{"id":64352,"date":"2020-07-28T00:01:00","date_gmt":"2020-07-27T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64352"},"modified":"2020-09-26T07:12:08","modified_gmt":"2020-09-26T05:12:08","slug":"die-waffen-von-morgen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/28\/die-waffen-von-morgen\/","title":{"rendered":"Die Waffen von morgen"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Schlachten mit Chlorazetophenol, Diphenylaminchlorasin und Dichlor\u00e4thylsufid.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die obigen Bezeichnungen werden im kommenden Kriege ebenso popul\u00e4r sein wie \u201eSch\u00fctzengraben\u201c, \u201eU-Boot\u201c, \u201eDicke Berta\u201c und \u201eTank\u201c im vergangenen. F\u00fcr die zungenbrecherischen chemischen Vokabeln werden gef\u00e4llige Abk\u00fcrzungen in wenigen Tagen aufgekommen sein. Und diese, im Laufe einiger Stunden zu nie geahnter Aktualit\u00e4t bef\u00f6rderten Ausdr\u00fccke werden an Popularit\u00e4t den Wortschatz aller Frontberichte von 1914 bis 1918 \u00fcberbieten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unmittelbar betreffen sie einen jeden. Der kommende Krieg wird eine geisterhafte Front haben. Eine Front, die gespenstisch bald \u00fcber diese, bald \u00fcber jene Metropole, in ihre Stra\u00dfen und vor jede ihrer Haust\u00fcren vorger\u00fcckt wird. Dazu wird dieser Krieg, der Gaskrieg aus den L\u00fcften, in nie gekanntem Sinne dieses Wortes, ein wahrhaft \u201eatemraubender\u201c Hasard sein. Denn seine sch\u00e4rfste strategische Eigenart liegt darin: blo\u00dfer und radikalster Angriffskrieg zu sein. Gegen die Gasangriffe aus der Luft gibt es keine zul\u00e4ngliche Gegenwehr. Selbst die privaten Schutzma\u00dfregeln, die Gasmasken, versagen in den meisten F\u00e4llen. Das Tempo der kommenden kriegerischen Auseinandersetzung wird demnach durch das Bestreben diktiert werden, nicht sowohl sich zu verteidigen, als die vom Gegner verursachten Schrecken durch ein Zehnfaches von Schrecken zu \u00fcberbieten. Daher ist es belanglos, wenn wohlmeinendere unter den Theoretikern uns das \u201ehumane\u201c Tr\u00e4nengas in Aussicht stellen, ja, wom\u00f6glich f\u00fcr den Gaskrieg Stimmung zu machen suchen, indem sie ihn dem Luftkrieg mit Explosivstoffen gegen\u00fcberstellen. Sch\u00e4rfer sehen andere, indem sie f\u00fcr den Gasangriff von vornherein dasjenige Motiv in den Vordergrund stellen, dessen wachsende Bedeutung bereits der vorige Krieg gelehrt hat: letzter Zweck der Aktionen des Flugzeuggeschwaders soll die Vernichtung des feindlichen Willens zum Widerstande sein. Durch einige wenige \u201eraids\u201c soll die Bev\u00f6lkerung der feindlichen Zentren mit besinnungslosem Entsetzen derart erf\u00fcllt werden, da\u00df jeder Appell an die Organisation der Abwehr versagt. Der Schrecken soll sich der Psychose n\u00e4hern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Bild, das nichts von Wellsschen und Jules Verneschen Utopien an sich hat: In den Stra\u00dfen Berlins verbreitet sich bei sch\u00f6nem, strahlendem Fr\u00fchlingswetter ein Geruch wie von Veilchen. Das dauert einige Minuten lang. Danach wird die Luft erstickend. Wem es nicht gelingt, aus ihrem Bereich zu entkommen, der wird in wenigen weiteren Minuten nichts mehr erkennen k\u00f6nnen, sein Gesicht, momentan, verlieren. Und gl\u00fcckt ihm weiterhin keine Flucht oder nimmt ihn kein Abtransport auf, so mu\u00df er ersticken. Das alles kann eines Tages eintreten, ohne da\u00df in der Luft irgendein Flugzeug sichtbar, das Surren irgendeines Propellers vernehmbar w\u00e4re. Bei unver\u00e4ndert klarem Himmel und blendender Sonne. Aber unsichtbar und unh\u00f6rbar, 5000 Meter hoch, steht ein Fluggeschwader, das Chlorazetophenol herabtropfen l\u00e4\u00dft, Tr\u00e4nengas, das \u201ehumanste\u201c der neuen Mittel, das, wie bekannt, in den Gasangriffen des letzten Krieges bereits eine Rolle gespielt hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein zuverl\u00e4ssiges Mittel macht der Geschwader Wahrnemung m\u00f6glich, die in einer H\u00f6he von 5 bis 6 Kilometern \u00fcber der Erdoberfl\u00e4che sich aufhalten. Zumindest \u00f6ffentlich ist keins bekannt. Die ged\u00e4mpfte Ouvert\u00fcre, die seit Jahren in den chemischen und technischen Laboratorien sich abspielt, dringt ja nur mit vereinzelten Mi\u00dft\u00f6nen an die Ohren der Oeffentlichkeit. Ab und zu erf\u00e4hrt man Dinge, wie die Erfindung eines empfindlichen Fernh\u00f6rers, der das Surren der Propeller auf gro\u00dfe Entfernungen hin registriert. Und einige Monate sp\u00e4ter dann wieder die Erfindung eines lautlosen Flugzeuges.