{"id":64495,"date":"2012-09-06T00:01:00","date_gmt":"2012-09-05T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64495"},"modified":"2023-02-14T15:50:53","modified_gmt":"2023-02-14T14:50:53","slug":"verse-in-sommerkleidern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/06\/verse-in-sommerkleidern\/","title":{"rendered":"Verse in Sommerkleidern"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Werner Weimar-Mazurs Gedichte sind wie leicht hingetuscht, gewinnen aber stets Tiefe. Sie sind Wort- und Satzgesang, sie klingen. Nie entgleiten sie ins Sentimentale, aber sie haben Gef\u00fchl und Herz. Die tektonische Metaphorik (Gebirge &#8211; Meer), die in so manchem Gedicht aufscheint, gef\u00e4llt mir sehr; sie ist zwar nicht neu, aber neu angestrichen, neu gewandet. In Sommerkleidern kommen die Verse daher, transparent, sinnlich &#8211; und das gilt auch f\u00fcr die Seele, die gl\u00e4sern erscheint. Die meisten Gedichte sind Liebesgedichte oder sind angesiedelt in der Sph\u00e4re des Liebens und des Sagens. Manche Gedichte reflektieren das Reden \u00fcber die Liebe und in der Liebe und poetologisch auch das Reden in Versen. Das sprachliche und metaphorische Niveau sch\u00e4tze ich sehr hoch ein. Es ist eine Lyrik, die mit den Sternen am Lyrikhimmel der letzten Jahrzehnte leuchtet. &#8230; Die Gedichte, die Christoph Meckel, dem sie nah sind, nicht ohne Grund lobte, sind sprachlich sehr sch\u00f6n, oft \u00fcberzeitlich wirkend, sie haben gedanklichen Witz, Leichtigkeit und Tiefe, sie besitzen trotz aller Konventionali\u00e4t im sprachlichen Ausdruck neuartige Wendungen und Bilder, \u00fcberraschende Ideen, insgesamt einen ganz eigenen Ton, der ins Herz dringt und mit sanftem Humor und Leichtigkeit in die Tiefe der Leserseele wirkt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lavendelatem<\/strong><br \/><br \/>lavendelatem<br \/>\u00fcber die fluh bricht bl\u00e4ue<br \/>in diesen rauhwackensommer<br \/>kalkkl\u00fcftig war das jahr<br \/>und ohne geschichten aus dem mandelland<br \/>und ohne das meer<br \/>das dir salz ins gesicht wirft<br \/>lass flattern dein wei\u00dfes kleid wie ein segel<br \/>leg ab das schwarz<br \/>die witwentage sind vorbei<br \/>h\u00e4ng dein haar in die gischt wie ein netz<br \/>die fische k\u00f6nnen heut fliegen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Gedicht ist f\u00fcr mich neben &#8222;die mondschale gef\u00fcllt&#8220; das sch\u00f6nste in dem 102 Seiten langen B\u00fcchlein. Mich bestechen die ungew\u00f6hnlichen, selten gebrauchten W\u00f6rter. Schon der Titel, lavendelatem, verzaubert durch die Beseelung des Blumenkrauts, in dem wir uns selbst spiegeln unterm blauen Himmel. Und was f\u00fcr ein sch\u00f6nes Schlussbild als Pointe des Lebensbejahungsgedichts! Fang mit deinem tr\u00e4umenden und denkenden Kopf die Fische, deine Nahrung, die Dialektik des Seins: Wenn du dich erfindest &#8211; in deinen Gedanken und Taten -, dann kannst du auch fliegen, dann \u00fcbersteigst du jedes Paradoxon!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>unaufgeregt<\/strong><br \/><br \/>ein berg passt in ein herz <br \/>ein tal ein dorf <br \/>ein schneefeld in der ferne <br \/>ein bach ein fluss<br \/>ein bach der uber felsen st\u00fcrzt <br \/>ein haus <br \/>der stall steine auf dem weg<br \/>im sommer verwilderte schafe <br \/>ein neuer belag f\u00fcr die umgehungsstra\u00dfe<br \/>fl\u00fcsterasphalt <br \/>ein berg passt in ein herz <br \/>ein tal ein dorf <br \/>ein schneefeld in der ferne <br \/>ein bach ein fluss <br \/>ein bach der \u00fcber felsen st\u00fcrzt <br \/>dein haus<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das dreiteilige Gedicht sagt, was ein Ich begreifen kann \u2013 alles passt in unser Herz und wir sind eins damit in unserem Haus, das f\u00fcr uns steht, eins mit uns selbst. Im Mittelteil tastet sich das Denken des lyrischen Ichs wieder ins Au\u00dfen, in die geheimnisvolle, romantisch gesehene Dingwelt (Fl\u00fcsterasphalt), und nun transzendiert dieses Ich, es geht aus sich heraus und findet noch ein anderes Haus, eine andere Heimat \u2013 im Du. Es ist dies in seinen kargen feinen Gedanken-Strichen ein wunderbares Liebesgedicht: Auch du passt in mein Herz. Ich verstehe dich, die Welt geh\u00f6rt mir und dir.