{"id":64413,"date":"2023-07-19T00:01:00","date_gmt":"2023-07-18T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64413"},"modified":"2022-02-25T17:32:19","modified_gmt":"2022-02-25T16:32:19","slug":"ursprung-des-deutschen-trauerspiels","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/19\/ursprung-des-deutschen-trauerspiels\/","title":{"rendered":"Erkenntniskritische Vorrede"},"content":{"rendered":"\r\n<div class=\"motto\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innre, dieser das \u00c4u\u00dfere fehlt, so m\u00fcssen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine Art von Ganzheit erwarten. Und zwar haben wir diese nicht im Allgemeinen, im \u00dcberschw\u00e4nglichen zu suchen, sondern, wie die Kunst sich immer ganz in jedem einzelnen Kunstwerk darstellt, so sollte die Wissenschaft sich auch jedesmal ganz in jedem einzelnen Behandelten erweisen.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>Johann Wolfgang von Goethe: Materialien zur Geschichte der Farbenlehre<\/i> <span class=\"footnote\">Motto \u2013 Goethe: S\u00e4mtliche Werke. Jubil\u00e4ums-Ausgabe. In Verbindung mit Konrad Burdach hrsg. von Eduard von der Hellen. Stuttgart, Berlin o.J. Bd. 40: Schriften zur Naturwissenschaft. 2.S. 140\/141.<\/span><\/span><\/p>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist dem philosophischen Schrifttum eigen, mit jeder Wendung von neuem vor der Frage der Darstellung zu stehen. Zwar wird es in seiner abgeschlossenen Gestalt Lehre sein, solche Abgeschlossenheit ihm zu leihen aber liegt nicht in der Gewalt des blo\u00dfen Denkens. Philosophische Lehre beruht auf historischer Kodifikation. So ist sie denn auch more geometrico nicht zu beschw\u00f6ren. Wie deutlich es Mathematik belegt, da\u00df die g\u00e4nzliche Elimination des Darstellungsproblems, als welche jede streng sachgem\u00e4\u00dfe Didaktik sich gibt, das Signum echter Erkenntnis ist, gleich b\u00fcndig stellt sich ihr Verzicht auf den Bereich der Wahrheit, den die Sprachen meinen, dar. Was an den philosophischen Entw\u00fcrfen Methode ist, das geht nicht auf in ihrer didaktischen Einrichtung. Und dies besagt nichts anderes, als da\u00df ihnen eine Esoterik eignet, die abzulegen sie nicht verm\u00f6gen, die zu verleugnen ihnen untersagt ist, die zu r\u00fchmen sie richten w\u00fcrde. Die Alternative der philosophischen Form, welche durch die Begriffe von der Lehre und von dem esoterischen Essay gestellt wird, ist&#8217;s, die der Systembegriff des XIX. Jahrhunderts ignoriert. Soweit er die Philosophie bestimmt, droht diese einem Synkretismus sich zu bequemen, der die Wahrheit in einem zwischen Erkenntnissen gezogenen Spinnennetz einzufangen sucht als k\u00e4me sie von drau\u00dfen herzugeflogen. Aber ihr angelernter Universalismus bleibt weit entfernt, die didaktische Autorit\u00e4t der Lehre zu erreichen. Will die Philosophie nicht als vermittelnde Anleitung zum Erkennen, sondern als Darstellung\u00a0der Wahrheit das Gesetz ihrer Form bewahren, so ist der \u00dcbung dieser ihrer Form, nicht aber ihrer Antizipation im System, Gewicht beizulegen. Diese \u00dcbung hat sich allen Epochen, denen die unumschreibliche Wesenheit des Wahren vor Augen stand, in einer Prop\u00e4deutik aufgen\u00f6tigt, die man mit dem scholastischen Terminus des Traktats darum ansprechen darf, weil er jenen wenn auch latenten Hinweis auf die Gegenst\u00e4nde der Theologie enth\u00e4lt, ohne welche der Wahrheit nicht gedacht werden kann. Traktate m\u00f6gen lehrhaft zwar in ihrem Ton sein; ihrer innersten Haltung nach bleibt die B\u00fcndigkeit einer Unterweisung ihnen versagt, welche wie die Lehre aus eigener Autorit\u00e4t sich zu behaupten verm\u00f6chte. Nicht weniger entraten sie der Zwangsmittel des mathematischen Beweises. In ihrer kanonischen Form wird als einziges Bestandst\u00fcck einer mehr fast erziehlichen als lehrenden Intention das autorit\u00e4re Zitat sich einfinden. Darstellung ist der Inbegriff ihrer Methode. Methode ist Umweg. Darstellung als Umweg \u2013 das ist denn der methodische Charakter des Traktats. Verzicht auf den unabgesetzten Lauf der Intention ist sein erstes Kennzeichen. Ausdauernd hebt das Denken stets von neuem an, umst\u00e4ndlich geht es auf die Sache selbst zur\u00fcck. Dies unabl\u00e4ssige Atemholen ist die eigenste Daseinsform der Kontemplation. Denn indem sie den unterschiedlichen Sinnstufen bei der Betrachtung eines und desselben Gegenstandes folgt, empf\u00e4ngt sie den Antrieb ihres stets erneuten Einsetzens ebenso wie die Rechtfertigung ihrer intermittierenden Rhythmik. Wie bei der St\u00fcckelung in kaprizi\u00f6se Teilchen die Majest\u00e4t den Mosaiken bleibt, so bangt auch philosophische Betrachtung nicht um Schwung. Aus Einzelnem und Disparatem treten sie zusammen; nichts k\u00f6nnte m\u00e4chtiger die transzendente Wucht, sei es des Heiligenbildes, sei&#8217;s der Wahrheit lehren. Der Wert von Denkbruchst\u00fccken ist um so entscheidender, je minder sie unmittelbar an der Grundkonzeption sich zu messen verm\u00f6gen und von ihm h\u00e4ngt der Glanz der Darstellung im gleichen Ma\u00dfe ab, wie der des Mosaiks von der Qualit\u00e4t des Glasflusses. Die Relation der mikrologischen Verarbeitung zum Ma\u00df des bildnerischen und des intellektuellen Ganzen spricht es aus, wie der Wahrheitsgehalt nur bei genauester Versenkung in die Einzelheiten eines Sachgehalts sich fassen l\u00e4\u00dft. Mosaik und Traktat geh\u00f6ren ihrer h\u00f6chsten abendl\u00e4ndischen Ausbildung nach dem Mittelalter an; was ihren Vergleich erm\u00f6glicht, ist echte Verwandtschaft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schwierigkeit, welche solcher Darstellung innewohnt, beweist nur, da\u00df sie eine eigenb\u00fcrtige prosaische Form ist. W\u00e4hrend der Redende in Stimme und Mienenspiel die einzelnen S\u00e4tze, auch wo sie an sich selber nicht standzuhalten verm\u00f6chten, st\u00fctzt und sie zu einem oft schwankenden und vagen Gedankengange zusammenf\u00fcgt, als entwerfe er eine gro\u00df andeutende Zeichnung in einem einzigen Zuge, ist es der Schrift eigen, mit jedem Satze von neuem einzuhalten und anzuheben. Die kontemplative Darstellung hat dem mehr als jede andere zu folgen. F\u00fcr sie ist es kein Ziel mitzurei\u00dfen und zu begeistern. Nur wo sie in Stationen der Betrachtung den Leser einzuhalten n\u00f6tigt, ist sie ihrer sicher. Je gr\u00f6\u00dfer ihr Gegenstand, desto abgesetzter diese Betrachtung. Ihre prosaische N\u00fcchternheit bleibt diesseits des gebietenden Lehrwortes die einzige philosophischer Forschung geziemende Schreibweise. \u2013 Gegenstand dieser Forschung sind die Ideen. Wenn Darstellung als eigentliche Methode des philosophischen Traktates sich behaupten will, so mu\u00df sie Darstellung der Ideen sein. Die Wahrheit, vergegenw\u00e4rtigt im Reigen der dargestellten Ideen, entgeht jeder wie immer gearteten Projektion in den Erkenntnisbereich. Erkenntnis ist ein Haben. Ihr Gegenstand selbst bestimmt sich dadurch, da\u00df er im Bewu\u00dftsein \u2013 und sei es transzendental \u2013 innegehabt werden mu\u00df. Ihm bleibt der Besitzcharakter. Diesem Besitztum ist Darstellung sekund\u00e4r. Es existiert nicht bereits als ein Sich-Darstellendes. Gerade dies aber gilt von der Wahrheit. Methode, f\u00fcr die Erkenntnis ein Weg, den Gegenstand des Innehabens \u2013 und sei&#8217;s durch die Erzeugung im Bewu\u00dftsein \u2013 zu gewinnen, ist f\u00fcr die Wahrheit Darstellung ihrer selbst und daher als Form mit ihr gegeben. Diese Form eignet nicht einem Zusammenhang im Bewu\u00dftsein, wie die Methodik der Erkenntnis es tut, sondern einem Sein. Immer wieder wird als eine der tiefsten Intentionen der Philosophie in ihrem Ursprung, der Platonischen Ideenlehre, sich der Satz erweisen, da\u00df der Gegenstand der Erkenntnis sich nicht deckt mit der Wahrheit. Erkenntnis ist erfragbar, nicht aber die Wahrheit. Die Erkenntnis richtet sich auf das Einzelne, auf dessen Einheit aber nicht\u00a0unmittelbar. Die Einheit der Erkenntnis \u2013 wenn anders sie best\u00fcnde \u2013 w\u00e4re vielmehr ein nur vermittelt, n\u00e4mlich auf Grund der Einzelerkenntnisse und gewisserma\u00dfen durch deren Ausgleich, herstellbarer Zusammenhang, w\u00e4hrend im Wesen der Wahrheit die Einheit durchaus unvermittelt und direkte Bestimmung ist. Dieser Bestimmung als einer direkten ist es eigent\u00fcmlich, nicht erfragt werden zu k\u00f6nnen. W\u00e4re n\u00e4mlich die integrale Einheit im Wesen der Wahrheit erfragbar, so m\u00fc\u00dfte die Frage lauten, inwiefern auf sie die Antwort selbst schon gegeben sei in jeder denkbaren Antwort, mit der Wahrheit Fragen entspr\u00e4che. Und wieder m\u00fc\u00dfte vor der Antwort auf diese Frage die gleiche sich wiederholen, dergestalt, da\u00df die Einheit der Wahrheit jeder Fragestellung entginge. Als Einheit im Sein und nicht als Einheit im Begriff ist die Wahrheit au\u00dfer aller Frage. W\u00e4hrend der Begriff aus der Spontaneit\u00e4t des Verstandes hervorgeht, sind die Ideen der Betrachtung gegeben. Die Ideen sind ein Vorgegebenes. So definiert die Sonderung der Wahrheit von dem Zusammenhange des Erkennens die Idee als Sein. Das ist die Tragweite der Ideenlehre f\u00fcr den Wahrheitsbegriff. Als Sein gewinnen Wahrheit und Idee jene h\u00f6chste metaphysische Bedeutung, die das Platonische System ihnen nachdr\u00fccklich zuspricht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hierf\u00fcr ist vor allem das \u00bbSymposion\u00ab dokumentarisch. Insbesondere enth\u00e4lt es zwei in diesem Zusammenhang entscheidende Aussagen. Es entwickelt die Wahrheit \u2013 das Reich der Ideen \u2013 als den Wesensgehalt der Sch\u00f6nheit. Es erkl\u00e4rt die Wahrheit f\u00fcr sch\u00f6n. Einsicht in die Platonische Auffassung vom Verh\u00e4ltnis der Wahrheit zur Sch\u00f6nheit ist nicht nur ein oberstes Anliegen jedes kunstphilosophischen Versuchs, sondern f\u00fcr die Bestimmung des Wahrheitsbegriffes selbst unersetzlich. Eine systemlogische Auffassung, welche in diesen S\u00e4tzen nur den altehrw\u00fcrdigen Entwurf eines Panegyrikus auf die Philosophie s\u00e4he, w\u00fcrde damit sich unweigerlich vom Gedankenkreis der Ideenlehre scheiden. Dieser stellt vielleicht nirgends deutlicher als in den gedachten Behauptungen die Seinsweise der Ideen ins Licht. Von ihnen bedarf zun\u00e4chst die zweite einer einschr\u00e4nkenden Erl\u00e4uterung. Wenn die Wahrheit sch\u00f6n genannt wird, so ist dies im Zusammenhange des \u00bbSymposions\u00ab zu begreifen\u00a0das die