{"id":64181,"date":"2013-10-02T00:31:09","date_gmt":"2013-10-01T22:31:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64181"},"modified":"2020-05-04T18:36:42","modified_gmt":"2020-05-04T16:36:42","slug":"matrizen-und-matratzen-der-design-welt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/02\/matrizen-und-matratzen-der-design-welt\/","title":{"rendered":"Matrizen und Matratzen der Design-Welt"},"content":{"rendered":"\n<p>Hinter mir die Toteninsel San Michele. &#8230; Abends auf dem Zimmer in  einem ab\u00adgele\u00adgenen Viertel von Cannar\u00e9gio bei Fondamente nove lese ich  keins der mitge\u00adnomme\u00adnen B\u00fccher, unge\u00adlesen Andr\u00e9 Schinkels Brief, den  ich nach Venedig mit\u00adnahm \u2013 so voll der Tag, so viel\u00adf\u00e4ltig das Get\u00fcmmel  dieser immer musea\u00adler wer\u00addenden Stadt. So reich an Kunst ist Venedig,  dass ich bei jedem Aufent\u00adhalt Neues entdecke, diesmal das Museo  Fortuny mit einer wunder\u00adbar kura\u00adtierten T\u00e0pies-Aus\u00adstellung im Rahmen  der Biennale. Zwischen m\u00e4rchen\u00adhaft fu\u00adturis\u00adtisch gl\u00fchenden Fortuny-Lampen,  Kost\u00fcmen, Vitrinen und B\u00fchnen-Modellen im Pa\u00adlazzo des 1949  gestor\u00adbenen Erfin\u00adders, Beleuchtungs\u00adspezia\u00adlisten, Designers und  Mode\u00adsch\u00f6pfers Mariano Fortuny h\u00e4ngen die leuch\u00adtenden Bilder &#8230; <\/p>\n\n\n\n<p>Die Biennale zeigt viel. Zu viel. Viel Unwichtiges, l\u00e4ngst  Durch\u00addekliniertes, Schrei\u00adendes, Dummes, Fades \u2013 aber auch Anregendes,  Unter\u00adhaltsames. Wirk\u00adlich Wich\u00adtiges, wirk\u00adlich Neues sehe ich kaum.  Die documenta in Kassel letz\u00adtes Jahr wirkte st\u00e4rker, auch wegen ihrer  Gestal\u00adtung als breiter Horizont von Kunst\u00adbegriffs   \u00adverschie\u00adbungen.  Das Thema der Biennale, \u201eIl Palazzo Encic\u00adlopedico\u201c, unter\u00adliegt allzu  oft dem Prinzip des L\u00e4nder\u00adpavillonis\u00admus.  <\/p>\n\n\n\n<p>Giardini: Ai Wei Weis Hocker im franz\u00f6sischen Pavillon (von Deutsch\u00adland  einge-laden, man tauschte gegen\u00adseitig die Pavil\u00adlons): parabolisch und  be\u00addeutungs\u00adlos sch\u00f6n zu\u00adgleich: Unsesshaftigkeit, Heimat\u00adlosig\u00adkeit,  absurde Exis\u00adtenz in materiel\u00adler \u00dcber\u00adf\u00fclle, Tanz\u00adspr\u00fcnge der Dinge;  hand\u00adwerklich sehr gut die in\u00adeinander ge\u00adsteckten Hocker, die durch den  Raum zu fliegen schei\u00adnen und die Rumpel\u00adkammer des Seins ge\u00adstalten \u2013  Un\u00adsinnig\u00adkeit, Nutzlosig\u00adkeit, Un\u00adbenutz\u00adbar\u00adkeit werden dinglich,  Un\u00adord\u00adnung wird, leicht frisiert, zur beweg\u00adten Skulptur. <br \/><br \/><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/bien2.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> Der zentrale Pavillon zeigt Bilder von Maria Lassnig \u2013 inmitten der  vielen Spielchen und Spiele mit Formen, Moden, Lebens\u00adart in den  anlie\u00adgenden R\u00e4umen: Eine alte Frau im Tanz mit dem Tod, Tango nackt. In  einem anderen Bild richtet die gleiche Frau eine Pistole auf den  Betrachter, die andere gegen ihre Schl\u00e4fe: Du oder ich! So expressiv, so  bildhaft auf den Kern reduziert, so konse\u00adquent aufs Ganze gehend wurde  schon lange nicht mehr gemalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Russland-Pavillon ironisiert den obskuren Geldfluss in der Welt. Man  h\u00e4ndigt \u201eonly\u201c den Besuche\u00adrinnen trans\u00adparente Schirme aus, damit sie  sich \u2013 in Anleh\u00adnung an Danae, die von Zeus mit einem Goldregen  befruchtet wurde \u2013 unbe\u00adscha\u00addet in den Geldregen stellen k\u00f6nnen, der  vom Dach f\u00e4llt, gepumpt aus einem finste\u00adren Keller\u00adloch \u2013 w\u00e4hrend die  M\u00e4nner von oben, auf Kirchen\u00adb\u00e4nken kniend, zusehen, wie die Frauen das  Geld auf\u00adsammeln und den Kreislauf in Gang halten \u2013  wohl keine gewollte  Anspielung auf Beuys&#8216; Honigpumpe in Kassel, glaube ich, son\u00addern  Karikatur light. <\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Stingels orientalisch gemusterte Teppiche im Palazzo Grassi \u2013  \u00fcber 5000 Quadrat\u00admeter grob gedruckte Teppiche als Tapete und Fu\u00dfboden \u2013  ver\u00adsinnlichen in ironischer Ver\u00adfrem\u00addung und \u00dcber\u00adtreibung die  Repro\u00adduzier\u00adbarkeit des Kunst\u00adwerks im technischen Zeitalter. Na gut.  