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Einige Tatsachen, die der amerikanische Kriegskorrespondent William G. Shepherd in der \u201eLiberty\u201c \u00fcber die \u201eAnwendbarkeit\u201c des franz\u00f6sischen Flugparks im Kriege gibt, sind illustrativ.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Frankreich besitzt heute mindestens 2500 Flugzeuge im aktiven Friedensdienst; weitere sind in Reserve. Die Gesamttonnage der franz\u00f6sischen Luftkr\u00e4fte betr\u00e4gt je nach der Flugh\u00f6he 600 bis 3000 Tonnen. Shepherd setzt London. Londons Zentrum mit dem Sitz aller lebenswichtigen Institute des britischen Imperiums bedeckt vier englische Quadratmeilen. Diese erfordern, um auf mehrer Monate hinaus unbewohnbar zu werden, 120 Tonnen Dichlor\u00e4thylsulfid, Senfgas. Da zu gleicher Zeit \u00fcber diesem Territorium maximal 250 Flieger \u2013 in ein und derselben Luftschicht nat\u00fcrlich \u2013 sich aufhalten k\u00f6nnen, jeder davon mindestens 500 Pfund mit sich f\u00fchrt und dieses Geschwader eine Tonne pro Minute abwirft, so steht \u2013 immer nach Shepherds Ansatz \u2013 das Herz des britischen Weltreichs nach zwei Stunden still.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An dergleichen Darstellungen ist das Bedenkliche, da\u00df die menschliche Phantasie ihnen nachzukommen sich weigert und gerade [<strong><a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/w\/index.php?title=Die_Waffen_von_morgen&amp;action=edit&amp;image=\/wiki\/Die_Waffen_von_morgen-2-Vossische_Zeitung-1925.png\">2<\/a><\/strong>] das Ungeheure des drohenden Schicksals f\u00fcr die Denkfaulheit ein Vorwand wird. Deren Einrede kommt immer darauf hinaus, da\u00df ein solcher Krieg entweder \u00fcberhaupt \u201eunm\u00f6glich\u201c oder von verschwindend kurzer Dauer sein m\u00fc\u00dfte. In Wahrheit w\u00e4re dieser Krieg nur dann im Handumdrehen beendet, wenn die jeweilige Basis der Flugzeuggeschwader den Streitenden bekannt w\u00e4re. Das ist nicht der Fall. Diese Basis n\u00e4mlich braucht keineswegs auf dem Lande zu liegen. Irgendwo im Ozean k\u00f6nnen die Flugzeuge von den Mutterschiffen, die in den Gew\u00e4ssern des Weltmeeres unausgesetzt ihren Standort wechseln, sich erheben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sehen jene Giftgase aus, deren Gebrauch die Verabschiedung aller menschlichen Regungen voraussetzt? Bis heute kennen wir siebzehn; unter ihnen sind das Senfgas und das Lewisit die wichtigsten. Gegen beide geben Gasmasken keinen Schutz. Senfgas fri\u00dft das Fleisch und f\u00fchrt da, wo es nicht unmittelbar t\u00f6dlich wirkt, Verbrennungen herbei, deren Heilung drei Monate beansprucht. Monatelang bleibt es an Gegenst\u00e4nden, die einmal mit ihm in Ber\u00fchrung gekommen sind, virulent. In den Regionen, die unter einem Senfgasangriff jemals gelegen haben, kann noch nach Monaten jeder Schritt auf dem Erdboden, jede T\u00fcrklinke und jedes Brotmesser den Tod bringen. Senfgas macht wie viele andere giftige Gase alle Lebensmittel ungenie\u00dfbar und vergiftet das Wasser. Die Strategen stellen sich die Verwendung dieses Mittels so vor: Gewisse taktisch wichtige Bezirke sind mit W\u00e4llen von Senfgas oder etwa von Diphenylaminchlorasin zu umgeben. Innerhalb dieser W\u00e4lle geht alles zugrunde, durch sie kann nichts eindringen. So lassen sich H\u00e4user, St\u00e4dte, Landschaften derart pr\u00e4parieren, da\u00df monatelang weder animalisches noch pflanzliches Leben in ihnen