Stufenfolgen der erotischen Begehrungen beschreibt. Eros \u2013 so mu\u00df verstanden werden \u2013 wird seinem urspr\u00fcnglichen Bestreben nicht untreu, wenn er sein Sehnen auf die Wahrheit richtet; denn auch die Wahrheit ist sch\u00f6n. Sie ist es nicht sowohl an sich als f\u00fcr den Eros. Waltet doch das gleiche Verh\u00e4ltnis im menschlichen Lieben: der Mensch ist sch\u00f6n f\u00fcr den Liebenden, an sich ist er es nicht; und zwar deswegen, weil sein Leib in einer h\u00f6heren Ordnung als der des Sch\u00f6nen sich darstellt. So auch die Wahrheit: sch\u00f6n ist sie nicht sowohl an sich als f\u00fcr den der sie sucht. Haftet ein Hauch von Relativit\u00e4t dem an, so ist nicht im entferntesten darum die Sch\u00f6nheit, die der Wahrheit eignen soll, ein metaphorisches Epitheton geworden. Das Wesen der Wahrheit als des sich darstellenden Ideenreiches verb\u00fcrgt vielmehr, da\u00df niemals die Rede von der Sch\u00f6nheit des Wahren beeintr\u00e4chtigt werden kann. In der Wahrheit ist jenes darstellende Moment das Refugium der Sch\u00f6nheit \u00fcberhaupt. So lange n\u00e4mlich bleibt das Sch\u00f6ne scheinhaft, antastbar, als es sich frank und frei als solches einbekennt. Sein Scheinen, das verf\u00fchrt, solange es nichts will als scheinen, zieht die Verfolgung des Verstandes nach und l\u00e4\u00dft seine Unschuld einzig da erkennen, wo es an den Altar der Wahrheit fl\u00fcchtet. Dieser Flucht folgt Eros, nicht Verfolger, sondern als Liebender; dergestalt, da\u00df die Sch\u00f6nheit um ihres Scheines willen immer beide flieht: den Verst\u00e4ndigen aus Furcht und aus Angst den Liebenden. Und nur dieser kann es bezeugen, da\u00df Wahrheit nicht Enth\u00fcllung ist, die das Geheimnis vernichtet, sondern Offenbarung, die ihm gerecht wird. Ob Wahrheit dem Sch\u00f6nen gerecht zu werden vermag? diese Frage ist die innerste im \u00bbSymposion\u00ab. Platon beantwortet sie, indem er der Wahrheit es zuweist, dem Sch\u00f6nen das Sein zu verb\u00fcrgen. In diesem Sinne also entwickelt er die Wahrheit als den Gehalt des Sch\u00f6nen. Nicht aber tritt er zutage in der Enth\u00fcllung, vielmehr erweist er sich in einem Vorgang, den man gleichnisweise bezeichnen d\u00fcrfte als das Aufflammen der in den Kreis der Ideen eintretenden H\u00fclle, als eine Verbrennung des Werkes, in welcher seine Form zum H\u00f6hepunkt ihrer Leuchtkraft kommt. Diese Beziehung zwischen Wahrheit und Sch\u00f6nheit, die deutlicher als alles andere zeigt, wie unterschieden Wahrheit von dem Gegenstande der Erkenntnis, den man ihr gleichzusetzen sich gew\u00f6hnt hat, ist, enth\u00e4lt\u00a0den Schl\u00fcssel des einfachen und dennoch unbeliebten Tatbestandes, der da in der Aktualit\u00e4t auch solcher philosophischer Systeme liegt, deren Erkenntnisgehalt l\u00e4ngst die Beziehung zur Wissenschaft eingeb\u00fc\u00dft hat. Die gro\u00dfen Philosophien stellen die Welt in der Ordnung der Ideen dar. Der Fall ist die Regel, da\u00df die begrifflichen Umrisse, in welchen das geschah, l\u00e4ngst br\u00fcchig geworden sind. Nichtsdestoweniger behaupten diese Systeme als Entwurf einer Weltbeschreibung wie Platon mit der Ideenlehre, Leibniz mit der Monadologie, Hegel mit der Dialektik sie gab, ihre Geltung. Allen diesen Versuchen ist es n\u00e4mlich eigen, ihren Sinn auch dann noch festzuhalten, ja sehr oft dann erst potenziert zu entfalten, wenn sie statt auf die empirische Welt bezogen werden auf die der Ideen. Denn als Beschreibung einer Ordnung der Ideen sind diese Gedankenbildungen entsprungen. Je intensiver die Denker das Bild des Wirklichen in ihnen zu entwerfen trachteten, desto reicher mu\u00dften sie eine Begriffsordnung ausbilden, die bei dem sp\u00e4teren Interpreten der origin\u00e4ren Darstellung der Ideenwelt als der im Grunde gemeinten zugute kommen mu\u00dfte. Ist \u00dcbung im beschreibenden Entw\u00fcrfe der Ideenwelt, dergestalt, da\u00df die empirische von selber in sie eingeht und in ihr sich l\u00f6st, die Aufgabe des Philosophen, so gewinnt er die erhobne Mitte zwischen dem Forscher und dem K\u00fcnstler. Der letztere entwirft ein Bildchen der Ideenwelt und eben darum, weil er es als Gleichnis entwirft, in jeder Gegenwart ein endg\u00fcltiges. Der Forscher disponiert die Welt zu der Zerstreuung im Bereiche der Idee, indem er sie von innen im Begriffe aufteilt. Ihn verbindet mit dem Philosophen Interesse am Verl\u00f6schen blo\u00dfer Empirie, dem K\u00fcnstler die Aufgabe der Darstellung. Allzu nahe hat eine landl\u00e4ufige Anschauung den Philosophen dem Forscher, und dem oft in der minderen Erscheinung, zugeordnet. Nirgends schien in der Aufgabe des Philosophen f\u00fcr R\u00fccksicht auf die Darstellung ein Ort. Der Begriff des philosophischen Stils ist frei von Paradoxie. Er hat seine Postulate. Es sind: die Kunst des Absetzens im Gegensatz zur Kette der Deduktion; die Ausdauer der Abhandlung im Gegensatz zur Geste des Fragments; die Wiederholung der Motive im Gegensatz zum flachen Universalismus; die F\u00fclle der gedr\u00e4ngten Positivit\u00e4t im Gegensatze zu negierender Polemik.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df die Wahrheit als Einheit und Einzigkeit sich darstellt, dazu wird ein l\u00fcckenloser Deduktionszusammenhang der Wissenschaft mitnichten erfordert. Und doch ist gerade diese L\u00fcckenlosigkeit die einzige Form, in welcher die Systemlogik auf den Wahrheitsgedanken sich bezieht. Solch systematische Geschlossenheit hat mit der Wahrheit mehr nicht gemein als jede andere Darstellung, die sich in blo\u00dfen Erkenntnissen und Erkenntniszusammenh\u00e4ngen ihrer zu vergewissern sucht. Je peinlicher die Theorie der wissenschaftlichen Erkenntnis den Disziplinen nachgeht, desto unverkennbarer stellt deren methodische Inkoh\u00e4renz sich dar. Mit jedem einzelwissenschaftlichen Bereiche f\u00fchren neue und unableitbare Voraussetzungen sich ein, in jedem werden die Probleme der ihm vorgelagerten mit derselben Nachdr\u00fccklichkeit als gel\u00f6st betrachtet, mit der die Unabschlie\u00dfbarkeit ihrer Aufl\u00f6sung in anderem Zusammenhange behauptet wird. <span class=\"footnote\">cf. Emile Meyerson: De l&#8217;explication dans les sciences. 2 Bde. Paris 1921. Passim.<\/span> Es ist einer der unphilosophischsten Z\u00fcge jener Wissenschaftstheorie, die nicht von den einzelnen Disziplinen, sondern von vermeintlichen philosophischen Postulaten in ihren Untersuchungen ausgeht, diese Inkoh\u00e4renz als akzidentiell zu betrachten. Allein es ist diese Diskontinuit\u00e4t der wissenschaftlichen Methode so weit entfernt, ein minderwertiges, vorl\u00e4ufiges Stadium der Erkenntnis zu bestimmen, da\u00df sie vielmehr deren Theorie positiv f\u00f6rdern k\u00f6nnte, wenn nicht die Anma\u00dfung sich dazwischen legte, in einem enzyklop\u00e4dischen Umfassen der Erkenntnisse der Wahrheit, die sprunglose Einheit bleibt, habhaft zu werden. Nur dort, wo das System in seinem Grundri\u00df von der Verfassung der Ideenwelt selbst inspiriert ist, hat es Geltung. Die gro\u00dfen Gliederungen, welche nicht allein die Systeme, sondern die philosophische Terminologie bestimmen die allgemeinsten: Logik, Ethik und \u00c4sthetik \u2013, haben denn auch nicht als Namen von Fachdisziplinen, sondern als Denkmale einer diskontinuierlichen Struktur der Ideenwelt ihre Bedeutung. \u2013 Die Ph\u00e4nomene gehen aber nicht integral in ihrem rohen empirischen Best\u00e4nde, dem der Schein sich beimischt, sondern in ihren Elementen allein, gerettet, in das Reich der Ideen ein. Ihrer falschen Einheit ent\u00e4u\u00dfern sie sich, um aufgeteilt an der echten der Wahrheit teilzuhaben. In dieser ihrer Aufteilung unterstehen die Ph\u00e4nomene den Begriffen. Die sind es, welche <a id=\"page214\" title=\"Rudith\/Konmax\" name=\"page214\"><\/a>an den Dingen die L\u00f6sung in die Elemente vollziehen. Die Unterscheidung in Begriffen ist \u00fcber jedweden Verdacht zerst\u00f6rerischer Spitzfindigkeit erhaben nur dort, wo sie auf jene Bergung der Ph\u00e4nomene in den Ideen, das Platonische \u03c4\u03ac\u03c6\u03b1\u03b9\u03bd\u03cc\u03bc\u03b5\u03bd\u03b1 \u03c3\u03ce\u03be\u03b5\u03b9\u03bd es abgesehen hat. Durch ihre Vermittlerrolle leihen die Begriffe den Ph\u00e4nomenen Anteil am Sein der Ideen. Und eben diese Vermittlerrolle macht sie tauglich zu der anderen, gleich urspr\u00fcnglichen Aufgabe der Philosophie, zur Darstellung der Ideen. Indem die Rettung der Ph\u00e4nomene vermittels der Ideen sich vollzieht, vollzieht sich die Darstellung der Ideen im Mittel der Empirie. Denn nicht an sich selbst, sondern einzig und allein in einer Zuordnung dinglicher Elemente im Begriff stellen die Ideen sich dar. Und zwar tun sie es als deren Konfiguration.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Stab von Begriffen, welcher dem Darstellen einer Idee dient, vergegenw\u00e4rtigt sie als Konfiguration von jenen. Denn in Ideen sind die Ph\u00e4nomene nicht einverleibt. Sie sind in ihnen nicht enthalten. Vielmehr sind die Ideen deren objektive virtuelle Anordnung, sind deren objektive Interpretation. Wenn sie die Ph\u00e4nomene weder durch Einverleibung in sich enthalten, noch sich in Funktionen, in das Gesetz der Ph\u00e4nomene, in die \u203aHypothesis\u2039 verfl\u00fcchtigen, so entsteht die Frage, in welcher Art und Weise sie denn die Ph\u00e4nomene erreichen. Und zu erwidern ist darauf: in deren Repr\u00e4sentation. Als solche geh\u00f6rt die Idee einem grunds\u00e4tzlich anderen Bereiche an als das von ihr Erfa\u00dfte. Es kann also nicht als Kriterium ihres Bestandes aufgefa\u00dft werden, ob sie das Erfa\u00dfte wie der Gattungsbegriff die Arten unter sich begreift. Denn das ist die Aufgabe der Idee nicht. Ein Vergleich mag deren Bedeutung darstellen. Die Ideen verhalten sich zu den Dingen wie die Sternbilder zu den Sternen. Das besagt zun\u00e4chst: sie sind weder deren Begriffe noch deren Gesetze. Sie dienen nicht der Erkenntnis der Ph\u00e4nomene und in keiner Weise k\u00f6nnen diese Kriterien f\u00fcr den Bestand der Ideen sein. Vielmehr ersch\u00f6pft sich die Bedeutung der Ph\u00e4nomene f\u00fcr die Ideen in ihren begrifflichen Elementen. W\u00e4hrend die Ph\u00e4nomene durch ihr Dasein, ihre Gemeinsamkeit, ihre Differenzen Umfang und Inhalt der sie umfassenden Begriffe bestimmen, ist zu den Ideen insofern ihr Verh\u00e4ltnis das umgekehrte, als die Idee als objektive Interpretation der Ph\u00e4nomene \u2013 vielmehr ihrer Elemente \u2013 erst deren Zusammengeh\u00f6rigkeit zueinander bestimmt. Die Ideen sind ewige