauchsanweisung zum Verst\u00e4ndnis gegenw\u00e4rtiger Dichtung am Beispiel von \u201eistanbul. eine matrjoschka\u201c von Dennis Mizioch L\u00d6CHER IM POLYPROPYLENGEWEBE lautet der neueste Titel der zentralrheinischen Literaturzeitschrift mit dem doppelz\u00fcngigen Namen Dichtungsring. 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