{"id":64176,"date":"2009-08-21T00:01:59","date_gmt":"2009-08-20T22:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64176"},"modified":"2021-08-15T16:01:00","modified_gmt":"2021-08-15T14:01:00","slug":"eine-allianz-mit-der-seelen-sprache-der-leidenden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/08\/21\/eine-allianz-mit-der-seelen-sprache-der-leidenden\/","title":{"rendered":"Eine Allianz mit der Seelen-Sprache der Leidenden"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Iris Radischs Kritik in der Zeit vom 20.8.2009 ist nicht nur polemisch, sondern vernichtend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie h\u00e4lt die Sprache Herta M\u00fcllers f\u00fcr ungeeignet, das Lagergrauen zu beschreiben (\u201eHarfen\u00adkl\u00e4nge und Engelsges\u00e4nge im Secondhand-Betrieb\u201c), und wirft ihr vor: \u201eJeder Versuch einer poetischen \u00dcber\u00adh\u00f6hung und Inten\u00adsivierung wirkt hier abge\u00adschmackt und formelhaft \u2026\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u201elyrische Vokabular des 19. Jahrhunderts, vor allem der Engel, der Himmel, die Wolken, die Augen, der Mond, die Blumen, die Nacht, das Herz gehen s\u00fc\u00dfliche, infan\u00adtili\u00adsierende Allianzen ein mit den Instrumenten des Terrors: der \u203aHungerengel\u2039 fliegt durchs Lager, die \u203aHerz\u00adschaufel\u2039 um\u00adschmeichelt lyrisch das Kohle\u00adschippen, die Lager\u00adnacht ist aus \u203aTinte\u2039 \u2026 \u00fcber dem Lager\u00adhimmel steht der Mond wie \u203aein Glas kalte Milch\u2039. Sprachlich ist man hier n\u00e4her bei der \u203aMensch\u00adheits\u00add\u00e4m\u00admerung\u2039 des Expres\u00adsionis\u00admus als bei Stalins Himmel\u00adfahrts\u00adkommandos. Das Bestreben, die Dramatik des Erlittenen und schier Uner\u00adtr\u00e4glichen durch besonders erlesene Herz-Schmerz-Vokabeln und Engel\u00adbeigaben zu unter\u00adstreichen, bringt eine Kunst\u00adschnee-Prosa hervor, die das Leid unter ihrem antiquarischen Pathos begr\u00e4bt und das Unvor\u00adstell\u00adbare allzu vor\u00adstellbar macht.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kritikerin kann nicht erkennen oder will nicht wahrhaben, dass Herta M\u00fcller eine Allianz mit den Seelen der Gefangenen eingeht, die aus dem Wesen der Sprache gerissen wurden, die die Erz\u00e4hlerin hier beschw\u00f6rt. Sie singt mit der \u201eAtem\u00adschaukel\u201c ein melan\u00adcholisches Totenlied der Seelen\u00adzerst\u00f6rung in Prosa, ein lyrisches Epos in Leid-Kapiteln, die in ihrer Gesamt\u00adstruktur modern komponiert sind. Nicht Handlungs\u00adstr\u00e4nge sind wichtig, sondern Facetten und Tiefen\u00adstrukturen der Gefangen\u00adschaft, der Qual, der Hoffnungs-Illusionen, der von au\u00dfen nach innen und von innen nach au\u00dfen wirklich erlittenen Schmerzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Radisch \u00fcbersieht das surplus an Dialektik, das die metaphorische Sprache dieses Romans erzeugt: Die expressive Bildsprache zitiert eine Zeit, in der extreme Desil\u00adlusionierung und Hoff\u00adnungs\u00adlosigkeit umschlugen in neue Hoffnung. Der Schrei der Angst und der Schmerzen ist immer zugleich der Schrei nach dem Ende der Qual. Diese Sprache zitiert die Seelen\u00adwirklich\u00adkeit der Gefangenen aller Zeiten. Sie entspricht dieser unver\u00e4nderlichen Wirklich\u00adkeit, die mit einer neuen Sprache nicht authentischer beschrieben w\u00fcrde. Herta M\u00fcllers Sprache verliert nicht an Authen\u00adtizit\u00e4t, weil sie ihrem Wesen nach bekannt ist. Umgekehrt! Weil sie bekannt ist und weil sie die Seelen\u00adbilder der Gefan\u00adgenen beschreibt, best\u00e4rkt diese Sprache die Echtheit der Erlebnisse, Gef\u00fchle und Reflexionen. Neue Bedeutung gewinnt Herta M\u00fcllers poetische, oft lyrische Erz\u00e4hl\u00adsprache in den Kapitel\u00adstrukturen: Hier tritt meist die Handlungs\u00adebene zur\u00fcck, \u00c4u\u00dfer\u00adlichkeiten spiegeln innere Vorg\u00e4nge, geradezu stru\u00adktu\u00adralis\u00adtisch wird das Wesent\u00adliche der Gefangen\u00adschaft durch\u00addekliniert in den thematisch unter\u00adschied\u00adlichen Kapiteln, die zum Ende hin einer drama\u00adtur\u00adgischen Linie folgen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wahrheit