{"id":64154,"date":"2012-06-05T00:01:09","date_gmt":"2012-06-04T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64154"},"modified":"2022-02-23T13:40:37","modified_gmt":"2022-02-23T12:40:37","slug":"das-glueck-des-atonalen-erzaehlens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/05\/das-glueck-des-atonalen-erzaehlens\/","title":{"rendered":"Das Gl\u00fcck des atonalen Erz\u00e4hlens"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Grauen fordert zur Dokumentation heraus, es beein\u00adflusst in sarkas\u00adtischer Weise seit jeher die Werke bedeutender K\u00fcnstler. Was den Schrecken der Konzentra\u00adtions\u00adlager betrifft \u2013 er hat den Ansto\u00df f\u00fcr eine ganze Reihe auf\u00adr\u00fctteln\u00adder B\u00fccher geliefert. Martin Straub, einer der Nestoren der th\u00fcrin\u00adgischen Literatur\u00adszene, sprach im Hin\u00adblick auf das wohl symbolischste, dem Kultur-Mythos Weimars ent\u00adgegen\u00adgesetzte Lager seiner\u00adzeit von einem \u00bbDichterhaus Buchenwald\u00ab diese fr\u00fche Erfahrung sollte auch das gesamte Werk des ungarischen Erz\u00e4h\u00adlers und Es\u00adsayis\u00adten Imre Kert\u00e9sz pr\u00e4gen. Dessen langer Weg in die \u00d6ffent\u00adlichkeit konnte sich im letzten Jahrzehnt dank h\u00f6chster Eh\u00adrungen konsolidieren, es w\u00e4re einem \u00bbFiasko\u00ab gleich\u00adgekommen, diesen Vertreter der Welt\u00adliteratur, der als Jugend\u00adlicher die H\u00f6llen von Auschwitz, Bu\u00adchen\u00adwald, Rehmsdorf \u00fcber\u00adstand, nicht geb\u00fchrend zur Kennt\u00adnis zu nehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Jenenser Kulturwissenschaftler und Autor Dietmar Ebert hat sich jahrelang mit dem gro\u00dfen und singu\u00adl\u00e4ren Werk des ersten unga\u00adrischen Lite\u00adratur\u00adnobel\u00adpreis\u00adtr\u00e4gers befasst, und er hat Lite\u00adratur\u00adwissen\u00adschaftler, Weg\u00adgef\u00e4hr\u00adten und Bewun\u00adderer Imre Kert\u00e9zs&#8216; zur Mitarbeit ein\u00adgeladen. Heraus\u00adgekommen ist ein Kompen\u00addium \u00fcber ein ersch\u00fct\u00adterndes, reiches, beein\u00addru\u00adckendes \u0152uvre, das von frap\u00adpierender Ge\u00adnauig\u00adkeit ist und stilis\u00adtische Paral\u00adlelen zur Musik des zwan\u00adzigsten Jahr\u00adhunderts aufweist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei kommen neben dem Herausgeber, der zugleich der Haupt\u00adautor der Mono\u00adgrafie ist und durch das erz\u00e4hlerische wie essayistische Gesamt\u00adwerk des Ungarn mit fun\u00addierten, tief lotenden Auf\u00ads\u00e4tzen f\u00fchrt, zahlreiche, berufene wie pro\u00adminente, Stimmen zu Wort. So berich\u00adtet L\u00e1szl\u00f3 F. F\u00f6ld\u00e9nyi von den Schwierig\u00adkeiten Kertesz&#8216;, die er ange\u00adsichts seiner zun\u00e4chst als \u00bbeinseitig\u00ab und nicht \u00bbrepr\u00e4\u00adsentativ\u00ab f\u00fcr sein Land apos\u00adtrophier\u00adten B\u00fccher zu beste\u00adhen hatte. Ilma Rakusa unter\u00adsucht in ihrem Aufsatz die Ambivalenz des Lachens im \u00bbGaleeren\u00adtagebuch\u00ab, in \u00bbFiasko\u00ab und \u00bbKaddisch f\u00fcr ein nicht geborenes Kind\u00ab, w\u00e4hrend Ingo Schulze den Einfluss von Imre Kert\u00e9sz auf das eigene Schreiben verdeutlicht. Bei\u00adgegeben sind ein Gespr\u00e4ch mit Lothar Cso\u00dfek, Leiter der Ge\u00addenk\u00adst\u00e4tte in Rehms\u00addorf bei Zeitz, dem ehe\u00admaligen Au\u00dfenlager von Buchenwald, f\u00fcnf Fotoessays von J\u00fcrgen Hohmuth und sogar der Ver\u00adsuch, Kert\u00e9sz zu \u00bbkom\u00adponieren\u00ab: Stefan Litwins Adaption findet sich in Noten\u00adbeispielen ab Seite 199.