{"id":64693,"date":"2008-08-10T00:01:00","date_gmt":"2008-08-09T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64693"},"modified":"2022-04-23T09:03:14","modified_gmt":"2022-04-23T07:03:14","slug":"die-grosse-fluktuation","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/10\/die-grosse-fluktuation\/","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe Fluktuation"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><em>Der Bonner B\u00fccherschrank in der Poppelsdorfer Allee<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\">\r\n<div id=\"attachment_64696\" style=\"width: 177px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-64696\" class=\"wp-image-64696\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/Buecherschrank_Bonn-668x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"167\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/Buecherschrank_Bonn-668x1024.jpg 668w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/Buecherschrank_Bonn-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/Buecherschrank_Bonn-768x1178.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/Buecherschrank_Bonn-560x859.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/Buecherschrank_Bonn-260x399.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/Buecherschrank_Bonn-160x245.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2008\/08\/Buecherschrank_Bonn.jpg 782w\" sizes=\"auto, (max-width: 167px) 100vw, 167px\" \/><p id=\"caption-attachment-64696\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Sir James<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen Schloss und Schloss erstreckt sich in der alten Bundeshauptstadt der Kaiserplatz und die breite Doppelallee, die nach Poppelsdorf f\u00fchrt. In der Residenz des aus K\u00f6ln vertriebenen Kurf\u00fcrsten mitten in der Stadt befindet sich die Rheinische Universit\u00e4t, benannt nach dem preu\u00dfischen K\u00f6nig Friedrich Wilhelm IV. In dem kleineren Poppelsdorfer Jagdschloss residiert die Mineralogie der Uni. Gleich zu Beginn der sanft ansteigenden Kastaniendoppelallee steht der metallene B\u00fccherkasten, einer von acht oder neun in ganz Bonn. Der Poppelsdorfer \u201eOffene B\u00fccherschrank\u201c war 2003 das erste Projekt der kurz zuvor gegr\u00fcndeten B\u00fcrgerstiftung, die Idee stammt von Trixi Royeck, die damals Innenarchitektur an der Fachhochschule in Mainz studierte. Die rostige Seitenwand glimmt rot in der Sonne \u2013 als h\u00e4tte Serra den Kasten zwischen den knorrigen Kastanienst\u00e4mmen aufgestellt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wanderer, Radfahrer, Spazierg\u00e4nger, kommst du an diesem Kasten vorbei, siehst du hinter den gro\u00dfen Glast\u00fcren die vielen B\u00fccher, jeden Tag andere, und bleibst stehen und w\u00fchlst dich mit den Augen durch die Titel. Da steht alles \u2013 vom ungelesenen Kunstbuch mit Kupfertiefdrucktafeln bis hin zu zerlesenen Landser-Heftchen und Brosch\u00fcren zur religi\u00f6sen Erbauung, viele B\u00fccher der katholischen Theologie, es gibt alles \u2013 vom Krimi bis zum Warenhauskatalog, vor allem Romane, Romane, Romane.