{"id":64716,"date":"2000-04-28T00:01:00","date_gmt":"2000-04-27T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64716"},"modified":"2020-05-22T20:07:22","modified_gmt":"2020-05-22T18:07:22","slug":"wesland-topoesie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/28\/wesland-topoesie\/","title":{"rendered":"Wesland &#8211; Topoesie"},"content":{"rendered":"\n<p>Das sind daktylische Lieder, jambische G\u00e4nge, manchmal Gang\nund Tanzlied in einem, in jedem Fall, von semantischen Festlegungen der Metrik\neinmal abgesehen, sehr musikalische Texte!<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind leichte und schwerere T\u00e4nze und Ges\u00e4nge. \u201eDie\nBaumzeile fensterl\u00e4ngs schenkt\u201c ist so ein Gedicht der Schwebe zwischen Schwere\n(Winter) und Leichtigkeit (Fr\u00fchling) &#8211; da wachen die Menschen nach dem\n(leichteren) Winter auf, aber das Gedicht meint nicht nur jahreszeitliche Metamorphosen,\nsondern entlarvt sich, vor allem zum Ende hin, als metaphorische Anspielung auf\nLebensentwicklungen, Lebensverarbeitung: <em>dann\natmen die menschen winternebel und sammeln winter&#8230; und suchen spuren&#8230; und\nziehen spuren die nicht \u00fcberdauern&#8230; <\/em>das geschieht in den Menschen,\nvielleicht aktiv, bewusst &#8211; und dann wieder die Gewichte von au\u00dfen, die\nGeschichte, das Schicksal, der Winter zum Fr\u00fchling: Neugeburt, Selbstgeburt &#8211;\naber auch von au\u00dfen er-schwert oder er-leichtert: <em>dann rafft das jahr seine r\u00f6cke und eilt sich&#8230; und rafft seine zeit\n&#8230; und zerrt die gedanken &#8230; und zwingt sie zum schnelleren lauf an der\nkette&#8230; <\/em>Freiheit und Zwang in einem Bild vereint, aber mehr Zwang, mehr\nSchwere als Leichtigkeit. Und so erinnern solche daktylisch gepr\u00e4gten schweren\nT\u00e4nze an Gustav Mahlers Lieder, nur dass Diels Rhythmus schneller, h\u00e4rter\ngelesen werden kann, oder auch zart trotz schwerer Gewichte. Das Gedicht geht\nvom Ich aus, dann \u00fcber die Menschen, das lyrische Ich wird aufgel\u00f6st in\nDistanz, Selbstdistanz, und am Ende wird auch diese Distanz noch einmal\ndistanziert, die Kraft, die an oder in uns sich vollzieht, wird \u00fcbergeordneter,\nabstrakter, es ist nun die Zeit, der Prozess an sich, der sich in uns spiegelt\n&#8211; oder gewinnen wir unsere Prozesse, die gegen uns gef\u00fchrt werden, weil wir sie\nreflektieren, weil sie uns bewusst werden, sodass wir den Prozess der\nVer\u00e4nderung gegen uns selbst f\u00fchren k\u00f6nnen? Ich vermute: Nein. Zu schwer wiegt\nim Gedicht das Verschwinden (der Verlust?) des lyrischen Ichs. &#8211; Trotzdem geh\nich am Ende dieses Gedichts noch einmal an den Beginn und sehe, dass mir die\nNatur meine Zeit als Geschenk vor die F\u00fc\u00dfe legt, sodass ich auf ihr gehen kann,\nwenn ich will. Es bleibt in der Schwebe, denn die Musik der Verse ist\nschwebend, der Nebel des Winters, von dem in der dritten Strophe die Rede ist,\nverweist auf Erkenntnisunsicherheit. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich frage mich, ob die kursiv gesetzten Verse (<em>das fenster war und das haus \/&#8230;<\/em>) noch\nzum Gedicht geh\u00f6ren. Wenn sie dazugeh\u00f6ren, hat man die R\u00fcckkehr zum Beginn des\nGedichts (das lyrische Ich findet sich wieder, stellt sich allerdings sogleich\nwieder in Frage: Alles war schon vor ihm da, und, was mir ganz besonders\ngef\u00e4llt, alles ist f\u00fcr das lyrische Ich nur da, wenn das lyrische Ich da ist &#8211;\nein sch\u00f6ner erkenntnistheoretischer Gedanke, solipsistische Koketterie, obwohl,\nganz am Schluss, der der alles erdachte, vor sich selbst da war &#8211; Gott