{"id":64185,"date":"2012-07-06T00:38:48","date_gmt":"2012-07-05T22:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64185"},"modified":"2020-05-04T18:48:31","modified_gmt":"2020-05-04T16:48:31","slug":"der-muell-die-stadt-und-der-schrottplatz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/06\/der-muell-die-stadt-und-der-schrottplatz\/","title":{"rendered":"Der M\u00fcll, die Stadt und der Schrottplatz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der unendlich geweitete Kunst-Begriff weht dich schon beim Eintritt ins \nFride\u00adri\u00adcianum an. Die Kass\u00adeler documenta XIII \u00fcberrascht wieder \neinmal mit einem reichen Diskurs \u00fcber den Kunstbegriff mit allen \nsinnlichen und sinnigen Mitteln. Durchzug, denkst du, alle T\u00fcren stehen \noffen, die Haare stehen dir im leeren Foyer zu Berge, links ein leerer \nSaal, rechts ein leerer Saal, na gut: fast leer, du sp\u00fcrst den Wind und \ndenkst nach: viel Wind um nichts, aber hei\u00dfe Luft ist es auch nicht. \nSoll ich die leeren R\u00e4ume selber f\u00fcllen mit meinen Denkkunstwerken? Soll\n ich das Nichts vollenden, zum Werk gestalten? Ja, in die Richtung geht \nes. Eine Vitrine mit ein paar Dutzend Schmet\u00adter\u00adlings\u00adlarven sagen es \nlaut: Wir sind der Text im wei\u00dfen Nichts! Alles ist Metamorphose, und \nwas wir f\u00fcr Kunst halten, ist ja nicht Unnatur, sondern war und bleibt \nund wird in jedem Aggre\u00adgats\u00adzustand zwischen Abstraktion und \nGegen\u00adst\u00e4nd\u00adlichkeit Natur. Kunst entsteht nur im Kopf in sinnlicher \nVorstellung, die Welt als Wille und Unwille. Du h\u00f6rst die Blasmaschinen \nim Keller nicht, aber du raufst dir im Wind der weiten Kunstwelt deinen \nScheitel wieder zurecht, so du einen hast. Durchzug &#8230; Du wirst selbst \nzum Wind und bl\u00e4st dein Hirn auf und paarst dich mit dem \u201eBrain\u201c im \nErdgeschoss.\n\n<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/Bild5007-1-400.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da siehst du die Bildgebungen der grauen Zellen, das Pfingstereignis der  Leiterin der dXIII, Carolyn Christov-Bakargiev (CCB). Im Ernst. Du  siehst hier \u2013 in dem Schnee\u00adwittchen\u00adsarg ihrer Gedanken, in der  Windstille hinter Glas \u2013 eine Art Vorbereitung auf das Ganze, Stilleben  von Morandi in \u00d6l, also richtig alte Kunst, Fotos von Hitlers Badewanne,  die Lee Miller im Juli 1945 in der M\u00fcnchner Wohnung des F\u00fchrers  aufnahm, oder Steine auf dem Fu\u00dfboden, wei\u00df umgrenzt, Faltspiele, wie  wir sie in den Museums\u00adshops kaufen k\u00f6nnen usw. CCB will zeigen, wie  weit, wie offen ihr Kunstbegriff ist. Das \u00e4rgert mich zuerst, obwohl  kein didak\u00adti\u00adscher Zeigefinger in meinen Sch\u00e4del greift. Denn ich frage  mich, kann der auf jeder voran\u00adgegan\u00adgenen documenta geweitete  Kunstbegriff immer noch geweitet werden? Ja, er kann. Denn nun wird der  un\u00fcber\u00addehnbare Begriff selbst zu Kunst, er verliert das Begriff\u00adliche  und Begreif\u00adbare. Und das gef\u00e4llt mir auf einmal, Tage sp\u00e4ter. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manches hatten wir schon so \u00e4hnlich. Die 9-Zylinder-Motoren als  Kunstwerke. Das ist Mathe\u00admatik und Physik in sch\u00f6nster Form. Und Kraft.  