{"id":64425,"date":"2021-05-15T00:01:00","date_gmt":"2021-05-14T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64425"},"modified":"2023-04-27T16:15:44","modified_gmt":"2023-04-27T14:15:44","slug":"heimatverbundenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/05\/15\/heimatverbundenen\/","title":{"rendered":"Heimatverbundenen"},"content":{"rendered":"\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eDem Autor ist eine irrsinnige Karikatur eines heimatlichen Menschenschlags gelungen.\u201c<\/em> (K\u00f6llefornia)<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sehnsucht nach der Bonner Republik ist \u00fcbergegangen in das Heimweh der Erinnerung. In der sterbenden Provinz \u201eRheinland\u201c wird nur noch erinnert. Es gibt in der Bonner Republik eine epistemologische Unsitte, die Angewohnheit, jede Aussage sofort ins Grunds\u00e4tzliche hinein zu modulieren, und sie dadurch apokalyptisch zu formatieren. Historisch gesehen ist die Nation der nat\u00fcrliche Feind der Heimat, den Rheinl\u00e4ndern gelang es jedoch immer die deutsche Dominanzkultur zu\u00a0durchbrechen. Zwar f\u00fchrt die Vergangenheit zu gegenw\u00e4rtigen Vorg\u00e4ngen, doch erscheinen diese seltsam determiniert durch etwas, was seit dem Umzug der Hauptstadt \u00fcber diese Typen verh\u00e4ngt ist. Es ist der \u201eChoc\u201c der Erkenntnis, von dem Walter Benjamin spricht: Er garantiert das \u201eJetzt der Erkennbarkeit\u201c. Im Rheinland ist es ein feinsinniges Empfindens f\u00fcr das Jetzt, w\u00e4hrend die Freiheit das ultimative Ziel ist. Die Freiheit des\u00a0Geistes. Es ist ein Panorama ganz eigener Art, nicht als gro\u00dfes, sinnf\u00e4lliges Schicksalstheater, sondern als dichte Beschreibung eines kontingenten in-der-Welt-Drinsteckens, das die Rheinl\u00e4nder noch in der Schwebe h\u00e4lt, w\u00e4hrend sie bereits dabei sind, aus ihr rauszufallen. Der Tonfall des Romans ist, bei allem, was an Egoismen und Statusk\u00e4mpfen, Empathie und gegenseitigem Aufreiben Platz findet, weder denunziatorisch noch gewillt, ein jedes Leben auf das eine Geheimnis zu reduzieren, das es verst\u00e4ndlich machte. <em>Lokalhelden<\/em> ist das Spiel mit Metaebenen, die Vermischung von Fiktivem mit konkreten Realit\u00e4tsbez\u00fcgen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Heimat ist das Land oder auch nur der Landstrich, in dem man geboren ist oder auch nur bleibenden Aufenthalt hat.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Grimm\u2019sches W\u00f6rterbuch<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Prosa funktioniert wie ein Brennglas, unter dem die Zusammenh\u00e4nge von Zeit\u2013 und Lebensgeschichten deutlicher zutage treten. Und im Rheinland sind diese besonders gut zu erkennen, diese aufs\u00e4ssige Migropole bietet die M\u00f6glichkeit, an bestimmten Schicksalen exemplarisch die Wechself\u00e4lle und Umbr\u00fcche der Geschichte zu verhandeln. Statt an der Oberfl\u00e4che zu kratzen, dringt Weigoni in die Metaschichten des Rheinlands vor. Damit setzt er seinen Roman, der alle nur irgend verf\u00fcgbaren Einfl\u00fc\u00dfe wie ein Schwarzes Loch verschlingt, ans Ende der intertextuellen Nahrungskette. Weigoni greift eine moderne Romantradition auf, die mit Laurence Sternes &#8222;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19812\"><em>The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman<\/em><\/a>&#8220; begann und im 20. Jahrhundert von Autoren wie Arno Schmidts Gelehrtenrepublik und Wolfgang Koeppens \u201eTauben im Gras\u201c radikalisiert wurde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wer kein Bier hat, hat nichts zu trinken.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Martin Luther<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni setzt das gesamte In\u00adstrumentarium des modernen Romans ein und alle Stimmungslagen dazu. Er benutzt Dokumentarisches, \u00a0ruft mit gelungenen Bildern den Rhythmus der Bonner Republik auf und mit geschickt arrangierten Episoden die Provinzialit\u00e4t und Miefigkeit der Zwischenkriegszeit.