{"id":64132,"date":"2008-04-27T00:01:00","date_gmt":"2008-04-26T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64132"},"modified":"2022-02-23T13:37:00","modified_gmt":"2022-02-23T12:37:00","slug":"zweites-nachtstueck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/04\/27\/zweites-nachtstueck\/","title":{"rendered":"Zweites Nachtst\u00fcck"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das Labyrinth, das dich verr\u00fcckt macht. Stunden oder Wochen wandelst du schon, ein ausgemusterter Straps, ein verrosteter Kohlenkasten vielleicht, Gott gebe dir die Kraft, ein Ende zu setzen, sagst du \u2013 auf seiner Liste bist du sowieso. Die Jahre auf den Nervensofas vorbei, jenes Labern \u00fcber die Leere, sagst du; ein M\u00e4dchen kommt alle vierzehn N\u00e4chte zum Ficken, immerhin, sagst du dir, ein Hauch von Einklang und Schwingung, bevor es zerbricht. Jede Beziehung zerst\u00fcckelt, bevor sie begann, in den Trillerpirouetten eines exotischen Dichters verlorn, oder im stakenden Tasten desjenen, den man den &#8218;Hand\u00adbegutachter&#8216; nennt. Gehetzt und verloren dein Stand, als du dich dem Treiben anpasstest, dem Establishment, rufen die vergreisten Revolution\u00e4re, dem System, in dem ein jeder f\u00fcr sich ein Verlorener ist. Und auf der Flucht: du, der Einsame, enteinsamt, Widerg\u00e4nger, der nackt von Haus zu Haus eilt in den N\u00e4chten und auf die Fensterl\u00e4den einschl\u00e4gt \u2026 wissend, da\u00df niemand dich h\u00f6rt, das tote Vieh in den St\u00e4llen vielleicht und mit jenen vor Zeiten vergessen; wissend, in verzweifelter Hoffnung \u2026 aber nur die Schar Kinder, die sich im Garten ums verfaulende Obst balgt, tretend und schreiend und mit dem Einbruch der Nacht l\u00e4ngst schon vorbei. Du schl\u00e4gst und h\u00e4mmerst gegen die Fenster, bis du blutend, verweint aufgibst, zum Verschnaufen, bevor du beginnst, wieder zu h\u00e4mmern. Blutig zusammenbrechen und in einen fahrigen Schlaf sich zu tr\u00e4umen, Ruhe f\u00fcr einen Moment, ist dein Traum; aber der Klopfdrang treibt dich schon weiter, eben jenes zu erreichen: zu schlafen, zu ruhen, weit von den hektischen Tr\u00e4umen der andern Verlornen entfernt. Du siehst Bauern beim Wasserholen des Nachts, oder tr\u00e4umst du es nur; sie sind bis auf die Augen vermummt, aus ihren l\u00f6chrigen Eimern das Wasser im Mondschein weist auf die kargen Lichter der H\u00f6fe zur\u00fcck, in die steinerne Haut ihres Eben-noch-Mensch-Seins. Und nachts wird heimlich geschlachtet, siehst du und h\u00f6rst du vor allem, das unterdr\u00fcckte Quieken der S\u00e4ue, das verhaltene R\u00f6hren halbverhungerter Rinder, denen die Euter bald bersten \u2013 sie schmerzt schon lange, was ihnen die Gier der Vernunft angez\u00fcchtet \u2026 die fressende \u00dcberheblichkeit in den St\u00e4dten wie den H\u00e4usern der Anger, fressend mit gelben, ausfaulenden Schimpansen\u00adz\u00e4hnen, jene, und mutierende, Schande der Insekten verzehrenden zoologischen Ordnung. In den Klopfpausen, im Ablicht der Sterne am Torfsteg, wirst du an die Ikonen in der Dorfkirche denken, den bleichen Schimmer ihrer Gesichter, die immerfort mit schlechtem Mundatem gek\u00fcssten, gemalten Glieder der Finger, woran man die Krallen noch sieht, das Indiz der Kohorte. Einmal wird dicker Schnee die Stra\u00dfen und Wege bedecken, und du wirst, so die Exekutive es zul\u00e4\u00dft, noch unterwegs sein, tags\u00fcber brummend ein Lied, ein Ende zu setzen \u2026 und nachts auf ein Nachtlager klopfend eben aus Angst vor dem Ende; die Milchstra\u00dfe wird folgen mit glimmendem Blick, auch sie hat l\u00e4ngst die Orientierung verloren, wirst du sagen; das weinerliche Funkeln verl\u00f6schender Sonnen erschwert dir den Weg, den dir Kometen freischie\u00dfen werden \u2013 bis zur n\u00e4chsten Siedlung im Torfmoor vielleicht, eine geflutete Wiese, auf der im Mondlicht Schafe ertrinken, verhungernd und hilflos \u2026 und ein vermummter Sch\u00e4fer sein Ende hernimmt, da\u00df du sein Brot essen wirst und ihn im schwarzen Nichts des steigenden Wassers wie einen Bruder