der erlebten und erlittenen Tatsachen wird, prismatisch gespiegelt, zur poetischen Wahrheit. Das ist Lessings Forderung f\u00fcr das Drama (in der Hambur\u00adgischen Drama\u00adturgie), die genauso f\u00fcr die Erz\u00e4hlung des Schrecklichen gilt. Das Dramatische ist facettiert in Einzel\u00addramen der Seele: Angst, Hoffnung, Resignation, Depression, Hunger und Durst, Armut, K\u00e4lte, Hitze, Ersch\u00f6pfung, Tr\u00e4ume, Illusionen, Abh\u00e4ngig\u00adkeit, Schmerzen, Ungerech\u00adtigkeit, H\u00e4rte, Zynismus, Mangel an Liebe, Auszehrung, Suche nach Halt, religi\u00f6se Besinnung, Selbst\u00adbesinnlich\u00adkeit, Ichschwund, gruppen\u00addyna\u00admische Gewalt, Rollen\u00adzw\u00e4nge und dergleichen mehr \u2013 in der oft grotesken Zuspitzung schwanken solche Aspekte oft zwischen dem Tragischen und Komischen. Sie sind insgesamt ein Bild menschlicher Existenz. <em>Atemschaukel<\/em> ist also eine Existenz-Parabel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wem will Iris Radisch gefallen mit solcher Polemik gegen eine Dichterin, die sie nicht verstehen kann, weil sie das nicht will, deren \u00c4sthetik sie ablehnt im Namen der heiligsten Kuh ihrer Literaturkritik: Authentizit\u00e4t.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich halte dagegen: Wir erschaffen die Echtheit des Geschriebenen, indem wir es aus der Perspektive der Gefangenen und Entw\u00fcrdigten lesen und \u2013 anders als sie \u2013 den Schauer einer heimlichen Sch\u00f6nheit erkennen, der dem Grauen, der Gewalt, dem T\u00f6ten und Sterben innewohnen kann, weil das Skelett des Leben aufscheint in der \u00e4u\u00dfersten Reduktion. Die Gefahr der Verselbst\u00e4ndigung einer solchen Neben\u00e4sthetik besteht aber in Herta M\u00fcllers <em>Atemschaukel<\/em> deswegen nicht, weil die poetischen Bilder den Gefangenen geh\u00f6rt, nie der Gewalt selbst. Die Poesie verharmlost nicht das Leid der Leidenden, sondern versteht sie von innen heraus und gibt ihnen W\u00fcrde zur\u00fcck, die sie durch Gewalt verloren. Die Metaphorik verdeutlicht das Leid. <em>Atemschaukel<\/em> ist ein Mausoleum des Schmerzes.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss, eine andere Sprache \u2013 wie etwa die N\u00fcchternheit bei Imre Kertesz\u00a0\u2013 w\u00e4re m\u00f6glich. Der Verzicht auf explizite Metaphorik scheint eine genauere Beschreibung der Gefangenschaft zu gew\u00e4hrleisten. Aber was w\u00e4re gewonnen, wenn die durch Meta\u00adphorik erzeugten Andeutungen d\u00fcnner w\u00fcrden? Werden dann die Bilder im Kopf des Lesers automatisch echter? Herta M\u00fcller ging diesen Weg auch, indem sie eine einfache Syntax gebraucht, die einerseits N\u00fcchtern\u00adheit bewirkt, andererseits aber auch die Konzentration auf Einzel\u00adheiten, die bei dieser Erz\u00e4hlweise zun\u00e4chst unver\u00adbunden neben\u00adeinander stehen.<br \/>\u00a0Die Erz\u00e4hlperspektive ist gebrochen: Der Ich-Erz\u00e4hler, die m\u00e4nnliche Hauptfigur des Romans \u2013 der auch ein Prosagedicht in vielen Kapiteln genannt werden kann \u2013 bleibt meist auffallend unscharf, hinter diesem Ich steht die weibliche Autorin, die durch dieses fast fiktive Erz\u00e4hler-Ich hindurch\u00adschaut auf die erfahrenen Wirklich\u00adkeiten vieler anderer Ichs.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies und die thematische Akzentuierung der Kapitel\u00adstruktur und die Vernetzung durch Metaphorik leisten den Zusammen\u00adhalt des Erz\u00e4hlten und enthalten Ans\u00e4tze des Inter\u00adpretierens, die auch die n\u00fcchternste Erz\u00e4hlweise nicht vermei\u00adden kann. Warum auch? Selbst die n\u00fcchternste Sprache ent\u00adkommt der Bild\u00adersetzung nicht, die Sprache ist bild\u00adgebend in allen ihren W\u00f6rtern.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\"><br \/><strong>Atemschaukel<\/strong>. Roman von Herta M\u00fcller. Hanser 2009<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-90808 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover-160x243.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em>\u00a0den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Iris Radischs Kritik in der Zeit vom 20.8.2009 ist nicht nur polemisch, sondern vernichtend. 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