\u00a0Dieser Romancier pr\u00e4sentiert ein Figurenmosaik, dessen Gesamtbild den Aggregatzustand der Orientierungslosigkeit der alten BRD beschreibt und bis in die verl\u00e4ngerte Gegenwart deutet. Er ist ein Arch\u00e4ologe, mit dem Unterschied, da\u00df seine Fundst\u00fccke meist noch leben, von der Welt oft nur vergessen sind. Diesem Vergessen tritt er in diesem Roman nachhaltig entgegen. Er kann ironisch und sarkastisch sein, aber auch existenzialistisch-ernst und sogar sentimental. Dieser Roman ist keine einfach nachzusingende Melodie, sondern eine sehr vielstimmige Symphonie \u2013 eine Vielstimmigkeit, der man sehr gern folgt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Was bedeutet Fremde\/Fremdsein, was macht \u201eHeimat\u201c aus, wo f\u00fchlen sie sich zugeh\u00f6rig, die jungen, international mobilen und multikulturell bewanderten BewohnerInnen der globalisierten Welt, gibt es eine Identit\u00e4t und wenn ja, was ist das?<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ulrike Schuff<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Rheinland steht f\u00fcr Weigonis Deutschland, was Amerika einmal Bruce Springsteens <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nWj75407fYY\">Wasteland<\/a> war, ein Ort von magischer Trostlosigkeit. Die Summe der Provinzen und der Lebenstr\u00e4ume, die sich in den Ebenen verlieren. Jede Station dieser topographisch gest\u00fctzten Erinnerung und fast jeder historische Exkurs tragen dazu bei, da\u00df die Figuren und ihre spannungsvolle Beziehung besser greifbar werden und zusehends Gestalt annehmen. Mit sprachlicher Konsequenz und inhaltlicher Stringenz \u00fcberzeugen diese <em>Lokalhelden<\/em>; in der geschickt m\u00e4andrierenden Erz\u00e4hlstruktur setzen demaskierende Formulierungen Akzente. Die Qualit\u00e4t der Sprache, die diesen Roman auszeichnet, ihre Bildhaftigkeit und rhythmische Dichte, sind bedingt durch eine sich erz\u00e4hlende Geistesgegenwart. Diese Rheinl\u00e4nder handeln so logisch und widerspr\u00fcchlich wie es echte Menschen tun.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Auf den Untergang der DDR folgt ein Verl\u00f6schen der BRD<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Idealisierung der Vergangenheit ist meistens nicht mehr als infantiles Wunschdenken, mit dem man sich um die Verantwortung f\u00fcr sein Leben zu dr\u00fccken versucht. Die imperiale Lebensweise beruht im rheinischen Kapitalismus auf einer Art gesellschaftsstabilisierendem Kompromiss zwischen den Interessen der Herrschenden und breiteren Schichten der Bev\u00f6lkerung. Die sie kennzeichnende Art des Produzierens und Konsumierens ist tief in das allgemeine Bewu\u00dftsein, die allt\u00e4glichen Verhaltensweisen und die Subjektpr\u00e4gungen eingeschrieben. Sie beruht darauf, da\u00df ihre zerst\u00f6rerischen Folgen auf andere Regionen der Welt verlagert werden. Nostalgie ist auch deshalb gef\u00e4hrlich, weil man dazu neigt, die eigene Erfahrung zu generalisieren. Als \u201adie beste \u00c4ra\u2019 gilt dann meistens die Zeit, in der man selber jung war. <em>Lokalhelden<\/em> ist kein abgekl\u00e4rtes Sp\u00e4twerk, sondern ein Buch der Unruhe, in dem es pocht, tickt und raschelt, in dem die neuen Wahrheiten als Widerg\u00e4nger der alten auftreten und die alten Wahrheiten bei sinkender Sonne auf ihren Bestand hin befragt werden. Die Fermente guter Lekt\u00fcre wirken langsam.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden,<\/strong> Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 &#8211; Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-44658\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/CoverLokalhelden-717x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesenswert auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a> von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die untergegangene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDem Autor ist eine irrsinnige Karikatur eines heimatlichen Menschenschlags gelungen.\u201c (K\u00f6llefornia) Die Sehnsucht nach der Bonner Republik ist \u00fcbergegangen in das Heimweh der Erinnerung. In der sterbenden Provinz \u201eRheinland\u201c wird nur noch erinnert. 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