{"id":64138,"date":"2012-09-26T00:04:02","date_gmt":"2012-09-25T22:04:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64138"},"modified":"2022-02-23T13:39:53","modified_gmt":"2022-02-23T12:39:53","slug":"zwischenspiel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/26\/zwischenspiel\/","title":{"rendered":"Zwischenspiel"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist es endlich still. Die Dinge schweben \u00fcber ihren verlassenen Schatten. Das Schweigen repariert die Trommel\u00adfelle, vergilbt \u00fcber dem Kopf zu einer h\u00f6heren Stille. Der Pfeilschaft in der Schulter, noch eben ein rasender Schmerz, blinkt jetzt und blakt wie ein ehernes Talglicht, dem sich nun die Luftzufuhr St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in die Leere entzieht. Du schwebst, wie die Dinge betrachtest du deinen Schatten, eine unf\u00f6rmige, doch inzwischen schwere\u00adlose Furchung dein Leib, die Arme streng gewinkelt mit dem knirschenden Ger\u00e4usch deines vertrocknenden Fleischs. Du schwebst und liegst zugleich noch in den Bergen, wo ich dich traf, mit Blicken zun\u00e4chst, die nicht aus\u00adreichten dann \u2013 dein K\u00f6rper gelinde gedreht in einer pudrigen W\u00fcste aus Schnee, und das schartige Gefieder der V\u00f6gel dreht sich, ohne dich noch zu erreichen, ebenso schweigend und still in der N\u00e4he. Jetzt erst siehst du die zerhackten, zerschnit\u00adtenen Ballen der Hand \u2013 wie sie dir auf deiner \u00fcber\u00adst\u00fcrzten wie sinnlosen Flucht nicht auffallen konnten, zieht sich jetzt der Schmerz aus ihnen zur\u00fcck, l\u00e4uft an den sich verkr\u00fcm\u00admenden Sehnen entlang, verschwindet in der verk\u00fcmmernden Dattel deines K\u00f6rpers \u2026 wo du die letzte Mahlzeit noch f\u00fchlst \u2026 jetzt, jetzt, schw\u00e4cher werdend, jetzt nicht mehr, nun hast du sie vergessen und sp\u00fcrst dem Verschwinden deines Beingef\u00fchls nach, w\u00e4hrend du dich, in stiller Rotunde, um dich selbst drehst, ein schwin\u00addender Schatten dein Leib \u2026 das Schweigen repariert die Trommelfelle, und das weise Knistern des Abschieds erreicht, \u00fcberrollt dich mit W\u00e4rme. Es ist das einzige Ger\u00e4usch und das Tr\u00f6stlichste, was dir deine vertrock\u00adnenden und zugleich gesundenden Ohren jetzt bieten. Nun bist du erleichtert, drehst in der Rotunde auf dem Gebirg&#8216;, das dein verlorener Glaube ist, an alles, die S\u00fchne, den Geist deines Tuns. Der Gedanke ans Licht hei\u00dft: das Nachlassen des Schmerzes. Er steht auf dir und leuchtet, betrachtet dich wie den Schatten seines eigenen Leibs. Ein Flu\u00df von Strahlen wie H\u00e4nde auf dir, ein Leuchten, ein Irrlicht, eine frohe Verhei\u00dfung. Keine Pein mehr in den Gliedern \u2026 wie beim letzten Schritt, als dich der Blick und der Pfeil traf. Nur Stille. Die S\u00e9ance der Erl\u00f6sung, wie sie \u00fcber dir, unter dir, Schatten deines Leibs, und inmitten dir schwebt. Das Blinken des Pfeilschafts erloschen, das Rumoren der Spitze im Fleischsaum der Schulter verstummt. Das Klirren der Waffen und Schn\u00e4bel entfernt. Die gurgelnde Mahlzeit im sich verbiegenden Leib das vergessene Pfand f\u00fcr das Andere, das, denkst du, ohne zu wissen (oder denkt dich der Strahl des Gedankens?) \u2026 das dich nach dem Durch\u00adschreiten der Stille erreicht. Aber noch drehst du dich in der Rotunde aus Schweigen und Licht, und nimmst schwindend wahr, und auch die Dinge verschwin\u00adden um dich, reiten durch die schwin\u00addende Luft in den Schutz der schwindenden Mauern aus Fels, drehn ihre Runden hinter einem glei\u00dfenden Spalier aus Graten und Licht \u2026 und gehn dir vergessen: wie du sie vergi\u00dft und dich und alles in diesem stummen, kaum rauschenden Inferno des nach\u00adlassenden Schmerzes, der, ein guter Gedanke, dem alles ver\u00adschluckenden, dem Ablicht zutreibt, das hinter der Stille, der Erl\u00f6sung des nachlassenden Schmerzes, beginnt und dich in eine noch viel unend\u00adlichere Stille, und den Schatten deines Leibs, endlich befreit. Gelinde dreht sich das Schweigen. Die Schatten schweben \u00fcber den verlassenen Dingen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hier ist es endlich still. 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