Konstellationen und indem die Elemente als Punkte in derartigen Konstellationen erfa\u00dft werden, sind die Ph\u00e4nomene aufgeteilt und gerettet zugleich. Und zwar liegen jene Elemente, deren Ausl\u00f6sung aus den Ph\u00e4nomenen Aufgabe des Begriffes ist, in den Extremen am genauesten zutage. Als Gestaltung des Zusammenhanges, in dem das Einmalig-Extreme mit seinesgleichen steht, ist die Idee umschrieben. Daher ist es falsch, die allgemeinsten Verweisungen der Sprache als Begriffe zu verstehen, anstatt sie als Ideen zu erkennen. Das Allgemeine als ein Durchschnittliches darlegen zu wollen, ist verkehrt. Das Allgemeine ist die Idee. Das Empirische dagegen wird um so tiefer durchdrungen, je genauer es als ein Extremes eingesehen werden kann. Vom Extremen geht der Begriff aus. Wie die Mutter aus voller Kraft sichtlich erst da zu leben beginnt, wo der Kreis ihrer Kinder aus dem Gef\u00fchl ihrer N\u00e4he sich um sie schlie\u00dft, so treten die Ideen ins Leben erst, wo die Extreme sich um sie versammeln. Die Ideen \u2013 im Sprachgebrauche Goethes: Ideale \u2013 sind die faustischen M\u00fctter. Sie bleiben dunkel, wo die Ph\u00e4nomene sich zu ihnen nicht bekennen und um sie scharen. Die Einsammlung der Ph\u00e4nomene ist die Sache der Begriffe und die Zerteilung, die sich kraft des unterscheidenden Verstandes in ihnen vollzieht, ist um so bedeutungsvoller, als in einem und demselben Vollzuge sie ein Doppeltes vollendet: die Rettung der Ph\u00e4nomene und die Darstellung der Ideen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ideen sind in der Welt der Ph\u00e4nomene nicht gegeben. Es entsteht also die Frage, welcher Art ihre oben ber\u00fchrte Gegebenheit ist, und ob die \u00dcberantwortung jeder Rechenschaft von der Struktur der Ideenwelt an eine vielberufene intellektuelle Anschauung unumg\u00e4nglich ist. Wenn irgendwo die Schw\u00e4che, welche jede Esoterik der Philosophie mitteilt, beklemmend deutlich wird, so ist es in der \u203aSchau\u2039, die den Adepten von allen Lehren neuplatonischen Heidentums als philosophische Verhaltungsweise vorgeschrieben wird. Das Sein der Ideen kann als Gegenstand einer Anschauung \u00fcberhaupt nicht gedacht werden, auch nicht der intellektuellen. Denn noch in ihrer paradoxesten\u00a0Umschreibung, der als intellectus archetypus, geht sie aufs eigent\u00fcmliche Gegebensein der Wahrheit, als welches jeder Art von Intention entzogen bleibt, geschweige da\u00df sie selbst als Intention erschiene, nicht ein. Wahrheit tritt nie in eine Relation und insbesondere in keine intentionale. Der Gegenstand der Erkenntnis als ein in der Begriffsintention bestimmter ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein aus Ideen gebildetes intentionsloses Sein. Das ihr gem\u00e4\u00dfe Verhalten ist demnach nicht ein Meinen im Erkennen, sondern ein in sie Eingehen und Verschwinden. Die Wahrheit ist der Tod der Intention. Eben das kann ja die Fabel von einem verschleierten Bilde, zu Sais, besagen, mit dessen Enth\u00fcllung zusammenbricht, wer die Wahrheit zu erfragen gedachte. Nicht eine r\u00e4tselhafte Gr\u00e4\u00dflichkeit des Sachverhalts ist&#8217;s, die das bewirkt, sondern die Natur der Wahrheit, vor welcher auch das reinste Feuer des Suchens wie unter Wassern verlischt. Als ein Ideenhaftes ist das Sein der Wahrheit verschieden von der Seinsart der Erscheinungen. Also erfordert die Struktur der Wahrheit ein Sein, das an Intentionslosigkeit dem schlichten der Dinge gleicht, an Bestandhaftigkeit aber ihm \u00fcberlegen w\u00e4re. Nicht als ein Meinen, welches durch die Empirie seine Bestimmung f\u00e4nde, sondern als die das Wesen dieser Empirie erst pr\u00e4gende Gewalt besteht die Wahrheit. Das aller Ph\u00e4nomenalit\u00e4t entr\u00fcckte Sein, dem allein diese Gewalt eignet, ist das des Namens. Es bestimmt die Gegebenheit der Ideen. Gegeben aber sind sie nicht sowohl in einer Ursprache, denn in einem Urvernehmen, in welchem die Worte ihren benennenden Adel unverloren an die erkennende Bedeutung besitzen. \u00bbIn einem gewissen Sinne darf man bezweifeln, ob Platons Lehre von den \u203aIdeen\u2039 m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, wenn nicht der Wortsinn dem nur seine Muttersprache kennenden Philosophen eine Verg\u00f6ttlichung des Wortbegriffs, eine Verg\u00f6ttlichung der Worte, nahegelegt h\u00e4tte: Platons \u203aIdeen\u2039 sind im Grunde, wenn man sie einmal von diesem einseitigen Standpunkt beurteilen darf, nichts als verg\u00f6ttlichte Worte und Wortbegriffe.\u00ab <span class=\"footnote\">Hermann G\u00fcntert: Von der Sprache der G\u00f6tter und Geister. Bedeutungsgeschichtliche Untersuchungen zur homerischen und eddischen G\u00f6ttersprache. Halle a.d.S. 1921. S.49. \u2013 cf. Hermann Usener: G\u00f6tternamen. Versuch einer Lehre von der religi\u00f6sen Begriffsbildung. Bonn 1896. S.321.<\/span> Die Idee ist ein Sprachliches, und zwar im Wesen des Wortes jeweils dasjenige Moment, in welchem es Symbol ist. Im empirischen Vernehmen, in welchem die Worte sich zersetzt haben, eignet nun neben ihrer mehr oder weniger verborgenen symbolischen Seite ihnen eine offenkundige profane Bedeutung. Sache des Philosophen\u00a0ist es, den symbolischen Charakter des Wortes, in welchem die Idee zur Selbstverst\u00e4ndigung kommt, die das Gegenteil aller nach au\u00dfen gerichteten Mitteilung ist, durch Darstellung in seinen Primat wieder einzusetzen. Dies kann, da die Philosophie offenbarend zu reden sich nicht anma\u00dfen darf, durch ein aufs Urvernehmen allererst zur\u00fcckgehendes Erinnern einzig geschehen. Die platonische Anamnesis steht dieser Erinnerung vielleicht nicht fern. Nur da\u00df es nicht um eine anschauliche Vergegenw\u00e4rtigung von Bildern sich handelt; vielmehr l\u00f6st in der philosophischen Kontemplation aus dem Innersten der Wirklichkeit die Idee als das Wort sich los, das von neuem seine benennenden Rechte beansprucht. In solcher Haltung aber steht zuletzt nicht Platon, sondern Adam, der Vater der Menschen als Vater der Philosophie, da. Das adamitische Namengeben ist so weit entfernt Spiel und Willk\u00fcr zu sein, da\u00df vielmehr gerade in ihm der paradiesische Stand sich als solcher best\u00e4tigt, der mit der mitteilenden Bedeutung der Worte noch nicht zu ringen hatte. Wie die Ideen intentionslos im Benennen sich geben, so haben sie in philosophischer Kontemplation sich zu erneuern. In dieser Erneuerung stellt das urspr\u00fcngliche Vernehmen der Worte sich wieder her. Und so ist die Philosophie im Verlauf ihrer Geschichte, die so oft ein Gegenstand des Spottes gewesen ist, mit Grund ein Kampf um die Darstellung von einigen wenigen, immer wieder denselben Worten \u2013 von Ideen. Die Einf\u00fchrung neuer Terminologien, soweit sie nicht streng im begrifflichen Bereich sich h\u00e4lt, sondern auf die letzten Gegenst\u00e4nde der Betrachtung es absieht, ist daher innerhalb des philosophischen Bereichs bedenklich. Solche Terminologien \u2013 ein mi\u00dfgl\u00fccktes Benennen, an welchem das Meinen mehr Anteil hat als die Sprache \u2013 entraten der Objektivit\u00e4t, welche die Geschichte den Hauptpr\u00e4gungen der philosophischen Betrachtungen gegeben hat. Diese stehen, wie blo\u00dfe Worte es nie verm\u00f6gen, in vollendeter Isolierung f\u00fcr sich. Und so bekennen die Ideen das Gesetz, das da besagt: Alle Wesenheiten existieren in vollendeter Selbst\u00e4ndigkeit und Unber\u00fchrtheit, nicht von den Ph\u00e4nomenen allein, sondern zumal voneinander. Wie die Harmonie der Sph\u00e4ren auf den Uml\u00e4ufen der einander nicht ber\u00fchrenden Gestirne, so beruht der Bestand des mundus intelligibilis auf der unaufhebbaren Distanz zwischen den reinen Wesenheiten.\u00a0Jede Idee ist eine Sonne und verh\u00e4lt sich zu ihresgleichen wie eben Sonnen zueinander sich verhalten. Das t\u00f6nende Verh\u00e4ltnis solcher Wesenheiten ist die Wahrheit. Deren benannte Vielheit ist z\u00e4hlbar. Denn Diskontinuierlichkeit gilt von den \u00bbWesenheiten&#8230;, die ein von den Gegenst\u00e4nden und ihren Beschaffenheiten <i>toto coelo<\/i> verschiedenes Leben f\u00fchren; deren Existenz sich dadurch nicht dialektisch erzwingen l\u00e4\u00dft, da\u00df wir einen beliebigen, an einem Gegenstand uns begegnenden &#8230; Komplex herausgreifen und hinzuf\u00fcgen: \u03c7\u03b1\u03b4&#8217;\u03b1\u03cd\u03c4\u03cc, sondern deren Zahl gez\u00e4hlt ist und von denen jede einzelne an dem ihr zukommenden Orte ihrer Welt m\u00fchsam zu suchen ist, bis man auf sie st\u00f6\u00dft, als auf einen rocher de bronce, oder bis sich die Hoffnung auf ihre Existenz als tr\u00fcgerisch erweist\u00ab. <span class=\"footnote\">Jean Hering: Bemerkungen \u00fcber das Wesen, die Wesenheit und die Idee. In: Jahrbuch f\u00fcr Philosophie und ph\u00e4nomenologische Forschung 4 (1921), S.522.<\/span>Nicht selten hat die Unkunde von dieser ihrer diskontinuierlichen Endlichkeit energische Versuche zur Erneuerung der Ideenlehre, zuletzt noch die der \u00e4lteren Romantiker, gebrochen. In ihrem Spekulieren nahm die Wahrheit anstelle ihres sprachlichen Charakters den eines reflektierenden Bewu\u00dftseins an.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Trauerspiel im Sinn der kunstphilosophischen Abhandlung ist eine Idee. Von der literarhistorischen unterscheidet eine solche sich am auffallendsten darin, da\u00df sie Einheit da voraussetzt, wo jener Mannigfaltigkeit zu erweisen obliegt. Die Differenzen und Extreme, welche die literarhistorische Analyse ineinander \u00fcberf\u00fchrt und als Werdendes relativiert, erhalten in begrifflicher Entwicklung den Rang komplement\u00e4rer Energien und die Geschichte erscheint nur als der farbige Rand einer kristallinischen Simultaneit\u00e4t. Notwendig werden der Kunstphilosophie die Extreme, virtuell der historische Ablauf. Umgekehrt ist das Extrem einer Form oder Gattung die Idee, die als solche in die Literaturgeschichte nicht eingeht. Trauerspiel als Begriff w\u00fcrde der Reihe \u00e4sthetischer Klassifikationsbegriffe sich problemlos einordnen. Anders verh\u00e4lt sich zum Bereich der Klassifikationen die Idee. Sie bestimmt keine Klasse und enth\u00e4lt jene Allgemeinheit, auf welcher im System der Klassifikationen die jeweilige Begriffsstufe ruht, die des Durchschnitts n\u00e4mlich, nicht in sich. Es konnte auf die Dauer nicht verborgen bleiben, wie mi\u00dflich es infolgedessen um die Induktion in kunsttheoretischen Untersuchungen steht. Bei neueren Forschern setzt die kritische Ratlosigkeit\u00a0ein. Gelegentlich seiner Untersuchung \u00bbZum Ph\u00e4nomen des Tragischen\u00ab sagt Scheler: \u00bbWie &#8230; ist &#8230; vorzugehen? Sollen wir uns allerhand Beispiele des Tragischen, d. h. allerhand Vorkommnisse und Geschehnisse, von denen Menschen den Eindruck des Tragischen aussagen, zusammenstellen und dann induktorisch fragen, was sie denn \u203agemeinsam\u2039 haben? Das w\u00e4re eine Art induktorischer Methode, die auch experimentell unterst\u00fctzt werden k\u00f6nnte. Indes dies w\u00fcrde uns noch weniger weiterf\u00fchren als die Beobachtung unseres Ich, wenn Tragisches auf uns wirkt. Denn mit welchem Recht sollen wir den Aussagen der Leute das Vertrauen entgegenbringen, es sei auch tragisch, was sie so nennen?