m\u00f6chte\nich hier nicht annehmen -, sodass ich, der ich mich selbst erschaffe, schon\nangelegt bin, ehe ich da bin. Jedenfalls verstehe ich das Gedicht am Ende in\nsolcher Erkenntnisschwebe, ein Nebeltanz ist das, nicht die Schwere eines\nGottes, es sei denn der Gott bin ich: Wer sich selbst erschafft, muss ja vor\nsich selbst schon dagewesen sein. Das gef\u00e4llt mir sehr gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut zu dem eben \u00fcberdachten Gedicht passt der EPILOG\n\u201eMenschen k\u00f6nnen das\u201c: Er enth\u00e4lt&nbsp; eine\nspielerische Umkehrung des Gedankens der Selbsterschaffung. Das Gedicht bricht\nab, wenn der Tod eintritt, aber der Abbruch ist (in dem Gedicht) gesetzt.\nSpielerisch. Auf der anderen Seite das Festklammern am Leben. Das geliebte\nLeben. Das schwere Schicksal des Todes, des Sterbenm\u00fcssens kann nur spielerisch\nbesiegt werden, formal \u00fcberwunden werden in der Pointe des Schlusses, des\nAbbruchs. <\/p>\n\n\n\n<p>Und schon zu Beginn des Gedichts wird Sterbenm\u00fcssen als\nF\u00e4higkeit bezeichnet, im Titel steht: <em>Menschen\nk\u00f6nnen das ..einfach verschwinden \/ pl\u00f6tzlich einfach nicht \/ mehr da sein weg\nsein \/ &#8230; <\/em>Das Dasein wird am Ende des Gedichts ins Elliptische ger\u00fcckt,\nist also formal noch da, erlebt vielleicht nur eine Metamorphose in ein anderes\nDasein&#8230; Aber jetzt spiele ich als Leser, und es mag sein, dass \u00fcberhaupt der\nLeser als Dialogpartner des sich selbst erschaffenden lyrischen Ichs ein sich\nselbst erschaffendes lyrisches Du darstellt, zum lyrischen Ich verwandelt. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel, \u201eWesland\u201c, untest\u00fctzt meine Interpretation: Dieses\nSchaukelspiel des Lebens, die Ambivalenz von Sein und Nichtsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein riesiges Lebens-Ja gegen das Nein des Todes steht in den\nGedichten. Auch viel \u2018Leichtes\u2019, Tanz, Musik, Sirtaki, und auch Pathos (wie der\nUntertitel des Zyklus verr\u00e4t), eine leidenschaft-liche Stimme f\u00fcr das Leben,\nauch eine kleine Liebeserkl\u00e4rung an die Stadt, an Bonn, das deutlich\naufscheint, aber nie aufdringlich wird, nie allzu vordergr\u00fcndig beschworen wird,\nviele kleine Beobachtungen im Alltag, die ins Gro\u00dfe (manchmal) geweitet,\ngedeutet werden, Bilder die spielen &#8211; alles in allem, trotz der sinnlicheren\nStellen in den Gedichten, eine Tendenz zum Diskursiven, zum Reflektorischen,\nvita contemplata, gedankenlyrische Sinnlichkeitsbilder, Gedankenbilder,\nmusikalische Philosopheme, &#8230; <\/p>\n\n\n\n<p>Durs Gr\u00fcnbein f\u00e4llt mir dazu ein. Aber Gr\u00fcnbein ist viel\nepischer, zieht zuviel Bildung in die Verse (jedenfalls in seinem letzten\nGedichtband <em>Nach den Satiren<\/em>); da ist\nDiel sinnlicher, leichter im guten Sinne, nicht so geschichts-verhaftet,\nich-g\u00f6ttlicher, nicht so physisch-biologistisch n\u00fcchtern. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das der Anfang ist, denn Marcel Diel ist ja noch jung,\ndann bin ich sehr erwartungsvoll&nbsp; f\u00fcr\ndas, was kommen wird &#8211; ich traue ihm viel zu: Noch k\u00fchnere Sinnlichkeit,\nverantwortetes Neuland, metrische Spiele (andere T\u00e4nze, andere musikalische\nGesten), und nat\u00fcrlich andere Themen, neue Bilder, und das alles zusammen in\nneuer Verdichtung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das sind daktylische Lieder, jambische G\u00e4nge, manchmal Gang und Tanzlied in einem, in jedem Fall, von semantischen Festlegungen der Metrik einmal abgesehen, sehr musikalische Texte! 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