{"id":64150,"date":"2009-05-14T00:01:00","date_gmt":"2009-05-13T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64150"},"modified":"2022-02-23T13:41:29","modified_gmt":"2022-02-23T12:41:29","slug":"die-elegie-ist-ein-grosses-abenteuer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/14\/die-elegie-ist-ein-grosses-abenteuer\/","title":{"rendered":"Die Elegie ist ein gro\u00dfes Abenteuer"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion<\/span>: F\u00fcr das Projekt <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">Kollegengespr\u00e4che<\/a> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Der hallesche Lyriker Ralf Meyer erz\u00e4hlt in seinem neuen Gedichtband \u201eWiederstedter Elegien\u201c von einem der letzten Wunder in der Men\u00adschen\u00adwelt: dem Werden und Vergehen der Liebe. Er gew\u00e4hrt dabei einen so aufregenden wie frap\u00adpierenden Einblick in die Lebens- und Liebes\u00adkunst. Andr\u00e9 Schinkel sprach mit dem Autor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Andr\u00e9 Schinkel:<\/strong> Dein erstes Gedichtbuch \u201edie innenw\u00e4nde des horns\u201c erschien 1996. Die \u201eWiederstedter Elegien\u201c sind nun nach einigen kleineren Ver\u00f6ffentlichungen der zweite regul\u00e4re Band. Der gro\u00dfe zeitliche Abstand \u2013 ist er Verlegenheit oder Bekenntnis?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Ralf Meyer: <\/strong>Weder noch. Mir war klar, da\u00df ich nicht noch so ein Buch machen wollte. Mich hat rasch nach dem Erscheinen an diesem ersten Band sehr vieles gest\u00f6rt. Mir schwebte etwas Anderes, Besseres vor. Es hat bis etwa 2000 gedauert, bis ich einen neuen Ansatz hatte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Kannst Du dieses St\u00f6rende beschreiben?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Ein frostiger Expressionismus, den ich \u00fcberwunden habe.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Was sich in den fr\u00fcheren Texten auch schon abzeichnet, tritt nun voll ausgebildet auf: Dein Bekenntnis zur festen lyrischen Form findet sich in den elegischen Versen im Hauptteil und in den gereimten Teilen des Rahmens wieder. Gibt Dir die Form Sicherheit f\u00fcr den Inhalt, ist es umgekehrt?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Mir kommt es eher merkw\u00fcrdig vor, da\u00df so viele Autoren auf die Formen und ihre Vielfalt verzichten. Sie verzichten auf gro\u00dfen Reichtum. Ich w\u00fcrde gerne sagen, da\u00df diese Autoren zu faul oder zu eitel sind, aber es ist heutzutage einfach eine Tatsache, da\u00df alle m\u00f6glichen Texte f\u00fcr Gedichte gehalten werden. Sie m\u00fcssen nur kurz sein und so beschaffen, da\u00df sich jeder bei ihnen denken kann, was er will. Ach, ich sag es trotzdem: Viele Leute sind zu faul und zu eitel f\u00fcr die Form!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Das Buch erz\u00e4hlt die Geschichte einer gro\u00dfen Liebe, die aufbl\u00fcht und stagniert, leuchtet und vom Zerfall bedroht ist, im klassischen Versma\u00df. Wie kam es dazu?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Ich trug den Wunsch, eine solche Geschichte in Versen zu erz\u00e4hlen, lange mit mir herum. Und 2001 fand ich das Thema daf\u00fcr.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Bei der Elegie denkt man an die Vollender der Form: Goethe, H\u00f6lderlin, Schiller. Wie ist Dein Bezug dazu?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>W\u00e4hrend ich die Elegien schrieb, habe ich die Texte \u2013 auch die der antiken Autoren \u2013 gemieden. Nach Abschlu\u00df der Arbeit wu\u00dfte ich auch, warum. Man wei\u00df die alten Meister anders zu w\u00fcrdigen, wenn man das selber mal versucht hat: Goethes Musterg\u00fcltigkeit. Wie H\u00f6lderlin der Elegie eine ganz neue Farbe entdeckt. Die Elegie ist ein gro\u00dfes Abenteuer, weil sie verlangt, mit \u00fcberw\u00e4ltigenden Gef\u00fchlen zu operieren und diese ins Ma\u00df, ins Ma\u00dfvolle zu bringen. Dieses Verh\u00e4ltnis von Leidenschaft und Ratio steht f\u00fcr einen Teil Lebenskunst. Man kapiert bei den Elegien der Gro\u00dfen nur das, was man wei\u00df; und ich hatte das Gl\u00fcck, Leute in meiner Umgebung zu haben, die sich nicht zu schade waren, auf bestimmte Sch\u00f6n\u00adheiten hinzuweisen. Zu diesen Leuten geh\u00f6ren die Lyriker Werner Makowski und Peter Gosse sowie die Literatur\u00adwissen\u00adschaftler R\u00fcdiger Ziemann und Bernd Leistner.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Die alten Formen ins Heute gedreht, das ist schon faszi\u00adnierend. Gibt es da von Deiner Warte aus Ankn\u00fcpfungen zu zeit\u00adgen\u00f6ssischen Autoren?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Die Vertreter der sogenannten S\u00e4chsischen Dichterschule, das waren die Lyriker meiner Jugend. Sie haben aus welt\u00adanschau\u00adlichen Gr\u00fcnden die Formen\u00advielfalt gepflegt. Und: Peter Hacks hat exzellente Elegien geschrieben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong> Wenn wir beim Zeitgen\u00f6ssischen sind: Was h\u00e4ltst Du von der heutigen Lyrik, ihrer Situation, insbesondere den Wortf\u00fchrern der sogenannten \u201aLyrik-Welle\u2018?