\u00ab <span class=\"footnote\">Max Scheler: Vom Umsturz der Werte. Der Abhandlungen und Aufs\u00e4tze 2., durchges. Aufl., 1. Bd. Leipzig 1919. S.241.<\/span> Es kann zu nichts f\u00fchren, Ideen induktiv \u2013 ihrem \u203aUmfang\u2039 nach \u2013 aus der popul\u00e4ren Redeweise bestimmen zu wollen, um sodann auf die Wesensergr\u00fcndung des umf\u00e4nglich Fixierten auszugehen. Denn der Sprachgebrauch ist dem Philosophen zwar unsch\u00e4tzbar, wo er als Hinweisung auf Ideen, verf\u00e4nglich aber, wo er in seiner Interpretation durch laxes Reden oder Denken als f\u00f6rmlicher Begriffsgrund hingenommen wird. Ja, dieser Sachverhalt erlaubt es auszusprechen, da\u00df nur mit \u00e4u\u00dferster Zur\u00fcckhaltung der Philosoph der Gepflogenheit landl\u00e4ufigen Denkens, die Worte, um ihrer desto besser sich zu versichern, zu Artbegriffen zu machen, sich n\u00e4hern darf. Gerade die Kunstphilosophie ist dieser Suggestion nicht selten erlegen. Denn wenn \u2013 unter vielen ein drastisches Beispiel \u2013 die \u00bb\u00c4sthetik des Tragischen\u00ab von Volkelt in ihre Untersuchungen St\u00fccke von Holz oder Halbe im gleichen Sinne wie Dramen von Aischylos oder Euripides einbezieht, ohne auch nur zu fragen, ob das Tragische eine gegenw\u00e4rtig \u00fcberhaupt zu erf\u00fcllende Form oder aber eine geschichtlich gebundene sei, so liegt, aufs Tragische gesehen, in so verschiedenen Materien nicht Spannung, sondern tote Disparatheit vor. Bei der so entstehenden H\u00e4ufung von Fakten, unter denen bald die urspr\u00fcnglichen spr\u00f6deren vom Wust der ansprechenden modernen verdeckt sind, kann der Untersuchung, die, um das \u203aGemeinsame\u2039 zu ergr\u00fcnden, dieser Stapelei sich unterzog, nichts in H\u00e4nden bleiben, als einige psychologische Daten, die in der Subjektivit\u00e4t, wenn nicht des Forschers so des gleichzeitigen Normalb\u00fcrgers, das Verschiedengeartete durch die Gleichheit einer \u00e4rmlichen Reaktion zur Deckung bringen. In den Begriffen\u00a0der Psychologie l\u00e4\u00dft sich vielleicht eine Vielgestaltigkeit von Eindr\u00fccken wiedergeben, von der es belanglos bleibt, da\u00df Kunstwerke sie hervorriefen, nicht aber das Wesen eines Kunstgebietes. Dies geschieht vielmehr in einer durchgebildeten Darlegung seines Formbegriffs, dessen metaphysischer Gehalt nicht sowohl im Inneren befindlich als wirkend zu erscheinen und wie das Blut den K\u00f6rper zu durchpulsen hat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Haften an der Vielgestaltigkeit auf der einen, die Gleichg\u00fcltigkeit gegen das strenge Denken auf der anderen Seite sind stets die Bestimmungsgr\u00fcnde einer unkritischen Induktion gewesen. Immer handelt es sich um die Scheu vor konstitutiven Ideen \u2013 den universaliis in re \u2013 wie sie gelegentlich von Burdach mit besonderer Sch\u00e4rfe formuliert worden ist. \u00bbIch habe versprochen, vom Ursprung des Humanismus zu reden, als sei er ein lebendiges Wesen, das als Ganzes irgendwo und irgendwann auf die Welt kam und als Ganzes dann weiter gewachsen ist &#8230; Wir verfahren dabei wie die sogenannten Realisten unter den Scholastikern des Mittelalters, die den allgemeinen Begriffen, den \u203aUniversalien\u2039, Realit\u00e4t beilegten. In gleicher Weise setzen auch wir \u2013 hypostasierend wie die Mythologien der Urzeit \u2013 ein Wesen von einheitlicher Substanz und von voller Wirklichkeit und hei\u00dfen es, als w\u00e4re es ein lebendiges Individuum, Humanismus. Wir sollten uns aber hier wie in unz\u00e4hligen \u00e4hnlichen F\u00e4llen &#8230; dar\u00fcber klar werden, da\u00df wir einen abstrakten Hilfsbegriff nur erfinden, um unendliche Reihen mannigfaltiger geistiger Erscheinungen und recht verschiedener Pers\u00f6nlichkeiten uns \u00fcbersichtlich und fa\u00dfbar zu machen. Wir k\u00f6nnen das, nach einem Grundsatz menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis, nur dadurch erreichen, da\u00df wir gewisse Eigent\u00fcmlichkeiten, die in diesen Reihen von Variet\u00e4ten uns \u00e4hnlich oder \u00fcbereinstimmend erscheinen, aus dem uns angeborenen systematischen Bed\u00fcrfnis sch\u00e4rfer sehen und st\u00e4rker betonen als die Unterschiede &#8230; Diese Marken Humanismus oder Renaissance sind willk\u00fcrlich, ja irrig, weil sie diesem vielquelligen, vielgestaltigen, vielgeistigen Leben den falschen Schein einer realen Wesenseinheit geben. Und ebenso eine willk\u00fcrliche, ja irref\u00fchrende Maske ist der seit Burckhardt und Nietzsche vielbeliebte \u203aRenaissancemensch\u2039.\u00ab <span class=\"footnote\">Konrad Burdach: Reformation, Renaissance, Humanismus. Zwei Abhandlungen \u00fcber die Grundlage moderner Bildung und Sprachkunst. Berlin 1918. S. 100ff.<\/span> Eine Anmerkung des Autors zu\u00a0dieser Stelle lautet: \u00bbDas \u00fcble Gegenst\u00fcck des unausrottbaren \u203aRenaissancemenschen\u2039 ist \u203ader gotische Mensch\u2039, der heute eine verwirrende Rolle spielt und selbst in der Gedankenwelt bedeutender, verehrungsw\u00fcrdiger Geschichtsforscher (E. Troeltsch!) sein gespenstisches Wesen treibt. Dazu tritt dann noch \u203ader barocke Mensch\u2039, als welcher uns z.B. Shakespeare vorgestellt wird.\u00ab <span class=\"footnote\">Burdach 1.c.S.213 (Anm.).<\/span> Diese Stellungnahme ist soweit sie gegen die Hypostasierung von Allgemeinbegriffen geht \u2013 nicht in allen Fassungen geh\u00f6ren die Universalien zu denen \u2013 in ihrem Recht evident. Aber sie versagt g\u00e4nzlich vor den Fragen einer platonisch auf Darstellung der Wesenheiten gerichteten Wissenschaftstheorie, deren Notwendigkeit sie verkennt. Einzig und allein diese vermag die Sprachform der wissenschaftlichen Darlegungen, wie sie sich au\u00dferhalb des Mathematischen bewegen, vor der grenzenlosen und jede noch so subtile Induktionsmethodik zuletzt in ihren Strudel ziehenden Skepsis zu bewahren, der Burdachs Ausf\u00fchrungen nicht begegnen k\u00f6nnen. Denn sie sind eine private reservatio mentalis, keine methodische Sicherung. Was insbesondere historische Typen und Epochen angeht, so wird man zwar niemals annehmen d\u00fcrfen, Ideen wie die der Renaissance oder des Barock verm\u00f6chten den Stoff begrifflich zu bew\u00e4ltigen, und die Meinung, eine moderne Einsicht in die verschiedenen Geschichtsperioden lasse sich in etwaigen polemischen Auseinandersetzungen beglaubigen, in denen als an den gro\u00dfen Wendepunkten die Epochen gleichsam mit offenem Visier einander begegneten, w\u00fcrde den Gehalt der Quellen verkennen, der von aktualen Interessen nicht von historiographischen Ideen bestimmt zu sein pflegt. Was aber solche Namen als Begriffe nicht verm\u00f6gen, leisten sie als Ideen, in denen nicht das Gleichartige zur Deckung, wohl aber das Extreme zur Synthese gelangt. Unbeschadet dessen, da\u00df auch begriffliche Analysis nicht unter allen Umst\u00e4nden auf g\u00e4nzlich auseinanderfallende Erscheinungen st\u00f6\u00dft und gelegentlich der Umri\u00df einer Synthese in ihr sichtbar wenn auch nicht legitimiert zu werden vermag. So hat gerade vom literarischen Barock, in dem das deutsche Trauerspiel entsprungen ist, Strich mit Recht bemerkt, \u00bbda\u00df die Gestaltungsprinzipien durch das ganze Jahrhundert die gleichen geblieben sind\u00ab <span class=\"footnote\">Fritz Strich: Der lyrische Stil des siebzehnten Jahrhunderts. In: Abhandlungen zur deutschen Literaturgeschichte. Franz Muncker zum 60. Geburtstage dargebracht von Eduard Berend. M\u00fcnchen 1916. S.52<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Burdachs kritische Reflexion ist nicht sowohl im Gedanken an eine positive Revolution der Methode als aus der Besorgnis vor sachlichen Irrt\u00fcmern im einzelnen vorgetragen. Es darf sich aber letzten Endes die Methodik keinesfalls von blo\u00dfen Bef\u00fcrchtungen sachlicher Unzul\u00e4nglichkeit geleitet, negativ und als ein Warnungskanon pr\u00e4sentieren. Vielmehr mu\u00df sie von Anschauungen h\u00f6herer Ordnung ausgehen als der Gesichtspunkt eines wissenschaftlichen Verismus sie darbietet. Der mu\u00df dann notwendig beim einzelnen Problem auf diejenigen Fragen echter Methodik sto\u00dfen, die er in seinem wissenschaftlichen Credo ignoriert. Regelm\u00e4\u00dfig wird deren L\u00f6sung \u00fcber eine Revision der Fragestellung f\u00fchren, die in der Erw\u00e4gung formulierbar ist, wie die Frage: Wie es denn eigentlich gewesen sei? sich wissenschaftlich nicht sowohl beantworten als vielmehr stellen lasse. Mit dieser im Vorstehenden vorbereiteten, im folgenden abzuschlie\u00dfenden Erw\u00e4gung allererst entscheidet sich, ob die Idee eine unerw\u00fcnschte Abbreviatur ist oder in ihrem sprachlichen Ausdruck den wahren wissenschaftlichen Gehalt vielmehr begr\u00fcndet. Eine Wissenschaft, die sich im Protest gegen die Sprache ihrer Untersuchungen ergeht, ist ein Unding. Worte sind, neben den Zeichen der Mathematik, das einzige Darstellungsmedium der Wissenschaft und sie selber sind keine Zeichen. Denn im Begriff, als welchem freilich das Zeichen entspr\u00e4che, depotenziert sich eben dasselbe Wort, das als Idee sein Wesenhaftes besitzt. Der Verismus, in dessen Dienst die induktive Methode der Kunsttheorie sich stellt, wird dadurch nicht geadelt, da\u00df am Ende die diskursiven und induktorischen Fragestellungen zu einer \u00bbAnschauung\u00ab <span class=\"footnote\">Richard M. Meyer: \u00dcber das Verst\u00e4ndnis von Kunstwerken. In: Neue Jahrb\u00fccher f\u00fcr das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Litteratur 4 (1901) (= Neue Jahrb\u00fccher f\u00fcr das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Litteratur und f\u00fcr P\u00e4dagogik 7). S.378.