versenkst. Aber noch h\u00e4mmerst du hier, verschlafene V\u00f6gel fliegen auf, in hastiger Angst \u2026 die Striche einer verendeten Ziege dienen dir gegen den Durst; und du gehst und klopfst gegen die L\u00e4den der verlassenen H\u00e4user, ziehst von Ortschaft zu Ortschaft; die Bauern vermummt, die Augen der Torfstecher wie gl\u00fchende Kohlen, von der n\u00e4chtlichen Arbeit im Stich, bedrohliches Wispern und Fr\u00f6mmeln um dich \u2026 und niemand, der irgendwo wohnt; deine Schl\u00e4ge auf die Fensterb\u00e4nke ganz hohl; niemand, der dir tags auf den Angern begegnet, die schweigende Welt l\u00e4\u00dft einen raunenden Furz auf das Ende \u2026 das dich schon zeichnet, denkst du, deine Sohlen geschwollen, verbrannt; der Traum, der dich f\u00fchrte, nun g\u00e4nzlich verkn\u00e4ult, jene Bitte um Ruhe in dir; Dunkelheit trifft dich, wenn du in die Sumpfw\u00e4lder trittst, Nacht und das ferne Klatschen des Torfs; und hier setzt du dich endlich und ger\u00e4tst in den Schlaf, hier nun, und abseits der H\u00e4user, an die du geklopft hast vergeblich, jenseits der Tr\u00e4ume, wonach du dich sehnst \u2026 ihre Schatten, sagst du, versinken im Sumpf, ihre Bewohner nur Irrlicht \u00fcber den Wassern \u2013 ein Rattenk\u00f6nig, tr\u00e4umt dir, tritt auf, f\u00fchrt die Regentschaft, die Zahl seiner Schw\u00e4nze sein Volk \u2026 und so tappst du, tappst schweigend durchs Gewirr deiner Tr\u00e4ume, wonach du dich sehnst: das Klatschen des Torfs, vermummte Gestalten, du schleifst eine Ziege hinter dir her \u2026 und du bist, tr\u00e4umend, ein Rattenk\u00f6nig, der auf ein Nachtlager hofft in den W\u00e4ldern, von deinen Untertanen verfolgt und umringt, wissend, da\u00df das Ende schon l\u00e4ngst nach dir schielt. Und du bist, so tr\u00e4umt dir, der Liebhaber von duftenden Frauen; B\u00e4urinnen und Torfstecherinnen; das Licht ihrer Stuben umfliegt dich \u2026 und sie tafeln dir auf; worum du gebeten hattest in den D\u00f6rfern, f\u00e4llt dir im Tr\u00e4umen nun zu \u2026 immer drei M\u00e4dchen am Hals, brennt dir die Lunte, Papier, und das Lachen der Torfleute dringt aus den Stichen zu dir, derweil du in ihren T\u00f6chtern versinkst. Du liegst also endlich und tr\u00e4umst, abseits derer, auf die du gehofft hast; und wei\u00dft, da\u00df dir nichts bleiben wird, als weiterzuwandern, wenn du, von Ratten benagt, in den W\u00e4ldern erwachst \u2026 was bleibt dir, als weiterzumachen, mit blutenden Kn\u00f6cheln \u2026 dich vor W\u00f6lfen und B\u00e4ren verstecken, die dir jenseits der Wege noch nachgehn, so auf ein Nachtessen hoffend, das Festmahl, aus dem du bestehst; immer ferner das Klatschen des Torfs, das Bl\u00f6ken der Tiere \u2026 zu wandern bleibt dir, bis an jenes Tal, wie du glaubst, hoch im Norden, denkst du mit klopfenden Gliedern, in das hinabzust\u00fcrzen Einschlaf und Erl\u00f6sung bedeuten, dein irdisches Ende. Vorerst bist du am Rufen, schl\u00e4gst gegen die L\u00e4den der Fenster, und solange du nackt in den Sumpfw\u00e4ldern liegst, bleibt dir der Traum, da\u00df dich ein M\u00e4dchen zum Ficken besucht \u2026 du tr\u00e4umst ihren Leib, wie sie auf dir liegt, nachdem sie dich hastig erregt hat. Es ist das Fleisch eines exotischen Weibs, sagst du dir, das herrliche Loch einer Mulattin; und du sp\u00fcrst das Sekret ihres Geschlechts \u2026 du wirst weitergehen, das wei\u00dft du; und noch im Traum machst du dich auf, Gott gebe dir die Kraft, sagst du dir, an ein Ende zu kommen, an den Ausgang des Torflabyrinths, das dich noch einmal verr\u00fcckt macht. Aber noch bist du am Klopfen, unbeirrbar zerschl\u00e4gst du das Holz ihrer Fenster; und ihre Fratzen starren dich an, wenn du die Vorh\u00e4nge teilst; ihre Augen, wenn du ihre Schultern ber\u00fchrst, mustern dich hohl \u2026 und wenn du dich, Rattenleib, ein verrosteter Kohlenkasten vielleicht, nach Norden wendest im Schlaf, verfolgt dich zwischen den H\u00e4usern das Schweigen der Anger.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Es ist das Labyrinth, das dich verr\u00fcckt macht. 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