Das Echte ver\u00adschwindet in den Museen aus der Welt und ver\u00adk\u00fcmmert zur  Matrize einer Design-Welt. Und die Augen legen sich hier auf die  Ma\u00adtratzen der modischen Gef\u00e4lligkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Arsenale: Beim Verlassen der gro\u00dfen Hallen h\u00f6rt der Kunstg\u00e4nger die  Blechbl\u00e4ser auf der S.S. Hangover: ein blau\u00adwei\u00dfer Kahn mit einer Flagge  als Segel. Bei langsamer Fahrt lange T\u00f6ne aus Ebbe und Leere. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/bien3.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>         In einer Werfthalle erf\u00fcllt Kunstwille die Luft und dringt  weit vor in die ande\u00adren R\u00e4ume: Auf dem Boden die bunten Kegel der  Gew\u00fcrz\u00adpulver\u00adhaufen, ange\u00adstrahlt von oben. <\/p>\n\n\n\n<p>China tut sich schwer mit einer parodistisch-para\u00adboli\u00adschen Adaption  des H\u00f6llen\u00adsturzes von Michelangelo in der Sixti\u00adnischen Kapelle \u2013 als  Grisaille: Alle Gesichter der in die H\u00f6lle Fallenden sind chinesisch,  kahl rasierte K\u00f6rper und K\u00f6pfe, oben steht Christus als Richter, nackt  wie alle, ohne Kluft und Partei\u00adab\u00adzeichen. Akte, Akteure des Falls aus  dem Bereich des oberen so\u00adzialen Drittels.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ab und zu gut, das auf der Biennale Gesehene zu vergleichen mit  \u00e4lterer Kunst. Das war vor zwei Jahren einer der sch\u00f6nsten Ein\u00adf\u00e4lle der  Biennale-Macher, die in den zen\u00adtra\u00adlen Pavil\u00adlon der Giar\u00addini drei  riesige Tin\u00adtoretto-Gem\u00e4l\u00adde h\u00e4ngten, deren per\u00adspekti\u00advi\u00adsche und  bildhafte Wucht dem Besucher die Luft nahmen &#8230; In Peggy Guggen\u00adheims  Mu\u00adseum stie\u00df ich auf eine Collage von Max Ernst, die er Ferdinand  Cheval, dem Post\u00adboten, zudachte. Der hatte sich ein Grabmal gebaut, ein  Mauso\u00adleum, das weit \u00fcber die \u00dcber\u00adfremdungs-Scholastik aller  Biennalen hinaus\u00adragt: Palais id\u00e9al nannte er es. Was f\u00fcr ein Name f\u00fcr  eine Toten\u00adst\u00e4tte! Peter Weiss schrieb dar\u00fcber in den 60ern einen  Artikel mit den ein\u00adzigen Bildern, die damals die  Lite\u00adratur\u00adzeit\u00adschrift \u201eAkzente\u201c in ihren Blei\u00adw\u00fcsten zulie\u00df \u2013 so  befrem\u00addend und erstaunlich anmutend war die Archi\u00adtektur des  Auto\u00addidakten Cheval. <\/p>\n\n\n\n<p>In den R\u00e4umen des Palazzo Cini stellt Angola, Gewinner des Goldenen  L\u00f6wen, seine Bilder und Skulp\u00adturen aus, ein Stockwerk \u00fcber der sch\u00f6nen  Sammlung italie\u00adnischer Werke. Die Bilder aus Angola sind in der Tat  bemer\u00adkens\u00adwert: Dortige Zust\u00e4nde, Armut und Unter\u00addr\u00fcckung, werden  durch die formale Gestaltung, die an die besten euro\u00adp\u00e4ischen Meister  der klas\u00adsi\u00adschen Moderne erinnern, ins Allgemeine erhoben.  Afro\u00adexpres\u00adsionis\u00admus.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter vielen belang\u00adlosen Video\u00adfilmen dieser eine heraus\u00adragende: \u00fcber Blinde, die auf dem Boden kniend malen. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/bien5.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>So viele Pal\u00e4ste, so viel Kunst! Ich werde nicht satt, aber m\u00fcde.  <br \/>Ich lese Andr\u00e9 Schin\u00adkels Brief, er legte einen kleinen Prosa\u00adtext  hinein: \u201eUnter dem Blau\u00adglocken\u00adbaum\u201c \u2013 Pfalz-Impressionen,  tage\u00adbuch\u00adartige Refle\u00adxionen von der \u201eanderen Sei\u00adte dieses selt\u00adsamen  Landes\u201c, schreibt er aus Halle an der Saale. &#8230; Und ich denke, es gibt  noch so viele ande\u00adre Seiten, ich emp\u00adfin\u00adde Fremd\u00adsein\u00a0\/ Anders\u00adsein  schon in West\u00adfalen, nicht weit von Bonn am Rhein. Noch mehr Fremd\u00adheit  f\u00fchle ich in Ost\u00adfriesland &#8230; Die andere Seite finden wir ja schon in  uns selbst &#8230; manchmal &#8230; Dann \u00fcber\u00adfremden wir uns auch, um uns zu  ret\u00adten, wie die Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lesen Sie zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinter mir die Toteninsel San Michele. &#8230; Abends auf dem Zimmer in einem ab\u00adgele\u00adgenen Viertel von Cannar\u00e9gio bei Fondamente nove lese ich keins der mitge\u00adnomme\u00adnen B\u00fccher, unge\u00adlesen Andr\u00e9 Schinkels Brief, den ich nach Venedig mit\u00adnahm \u2013 so voll der Tag,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/02\/matrizen-und-matratzen-der-design-welt\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-64181","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64181"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64181\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}