<\/span> zusammentreten, welche, wie R. M. Meyer mit vielen andern w\u00e4hnt, als Synkretismus mannigfaltigster Methoden zu runden sich verm\u00f6ge. Damit steht man wie mit allen naiv-realistischen Umschreibungen der Methodenfrage wieder am Anfang. Denn eben die Anschauung soll ja gedeutet werden. Und das Bild der induzierenden \u00e4sthetischen Forschungsweise zeigt die gewohnte tr\u00fcbe Farbe auch hier, indem diese Anschauung nicht die in der Idee gel\u00f6ste der Sache ist, sondern die subjektiver, in das Werk hineinprojizierter Zust\u00e4nde des Aufnehmenden, auf welche die von R. M. Meyer als Schlu\u00dfst\u00fcck seiner Methode gedachte Einf\u00fchlung hinausl\u00e4uft. Diese Methode, als kontr\u00e4rer Gegensatz der im\u00a0Verlaufe dieser Untersuchung anzuwendenden, \u00bbsieht die Kunstform des Dramas und wieder der Trag\u00f6die oder Kom\u00f6die und weiter etwa des Charakter- und des Situationslustspiels als gegebene Gr\u00f6\u00dfen an, mit denen sie rechnet. Nun sucht sie aus der Vergleichung hervorragender Vertreter jeder Gattung Regeln und Gesetze zu gewinnen, an denen das einzelne Produkt zu messen sei. Und wiederum aus der Vergleichung der Gattungen erstrebt sie allgemeine Kunstgesetze, die f\u00fcr jedes Werk gelten sollen.\u00ab <span class=\"footnote\">Meyer 1.c.S.372.<\/span> Die kunstphilosophische \u203aDeduktion\u2039 der Gattung w\u00fcrde hiernach auf induktorischem Verfahren verbunden mit dem abstrahierenden beruhen und eine Abfolge dieser Gattungen und Arten deduktiv nicht sowohl gewonnen als im Schema der Deduktion vorgef\u00fchrt werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die Induktion die Ideen zu Begriffen durch den Verzicht auf ihre Gliederung und Anordnung herabw\u00fcrdigt, vollzieht die Deduktion das gleiche durch deren Projizierung in ein pseudo-logisches Kontinuum. Das philosophische Gedankenreich entspinnt sich nicht in der ununterbrochenen Linienf\u00fchrung begrifflicher Deduktionen, sondern in einer Beschreibung der Ideenwelt. Ihre Durchf\u00fchrung setzt mit jeder Idee von neuem als einer urspr\u00fcnglichen an. Denn die Ideen bilden eine unreduzierbare Vielheit. Als gez\u00e4hlte \u2013 eigentlich aber benannte \u2013 Vielheit sind die Ideen der Betrachtung gegeben. Von hier aus ist dem deduzierten Gattungsbegriff der Kunstphilosophie die vehemente Kritik durch Benedetto Croce erwachsen. Mit Recht erblickt er in der Klassifikation als dem Ger\u00fcst spekulativer Deduktionen die Grundlage einer oberfl\u00e4chlich schematisierenden Kritik. Und w\u00e4hrend Burdachs Nominalismus der historischen Epochenbegriffe, sein Widerstand, die F\u00fchlung mit dem Faktum im geringsten zu lockern, auf die Furcht, vom&#8216; Richtigen sich zu entfernen, zur\u00fcckdeutet, f\u00fchrt ein durchaus analoger Nominalismus der \u00e4sthetischen Gattungsbegriffe bei Croce, ein analoges Festhalten am Einzelnen, auf die Besorgnis zur\u00fcck, mit der Entfernung von ihm des Wesenhaften schlechtweg verlustig zu gehen. Gerade das ist mehr als alles andere angetan, den wahren Sinn \u00e4sthetischer Gattungsnamen ins rechte Licht zu setzen. Der \u00bbGrundri\u00df der \u00c4sthetik\u00ab r\u00fcgt das Vorurteil \u00bbvon der M\u00f6glichkeit, mehrere oder viele besondere\u00a0Kunstformen zu unterscheiden, von denen jede in ihrem besonderen Begriff und in ihren Grenzen bestimmbar und mit eigenen Gesetzen versehen ist &#8230; Viele \u00c4sthetiker verfassen noch immer Schriften \u00fcber die \u00c4sthetik des Tragischen oder des Komischen oder der Lyrik oder des Humors und \u00c4sthetiken der Malerei oder der Musik oder der Dichtkunst &#8230;; aber was schlimmer ist, &#8230; die Kritiker haben bei der Beurteilung der Kunstwerke noch nicht v\u00f6llig die Gewohnheit abgelegt, sie an der Gattung oder der besonderen Kunst, der sie nach ihrer Meinung angeh\u00f6ren, zu messen.\u00ab <span class=\"footnote\">Benedetto Croce: Grundri\u00df der \u00c4sthetik. Vier Vorlesungen. Autorisierte deutsche Ausg. von Theodor Poppe. Leipzig 1913. (Wissen und Forschen. 5.) S.43.<\/span> \u00bbJede beliebige Theorie der Teilung der K\u00fcnste ist unbegr\u00fcndet. Die Gattung oder die Klasse ist in diesem Fall eine einzige, die Kunst selbst oder die Intuition, w\u00e4hrend die einzelnen Kunstwerke im \u00fcbrigen zahllos sind: alle original, keines ins andere \u00fcbersetzbar &#8230; Zwischen das Universale und das Besondere schiebt sich in philosophischer Betrachtung kein Zwischenelement ein, keine Reihe von Gattungen oder Arten, von \u203ageneralia\u2039.\u00ab <span class=\"footnote\">Croce 1.c. S.46.<\/span> Diese Darlegung hat den Begriffen \u00e4sthetischer Gattungen gegen\u00fcber volles Gewicht. Aber sie bleibt auf halbem Wege stehen. Denn so ersichtlich eine Aufreihung von Kunstwerken, die es aufs Gemeinsame abstellt, ein m\u00fc\u00dfiges Unternehmen ist, wo es sich nicht um historische oder stilistische Beispielsammlungen, sondern um deren Wesentliches handelt, so undenkbar bleibt, da\u00df die Kunstphilosophie ihrer reichsten Ideen wie der des Tragischen oder des Komischen je sich ent\u00e4u\u00dfere. Denn das sind nicht Inbegriffe von Regeln, nein, selber einem jeden Drama an Dichtigkeit und an Realit\u00e4t zumindest ebenb\u00fcrtige Gebilde, die gar nicht ihm kommensurabel sind. So erheben sie denn keinerlei Anspruch, eine Anzahl gegebener Dichtungen auf Grund irgendwelcher Gemeinsamkeiten \u203aunter\u2039 sich zu begreifen. Denn auch wenn es die reine Trag\u00f6die, das reine komische Drama, das nach ihnen benannt werden d\u00fcrfte, nicht geben sollte, m\u00f6gen diese Ideen Bestand haben. Dazu hat eine Untersuchung ihnen zu verhelfen, die nicht in ihrem Ausgangspunkt an alles dasjenige, was je als tragisch oder komisch mag bezeichnet worden sein, sich bindet, sondern nach Exemplarischem sich umsieht, und sollte sie auch nur einem versprengten Bruchst\u00fcck diesen Charakter zubilligen k\u00f6nnen. \u203aMa\u00dfst\u00e4be\u2039 f\u00fcr den Rezensenten f\u00f6rdert sie so nicht. Kritik, sowie Kriterien einer Terminologie, das Probest\u00fcck <a id=\"page225\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page225\"><\/a>der philosophischen Ideenlehre von der Kunst, bilden sich nicht unter dem \u00e4u\u00dferen Ma\u00dfstab des Vergleiches, sondern immanent, in einer Entwicklung der Formensprache des Werks, die deren Gehalt auf Kosten ihrer Wirkung heraustreibt. Dazu kommt, da\u00df gerade die bedeutenden Werke, sofern in ihnen nicht erstmalig und gleichsam als Ideal die Gattung erscheint, au\u00dferhalb von Grenzen der Gattung stehen. Ein bedeutendes Werk \u2013 entweder gr\u00fcndet es die Gattung oder hebt sie auf und in den vollkommenen vereinigt sich beides.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Unm\u00f6glichkeit einer deduktiven Entwicklung der Kunstformen, in der damit gesetzten Entkr\u00e4ftung der Regel als kritischer Instanz \u2013 eine Instanz der k\u00fcnstlerischen Unterweisung wird sie immer bleiben \u2013, ist Grund zu einer fruchtbaren Skepsis gelegt. Sie ist dem tiefen Atemholen des Gedankens zu vergleichen, nach dem er ans Geringste sich mit Mu\u00dfe und ohne die Spur einer Beklemmung zu verlieren vermag. Vom Geringsten wird n\u00e4mlich \u00fcberall dort die Rede sein, wo die Betrachtung sich in Werk und Form der Kunst versenkt, um ihren Gehalt zu ermessen. Die Hast, die sich an ihnen mit dem Griffe \u00fcbt, mit dem man fremdes Eigentum verschwinden l\u00e4\u00dft, ist Routinierten eigen und um nichts besser als die Bonhomie des Banausen. F\u00fcr die wahre Kontemplation dagegen verbindet sich die Abkehr vom deduktiven Verfahren mit einem immer weiter ausholenden, immer inbr\u00fcnstigem Zur\u00fcckgreifen auf die Ph\u00e4nomene, die niemals in Gefahr geraten, Gegenst\u00e4nde eines tr\u00fcben Staunens zu bleiben, solange ihre Darstellung zugleich die der Ideen und darin erst ihr Einzelnes gerettet ist. Selbstverst\u00e4ndlich ist der Radikalismus, der die \u00e4sthetische Terminologie einer Anzahl ihrer besten Pr\u00e4gungen berauben, die Kunstphilosophie zum Schweigen bringen w\u00fcrde, auch f\u00fcr Croce nicht letztes Wort. Vielmehr hei\u00dft es: \u00bbWenn man den theoretischen Wert der abstrakten Klassifikation leugnet, so hei\u00dft das nicht den theoretischen Wert jener genetischen und konkreten Klassifikation leugnen, die \u00fcbrigens nicht \u203aKlassifikation\u2039 ist, die vielmehr Geschichte genannt wird.\u00ab <span class=\"footnote\">Croce 1.c. S.48.<\/span> Mit diesem dunklen Satze streift der Autor, nur leider allzusehr beeilt, den Kern der Ideenlehre. Ihn l\u00e4\u00dft ein Psychologismus, der seine Bestimmung der Kunst als \u203aAusdruck\u2039 durch eine andere, als \u203aIntuition\u2039, zersetzt, das nicht <a id=\"page226\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page226\"><\/a>gewahren. Es bleibt ihm verschlossen, wie die von ihm als \u203agenetische Klassifikation\u2039 bezeichnete Betrachtung mit einer Ideenlehre von den Kunstarten im Problem des Ursprungs \u00fcbereinkommt. Ursprung, wiewohl durchaus historische Kategorie, hat mit Entstehung dennoch nichts gemein. Im Ursprung wird kein Werden des Entsprungenen, vielmehr dem Werden und Vergehen Entspringendes gemeint. Der Ursprung steht im Flu\u00df des Werdens als Strudel und rei\u00dft in seine Rhythmik das Entstehungsmaterial hinein. Im nackten offenkundigen Bestand des Faktischen gibt das Urspr\u00fcngliche sich niemals zu erkennen, und einzig einer Doppeleinsicht steht seine Rhythmik offen. Sie will als Restauration, als Wiederherstellung einerseits, als eben darin Unvollendetes, Unabgeschlossenes andererseits erkannt sein. In jedem Ursprungsph\u00e4nomen bestimmt sich die Gestalt, unter welcher immer wieder eine Idee mit der geschichtlichen Welt sich auseinandersetzt, bis sie in der Totalit\u00e4t ihrer Geschichte vollendet daliegt. Also hebt sich der Ursprung aus dem tats\u00e4chlichen Befunde nicht heraus, sondern er betrifft dessen Vor- und Nachgeschichte. Die Richtlinien der philosophischen Betrachtung sind in der Dialektik, die dem Ursprung beiwohnt, aufgezeichnet. Aus ihr erweist in allem Wesenhaften Einmaligkeit und Wiederholung durcheinander sich bedingt. Die Kategorie des Ursprungs ist also nicht, wie Cohen meint, <span class=\"footnote\">cf. Hermann Cohen: Logik der reinen Erkenntnis. (System der Philosophie. 1.) 2. Aufl., Berlin 1914. S.35\/36.