{"id":64130,"date":"2006-04-30T00:01:00","date_gmt":"2006-04-29T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64130"},"modified":"2022-02-23T13:33:32","modified_gmt":"2022-02-23T12:33:32","slug":"an-der-saale","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/04\/30\/an-der-saale\/","title":{"rendered":"An der Saale"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>Goldene Drift im herbstlichen Gleichklang der Schritte:<br \/>Sonst legt Stille dich fest: an den verlassenen R\u00e4ndern<br \/>Des Flusses, wo dich das Ufergras einschn\u00fcrt.<br \/>D\u00fcster und baumlos sind unsere Tr\u00e4ume, aber hier<br \/>Stehen sie noch, geduckte Gef\u00e4hrten, gro\u00df und<br \/>Spr\u00f6de vor Mitschweigsamkeit. Seltsames Warten<br \/>Unter gelben, orangefarbenen Himmeln, ferner,<br \/>Als da\u00df man es ahnt, die Lichter der Menschen,<br \/>Die da im G\u00f6tterzorn leben und es die G\u00f6ttlichkeit<br \/>Nennen: Halle Landsberg Wettin: versinkende St\u00e4dte,<br \/>Oder schon der Vertrocknung anheim \u2026 ihrer<br \/>Bewohner, in Stra\u00dfen, gepflastert mit B\u00e4renkalotten.<br \/>Aber hier, hier bist du getr\u00f6stet, hier ruht der<br \/>Zauber noch aus, ohne Statistik, und die Geister<br \/>Der Alten, in der Luft und den B\u00e4umen, nicken<br \/>Bes\u00e4nftigt und besch\u00fctzen den Blick, der ihnen im<br \/>Augennass treibt. Du zeichnest in die Iris den Spiegel;<br \/>Dich selbst, einen Baum, zeichnest du ein und die<br \/>L\u00e4ufe des Flusses, der sich durch dich und die Alten<br \/>Hindurch teilt. Du siehst, vor deinem orangefarbenen<br \/>Himmel, die Geister der Ahnen, schwach ihre Konturen<br \/>Im Halblicht wie Rauch; und sie tanzen und singen<br \/>Und l\u00e4cheln dich an; Moust\u00e9rien-Steine klacken,<br \/>Handspitzen Schaber; der Gestirn-Ocker schreit, der<br \/>Himmel f\u00e4ngt Feuer \u2026 und du sitzt und schweigst<br \/>Und vereinst dich mit den G\u00f6ttern, solange die<br \/>Menschen ihren krummen Gesch\u00e4ften nachgehn.<br \/>Aber der Flu\u00df ist das Bett und die R\u00fcckkehr: dort<br \/>Wollen wir hin; und du zeichnest auf den Spiegel des<br \/>Flusses die Augen der Geister, eine seltsame<br \/>Heimstatt, in der sich die Schatten der Ahnen ver-<br \/>Doppelt sehn mit sich selbst. Du malst auf die Augen<br \/>Der Ahnen die Augen des Spiegels des Flusses,<br \/>Und du selbst bist gespiegelt darin, ein Baum: ein<br \/>Facettiertes, getuschtes, pastelliertes Aufleuchten der<br \/>Zweige, in denen die Augen der Ahnen nun wohnen,<br \/>Ein fr\u00f6hlicher Tanz entlaubter Kristalle. Die Augen<br \/>Der Geister gemalt gezeichnet in Luft und auf den<br \/>Spiegel des Flusses, \u00c4ste darin, orangefarbene Himmel<br \/>\u00dcber versinkenden St\u00e4dten: Halle Wettin auf der<br \/>H\u00f6he, Landsberg lange schon flu\u00dflos, auf verlorenem<br \/>Posten. Du sitzt in den Augen der Geister des Flusses<br \/>Und malst deine Augen in den Spiegel der Augen<br \/>Des Flusses; dich sehen die Ahnen jetzt an, ihre<br \/>Schlagschatten im Halblicht, und durch das alles<br \/>Walzt gem\u00e4chlich der Strom, bereit, das Land zu<br \/>Verschlingen, die ferneren St\u00e4dte, das Augenauf-<br \/>Schlagen der Geister, in dem du dich spiegelst; und wie<br \/>G\u00f6tter sich spiegeln im liquor ihrer zuk\u00fcnftigen Blicke.<br \/>Und w\u00e4hrend du sitzt, gehen die Schritte dir nach,<br \/>Auf denen du herkamst, und ich lehne, der Hauch eines<br \/>Geistes vielleicht, auf deiner Schulter, und sehe unser<br \/>Sich verzweigendes Bild in den Augen des Flusses.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Goldene Drift im herbstlichen Gleichklang der Schritte:Sonst legt Stille dich fest: an den verlassenen R\u00e4ndernDes Flusses, wo dich das Ufergras einschn\u00fcrt.D\u00fcster und baumlos sind unsere Tr\u00e4ume, aber hierStehen sie noch, geduckte Gef\u00e4hrten, gro\u00df undSpr\u00f6de vor Mitschweigsamkeit. 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