Noch einmal Futu\u00adrismus, neom\u00e4\u00dfig jetzt. Aber immerhin. Der  Schei\u00adben\u00adwischer an der Wand \u2013 wie gesagt, das hatten wir schon, aber  es kann nicht oft genug gezeigt werden: Der Kontext bestimmt, was ein  Kunstwerk ist, und das Etikett. En passant kommt mir nun in der  Orangerie das Fou\u00adcault\u00adsche Pendel des Natur\u00adkundemuseums als Kunstwerk  vor. Mein Kopf ist es, der kontex\u00adtuiert und etikettiert. Das geschieht  auch mit der toten Fliege, die in der Glasvitrine liegt. Diese \u00c4sthetik  des Todes oder wenigstens des Toten \u2013 wieder eine subtile Anspielung  auf alle Kunst\u00adwerke: Rodins \u201eEhernes Zeitalter\u201c ist auch tot, ist nur  eine Bildgebung, allerdings mit dem Anspruch, punktuell das  Arche\u00adtypische des Lebens festzuhalten, das ewige Gesetz des Lebens zu  finden. Klar, das kann man endlos durch\u00addeklinieren. Die kleine Fliege  wird im kubischen Glasrahmen richtig gro\u00df. <br \/><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/Bild5000-1-400.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Schrottplatz, k\u00fcnstlich hergerichtet an den Au\u00dfengleisen des  Hauptbahnhofs, abgegrenzt mit wei\u00dfem Strich, also Betreten verboten und  Bitte nicht ber\u00fchren. Hatten wir das nicht schon, die \u00c4sthetik des  H\u00e4ss\u00adlichen? Ja, aber noch nicht in dieser Radik\u00adalit\u00e4t, die so leicht  und selbst\u00adverst\u00e4nd\u00adlich vor uns ruht. Die macht dich als  Kunst\u00adbetrachter ganz klein. Aber dann denkst du ein bisschen nach und  erlebst deine Wieder\u00adaufer\u00adstehung, wenn du den Schrotthaufen lauthals  fragst: Wer ist hier das eigent\u00adliche Kunstwerk, du oder ich? Wir  begreifen: Auch als arme Voyeure sind es allein wir selbst, die etwas  zur Kunst erkl\u00e4ren und das Dahinter und Drumherum. Nat\u00fcrlich habe ich  schon sch\u00f6nere Schrott\u00adpl\u00e4tze gesehen, und mystischere. Aber ich muss  zugeben, der gras\u00fcber\u00adwachsene M\u00fcll\u00adberg auf der Karlswiese vor der  Orang\u00aderie \u2013 der hat was, der hat was, was ich so doch noch nicht  wahrnahm: Diese labile Ambivalenz von Schein und Sein. Eine kleine  H\u00fcgel\u00adlandschaft, in deren d\u00fcnner Erde bunte chinesische Schriftzeichen  stecken, das Ganze eingefasst von einem kreisrunden Plastikring \u2013 ein  Spiel mit dem alten Weltbild von der Erde als Tellerscheibe, eine  ver\u00adsteckte Satire auf das Reich der Mitte? Da wird Kunst politisch,  auch wenn sie spielt. Nein, eigentlich bin ich der Spieler. Die Kunst  wirft mir die B\u00e4lle ja nur zu. Und: Wenn der Kunstbegriff ausgedehnt  wird, weitet sich auch der Natur\u00adbegriff. \u201eEin Kauz k\u00f6nnte ja sagen, die  ganze Natur sei nichts als F\u00e4ulnis und Schimmel auf dieser Erde &#8230;\u201c,  schwafelt Thomas Manns Felix Krull und zieht dann das Fazit, dass es  diese K\u00e4uze, die K\u00fcnstler sind, \u201e&#8230; die Wahr\u00adheit erblickten in Form  und Schein und Ober\u00adfl\u00e4che und sich zu deren Priester machten und auch  sehr oft Professor daf\u00fcr wurden.\u201c Da ist er ganz nah dran am  Wahr\u00adheits\u00adkern der Kunst. <br \/><br \/><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/Bild5011-1-400.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann findet sich doch noch die Kunst, die unser altes Herz suchte: Die  Kunst, wo alte und neue Kriterien sich ein Stelldichein geben: William  Kentridge, einer der Lieblings\u00adk\u00fcnstler von Kuratorin Carolyn  Christov-Bakargiev, die auch ein Buch \u00fcber ihn geschrie\u00adben hat.  