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebert zeigt, wie sich Kert\u00e9sz dem zentralen Gegenstand seiner Erw\u00e4gung n\u00e4hert, er be\u00adschreibt, wie der \u00bbRoman eines Schick\u00adsals\u00adlosen\u00ab einen alles andere als einfachen Weg nimmt, um in der Literatur den ihm l\u00e4ngst geb\u00fchrenden Platz einzunehmen. Symptoma\u00adtisch, dass die erste deutsche \u00dcbersetzung des Buches in den Wende\u00adwirren unter\u00adgehen musste \u2013 erst eine zweite, neu in Angriff genommene \u00dcber\u00adtragung bringt die dem Buch ange\u00admessene Aufmerk\u00adsamkeit. Ebert dazu: \u00bbIn der Tat \u00fcber\u00adschlugen sich die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse, und kaum jemand war in der damaligen Zeit ruhig genug, um mit klarem Blick zu erkennen, dass 1990 ein Werk von welt\u00adlitera\u00adrischem Rang erst\u00admals in deutscher \u00dcber\u00adsetzung vorlag.\u00ab Vor allem beweist Ebert die Wucht und Wirkkraft jenes als \u00bbatonales Erz\u00e4hlen\u00ab gekenn\u00adzeichneten Stils von Kert\u00e9sz, der es erst m\u00f6glich macht, \u00fcber das Erlittene in einer k\u00fchlen, mental fast unbewegten Tonart zu sprechen. Mit hohem musika\u00adlischem Kompo\u00adsitions\u00adwillen, auch jenseits des Moralisch-Men\u00adtalen gibt Kert\u00e9sz die wohl ungew\u00f6hn\u00adlichs\u00adten Einblicke in die m\u00f6gliche Ent-Indivi\u00adduali\u00adsierung des Menschen, er gibt der Trennung zwischen Leib und Geist, um zu \u00fcber\u00adleben, so erst eine Stimme.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Buch, das versucht, die Quintes\u00adsenz des Kert\u00e9sz&#8217;schen Werks aus nahezu jedem Blick\u00adwinkel zu er\u00adfassen, ist nicht nur die ideale Ein- und Seiten\u00adf\u00fchrung zu den B\u00fcchern des Wahl-Berliners, es sollte nicht nur als Standardwerk zur weiteren \u00d6ffent\u00adlich\u00adkeit einer gro\u00dfen Schrift\u00adsteller\u00adpers\u00f6n\u00adlich\u00adkeit beitragen, sondern auch als Nach\u00adweis f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten indi\u00advidueller Aufarbeitung, Erfassung des katas\u00adtro\u00adphischen zwanzigs\u00adten Jahr\u00adhunderts mit absolut beson\u00adderen Mitteln dienen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><br \/><strong>Das Gl\u00fcck des atonalen Erz\u00e4hlens<\/strong>, Studien zu Imre Kert\u00e9sz. Dietmar Ebert (Hrsg.). Mit Fotoessays von J\u00fcrgen Hohmuth Dresden: Edition Azur<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Grauen fordert zur Dokumentation heraus, es beein\u00adflusst in sarkas\u00adtischer Weise seit jeher die Werke bedeutender K\u00fcnstler. 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