{"id":64110,"date":"2008-05-04T00:01:00","date_gmt":"2008-05-03T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64110"},"modified":"2022-01-01T07:38:12","modified_gmt":"2022-01-01T06:38:12","slug":"zeit-und-zeitbegriff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/05\/04\/zeit-und-zeitbegriff\/","title":{"rendered":"Zeit und Zeitbegriff"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Francisca Ricinski:<\/strong> Vor einiger Zeit lasen Sie im Arp-Museum von Rolandseck Fragmente aus Ihrem Roman \u201e42\u201c. Dieser Titel wurde in den Medien unterschiedlich gedeutet und mit einigen Werken in Verbindung gebracht, wo diese symboltr\u00e4chtige Zahl auftaucht. Mir f\u00e4llt spontan Sarah Kanes letztes Theaterst\u00fcck \u201e4.48. Psychose\u201c ein. \u201eUm 4h 48 werde ich schlafen\u201c und \u201e\u00e4ndre die Welt durch eine silberne Finsternis\u201c k\u00fcndigte mit der Stimme ihrer kranken Protagonistin die junge englische Dramatikerin an, die kurz darauf Selbstmord beging.<br \/><br \/>Um 12 Uhr 47 ereignet sich in Ihrem Roman eine erschreckende Anomalie, genau in dem Augenblick, als eine Gruppe von Wissen\u00adschaftlern, Politikern und Journalisten, die das Genfer Forschungs\u00adzentrum CERN f\u00fcr Teilchen\u00adphysik besichtigt hatten, aus dem Fahrstuhl steigt. Die Zeit bleibt an jenem hei\u00dfen Augusttag in der 42. Sekunde stehen und die Menschen, mit Ausnahme der von Ihnen als \u201eChronofizierten\u201c getauften, erstarren wie durch einen b\u00f6sen Zauberspruch.<br \/><br \/>Zwar weisen diese zwei Titel keinerlei Zusammenh\u00e4nge auf, wohl aber eine \u00e4u\u00dferliche Verwandtschaft, durch eine \u00e4hnliche Option f\u00fcr die Ziffer 4 und die Nachbarschaft der Minuten. Daher meine Frage: Weshalb 42, sei sie eine mystische oder nur eine beliebige Zahl? Was will sie versinnbildlichen?<br \/><br \/><strong>Thomas Lehr:<\/strong> Die Zahl 42 hat sich zun\u00e4chst allein aus dem Werk\u00adzusammenhang ergeben. Zuvor hatte ich die Novelle \u201eFr\u00fchling\u201c publiziert, die die letzten 39 Sekunden im Leben eines Selbst\u00adm\u00f6rders schildert. Der Roman \u201e42\u201c beginnt mit einem drei\u00adsek\u00fcndigen Wieder\u00adeinsetzen der Zeit, das die Prota\u00adgonisten nach 5 Jahren \u201eUnzeit\u201c veranlasst, wieder in Genf zusammen\u00adzukommen. 39 plus 3 ergab 42 \u2013 und damit hatte ich die Sekunde, in der die Zeit still stehen konnte, eine Sekunde, die nicht zuf\u00e4llig auch den \u00dcber\u00adgang vom Sterben zum Tot-Sein markieren sollte, denn eine der m\u00f6glichen Inter\u00adpretationen des Buches ist, dass die Figuren in der Zeit\u00adlosigkeit existie\u00adren, weil sie sich im \u00dcbergang ins Jenseits befinden. Dann entdeckte ich in einer Studie von Florian Coulmas \u00fcber die Zeit in Japan, dass man in Japan bei Foto\u00adgrafien f\u00fcr Uhren\u00adwerbungen den Minuten\u00adzeiger nicht auf \u201e42\u201c stellen darf, da man \u201e42\u201c als \u201eshi ni\u201c, das hei\u00dft \u201etot sein\u201c, lesen kann. Das hat mich sehr begeistert \u2013 und schlie\u00dflich kam noch das mir damals noch unbe\u00adkannte Buch von Douglas Adams hinzu, auf das mich der Verlag hinwies, kaum als ich mein Manuskript abgegeben hatte. Demnach ist \u201e42\u201c die Antwort eines Super\u00adrechners auf die Frage nach dem Sinn des Uni\u00adversums. Besser konnte es nicht