<\/span> eine rein logische, sondern historisch. Das Hegelsche \u203aDesto schlimmer f\u00fcr die Tatsachen\u2039 ist bekannt. Im Grunde will es besagen: die Einsicht in die Wesenszusammenh\u00e4nge liegt beim Philosophen und Wesenszusammenh\u00e4nge bleiben was sie sind, auch wenn sie sich in der Welt der Fakten rein nicht auspr\u00e4gen. Diese echt idealistische Haltung erkauft ihre Sicherheit, indem sie das Kernst\u00fcck der Ursprungsidee preisgibt. Denn jeder Ursprungsnachweis mu\u00df vorbereitet auf die Frage nach der Echtheit des Aufgewiesenen sein. Kann er sich als echt nicht beglaubigen, so tr\u00e4gt er seinen Titel zu Unrecht. Mit dieser \u00dcberlegung scheint f\u00fcr die h\u00f6chsten Gegenst\u00e4nde der Philosophie die Unterscheidung der quaestio juris von der quaestio facti aufgehoben. Das ist unbestreitbar und unvermeidlich. Die Folgerung jedoch ist nicht, da\u00df unverz\u00fcglich jedes fr\u00fche \u203aFaktum\u2039 als wesenpr\u00e4gendes Moment zu nehmen w\u00e4re. Vielmehr beginnt die Aufgabe des Forschers hier, der ein solches Faktum <a id=\"page227\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page227\"><\/a>dann erst f\u00fcr gesichert zu halten hat, wenn seine innerste Struktur so wesenhaft erscheint, da\u00df sie als einen Ursprung es verr\u00e4t. Das Echte \u2013 jenes Ursprungssiegel in den Ph\u00e4nomenen \u2013 ist Gegenstand der Entdeckung, einer Entdeckung, die in einzigartiger Weise sich mit dem Wiedererkennen verbindet. Im Singul\u00e4rsten und Verschrobensten der Ph\u00e4nomene, in den ohnm\u00e4chtigsten und unbeholfensten Versuchen sowohl wie in den \u00fcberreifen Erscheinungen der Sp\u00e4tzeit vermag Entdeckung es zu Tag zu f\u00f6rdern. Nicht um Einheit aus ihnen zu konstruieren, geschweige ein Gemeinsames aus ihnen abzuziehen, nimmt die Idee die Reihe historischer Auspr\u00e4gungen auf. Zwischen dem Verh\u00e4ltnis des Einzelnen zur Idee und zum Begriff findet keine Analogie statt: hier f\u00e4llt es unter den Begriff und bleibt was es war \u2013 Einzelheit; dort steht es in der Idee und wird was es nicht war \u2013 Totalit\u00e4t. Das ist seine platonische \u203aRettung\u2039.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die philosophische Geschichte als die Wissenschaft vom Ursprung ist die Form, die da aus den entlegenen Extremen, den scheinbaren Exzessen der Entwicklung die Konfiguration der Idee als der durch die M\u00f6glichkeit eines sinnvollen Nebeneinanders solcher Gegens\u00e4tze gekennzeichneten Totalit\u00e4t heraustreten l\u00e4\u00dft. Die Darstellung einer Idee kann unter keinen. Umst\u00e4nden als gegl\u00fcckt betrachtet werden, solange virtuell der Kreis der in ihr m\u00f6glichen Extreme nicht abgeschritten ist. Das Abschreiten bleibt virtuell. Denn das in der Idee des Ursprungs Ergriffene hat Geschichte nur noch als einen Gehalt, nicht mehr als ein Geschehn, von dem es betroffen w\u00fcrde. Innen erst kennt es Geschichte, und zwar nicht mehr im uferlosen, sondern in dem aufs wesenhafte Sein bezogenen Sinne, der sie als dessen Vor- und Nachgeschichte zu kennzeichnen gestattet. Die Vor- und Nachgeschichte solcher Wesen ist, zum Zeichen ihrer Rettung oder Einsammlung in das Gehege der Ideenwelt, nicht reine, sondern nat\u00fcrliche Geschichte. Das Leben der Werke und Formen, das in diesem Schutze allein sich klar und ungetr\u00fcbt vom menschlichen entfaltet, ist ein nat\u00fcrliches Leben. <span class=\"footnote\">cf. Walter Benjamin: Die Aufgabe des \u00dcbersetzers. In: Charles Baudelaire: Tableaux parisiens. Deutsche \u00dcbertragung mit einem Vorwort <a id=\"page411\" title=\"Rudith\/KorrLeserin\" name=\"page411\"><\/a>von Walter Benjamin. Heidelberg 1923. (Die Drucke des Argonautenkreises. 5.) S. VIII\/IX.<\/span> Ist dies gerettete Sein in der Idee festgestellt, so ist die Pr\u00e4senz der uneigentlichen n\u00e4mlich naturhistorischen Vor- sowie Nachgeschichte virtuell. Sie ist nicht mehr pragmatisch wirklich, sondern, als die nat\u00fcrliche Historie, am vollendeten und zur Ruhe gekommenen <a id=\"page228\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page228\"><\/a>Status, der Wesenheit, abzulesen. Damit bestimmt die Tendenz aller philosophischen Begriffsbildung sich neu in dem alten Sinn: das Werden der Ph\u00e4nomene festzustellen in ihrem Sein. Denn der Seinsbegriff der philosophischen Wissenschaft ers\u00e4ttigt sich nicht am Ph\u00e4nomen, sondern erst an der Aufzehrung seiner Geschichte. Die Vertiefung der historischen Perspektive in dergleichen Untersuchungen kennt, sei es ins Vergangene oder ins K\u00fcnftige, prinzipiell keine Grenzen. Sie gibt der Idee das Totale. Deren Bau, wie die Totalit\u00e4t sie im Kontrast zu der ihr unver\u00e4u\u00dferlichen Isolierung pr\u00e4gt, ist monadologisch. Die Idee ist Monade. Das Sein, das da mit Vor- und Nachgeschichte in sie eingeht, gibt in der eigenen verborgen die verk\u00fcrzte und verdunkelte Figur der \u00fcbrigen Ideenwelt, so wie bei den Monaden der \u00bbMetaphysischen Abhandlung\u00ab von 1686 in einer jeweils alle andern undeutlich mitgegeben sind. Die Idee ist Monade \u2013 in ihr ruht pr\u00e4stabiliert die Repr\u00e4sentation der Ph\u00e4nomene als in deren objektiver Interpretation. Je h\u00f6her geordnet die Ideen desto vollkommener die in ihnen gesetzte Repr\u00e4sentation. Und so k\u00f6nnte denn wohl die reale Welt in dem Sinne Aufgabe sein, da\u00df es gelte, derart tief in alles Wirkliche zu dringen, da\u00df eine objektive Interpretation der Welt sich drin erschl\u00f6sse. Von der Aufgabe einer derartigen Versenkung aus betrachtet erscheint es nicht r\u00e4tselhaft, da\u00df der Denker der Monadologie der Begr\u00fcnder der Infinitesimalrechnung war. Die Idee ist Monade \u2013 das hei\u00dft in K\u00fcrze: jede Idee enth\u00e4lt das Bild der Welt. Ihrer Darstellung ist zur Aufgabe nichts Geringeres gesetzt, als dieses Bild der Welt in seiner Verk\u00fcrzung zu zeichnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte der Erforschung des deutschen Literaturbarock leiht der Analysis einer seiner Hauptformen \u2013 einer Analysis, die nicht mit der Feststellung von Regeln und Tendenzen, sondern mit der in ihrer F\u00fclle und konkret erfa\u00dften Metaphysik dieser Form allererst einzuhalten hat \u2013 einen paradoxen Schein. Ist es doch unverkennbar, da\u00df unter den vielf\u00e4ltigen Hemmungen, denen die Einsicht in die Dichtung dieser Epoche begegnete, eine der gewichtigsten in der wie immer bedeutenden, so doch befangenen Gestalt liegt, die zumal ihrem Drama eignet. Entschiedener als andre appelliert gerade die dramatische Form an <a id=\"page229\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page229\"><\/a>den historischen Nachhall. Er ist der barocken versagt geblieben. Die Erneuerung der literarischen Habe Deutschlands, welche mit der Romantik einsetzte, hat die Dichtung des Barock noch bis heute kaum betroffen. Es war vor allem das Drama Shakespeares, das f\u00fcr die dichtenden unter den Romantikern mit seinem Reichtum und mit seiner Freiheit verdunkelnd vor den gleichzeitigen deutschen Versuchen stand, deren Ernst dem spielenden Theater zudem fremd war. Der werdenden germanischen Philologie ihrerseits galten die durchaus unvolkst\u00fcmlichen Versuche eines gebildeten Beamtentumes als verd\u00e4chtig. So bedeutend in Wahrheit die Verdienste dieser M\u00e4nner um Sprache und Volkstum, so bewu\u00dft ihr Anteil an der Bildung einer nationalen Literatur war \u2013 in ihrer Arbeit pr\u00e4gte die absolutistische Maxime: alles f\u00fcr, nichts durch das Volk zu leisten, zu deutlich sich aus als da\u00df sie Philologen aus der Schule Grimms und Lachmanns h\u00e4tte gewinnen k\u00f6nnen. Nicht zum wenigsten ein Geist, der ihnen, an dem Ger\u00fcst des deutschen Dramas Fronenden, verwehrte auf die Stoffschicht deutschen Volkstums irgendwo zur\u00fcckzugreifen, macht die qu\u00e4lende Gewaltsamkeit ihrer Geste. Spielen doch weder deutsche Sage noch deutsche Geschichte im Barockdrama eine Rolle. Aber auch die Verbreiterung, ja die historisierende Verflachung der germanistischen Studien im letzten Drittel des Jahrhunderts kam der Erforschung des barocken Trauerspieles nicht zugute. Die spr\u00f6de Form blieb einer Wissenschaft, der Stilkritik und Formenanalyse Hilfsdisziplinen letzten Ranges waren, unzug\u00e4nglich und zu historisch-biographischen Skizzen konnten die aus unverstandenen Werken tr\u00fcbe blickenden Physiognomien der Autoren die wenigsten verleiten. Ohnehin ist von einer freien oder gar spielerischen Entfaltung des dichterischen Ingeniums in diesen Dramen keine Rede. Vielmehr haben die Dramatiker der Epoche an die Aufgabe, die Form eines weltlichen Dramas \u00fcberhaupt zu erstellen, sich gewaltsam gebunden gef\u00fchlt. Und so oft sie auch, nicht selten in schablonenhaften Reprisen, um diese von Gryphius bis Hallmann sich gem\u00fcht haben \u2013 das deutsche Drama der Gegenreformation hat niemals jene geschmeidigte, jedem virtuosen Griff sich bietende Form gefunden, die Calderon dem spanischen gab. Gebildet hat es sich \u2013 und gerade weil es notwendig dieser seiner Zeit entsprang \u2013 in einer h\u00f6chst gewaltt\u00e4tigen Anstrengung und dies <a id=\"page230\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page230\"><\/a>allein w\u00fcrde besagen, da\u00df kein souver\u00e4ner Genius dieser Form das Gepr\u00e4ge gegeben hat. Dennoch liegt der Schwerpunkt aller barocken Trauerspiele in ihr. Was der einzelne Dichter darin fassen konnte, bleibt ihr unvergleichlich verpflichtet und ihrer Tiefe tut seine Beschr\u00e4nkung nicht Abbruch. Diese Einsicht ist eine Vorbedingung der Erforschung. Unerl\u00e4\u00dflich freilich bleibt auch dann noch eine Betrachtung, die f\u00e4hig ist zur Anschauung einer Form \u00fcberhaupt in dem Sinne sich zu erheben, da\u00df sie anderes in ihr erblickt als eine Abstraktion am Leibe der Dichtung. Die Idee einer Form \u2013 soviel wird aus dem Vorangeschickten zu wiederholen erlaubt sein \u2013 ist nichts weniger Lebendiges als irgendeine konkrete Dichtung. Ja sie ist als Form des Trauerspiels mit einzelnen Versuchen des Barock verglichen entschieden das Reichere. Und so wie jede, auch die ungebr\u00e4uchliche, die vereinzelte Sprachform gefa\u00dft zu werden vermag nicht nur als Zeugnis dessen, der sie pr\u00e4gte, sondern als Dokument des Sprachlebens und seiner jeweiligen M\u00f6glichkeiten, enth\u00e4lt auch \u2013 und weit eigentlicher als jedes Einzelwerk \u2013 jedwede Kunstform den Index einer bestimmten objektiv notwendigen Gestaltung der Kunst. Diese Betrachtung blieb der \u00e4lteren Forschung also schon darum verschlossen, weil Formanalysis und Formgeschichte ihrer Aufmerksamkeit entgingen. Aber nicht darum