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Wenn das eine Welle ist, dann verweist sie offensichtlich auf ein Bed\u00fcrfnis, das also besteht, wahrscheinlich: Individualit\u00e4t zu behaupten. Allerdings gestehe ich: Mit den meisten Texten der jungen Szene kann ich \u2013 ehrlich gesagt \u2013 nichts anfangen, will aber hier auch nicht alle \u00fcber den selben Kamm scheren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Nochmal zur Form: Was meinst Du, ist das gebundene Sprechen eine Option f\u00fcrs K\u00fcnftige und so eine Ausweichbewegung zur Gegenwart?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Die gebundene Form ist in verschiedenen Epochen erprobt und damit ein erprobtes Werkzeug, sich die Gegenwart vorzukn\u00f6pfen. Der Gegenwart auszuweichen, das halte ich f\u00fcr beinahe unm\u00f6glich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Der Novalisbezug im Buch f\u00fchrt uns ins mitteldeutsche Dreil\u00e4ndereck. Ist unter dieser Liebesgeschichte f\u00fcr Dich als Mansfelder zudem eine Heimkehr verborgen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Das Verlangen nach Liebe und das nach Heimat, die \u00e4hneln einander. Das ist aber eher f\u00fcr den Autor interessant, weniger f\u00fcr den Leser.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong> Was reizte Dich an Novalis?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Die Geschichte beginnt im Wiederstedter Schlo\u00dfpark, also in romantisch vermintem Gel\u00e4nde. Manche Zeiten sind anf\u00e4lliger f\u00fcr die Romantik als andere; und mit Sicherheit ist ein bestimmtes Lebensalter anf\u00e4llig daf\u00fcr: die Jugend. Das interessierte mich, und es betraf mich, weil ich in Begriff war, das drei\u00dfigste Lebensjahr zu \u00fcberschreiten. Das Motiv der romantischen Liebe, die unerf\u00fcllbar bleiben mu\u00df und im Fall Novalis unerf\u00fcllt bleibt, weil die Geliebte stirbt. Die skrupellose Verkl\u00e4rung von todes\u00adsehn\u00ads\u00fcchtiger Jugend \u2013 man wird ja wirklich erwachsen, und beginnt den Leim zu bemerken, auf den man gegangen ist. Ich zog mich sozusagen an den eigenen Haaren aus dem romantischen Sumpf, und in dieser Hinsicht ist das B\u00fcchlein auch ein Beitrag gegen einen allzu leichtfertigen Umgang mit der Romantik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong> Die Zuwahl des Rahmens, in dem das Liebesversprechen vom Entstehen der Gedichte abh\u00e4ngig gemacht wird, die dann den Hauptteil bilden, war sie von Anfang an geplant und unumstritten?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Der Rahmen war von Anfang an geplant, und ich habe l\u00e4nger nach einer Form daf\u00fcr gesucht. Die meisten, die die Texte kannten, haben von diesem Rahmen abgeraten. Mir ist aber die Komposition des Zusammen\u00adhangs wichtig, auch wenn sie bestimmte Leser vielleicht abschreckt. Der Rahmen st\u00e4rkt die Geschichte und weist die Elegien eindeutig als Rollengedichte aus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>In der Rahmenhandlung begegnen wir der Figur eines merkw\u00fcrdigen Alten, der eine reizvolle Rolle innehat, welche Funktion kommt ihm zu: die des puren Begleiters, Moderators, Kontaktes \u00fcber die Zeiten hin?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Er ist der Park- und Schlo\u00dfw\u00e4chter, ein Reisef\u00fchrer, ein \u201aAlter ego\u2018 des jungen Mannes. Er bringt seine Sicht der Dinge ein, die sich von dem unterscheidet, was die J\u00fcngeren denken und glauben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Freunde, die Deine Arbeit begleiten, m\u00f6chten vielleicht die Gestalten des Buchs real personifizierbar wissen. Das Gegen\u00fcber des Liebenden, die Frauengestalt, ist sie reell vorstellbar oder als Kunstfigur doch eher das Ideal einer Geliebten?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Da haben die Freunde vielleicht einen zus\u00e4tzlichen Genu\u00df in ihren Spekulationen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Du bist als Chefdramaturg auf der halleschen Kulturinsel t\u00e4tig. Theater und Lyrik \u2013 befl\u00fc\u00adgelt sich das, schlie\u00dft sich das aus, hat es \u00fcberhaupt miteinander zu tun?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Beides interessiert mich, beides kann einander befl\u00fcgeln, und beides braucht Zeit. Da das Theater mein Beruf ist, ist die Frage des Vorrangs entschieden. Gottseidank mu\u00df ich nicht von meinen Eink\u00fcnften als Lyriker leben, denn das k\u00f6nnte ich nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A. Schinkel: <\/strong>Und zum Schlu\u00df: Wie sieht es mit k\u00fcnftigen B\u00fcchern aus? Werden wir wieder lange warten m\u00fcssen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>R. Meyer: <\/strong>Ich bin so flei\u00dfig, wie ich sein kann. Es gibt diese Anekdote: Thomas Rosenl\u00f6cher wurde am Ende einer Lesung nach neuen Gedichten gefragt und rief ins Publikum: \u201eLesen Sie doch erstmal die alten!\u201c \u2013 Mein Buch ist eben erschienen, und Du fragst schon nach dem n\u00e4chsten!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: F\u00fcr das Projekt Kollegengespr\u00e4che hat A.J. 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