kommen&#8230;<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> F\u00fcnf Jahre lang lebt die davongekommene Gruppe in der Unendlichkeit eines einzigen Tages unter der ewigen Mittagssonne, bevor die Welt sich auf wundersamer Weise nochmals in Bewegung setzt. Was die 70 \u201eAuserw\u00e4hlten\u201c in den f\u00fcnf Jahren durchleben, schildert uns der Journalist Adrian. Die Ereignisse werden in f\u00fcnf Phasen zusammengefasst. \u201eSchock\u201c nennt er den Anfang. Sind die darauf folgenden Phasen &#8211; Orientierung, Missbrauch, Depression und Fanatismus &#8211; nicht mindestens so schockierend wie die erste, wenn nicht sogar mehr? Besonders im Hinblick auf das gest\u00f6rte Sozialverhalten und die Moraldekadenz einer Menschheit, die im Handlungsverlauf mit ihren Begreifbarkeitsgrenzen und der Erfahrung ihrer Ohnmacht konfrontiert werden?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Am Anfang reizte mich an dem Roman-Konzept vor allem die M\u00f6glichkeit, in einem Kunstwerk durch das m\u00e4rchenhafte, absurde Setting die Gelegenheit zu haben, \u00fcber Zeit und den Zeitbegriff zu philosophieren und philosophieren zu lassen. Aber w\u00e4hrend der Arbeit an dem Buch erkannte ich bald das zweite Hauptthema, das soziale oder soziologische Grundthema. Mit der Frage, was die 70 Chronifizierten mit der ihnen ohnm\u00e4chtig ausgelieferten Welt anfangen, befand ich mitten in einem sozialpsychologischen Experiment. Die f\u00fcnf Phasen, die den Roman einteilen, gem\u00e4\u00df den \u201eSperberschen Gesetzen\u201c, die eine der Figuren zu Anfang aufstellt, sind die Stationen einer pessimistischen Anthropologie der Macht, zu der ich beim Nachdenken wohl gekommen bin.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Was Sie \u00fcber die Welt erz\u00e4hlen, die innerhalb einer Sekunde aus den kosmischen Fugen ger\u00e4t, mag vordergr\u00fcndig ein Fantasiespiel zu sein. Heraklits Lehre, alles im Fluss zu sehen, scheint jedenfalls leichter nachvollziehbar zu sein, als der Stillstand der Zeit. Andererseits, wenn die Physiker beim Urknall den Anfang von Raum und Zeit sehen, neigt man dazu, auch \u00fcber die Endlichkeit dieser Kategorien nachzudenken. F\u00fcr den Leser, der sich auf dieses \u201eSpiel\u201c einl\u00e4sst, k\u00f6nnen das wissenschaftliche Ger\u00fcst und die Dramaturgie dieses St\u00f6rfalls durchaus plausibel klingen. Es sind aber nicht nur die physikalischen Gesetze, die von Ihrer Schreibkunst au\u00dfer Kraft gesetzt werden. Hinter der Fiktion verbirgt sich meines Erachtens die gnadelose Satire eines Mahners und Vision\u00e4rs. An manchen Stellen wirkt Ihre Darstellung wie ein Szenario von biblischen Ausma\u00dfen. W\u00fcrden Sie einer solchen Parallelit\u00e4t zustimmen, auch wenn das Ungl\u00fcck in Ihrem Roman nicht durch Gottes richtende Hand, sondern infolge vermuteter Ma\u00dflosigkeit des Menschen und seines Hochmutes geschieht?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Jetzt haben Sie meiner \u201epessimistischen Anthropologie\u201c eine vielleicht zu gro\u00dfe, zu apo\u00adkalyp\u00adtische Dimension verliehen. Die Ausma\u00dfe einer kosmischen Katastrophe hat nat\u00fcrlich die Kulisse der stehen\u00adgeblie\u00adbenen Zeit und der komplett erfrorenen Welt. Dagegen wirkt die Zahl der noch handlungs\u00adf\u00e4higen Figuren sehr kammerspielhaft. In dieser gegen\u00ads\u00e4tzlichen Dimension kann ich \u2013 hoffentlich \u2013 sehr gro\u00dfe Themen mit einem gewissen Under\u00adstatement und einem gewissen Humor gestalten. Denn die Frage, die sich beim Fortlesen immer wieder stellt, ist doch, wie \u201ewirklich\u201c das Szenario ist, in dem sich die Figuren bewegen. Hierf\u00fcr findet der Roman eine Folge von ziemlich bodenlosen Antworten und definiert sich selbst immer mehr als fiktiv und metaphorisch. Es ist mehr das Denkspiel, das mich reizt, als die Schockwirkung eines apokalyptischen Gem\u00e4ldes.