allein. Vielmehr hat ein sehr unkritisches Haften an der barocken Theorie des Dramas mitgewirkt. Es ist die den Tendenzen der Epoche angeglichene des Aristoteles. In den meisten St\u00fccken war diese Angleichung eine Vergr\u00f6berung. Ohne nach den erheblichen Bestimmungsgr\u00fcnden dieser Variation zu fahnden, war man allzuschnell bereit, von einem entstellenden Mi\u00dfverst\u00e4ndnis zu reden und von da war es zu der Auffassung, die Dramatiker der Epoche h\u00e4tten im wesentlichen nichts gegeben, als die unverst\u00e4ndige Anwendung ehrw\u00fcrdiger Pr\u00e4zepte nicht mehr weit. Das Trauerspiel des deutschen Barock erschien als Zerrbild der antiken Trag\u00f6die. In dieses Schema wollte ohne Schwierigkeit sich f\u00fcgen, was einen gel\u00e4uterten Geschmack in jenen Werken befremdend, ja wohl barbarisch anmutete. Die Fabel ihrer Haupt- und Staatsaktionen entstellte das antike K\u00f6nigsdrama, der Schwulst das edle Pathos der Hellenen und der blutr\u00fcnstige Schlu\u00dfeffekt die tragische Katastrophe. So gab das Trauerspiel sich als die unbeholfene Renaissance der <a id=\"page231\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page231\"><\/a>Trag\u00f6die. Und somit dr\u00e4ngte eine weitere Klassifikation sich auf, die vollends jede Sicht auf diese Form vereiteln mu\u00dfte: das Trauerspiel als Renaissancedrama betrachtet steht in seinen markantesten Z\u00fcgen als mit ebenso vielen Stilwidrigkeiten behaftet da. Lange blieb diese Inventarisierung dank der Autorit\u00e4t von stoffgeschichtlichen Registern unberichtigt. Durch sie wird das h\u00f6chst verdienstliche, die Literatur des Gebietes fundierende Werk von Stachel \u00bbSeneca und das deutsche Renaissancedrama\u00ab von jeder nennenswerten Wesenseinsicht, die es denn auch nicht unbedingt erstrebt, streng ausgeschlossen. In seiner Arbeit \u00fcber den lyrischen Stil des XVII. Jahrhunderts hat Strich diese \u00c4quivokation, die l\u00e4ngst die Forschung l\u00e4hmte, aufgedeckt. \u00bbMan pflegt den Stil der deutschen Dichtung im 17. Jahrhundert als Renaissance zu bezeichnen. Wenn man aber unter diesem Namen mehr versteht, als die wesenlose Nachahmung des antiken Apparates, so ist er irref\u00fchrend und zeugt von dem Mangel an stilgeschichtlicher Orientierung in der Literaturwissenschaft, denn von dem klassischen Geist der Renaissance hat dieses Jahrhundert nichts gehabt. Der Stil seiner Dichtung ist vielmehr barock, auch wenn man nicht nur an Schwulst und \u00dcberladung denkt, sondern auf die tieferen Prinzipien der Gestaltung zur\u00fcckgeht.\u00ab <span class=\"footnote\">Strich 1.c. S.21.<\/span> Ein weiterer Irrtum, der in der Geschichte von dieser literarischen Periode sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit gehalten hat, h\u00e4ngt mit dem Vorurteil der Stilkritik zusammen. Gemeint ist die angebliche B\u00fchnenfremdheit dieser Dramatik. Es ist dies vielleicht nicht das erstemal, da\u00df die Verlegenheit vor einer sonderbaren Szene zu dem Gedanken avanciert, die habe es nie gegeben, dergleichen Werke h\u00e4tten nicht gewirkt, die B\u00fchne habe sich ihnen verweigert. Zumindest in der Interpretation des Seneca begegnen Kontroversen, die fr\u00fcheren Diskussionen \u00fcbers barocke Drama darin gleichen. Wie dem nun sei \u2013 f\u00fcr das Barock ist jene hundertj\u00e4hrige Fabel, wie sie von A. W. Schlegel <span class=\"footnote\">cf. August Wilhelm von Schlegel: S\u00e4mmtliche Werke. Hrsg. von Eduard B\u00f6cking. 6. Bd.: Vorlesungen \u00fcber dramatische Kunst und Litteratur. 3. Ausg., 2. Theil. Leipzig 1846. S.403. \u2013 Auch A. W. Schlegel: Vorlesungen \u00fcber sch\u00f6ne Litteratur und Kunst. (Hrsg. von J. Minor.) 3. Teil ((1803-1804)): Geschichte der romantischen Litteratur. Heilbronn 1884. (Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts. 19.) S.72.<\/span> bis auf Lamprecht <span class=\"footnote\">cf. Karl Lamprecht: Deutsche Geschichte. 2. Abt.: Neuere Zeit. Zeitalter des individuellen Seelenlebens, 3. Bd., 1. H\u00e4lfte (= der ganzen Reihe 7. Bd., 1. H\u00e4lfte). 3., unver\u00e4nd. Aufl., Berlin 1912. S.267.<\/span> sich vererbt, sein Drama sei ein Lesest\u00fcck gewesen, widerlegt. In den heftigen Vorg\u00e4ngen, die die Schaulust herausfordern, spricht gerade das Theatralische mit besonderer Gewalt. Sogar die Theorie betont die szenischen Effekte bei Gelegenheit. Horazens Dictum: Et prodesse volunt et delectare poetae versetzt die Buchnersche Poetik vor die Frage, wie letzteres <a id=\"page232\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page232\"><\/a>denn vom Trauerspiele denkbar sei und sie erwidert: von seinem Inhalt nicht, sehr wohl aber von seiner theatralischen Darstellung <span class=\"footnote\">cf. Hans Heinrich Borcherdt: Augustus Buchner und seine Bedeutung f\u00fcr die deutsche Literatur des siebzehnten Jahrhunderts. M\u00fcnchen 1919. S.58.<\/span>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Forschung, welche mit so vielfachen Befangenheiten sich diesem Drama gegen\u00fcber fand, hat in Versuchen einer objektiven W\u00fcrdigung, die wohl oder \u00fcbel der Sache fremd bleiben mu\u00dften, die Verwirrungen nur gesteigert, denen nun jede Besinnung auf den Sachverhalt von Anfang an begegnen mu\u00df. Da\u00df dabei die Sache so k\u00f6nnte aufgefa\u00dft werden, von der Wirkung des barocken Trauerspiels ihre \u00dcbereinstimmung mit den von Aristoteles als Wirkung der Trag\u00f6die angesprochenen Gef\u00fchlen der Furcht sowie des Mitleids zu erweisen, um zu schlie\u00dfen, es sei echte Trag\u00f6die \u2013 da doch Aristoteles sich nie hat beifallen lassen zu behaupten, nur Trag\u00f6dien k\u00f6nnten Furcht und Mitleid hervorrufen \u2013 das sollte man wohl nicht f\u00fcr m\u00f6glich halten. H\u00f6chst skurril bemerkt ein \u00e4lterer Autor: \u00bbDurch seine Studien lebte sich Lohenstein so in eine vergangene Welt ein, da\u00df er dar\u00fcber seine verga\u00df und in Ausdruck, Denken und F\u00fchlen einem antiken Publikum verst\u00e4ndlicher, als dem seiner Zeit gewesen w\u00e4re.\u00ab <span class=\"footnote\">Conrad M\u00fcller: Beitr\u00e4ge zum Leben und Dichten Daniel Caspers von Lohenstein. Breslau 1882. (Germanistische Abhandlungen. 1.) S.72\/73.<\/span> Dringender als die Widerlegung derartiger Extravaganzen mag der Hinweis erfordert werden, da\u00df ein Wirkungszusammenhang nie eine Kunstform bestimmen kann. \u00bbDie Vollendung des Kunstwerks in sich selbst ist die ewige unerl\u00e4\u00dfliche Forderung! Aristoteles, der das Vollkommenste vor sich hatte, soll an den Effekt gedacht haben! welch ein Jammer!\u00ab <span class=\"footnote\">Goethe: Werke. Hrsg. im Auftrage der Gro\u00dfherzogin Sophie von Sachsen. 4. Abt.: Briefe, 42. Bd.: Januar-Juli 1827. Weimar 1907. S.104.<\/span> So Goethe. Gleichviel, ob Aristoteles durchaus vor dem Verdacht, den Goethe von ihm wehrt, zu sichern ist \u2013 da\u00df die von ihm definierte psychologische Wirkung aus der kunstphilosophischen Debatte \u00fcber das Drama g\u00e4nzlich ausscheide, ist ein dringendes Anliegen ihrer Methode. In diesem Sinne erkl\u00e4rt Wilamowitz-Moellendorff: \u00bbdas sollte man einsehn, da\u00df die \u03c7\u03ac\u03b4\u03b1\u03c1\u03c3\u03b9\u03c2; f\u00fcr das Drama nicht artbestimmend sein kann, und selbst wenn man die affekte, durch welche das drama wirkt, als artbildend anerkennen wollte, so w\u00fcrde das unselige paar furcht und mitleid recht unzureichend bleiben.\u00ab <span class=\"footnote\">Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Einleitung in die griechische Trag\u00f6die. Unver\u00e4nd. Abdr. aus der 1. Aufl. von Euripides Herakles I, Kap. I-IV. Berlin 1907. S.109.<\/span> \u2013 Noch ungl\u00fccklicher und weit h\u00e4ufiger noch als der Versuch, das Trauerspiel mit Aristoteles zu retten, ist jener Typus \u203aW\u00fcrdingung\u2039, der da mit Aper\u00e7us sehr leichten Kaufes die \u203aNotwendigkeit <a id=\"page233\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page233\"><\/a>\u2039 dieses Dramas bewiesen haben will und mit ihr ein anderes, von dem nicht ersichtlich zu sein pflegt, ob das der positive Wert oder die Hinf\u00e4lligkeit jedweder Bewertung ist. Im Bereich der Geschichte ist die Frage nach der Notwendigkeit seiner Erscheinungen ganz offenkundig allerwege apriorisch. Das falsche Schmuckwort der \u203aNotwendigkeit\u2039, mit dem man das barocke Trauerspiel oft dekorierte, schillert in vielen Farben. Es meint nicht nur historische in m\u00fc\u00dfigem Kontrast zum blo\u00dfen Zufall, sondern auch die subjektive einer bona fides im Gegensatz zum Virtuosenst\u00fcck. Da\u00df aber mit der Feststellung, das Werk entspringe notwendig einer subjektiven Disponiertheit seines Autors, nichts gesagt ist, erhellt. Nicht anders steht&#8217;s um die \u203aNotwendigkeit\u2039, die Werke oder Formen als Vorstufen der ferneren Entwicklung in einem problematischen Zusammenhang begreift. \u00bbMag sein Naturbegriff und seine Kunstanschauung zerrissen und zertr\u00fcmmert sein f\u00fcr immer; was unverwelklich, unverderblich, unverlierbar fortgedeiht, das sind einmal die stofflichen Entdeckungen, und dann noch mehr die technischen Erfindungen des XVII. Jahrhunderts.\u00ab <span class=\"footnote\">Herbert Cysarz: Deutsche Barockdichtung. Renaissance, Barock, Rokoko. Leipzig 1924. S.299.<\/span> So rettet noch die j\u00fcngste Darstellung die Dichtung dieser Zeit als blo\u00dfes Mittel. Die \u203aNotwendigkeit\u2039 <span class=\"footnote\">cf. J. Petersen: Der Aufbau der Literaturgeschichte. In: Germanisch-romanische Monatsschrift 6 (1914), S.1-16 u. S.129-152; bes. S.149 u. S. 151.<\/span> der W\u00fcrdigungen steht in einer Sph\u00e4re der \u00c4quivokationen und gewinnt ihren Anschein aus dem einzigen \u00e4sthetisch erheblichen Begriff der Notwendigkeit. Es ist der, dessen Novalis gedenkt, wo er von der Apriorit\u00e4t der Kunstwerke als einer Notwendigkeit da zu sein, welche sie mit sich f\u00fchren, spricht. Da\u00df diese einzig einer Analyse, die sie bis in den metaphysischen Gehalt betr\u00e4fe, sich ergibt, ist augenf\u00e4llig. Der moderantistischen \u203aW\u00fcrdigung\u2039 entgeht sie. In einer solchen bleibt am Ende auch der neue Cysarzsche Versuch befangen. Wenn fr\u00fchern Abhandlungen die Motive einer ganz anderen Betrachtungsweise abgingen, so \u00fcberrascht bei dieser letzten, wie wertvolle Gedanken und pr\u00e4zise Beobachtungen durch das System der klassizistischen Poetik, auf welches sie bewu\u00dft bezogen werden, um ihre beste Frucht kommen. Zuletzt spricht hier weniger die klassische \u203aRettung\u2039 denn eine unma\u00dfgebliche Entschuldigung. In \u00e4lteren Werken pflegt an dieser Stelle der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg sich einzufinden. F\u00fcr alle Entgleisungen, die man an dieser Form zu tadeln fand, erscheint er haftbar. \u00bbCe sont, a-t-on dit bien des fois, des pi\u00e8ces \u00e9crites par des <a id=\"page234\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page234\"><\/a>bourreaux et pour. Mais c&#8217;est ce q\u00f9&#8217;il fallait aux gens de ce tempsl\u00e0. Vivant dans une atmosph\u00e8re de guerres de luttes sanglantes, ils trouvaient ces sc\u00e8nes naturelle; c&#8217;\u00e9tait le tablaeau de leur moeurs qu&#8217;on leur offrait. Aussi go\u00fbt\u00e8rent-ils na\u00eevement, brutalement le plaisir qui leur \u00e8tait offert.