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Manchmal sind Gedichte<\/strong><br \/><br \/>wie welke bl\u00e4tter<br \/>die in nasses gras fallen<br \/>manchmal wie schnee<br \/>der auf den bergen taut<br \/>eine flut im fluss<br \/>auf dem wege zum meer<br \/>gedichte k\u00f6nnen sterben<br \/>weinen<br \/>auch lachen<br \/>manchmal haben sie die kraft<br \/>einer frau<br \/>oder das gewicht<br \/>eines schmetterlings<br \/>gedichte fragen nicht<br \/>ob sie geliebt werden<br \/>manchmal sind gedichte<br \/>eifers\u00fcchtig<br \/>auf das leben<br \/><br \/>manchmal nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Gedicht redet von der Sprache und ihrem Eigenleben, das sie au\u00dfer uns f\u00fchrt. Und uns doch so \u00e4hnlich ist. Unsere Gedichte k\u00f6nnen sterben, hei\u00dft es. H\u00f6lderlin glaubte oder hoffte, in seinen Versen zu \u00fcberleben. Eines Tages sterben auch die ber\u00fchmtesten Gedichte. Ob das hier gemeint ist? Ich wei\u00df es nicht. Vielleicht leben Gedichte nur in ihrem alten Leben weiter \u2013 erst in unserer Deutung lebt es wieder. Gedichte sind unabh\u00e4ngig und brauchen keine Liebe. Sprache ist autonom. Eifers\u00fcchtig k\u00f6nnen sie sein, wenn sie Menschensprache sind. Aber wenn Gedichte die Wahrheit sagen, dann sind sie nicht eifers\u00fcchtig, denn sie stehen \u00fcber uns, freieste Richter des \u00dcber-Lebens.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>hautsterben<\/strong>, von Werner Weimar-Mazur. Lyrik der Gegenwart 23, Edition Art Science, Wien und St. Wolfgang, 2012<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"158\" height=\"260\" class=\"wp-image-64446\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/hautsterben_160.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;&#8230; Es sind sch\u00f6ne, einfache, gute und sehr gute St\u00fccke in Ihrem Konvolut (manches erinnert mich an die Lyrik des eben gestorbenen Freundes Walter Helmut Fritz). &#8230; In der Einfachheit genauer S\u00e4tze ist Authentisches und Eigenes, also ich lese Ihre Verse gern und habe mich gefreut, manchmal auch \u00fcber Kl\u00e4nge gewundert &#8211; war erstaunt, wie klar sie sein k\u00f6nnen. &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\"><em><br \/><\/em>(Christoph Meckel in einem Brief zu einer ersten Arbeitsfassung von \u201ehautsterben\u201c, Freiburg, den 18.01.2011)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>. Auf KUNO lesen Sie u.a. einen Rezensionsessay von Holger Benkel \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/19\/welten-gegenwelten\/\">Werner Weimar-Mazur<\/a>. Wir begreifen den Essay auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Werner Weimar-Mazurs Gedichte sind wie leicht hingetuscht, gewinnen aber stets Tiefe. Sie sind Wort- und Satzgesang, sie klingen. Nie entgleiten sie ins Sentimentale, aber sie haben Gef\u00fchl und Herz. Die tektonische Metaphorik (Gebirge &#8211; Meer), die in so manchem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/06\/verse-in-sommerkleidern\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":99025,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866,1953],"class_list":["post-64495","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann","tag-werner-weimar-mazur"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64495","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64495"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104490,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64495\/revisions\/104490"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99025"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64495"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}