{"id":6438,"date":"2012-08-05T02:54:11","date_gmt":"2012-08-05T00:54:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6438"},"modified":"2019-01-18T23:35:30","modified_gmt":"2019-01-18T22:35:30","slug":"was-mit-liebe-und-so","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/05\/was-mit-liebe-und-so\/","title":{"rendered":"Was mit Liebe und so"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/herzstra\u00dfe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6440 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/herzstra\u00dfe-300x203.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"203\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/herzstra\u00dfe-300x203.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/herzstra\u00dfe-1024x696.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/herzstra\u00dfe.jpg 1528w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie k\u00f6nnen wir heute noch ehrlich sagen: \u201eIch liebe Dich\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Wissen um die Trivialit\u00e4t, der diese Worte, die Situation, in welcher sie gebraucht werden, durch Medien und Verkitschung unterworfen sind? Im Wissen um die Redundanz dieser paar Laute, und doch sind sie uns so wichtig. Warum? Weil sie zum Zeichen geworden sind, die Manifestation eines bestimmten Willens in einer Beziehungssituation zwischen zwei Menschen, das Symbol f\u00fcr eine besonders tief gehende Emotion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch einmal ausgesprochen, werden sie nutzlos und \u00fcberfl\u00fcssig, bemerkt Barthes. Das <em>Ich-liebe-Dich<\/em> an sich ist inhaltsleer und besagt nichts. Lediglich Denotation eines vagen Gef\u00fchlszustandes. Keine Aktion, kein objektiver Informationswert. Zumindest nicht, nachdem es einmal ge\u00e4u\u00dfert wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vermessen, die pers\u00f6nlichste aller Empfindungen in die standardisierteste aller Formeln zu fassen, doch ihr Ausspruch ist Ansto\u00df f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung der Beziehung zwischen zwei Menschen. Ob vom anderen entgegnet oder nicht, so markiert sie ein \u00dcberschreiten des Rubikon: Die Beziehung von mir zum andern wird nun nicht mehr so sein wie zuvor, ich habe mich entbl\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Und dann?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal hervorgebracht, erf\u00e4hrt das Ich-liebe-Dich eine vollst\u00e4ndige Sinnentleerung. Sein Zeichencharakter verbraucht sich durch Benutzung, und die sp\u00e4tere Wiederholung der Worte ist letztendlich redundant. Von der einmal erreichten Intimit\u00e4tsebene kommt man nicht mehr zur\u00fcck (es sei denn, man informiert bei entsprechender Gef\u00fchlsver\u00e4nderung konsequent: \u201eIch-liebe-Dich-nicht(-mehr)\u201c), es bedarf nicht der Versicherungen in \u00e4hnlich sch\u00f6nen und intimen Momenten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Worte dann doch immer wieder zu gebrauchen beweist eine gewisse Unbeholfenheit, wie ein nach Luft schnappender Fisch wollen wir unser \u00fcberquellendes Herz mitteilen. Zur Liebesformel zu greifen zeugt hier vielleicht von Hilflosigkeit, aber auch dem Wunsch einer erneuten Versicherung, einem nostalgischen Bed\u00fcrfnis, das Unm\u00f6gliche zu unternehmen: die Zeit zur\u00fcckzudrehen und den intimen Moment des gegenseitigen Liebesgest\u00e4ndnisses erneut durchleben zu d\u00fcrfen, mit dem wohligen Schauer, den uns das Gest\u00e4ndnis des anderen verursacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Unm\u00f6glich, denn nun wei\u00df ich, dass ich wiedergeliebt werde, und mein Herz wird bei keiner einzigen Wiederholung der Phrase so sehr bangen wie beim ersten Mal, wird nie wieder so erleichtert klopfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der postmoderne Mensch kann ohnehin nicht mehr unschuldig \u201eIch liebe dich\u201c sagen, schreibt Eco.