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> W\u00e4hrend Faust den sch\u00f6nen Augenblick anfleht zu bleiben, bringen Sie die Zeit in Ihrem Roman quasi grundlos und unbegreiflich zum Stillstand. Welche Zeit aber? Oder ver\u00e4ndern sich nur die r\u00e4umlichen Lagen der K\u00f6rper? Anscheinend ist nicht von der Dauer oder Best\u00e4ndigkeit die Rede, so wie Newton oder Henri Bergson sie verstand, sondern eher von einer relativen, gew\u00f6hnlichen Zeit. Bei Proust zumindest findet Marcel die verlorene Zeit in der Erinnerung wieder. Sie aber nehmen Ihren aus der Zeit gefallenen, im eigenen K\u00f6rper gefangenen Figuren auch diese Illusion weg. Es gibt aber nicht nur die Erinnerung. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereinen sich st\u00e4ndig im Augenblick. In der fatalen 42. Sekunde lassen Sie dieses dreifache Jetzt einfrieren. Gibt es eine gr\u00f6\u00dfere Tragik als die noch nicht angebrochene Zukunft zu verhindern oder als den Menschen wie \u201ekomat\u00f6se Puppen\u201c, \u201eeingep\u00f6kelt in den Aspik der Luft\u201c erscheinen zu lassen? Kann eine entseelte Welt \u00fcberhaupt bestehen? Wieso geben Sie Ihren Protagonisten noch eine Chance oder die Illusion dieser Chance, indem die Welt sich f\u00fcr drei Sekunden weiter dreht? Damit sie ihre niedere Haltung erkennen? Um ihnen die Relativit\u00e4t aller Dinge und die Br\u00fcchigkeit dieses Lebens begreiflich zu machen? Wie finden Sie diese Aussage aus \u201eDie Zeit\u201c, dass \u201e42 die direkte \u00dcbersetzung der Einsteinschen Relati\u00advit\u00e4ts\u00adtheorie in der Literatur ist?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Die letzte Frage aus der Zeit-Rezension trifft schon den Kern des Buches, wenn man darunter das zutiefst Relative der Chronifizierten im Vergleich zu der riesigen erstarrten Welt um sie herum versteht. Auch die Konsequenzen der Relati\u00advit\u00e4ts\u00adtheorie f\u00fcr den Zeitbegriff (das ist zum einen die Abh\u00e4ngigkeit der Zeit von der Bewegung in der Speziellen Rela\u00adtivi\u00adt\u00e4tst\u00adheorie, zum anderen die Abh\u00e4ngigkeit der Zeit von Gravitation bzw. Masse in der Allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie) sind immer wieder Thema des Romans\u00a0\u2013 manchmal auf einer sehr ernsthafte, manchmal auch auf komische oder groteske Weise.<br \/><br \/>Die Tragik des Ganzen empfindet man nur, wenn man das Setting als realistische Kulisse glaubt. So beginnt der Roman nat\u00fcrlich, um den Bann auf den Leser zu werfen. Aber wie gesagt, beim Hindurchschreiten wird ja diese bleierne Welt durch die Hypothesen und Theorien der Figuren immer fragw\u00fcrdiger und transparenter, bis am Ende das Spiel die Oberhand gewinnt: als Gelegenheit, einmal die Fragen von Zeit und Raum in einer veritablen Grenzsituation zu \u00fcberdenken. Und als Gelegenheit, unsere hyperaktive Gesellschaft in einem meditativen Zustand einmal genauer zu beobachten als ihr vielleicht lieb ist.