Kentridge war schon zwei Mal in Kassel dabei. Seine an  Lager\u00adhalle\u00adnmauern proji\u00adzierten Videos, meist schwarz\u00adwei\u00df, haben es  in sich. Die 24 Minuten dauernden Film\u00adsequenzen mit mon\u00adtierten  Zeich\u00adnun\u00adgen waren zusammen mit Musik und Tanz eine Art  Gesamt\u00adkunst\u00adwerk mit starker emotionaler Wirkung, sie zeigen Witz und  Humor. Mitten im dunklen Raum steht eine Kreuzung aus Loko\u00admotive und  Pumpe, Blasebalg und F\u00f6r\u00adderturm \u2013 ein Ger\u00fcst mit pen\u00addelnden  Holz\u00adstangen, schwach angeleuchtet, leicht \u00e4chzend, atmend &#8230;  Ma\u00adschinenli\u00adtanei. Kentridge nennt das Monstrum \u201eElefant\u201c. Die  Videofilme des 1955 in Johannes\u00adburg geborenen S\u00fcdafrikaners  thematisieren den ver\u00adzweifelten und spielerischen Umgang mit der Zeit  (Metronom und Ziffern\u00adblatt); ein anderer Film zeigt den tragi\u00adkomischen  Kampf eines Mannes mit St\u00fchlen, die er \u00fcber\u00adsteigt, die sich ihm aber  immer wieder in den Weg stellen; oder eine Parodie auf koloniale  Herr\u00adschafts\u00adverh\u00e4lt\u00adnisse, wo ein junges schwar\u00adzes Diener-Paar sich  zwischen gezeichneten Attrappen der Zimmer\u00adw\u00e4nde, T\u00fcren, Fenster und  M\u00f6bel bewegt; zuletzt bewegt sich ein Zug von Schwarzen mit Karren,  M\u00f6beln, Musik\u00adinstru\u00admenten und Megaphonen an den W\u00e4nden entlang um den  ganzen Raum, stumme Schatten an der Wand, aber die marsch\u00ad\u00e4hnliche Musik  schreit die Klage heraus, ein Zug von Fl\u00fccht\u00adlingen zum eigenen  Begr\u00e4bnis. Hier verbinden sich Politik und Poesie. Aber die Hoff\u00adnung,  wie sie der ameri\u00adkanische Philosoph Richard Rorty in seinem Buch <em>Kontin\u00adgenz, Ironie und Solidarit\u00e4t <\/em>vor  einem Vierteljahrhundert postulierte, die Politik solle sich in eine  Poesie der Humanit\u00e4t verwandeln, bleibt utopisch wie Beuys soziale  Skulptur. <em>The Refusal of Time<\/em>, die Verweigerung der Zeit, die unser Leben ausmacht, f\u00fchrt zur Verleugnung des Paradieses auf Erden.  <br \/><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/Bild4998-1-400.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jede documenta spielt mit den Begriffen und Gegenst\u00e4nden der Kunst, mit  ihren Kontexten und Kontex\u00adtuierungen, mit den Augen der Betrachter, und  diese spielt so intelligent mit meinen grauen Zellen, dass ich gern  mitspiele. Sie ist so gut und so schlecht wie die beiden letzten  vorangegangenen. Ich verwerfe dieses und jenes, bis es \u00fcber Tag und  Nacht wieder aufersteht in mir. Ein guter Kunstbegriff ist letztlich  auch ein k\u00fcnstlicher Begriff, wie ja alle Kunst k\u00fcnstlich ist,  selbstredend, und alle K\u00fcnstlichkeit naturgem\u00e4\u00df nur ein Bild der Natur  ist. \u201eDie vollendete Spekulation f\u00fchrt zur Natur zur\u00fcck.\u201c, schrieb  Novalis 1798 in seiner Schrift <em>Allge\u00admeine Bruillon<\/em>. So soll es sein. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lesen Sie zu den&nbsp;<em>Arthurgeschichten<\/em>&nbsp;den&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>&nbsp;von Holger Benkel. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in&nbsp;<em>Schlangegeschichten<\/em>&nbsp;von Ulrich Bergmann finden Sie&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der unendlich geweitete Kunst-Begriff weht dich schon beim Eintritt ins Fride\u00adri\u00adcianum an. Die Kass\u00adeler documenta XIII \u00fcberrascht wieder einmal mit einem reichen Diskurs \u00fcber den Kunstbegriff mit allen sinnlichen und sinnigen Mitteln. 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