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das unschuldige Gef\u00fchl ist ebenso eine Illusion wie das unschuldige Auge. Wir haben schon zu viel gesehen, gelesen, uns vorgestellt, um in intimen Situationen ehrlich und unvorbelastet sein zu k\u00f6nnen. Den naiven Liebenden gibt es nicht mehr, selbst als Kinder streben wir schon nach gesellschaftskonformen P\u00e4rchenbindungen, abgeschaut von den Gro\u00dfen. Stets tr\u00e4gt man eine Maske, stets reden tausend Tote mit, wenn wir von Liebe sprechen. Zu genau ist die Liebe schon ausgemalt worden, um nicht unser eigenes Erleben zu \u00fcbert\u00fcnchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Reihen wir nur deshalb Liebesgeschichte an Liebesgeschichte?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist der einzige Grund f\u00fcr promiske Verzweiflung der, dass wir von dem einen Moment des Ich-liebe-Dich nicht genug bekommen k\u00f6nnen? Nat\u00fcrlich sehnt sich ein jeder nach Liebe, doch dieses aufregende Herzklopfen beim ersten Liebesgest\u00e4ndnis, das ist doch das h\u00f6chste, was uns von Hollywood, Werbung und K\u00fcnstlern suggeriert wird, das sublimste aller Gef\u00fchle\u2026auf das wir alle am Ende hinarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu sehr tritt dann im Laufe der Jahre das Misstrauen hinzu, ob ich tats\u00e4chlich diesen speziellen anderen Menschen begehre (Warum eigentlich unter Abermillionen Menschen auf der Welt genau diesen einen? Sollte es bei der Auswahl des Liebesobjekts dann doch mit so viel Zufall vor sich gehen?) oder die Zweierbindung, die er mir verhei\u00dft. Die Skepsis, dass der andere nicht mich will, sondern in die Liebe verliebt ist, in das gute Gef\u00fchl des Zur\u00fcckgeliebtwerdens. Die reine, absolute Liebe, die frei ist von jeglichem Kosten-Nutzen-Denken, von Egoismus und Forderungen, kann es die \u00fcberhaupt geben in der Realit\u00e4t? Oder bleibt die ideale <em>minne<\/em> am Ende ein hehres Konzept?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir brauchen die Liebe. Unsere Gesellschaft braucht die Liebe. Sie ist Teil des sozialen \u00dcberbaus, eine St\u00fctze des Systems und hat als solche die Religion in ihrer Funktion als wichtigste Passion abgel\u00f6st, so Luhmann. Sie ist das neue Opium des Volkes. Das Gl\u00fcck im Privaten zu suchen ist so viel einfacher als sich an den unzufrieden machenden sozialen und politischen Umst\u00e4nden abzuarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Love keeps us busy, especially our minds.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesem Grund spielen Werbung und Medien so gerne mit im gro\u00dfen Liebeszirkus: Sie ist so beliebt, die Liebe, und so unerl\u00e4sslich f\u00fcr das Aufrechterhalten von Konsum und Kommunikation. Sie ist ein Konstrukt, das genormte Werte vermittelt, an den Mann und an die Frau bringt, sie erzieht und formt. F\u00fcr sie tun wir Dinge, auch wenn sie uns widerstreben, treiben gerne gro\u00dfen Aufwand, scheuen weder Kosten noch M\u00fchen. Sie lenkt ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Liebesangelegenheiten kann man sich so gut verlieren und das gro\u00dfe Ganze aus dem Blick geraten. Die private kleine Utopie erscheint als Ziel der W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume, sie h\u00e4lt uns ruhig. Sie garantiert die generelle soziale Harmonie, auch wenn sie gern f\u00fcr kleinere Unstimmigkeiten im Privaten sorgt. St\u00fcrme im Wasserglas. Ihr opfern wir vieles und nach ihr streben wir, \u00fcber sie definieren wir uns und unser Leben. Liebe als Identifikationsm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist Romantik blo\u00df anerzogen? Herzklopfen konditioniert? Die Sehnsuchtsmaschinerie ein Evangelium?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie k\u00f6nnen wir heute noch ehrlich sagen: \u201eIch liebe Dich\u201c? Im Wissen um die Trivialit\u00e4t, der diese Worte, die Situation, in welcher sie gebraucht werden, durch Medien und Verkitschung unterworfen sind? 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