<br \/><br \/>Dass ich die Zeit f\u00fcr drei Sekunden zu Beginn des Romans weiterticken lie\u00df, war vor allem ein dramaturgischer Kunstgriff. Der \u201eRuck\u201c, der durch die erstarrte Welt ging, ist der deus ex machina, der die Handlung vorantreibt, indem die Figuren nach Genf ans CERN zur\u00fcckkehren, weil sie eine Manipulation der Zeit von dort aus vermuten.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Wie w\u00fcrden Sie pers\u00f6nlich den Zeitbegriff erkl\u00e4ren? Geben Sie dem Heiligen Augustinus Recht, wenn er sagt: \u201eWenn mich niemand danach fragt, wei\u00df ich es. Werde ich aber danach gefragt und will ich es dem Frager erkl\u00e4ren, dann wei\u00df ich es nicht\u201c?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Die Zeit-Stelle in den \u201eBekenntnissen\u201c ist einer der gro\u00dfartigsten Texte, die wir in der abendl\u00e4ndischen Philosophie zu diesem Thema haben. Klar ergeht es mir oft wie Augustinus \u2013 und weil es mir schon immer so ergangen ist, wollte ich dieses Buch schreiben. Ein Roman, an dem man viele Jahre arbeitet, ist wie ein (relativ) Endlos-Seminar mit sich selbst, und f\u00fcr gew\u00f6hnlich kl\u00e4ren sich durch das Nachdenken und die Lekt\u00fcre viele Dinge. Ich habe viel \u00fcber die Zeit gelernt, sowohl unter philosophischen als auch unter physikalischen Aspekten. Das im Einzelnen zu sagen, will ich hier lieber nicht versuchen, denn daf\u00fcr gibt es ja schlie\u00dflich diesen Roman, in den ich alles hineingepackt habe, was ich lernen und in genie\u00dfbarer Form an den Leser weitergeben konnte. Den einfachsten und besten Satz, der mir im Laufe der Arbeit eingefallen ist, will ich aber zitieren: \u201eZeit ist der Abgrund, in den wir fallen, seit dem Augenblick unserer Geburt.\u201c<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Ohne sich in eine Obsession zu verwandeln, bleibt dennoch die Zeit ein wichtiges Thema Ihrer B\u00fccher, auch wenn in unterschiedlichen Formen und Auspr\u00e4gungen. In dem thrillerartigen Roman \u201eZweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade\u201c erwachen die Helden der Ilias nach einem mehr als dreitausendj\u00e4hrigen Schlaf zu neuem Leben, um als Autoren, Verleger und Kritiker sich f\u00fcr Erfolg, Macht, Reichtum und Liebe zu bek\u00e4mpfen.<br \/><br \/>Die erotische Beziehung des provinziellen K\u00fcnstlergenies Georg Graf zu seiner Muse Camille wird in \u201eNabokovs Katze\u201c \u00fcber einen Zeitraum von f\u00fcnfundzwanzig Jahren erz\u00e4hlt. Von Sekunden ist auch in Ihrer meisterhaften Novelle \u201eFr\u00fchling\u201c die Rede: Von den neununddrei\u00dfig Sekunden (erfasst in neununddrei\u00dfig, r\u00fcckl\u00e4ufig nummerierten Kapiteln), die Christian Rauch braucht, um sein Leben nochmals durchzugehen. Nicht das gefrorene Jetzt, wie im Roman \u201e42\u201c, sondern die ungeheuerliche Vergangenheit h\u00e4lt ihn gefangen. Wie ein Fluch. Es gibt kein Entrinnen f\u00fcr die zwei S\u00f6hne des Arztes, der im Konzentrationslager Dachau Experimente an H\u00e4ftlinge durchgef\u00fchrt hatte, au\u00dfer im Tod. Der siebzehnj\u00e4hrige Robert zerbricht an der h\u00f6llischen Wahrheit, die er im Garten aus dem Mund eines \u00dcberlebenden erf\u00e4hrt und ans Licht bringt, der f\u00fcnfzig Jahre alter Christian an dem nie un\u00fcberwundenen Trauma und eigenen Scheitern. Erst w\u00e4hrend des Sterbens scheint f\u00fcr diesen \u201eVerdammten\u201c die Tortur der Zeit aufzuh\u00f6ren.