{"id":64158,"date":"2008-05-04T00:01:00","date_gmt":"2008-05-03T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64158"},"modified":"2022-02-23T13:38:34","modified_gmt":"2022-02-23T12:38:34","slug":"dinge-und-orte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/05\/04\/dinge-und-orte\/","title":{"rendered":"Dinge und Orte"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den beharrlichen Arbeitern am Wort ist es nicht einfach. Zu sehr ist oft die prononcierte Anwesenheit des Schrillen, zumal, wenn es auch noch in unbedarfter Verpackung erscheint, eine Art sp\u00e4te \u201aBlendungsgnade\u2018 f\u00fcr den im Niedergang begriffenen Kritiker\u00adstand. Ein gutes Gebr\u00fcll macht noch keinen Dichter, aber es f\u00e4llt immerhin auf: mit der Arbeit des Lyrikers hat es herzlich wenig zu tun. Im Fall von Andreas Altmann, einem der ernsthaftesten Wort-Arbeiter seiner Gene\u00adration, ist man dazu \u00fcbergegangen, die in der Tat eindrucksvolle, stille Mechanik seiner Gedichte zu loben und \u00fcbersieht oder reibt sich nicht gern an der kr\u00e4ftigen Klarheit, mit der dieser Vertreter der s\u00e4chsischen Dias\u00adpora in Berlin spricht. <br \/><br \/>Das mag auch daran liegen, da\u00df, wenn es ihn gibt, der aus tautologischen Gr\u00fcnden heuer so eitle wie seine Verlorenheit geflis\u00adsentlich leugnende \u201aLyrik-Betrieb\u2018 im Moment eben jene Klarheit nicht sonderlich sch\u00e4tzt. In seinen neuen Gedichten, unter dem Titel <em>Gem\u00e4lde mit Fischreiher<\/em> liebevoll bibliophil in der Chemnitzer Sonnenberg-Presse verlegt, kann man Altmann bescheinigen, der Konsequenz seiner Konzepte ver\u00adhaf\u00adtet zu bleiben, indes ist eine neuerliche Intensivierung, Vertiefung der Altmann&#8217;schen T\u00f6ne zu konstatieren, der ihn in eine gestische N\u00e4he zu den verwandten Kreisg\u00e4ngern setzt: Thomas B\u00f6hme, Tom Pohlmann, auch Hilbig und Rosenl\u00f6cher \u2013 die Verinnerlichung, Verspiegelung des Augenmotivs.<br \/><br \/>Die Einebnung der Sprache in die Natur \u2013 auch dies impliziert der Titel des neuen, schmalen Gedichtbands von Andreas Altmann, und, dem ge\u00fcbten Leser l\u00e4ngst vertraut, umgekehrt die Enthebung der Natur in die sph\u00e4rische Schwebe der Kunst, ohne sich, wie neuerdings oft, eine Verhebung einzuhandeln. Zunehmend philosophisch unterlagert, wie der erste Text schnell klarstellt, kommen die Altmann&#8217;schen Inventuren daher, in einer vielgelobten, bed\u00e4chtigen Stimmigkeit, gleichsam als ungebrochene Sondagen &#8230; und in fortw\u00e4hrender Bereitschaft, ins sch\u00fctzende Dickicht der Beobachtung zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Das Er\u00f6ffnungsgedicht gibt dabei frappierend die Sicht auf das seltsamste aller Dinge, das Selbst, preis:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">SCHON AUF DEM WEG in den spiegel <br \/>k\u00f6nnen augen nur ihre vergangenheit sehen.<br \/>worte, die sich immer nur erinnern,<br \/>stehen sich gegen\u00fcber. und sprechen sich nach.<br \/>die dinge zeigen sich im gesicht, das sich<br \/>von moment zu moment abzeichnet.<br \/>es tr\u00e4gt einen namen, der sich im klang<br \/>der stimme ver\u00e4ndert. ein bl\u00fchen,<br \/>ein schweben, ein welken, sich f\u00fcgen, das dich<br \/>von ihm trennt. und dir den mund schlie\u00dft.<br \/>auch blicke verlieren ihr gewicht. und<br \/>den boden unter ihrem licht. das heller<br \/>wird, dunkler und nur so scheint.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses erste Gedicht legt insofern ein Programm fest, als da\u00df es in solch einer gedankenlyrischen Hellsicht einen Umweg in die anderen Texte bahnt, jenseits des h\u00e4ufig konstatierten Findens in der Stille, dem mit ruhiger Hand gebrauchten Beschildern des Stillstands nun eine \u00fcber die Stagnation des \u00c4u\u00dferen hinaus weisende Er\u00f6rterung des Inneren zum Ziel wird, da\u00df einem im rechten Moment angst und bange werden mag. Altmann, der ganz offenbar ein \u201aDichter der Blicke\u2018 ist, hat f\u00fcr den Auftakt von <em>Gem\u00e4lde mit Fischreiher<\/em> die Ged\u00e4chtnisschleife zum Gegenstand gew\u00e4hlt, da\u00df die Erkenntnis dem Gegenw\u00e4rtigen stets f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde nachhinkt, weshalb jedes Wissen zwangsl\u00e4ufig Vergangenheit ist. <br \/><br \/>Das Intonieren der Namen scheint dabei lediglich ein Versuch zu sein, das Entschwindende zu benennen: jeder Blick, alles Reden verlischt letztlich im Hinblick auf ein Ende, das ein Schweigen, ein Sich-F\u00fcgen sein wird. Und selbst das ist m\u00f6glicherweise nur scheinbar, ist unsicher wie das Licht, das den Dingen und Orten Kontur gibt, hell wird, dunkel, und, so steht zu bef\u00fcrchten, schlie\u00dflich fortbleibt. Im zweiten Text des B\u00e4ndchens, das den Suchschnitt zu den Gegebenheiten anmoderiert, verschwinden denn auch die Dinge aus den Worten: \u00bbschnell ist das warme licht kalt\u00ab \u2013 verharren in der eigent\u00fcmlichen Ambivalenz ihrer Existenz: \u00bbdie b\u00e4ume sind schw\u00e4cher geworden. \/ doch auf ein wort bleiben sie stehen.