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute ist wieder ein Lehrer in den letzten Ruhestand eingetreten: Die gelben Reclam-Heftchen mit Anmerkungen, auch die gr\u00fcnen und blauen, K\u00f6nigs Erl\u00e4uterungen, Goethes Faust, Schillers R\u00e4uber, expressionistische Gedichte, D\u00fcrrenmatts Physiker &#8230; Gestern standen lauter Dumont-Reisef\u00fchrer, Opern- und Theater-Programmhefte im Fach \u2013 da ist einer alt geworden und trennt sich von der \u00dcberf\u00fclle, vielleicht ist er auch umgezogen. Ein andermal sind es alte Schwarten in Frakturschrift \u2013 Theodor Fontane, Thomas Mann, Franz Werfel &#8230; Oder medizinische und juristische B\u00fccher, die l\u00e4ngst ausgedient haben, Grammatiken, W\u00f6rterb\u00fccher, mittelhochdeutsche Texte, Lehrb\u00fccher der Chemie, Botanik; Atlanten, Reiseb\u00fccher, Bildb\u00e4nde, Gebetb\u00fccher, Fachzeitschriften aller Richtungen, Bibeln, Abenteuerb\u00fccher, Micky-Maus, Di\u00e4t-Brosch\u00fcren, die FREUNDIN, die Gesammelten Werke von Bert Brecht, letzte Woche standen dort alle B\u00e4nde von Marcel Prousts \u201eAuf der Suche nach der verlorenen Zeit\u201c, die Gesamtausgabe von Bertolt Brecht, das dtv-Lexikon, ein Dutzend Krimis von Simenon. Manchmal stehen alte Schallplatten zwischen den B\u00fcchern, Musikkassetten und CDs. Viele radieren ihre Namen in den B\u00fcchern weg oder rei\u00dfen gar die Seite aus dem Buch heraus, auf der ihr Name oder eine Widmung steht. Andere lassen alles, wie es ist. Ich sto\u00dfe auf Liebeserkl\u00e4rungen und gutgemeinte Ratschl\u00e4ge f\u00fcrs Leben, auf Dank und Anerkennung. Und auf Anmerkungen im Buch, mit Blei geschriebene und mit schwarzer Tinte, in deutscher und lateinischer Schrift, auf Eselsohren und Zeichnungen \u2013 besonders bei Sch\u00fclerlekt\u00fcren gibt es originelle und weit vom Inhalt abschweifende Kritzeleien und Titelumwidmungen &#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier im Campus-Bereich laufen viele Studenten vorbei, die \u201aErstis\u2019 haben es eilig und suchen das Gespr\u00e4ch untereinander, die bleiben hier kaum stehen. Die etwas \u00e4lteren treiben weiter oben ihren Schabernack mit Kekul\u00e9, der in \u00dcbermenschengr\u00f6\u00dfe auf dem Sockel gegen\u00fcber dem gelben barocken Jagdschloss steht und immer wieder etwas anderes in H\u00e4nden h\u00e4lt \u2013 einen Regenschirm, ein Demonstrationsplakat (\u201eNo war, no Ware\u201c), einen B\u00fcstenhalter, eine Bierflasche, eine Plastiktasche von Aldi &#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe schon viele B\u00fccher hier gefunden, weiterverschenkt und gelesen. Und nachgedacht \u00fcber die Spender und ihre Motive, ihre B\u00fccher zu verschenken. Romananf\u00e4nge gingen mir schon durch den Kopf &#8230; Heute finde ich ein dunkelblaues Suhrkamp-Taschenbuch (f\u00fcr damals 3 DM), das mich sofort anzieht: G\u00fcnter Eich: Abgelegene Geh\u00f6fte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind die 1948 erschienenen Gedichte, in der edition suhrkamp 1968 wieder aufgelegt, als Eich schon 61 Jahre alt war und sich von vielen dieser Gedichte innerlich getrennt hatte, weil sie ihm nicht reif genug erschienen. Viele reimen sich. In dieser Sammlung finde ich das ber\u00fchmte Gedicht \u201einventur\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gedichte atmen die Luft einer anderen Zeit. Ob die Verse j\u00fcngeren Lesern zu Herzen gehen und im Verstand aufleuchten oder ob sie matt abprallen und wieder versinken, das wei\u00df ich nicht:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; Der Nachtwind weht \u00fcber die Tr\u00fcmmer hin wie \u00fcber die Wachenden,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">weht aus Herz und Gedanken allen die W\u00e4rme. Es rauscht<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">matter das Blut unter seinem Anhauch, und es vernimmt<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die leisen Schritte des Todes, wer in die Mitternacht lauscht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: justify;\">(<em>Der Nachtwind weht<\/em>, S. 