\u00ab <span class=\"footnote\">Louis G. Wysocki: Andreas Gryphius et la trag\u00e9die allemande au XVIIe si\u00e8cle. Th\u00e8se de doctorat. Paris 1892. S.14.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dergestalt hatte die Forschung des Jahrhundertendes von einer kritischen Ergr\u00fcndung der Trauerspielform sich hoffnungslos weit entfernt. Der Synkretismus kulturhistorischer, literargeschichtlicher, biographischer Betrachtung, mit dem sie die kunstphilosophische Besinnung zu ersetzen bestrebt war, hat in der neusten Forschung ein Pendant von weniger harmloser Struktur. Wie ein Kranker, der im Fieber liegt, alle Worte, die ihm vernehmbar werden, in die jagenden Vorstellungen des Deliriums verarbeitet, so greift der Zeitgeist die Zeugnisse von fr\u00fcheren oder von entlegenen Geisteswelten auf, um sie an sich zu rei\u00dfen und lieblos in seinen selbstbefangenen Phantasien einzuschlie\u00dfen. Geh\u00f6rt doch dies zu seiner Signatur: kein neuer Stil, kein unbekanntes Volkstum w\u00e4re aufzufinden, das nicht alsbald mit voller Evidenz zu dem Gef\u00fchl der Zeitgenossen spr\u00e4che. Dieser verh\u00e4ngnisvollen pathologischen Suggestibilit\u00e4t, kraft welcher der Historiker durch \u00bbSubstitution\u00ab <span class=\"footnote\">Petersen 1.c. S.13.<\/span> an die Stelle des Schaffenden sich zu schleichen sucht, als w\u00e4re der, eben weil er&#8217;s gemacht, auch der Interpret seines Werkes, hat man den Namen der \u203aEinf\u00fchlung\u2039 gegeben, in dem die blo\u00dfe Neugier unterm M\u00e4ntelchen der Methode sich vorwagt. Auf diesem Streifzug ist die Unselbst\u00e4ndigkeit der gegenw\u00e4rtigen Generation zumeist der imposanten Wucht erlegen, mit der ihr das Barock begegnete. Zu einer echten, neue Zusammenh\u00e4nge nicht zwischen dem modernen Kritiker und seiner Sache, sondern innerhalb der Sache selbst erschlie\u00dfenden Einsicht hat die Umwertung, die mit dem Ausbruch des Expressionismus \u2013 wenn auch nicht unber\u00fchrt von der Poetik der Georgischen Schule <span class=\"footnote\">cf. Christian Hofman von Hofmanswaldau: Auserlesene Gedichte. Mit einer Einleitung hrsg. von Felix Paul Greve. Leipzig 1907. S.8.<\/span> \u2013 eintrat, bisher nur in den wenigsten F\u00e4llen gef\u00fchrt <span class=\"footnote\">cf. jedoch Arthur H\u00fcbscher: Barock als Gestaltung antithetischen Lebensgef\u00fchls. Grundlegung einer Phaseologie der Geistesgeschichte. In: Euphorion 24 (1922), S.517-562 u. S. 759\u2013805.<\/span> Aber die Geltung der alten Vorurteile ist im Schwinden. Frappante Analogien zu dem gegenw\u00e4rtigen Stande des deutschen Schrifttums haben immer neuen Anla\u00df zu einer, wenn auch meist sentimentalen so doch positiv gerichteten Versenkung ins Barocke gegeben. Schon im Jahre 1904 erkl\u00e4rte ein Literaturkritiker dieser Epoche: \u00bbes <a id=\"page235\" title=\"Rudith\/wedi\" name=\"page235\"><\/a>will mir &#8230; scheinen, als ob das Kunstgef\u00fchl noch keiner Periode seit zwei Jahrhunderten mit der ihren Stil suchenden Barockliteratur des siebzehnten Jahrhunderts im Grunde so verwandt gewesen ist, wie das Kunstgef\u00fchl unserer Tage. Innerlich leer oder im Tiefsten aufgew\u00fchlt, \u00e4u\u00dferlich von technisch formalen Problemen absorbiert, die sich mit den Existenzfragen der Zeit zun\u00e4chst sehr wenig zu ber\u00fchren schienen, \u2013 so waren die meisten Barockdichter, und \u00e4hnlich sind, so weit man sehen kann, wenigstens die Dichter unserer Zeit, die ihrer Produktion das Gepr\u00e4ge geben.\u00ab <span class=\"footnote\">Victor Manheimer: Die Lyrik des Andreas Gryphius. Studien und Materialien. Berlin 1904. S. XIII.<\/span> Inzwischen hat die Meinung dieser S\u00e4tze, die sch\u00fcchtern und zu kurz ergriffen ist, in einem sehr viel weitern Sinne sich behauptet. 1915 erschienen als Auftakt des expressionistischen Dramas die \u00bbTroerinnen\u00ab von Werfel. Nicht zuf\u00e4llig begegnet der gleiche Stoff bei Opitz im Beginn des Barockdramas. In beiden Werken war der Dichter auf das Sprachrohr und die Resonanz der Klage bedacht. Dazu bedurfte es in beiden F\u00e4llen nicht weitgespannter k\u00fcnstlicher Entwicklungen, sondern einer am dramatischen Rezitativ sich schulenden Verskunst. Zumal im Sprachlichen ist die Analogie damaliger Bem\u00fchung mit der j\u00fcngstvergangenen und mit der momentanen augenf\u00e4llig. Forcierung ist den beiden eigent\u00fcmlich. Die Gebilde dieser Literaturen wachsen nicht sowohl aus dem Gemeinschaftsdasein auf, als da\u00df sie durch gewaltsame Manier den Ausfall geltender Produkte in dem Schrifttum zu verdecken trachten. Denn wie der Expressionismus ist das Barock ein Zeitalter weniger der eigentlichen Kunst\u00fcbung als eines unablenkbaren Kunstwollens. So steht es immer um die sogenannten Zeiten des Verfalls. Das h\u00f6chste Wirkliche der Kunst ist isoliertes, abgeschlossenes Werk. Zu Zeiten aber bleibt das runde Werk allein dem Epigonen erreichbar. Das sind die Zeiten des \u203aVerfalls\u2039 der K\u00fcnste, ihres \u203aWollens\u2039. Darum entdeckte Riegl diesen Terminus gerad an der letzten Kunst des R\u00f6merreiches. Zug\u00e4nglich ist dem Wollen nur die Form schlechtweg doch nie ein wohlgeschaffenes Einzelwerk. In diesem Wollen gr\u00fcndet die Aktualit\u00e4t des Barock nach dem Zusammenbruch der deutschen klassizistischen Kultur. Das Streben nach einem Rustikastil der Sprache, der sie der Wucht des Weltgeschehens gewachsen scheinen lie\u00dfe, kommt hinzu. Die \u00dcbung, Adjektiva, die keinen adverbialen Gebrauch kennen, mit dem Hauptwort zum Block <a id=\"page236\" title=\"Rudith\/gary\" name=\"page236\"><\/a>zusammenzupressen, ist nicht von heute. \u203aGro\u00dftanz\u2039, \u203aGro\u00dfgedicht\u2039 (d.h. Epos) sind barocke Vokabeln. Neologismen finden sich \u00fcberall. Heute wie damals spricht aus vielen darunter das Werben um neues Pathos. Die Dichter suchten der innersten Bildkraft, aus welcher die bestimmte und doch sanfte Metaphorik der Sprache hervorgeht, sich pers\u00f6nlich zu bem\u00e4chtigen. Weniger in Gleichnisreden als in Gleichnisworten suchte man seine Ehre, als sei die Sprachsch\u00f6pfung unmittelbare Angelegenheit der dichterischen Wortfindung. Die barocken \u00dcbersetzer fanden Freude an den gewaltsamsten Pr\u00e4gungen wie sie bei Heutigen zumal als Archaismen begegnen, in denen man der Quellen des Sprachlebens sich zu versichern meint. Immer ist diese Gewaltsamkeit Kennzeichen einer Produktion, in welcher ein geformter Ausdruck wahrhaften Gehalts kaum dem Konflikt entbundener Kr\u00e4fte abzuringen ist. In solcher Zerrissenheit spiegelt die Gegenwart gewisse Seiten der barocken Geistesverfassung bis in die Einzelheiten der Kunst\u00fcbung. Dem Staatsroman, dem damals wie heute sich angesehene Autoren widmeten, stehen die pazifistischen Bekenntnisse der Literaten zum simple life, zur nat\u00fcrlichen G\u00fcte des Menschen heute so gegen\u00fcber wie damals das Sch\u00e4ferspiel. Den Literaten, dessen Dasein heute wie je in einer vom t\u00e4tigen Volkstum getrennten Sph\u00e4re sich abspielt, verzehrt von neuem eine Ambition, in deren Befriedigung die damaligen Dichter freilich trotz allem gl\u00fccklicher waren als die heutigen. Denn Opitz, Gryphius, Lohenstein haben in Staatsgesch\u00e4ften hin und wieder dankbar entgoltene Dienste zu leisten vermocht. Und daran findet diese Parallele ihre Grenze. Durchgehend f\u00fchlte der barocke Literat ans Ideal einer absolutistischen Verfassung sich gebunden, wie die Kirche beider Konfessionen sie st\u00fctzte. Die Haltung ihrer gegenw\u00e4rtigen Erben ist, wenn nicht staatsfeindlich, revolution\u00e4r, so durch den Mangel jeder Staatsidee bestimmt. Zuletzt ist \u00fcber mancherlei Analogien die gro\u00dfe Differenz nicht zu vergessen: im Deutschland des XVII. Jahrhunderts war die Literatur, so wenig die Nation sie auch beachten mochte, bedeutungsvoll f\u00fcr ihre Neugeburt. Die zwanzig Jahre deutschen Schrifttums dagegen, die zur Erkl\u00e4rung des erwachten Anteils an der Epoche angezogen wurden, bezeichnen einen, wie auch immer vorbereitenden und fruchtbaren, Verfall.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-87150 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>KUNO erinnert an den undogmatischen Denker Walter Benjamin. Seine Habilitationsschrift l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. F\u00fcr die damalige Zeit erwies sie sich jedoch als zu unorthodox f\u00fcr den akademischen Betrieb. Um sich eine offizielle Ablehnung zu ersparen, zog Benjamin sein Habilitationsgesuch 1925 zur\u00fcck. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein weiterer Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innre, dieser das \u00c4u\u00dfere fehlt, so m\u00fcssen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine Art von Ganzheit&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/19\/ursprung-des-deutschen-trauerspiels\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":98124,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-64413","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64413","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64413"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64413\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100647,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64413\/revisions\/100647"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98124"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64413"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64413"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64413"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}