\u00ab <br \/><br \/>Und so ist es: f\u00fcr die Ausdeutung der Umst\u00e4nde gen\u00fcgt Altmann oft ein einziges Wort, eine treffende Wendung. Das Harren der Gegenst\u00e4nde \u2013 insbesondere im Titelgedicht bekommt es in seiner nur scheinbaren Nichtigkeit einen seltsam drohenden Gestus. Der Reiher auf seiner Totholzinsel bleibt eigent\u00fcmlich leblos, sinkt gegen Ende des Textes wie ein Stein; w\u00e4hrend der unfa\u00dfliche Sommer, ein Tier, die Pl\u00e4tze wechselt und Spuren auslegt. Die Natur als das Verl\u00e4\u00dfliche, das zugleich das Unw\u00e4gbare tr\u00e4gt und benennt: der beredte Minimalismus dieser Poeme wird bekr\u00e4ftigt durch die vier mehrfarbigen Holzschnitte Bettina Hallers, die sich mit \u00c4sten und Scherben, Dornen und Nestern in symbolischer Sichtweite halten. <br \/><br \/>Der Spiegel als das Selbstgem\u00e4lde, ob in einem tats\u00e4chlichen Abbild oder, imaginiert, in den daf\u00fcr eigentlich ungeeigneten Objekten \u2013 das Sich-Wiedererkennen in den Dingen und die Verbundenheit mit ihnen \u2013 ist die Triebfeder des B\u00fcchleins: in den Weltgegenden, oder was man daf\u00fcr h\u00e4lt; und in der Vision, das Reden des Sprechers m\u00f6ge kein Selbstgespr\u00e4ch sein. In den Abschied, der insbesondere auf den naturbelassenen Schilderungen liegt, mischt sich das Anliegen, etwas \u00fcber diesen Zwang der Gegebenheiten zu begreifen. Am Ende schlie\u00dflich f\u00e4llt der Blick des Sprechenden in den R\u00fccken eines Andern, nicht aber, wie man nun erwartet, im Sinn eines Erkennens, sondern wiederum einer Eigen-Abbildung:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">DIE ST\u00dcRME KOMMEN aus dem norden. <br \/>wenn ich die augen schlie\u00dfe, sind sie wei\u00df <br \/>und haben kein gesicht. ein mann steht an<br \/>den wellen, die noch vor ihm weichen,<br \/>wolken tragen ihre berge ab. er hat sein haar<br \/>verloren. ich bin in seinem r\u00fccken meinen augen<br \/>nah. der wind rei\u00dft eine feder aus dem sand.<br \/>die m\u00f6we h\u00e4ngt am himmel, \u00fcber seiner haut.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen \u2013 im besten Sinne \u2013 \u00bbWortetrockner\u00ab nannte Wilhelm Bartsch den 1963 in Hainichen geborenen Wahl-Hauptst\u00e4dter in seiner Engf\u00fchrung zum vorhergehenden Gedichtbuch <em>das langsame ende des schnees<\/em>, das 2005 im Rimbaud-Verlag erschien. Altmanns Metiers sind die Natur und das, was sich die Natur von den menschengemachten Dingen zur\u00fcckgeholt hat; die Orte, an denen eine tr\u00fcgerische Ruhe eingekehrt ist, geblieben. Der Zweifel am Sinn ihrer Existenz ist unterdessen, wie der Wunsch, einen solchen in ihnen zu erkennen, nicht geringer geworden. Bei aller Stille, allem Verlorenheits-Anschein tr\u00e4gt er jedoch die Hoffnung auf ein wirkliches Gegen\u00fcber in sich, das sorgsam einbezogen wird, vorsichtig gehegt. <br \/><br \/>Andreas Altmanns Gedichte sind demnach das Produkt einer Gedanken-Legierung: zwischen dem herbarischen Eifer des Forschers und dem ged\u00e4mpften Vexierspiel des Flockenfalls, das die Abfolge der ein\u00adschie\u00dfenden Ansichten bestimmt, entfalten sie sich in einer Weise, da\u00df man gelegentlich um ihre Einordnung ringt. Dem Eiligen und Ungef\u00e4hren bleibt der Genu\u00df eines gedimmten Naturalismus, w\u00e4hrend der Auf\u00admerksame die inneren Bez\u00fcge triftig erkennt. Sei es, da\u00df der Blick ins Gegebene oder doch das Darunterliegende gemeint ist \u2013 der Dichter Altmann l\u00e4\u00dft uns in seinem neuen Gedichtband, der uns auch von der Liebe zu den B\u00e4umen, Elstern und Fischreihern berichtet, bei dieser Erkundung dabeisein.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gem\u00e4lde mit Fischreiher<\/strong>. Gedichte von Andreas Altmann, mit Holzschnitten von Bettina Haller, Sonnenberg-Presse Chemnitz und Kemberg 2008<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit den beharrlichen Arbeitern am Wort ist es nicht einfach. 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