45)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Gedichte in diesem Band befassen sich mit dem Kriegsgefangenenlager in der Rheinaue bei Remagen, wo Regen und Hochwasser die Erde in einen Morast verwandelten, so dass Seuchen ausbrachen und viele starben. Das B\u00fcchlein enth\u00e4lt noch nicht die kritischen Gedichte der 60er Jahre, als G\u00fcnter Eich dazu aufforderte, den Sand ins Getriebe der neuen viel subtileren Staats- und Unterdr\u00fcckungsmechanismen zu blasen, aber das widerst\u00e4ndige Bewusstsein wird in den fr\u00fchen Versen vorbereitet. Nie wieder soll Deutschland im Sumpf der Gefangenschaft des Geistes enden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am B\u00fccherschrank in der Poppelsdorfer Allee erlebt der Passant, wenn er stehen bleibt, Werden und Vergehen der Moden. Die B\u00fccher sind hier schnell vergriffen. Nachschub kommt schnell. Hier waltet eine gro\u00dfe, n\u00fctzliche Fluktuation gedruckten Geistes. So manch einer nimmt ein Buch mit nach Hause, liest oder bl\u00e4ttert es durch und stellt es dann wieder in den B\u00fccherschrank. Andere kommen zum Lesen an den Kasten, die Cr\u00eape vom T\u00fcrken an der kleinen Unterf\u00fchrung in der einen Hand, das Buch in der anderen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der wei\u00dfen Bank neben dem B\u00fccherkasten sitzt den ganzen Sommer lang und bis in den k\u00fchlen Herbst hinein (dann in warme Decken gewickelt) Tag f\u00fcr Tag von morgens bis abends ein vollb\u00e4rtiger dicker Stadtstreicher \u2013 wie schon im letzten Jahr ist er ganz Zubeh\u00f6r des Ensembles von Kastanienlaub, Zeitungspapierm\u00fcll auf sandiger Erde und den auf beiden Seiten des Kastens B\u00fccher heraussuchenden Sch\u00fclern, Studenten, M\u00fcttern, Rentnern und Kindern. Einer h\u00e4lt immer die Glast\u00fcr auf, die anderen greifen in die B\u00fccher hinein und reden nicht selten \u00fcber das, was sie dort finden und was sie gelesen haben, \u00fcber die Politik und Gott und die Welt. Nicht selten treibt so ein Gespr\u00e4ch weit ab und zur\u00fcck in tiefe Vergangenheiten, Kindheitserinnerungen werden laut, so manch einer erz\u00e4hlt sein ganzes Leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann und wann f\u00e4hrt ein Mann mittleren bis h\u00f6heren Alters mit dem Fahrrad an den Kasten, am Lenker h\u00e4ngen links und rechts zwei gro\u00dfe Taschen mit B\u00fcchern, die K\u00f6pfe der Suchenden drehen sich hin zu ihm, dann \u00f6ffnet sich ihm eine Gasse, er stellt die B\u00fccher ins edel oxydierende Stahlregal, dann schweigen alle. Es ist kaum Platz, die B\u00fccher stehen dicht gedr\u00e4ngt. Der Mann legt seine B\u00fccher \u00fcber die andern, stopft den Inhalt der zweiten Tasche m\u00fchsam in die enge B\u00fccherreihe und stapelt den Rest drau\u00dfen in Wind und Wetter auf grauen Pflastersteinen an der rostigen Wand.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div id=\"attachment_98688\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98688\" class=\"wp-image-98688 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Faszikel_Kuenstlerbuch-e1646064146875.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"211\" \/><p id=\"caption-attachment-98688\" class=\"wp-caption-text\">Faszikel, K\u00fcnstlerbuch von A.J. Weigoni und haimo Hieronymus<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bonner B\u00fccherschrank in der Poppelsdorfer Allee Zwischen Schloss und Schloss erstreckt sich in der alten Bundeshauptstadt der Kaiserplatz und die breite Doppelallee, die nach Poppelsdorf f\u00fchrt. 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