aufkommen kann. Es er\u00fcbrigt sich, zu bemerken, da\u00df die Unterscheidung zwischen ziviler und kampft\u00e4tiger Bev\u00f6lkerung im Gaskriege fortf\u00e4llt, damit aber eines der st\u00e4rksten Fundamente des V\u00f6lkerrechts. Das \u201eLewisit\u201c ist ein Arsengift, dringt sofort ins Blut, t\u00f6tet unwiderruflich, blitzartig alles Getroffene. Monatelang sind alle von schweren Gasangriffen betroffenen Bezirke durch Leichen verpestet. Schutz gibt es in solchen Gebieten nat\u00fcrlich nicht: Keller und Unterst\u00e4nde, die vor Explosivbomben allenfalls sch\u00fctzen, bringen bei Gasangriffen den sicheren Tod, weil das schwere Gas in die Tiefe sinkt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun hat bekanntlich das Zentralkomitee des V\u00f6lkerbundes eine \u201eKommission zum Studium des chemischen und bakteriologischen Krieges\u201c eingesetzt. Dieser Kommission geh\u00f6rten internationale Autorit\u00e4ten an. Ihr Bericht hat nicht die geb\u00fchrende Beachtung gefunden. Noch immer behaupten sich in der gro\u00dfen Politik R\u00fcstungs- bzw. Abr\u00fcstungsprobleme, deren Belang vor den Tatsachen der chemischen Vorkehrungen in Nichts zerstiebt. Die Beharrlichkeit, mit der bei der Ausf\u00fchrung des Versailler Vertrages durch Deutschland l\u00e4cherliche Milit\u00e4rrequisiten beanstandet wurden, hat nicht allein ihre unangenehme, sondern vor allem ihre h\u00f6chst gef\u00e4hrliche Seite. Denn sie lenkt die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit vom einzig aktuellen Problem des internationalen Militarismus ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">dsb.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hintergrundcheck \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Text wurde in die <em>Gesammelten Schriften<\/em> von Walter Benjamin aufgenommen (Band IV, 1). Er stammt jedoch wahrscheinlich nicht von ihm, sondern von seiner damaligen Ehefrau Dora Sophie Benjamin, geborene Dora Sophie Keller. Daf\u00fcr spricht nicht nur das K\u00fcrzel <em>dsb<\/em>, sondern auch die Tatsache, da\u00df Kellner Chemie studiert, sich mit dem Thema des Gaskriegs besch\u00e4ftigt und f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter einen Fortsetzungsroman <em>Gas gegen Gas<\/em> ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"167\" height=\"251\" class=\"wp-image-61621\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Echo.png\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Echo.png 167w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Echo-160x240.png 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 167px) 100vw, 167px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vgl. dazu auch die aktuelle Paartherapie<\/strong> \u2192 von Eva Weissweiler: <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61618\">Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin. Biographie einer Beziehung<\/a><\/em>. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kollegengespr\u00e4ch von A.J. Weigoni mit Eva Weissweiler finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/04\/wie-war-es-denn-nun-wirklich-und-warum-das-alles-nebensaechlich-ist\/\">hier<\/a>. \u2013 Einen Essay zur Reihe <em>Kollegengespr\u00e4che<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25436\">hier<\/a>. \u2013 Einen R\u00fcckblick zum 50. Jahrestag des (VS), der gewerkschaftlichen Interessenvertretung der Schriftsteller in Deutschland (fr\u00fcher IG Druck und Papier) findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/08\/revisited\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlachten mit Chlorazetophenol, Diphenylaminchlorasin und Dichlor\u00e4thylsufid. Die obigen Bezeichnungen werden im kommenden Kriege ebenso popul\u00e4r sein wie \u201eSch\u00fctzengraben\u201c, \u201eU-Boot\u201c, \u201eDicke Berta\u201c und \u201eTank\u201c im vergangenen. F\u00fcr die zungenbrecherischen chemischen Vokabeln werden gef\u00e4llige Abk\u00fcrzungen in wenigen Tagen aufgekommen sein. 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