<br \/><br \/>Von daher vielleicht der Titel und das Motto dieser Geschichte, das aus Dantes G\u00f6ttlicher Kom\u00f6die stammt, \u00fcber das Jenseits als der wunderbarste Fr\u00fchling? K\u00f6nnen Sie den Lesern unserer Literaturzeitschrift N\u00e4heres dar\u00fcber erz\u00e4hlen? Auch bei Strawinsky in \u201eSacre du printemps\u201c erscheinen Tod und Fr\u00fchling untrennbar verbunden, auch wenn mit einer ganz anderen Symbolik.<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Ich habe Zeit und Zeitbegriff immer wieder zum Gegenstand meiner B\u00fccher gemacht und in jedem Buch einen neuen, originellen oder wenigstens interessanten Umgang mit dem Zeitparameter im Erz\u00e4hlmuster gesucht. Denn als Grundtatsache bleibt ja, dass jedes literarische Werk, insbesondere nat\u00fcrlich der Roman, zweifach mit der Zeit arbeitet, zun\u00e4chst indem es darstellt, was in der symbolischen (oder besser: symbolisierten) sozialen Zeit der Figuren geschieht, und dann, indem es sich f\u00fcr eine Abbildungsform der fiktiven sozialen Zeit in die reale und weitgehend lineare Eigenzeit des Lesers entscheidet (Faltung, Dehnung, Perforation, Verschachtelung der symbolischen Zeit). Vom thematischen Zugriff her hat mich in meinem ersten Roman \u201eDie Erh\u00f6rung\u201c, vor allem der Versuch gereizt, einen gro\u00dfen Geschichtsraum (1918-1986) zu umfassen und in Simultanbeziehungen zu setzen. Das Buch enth\u00e4lt einiges an geschichtsphilosophischer Reflexion. Im Roman \u201eZweiwasser\u201c interessierte mich Zeit vor allem unter dem Heraklitschen Aspekt, dem fortw\u00e4hrenden Verbrennen der Gegenwart, die Tatsache eben, dass Zeit f\u00fcr uns als physikalischen und biologischen K\u00f6rpern immer im strengen Newtonschen Sinne des stetigen Flusses gegeben sein wird, der uns aus dem Wege r\u00e4umt. Das ist etwas, wogegen der Geist protestiert und anlebt, in dem er die Synthese der Zeit-Ekstasen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft leistet &#8211; also gegen den Strom ank\u00e4mpft mit Erinnerung, Erz\u00e4hlung, versuchter Vorhersage, Erfindung unm\u00f6glicher Zusammenh\u00e4nge, Faltungen von Zeit und so fort. Die bedeutsame Rolle der Literatur in diesem Kontext wird deutlich hervorgehoben.<br \/><br \/>In dem Roman \u201eNabokovs Katze\u201c hat mich insbesondere der Umgang mit lebens\u00adgeschicht\u00adlicher Zeit fasziniert. Er ist ja eine Art Education sentimentale meiner Generation, eine relativ kontinuierliche Beobachtung des \u00c4lterwerdens, der Ver\u00e4nderung des Individuums in der Zeit. Der Held ist Regisseur, und sein professioneller Umgang mit den bewegten Bildern, dem Medium Kino, spiegelt sich in Beobachtungsformen seiner eigenen lebensgeschichtlichen Realit\u00e4t. Insofern war das erz\u00e4hltechnische Spiel mit der kinematographischen Zeit-Modellierung sehr probat, \u201ecineastische\u201c Techniken werden eingesetzt wie \u00dcberblendung, Fragmentierung, Zeitlupen und Zeitraffer, Vorblenden und Split screens.<br \/><br \/>Im schmalen Rahmen der Novelle \u201eFr\u00fchling\u201c habe ich wegen der extremen Erz\u00e4hl-Situation Zeit-Techniken am st\u00e4rksten eingesetzt, eigentlich in Fort\u00adentwicklung der Arbeit an \u201eNabokovs Katze\u201c. Das gelang vor allem auch durch die Verwendung von verschiedenen Ortho\u00adgrafien oder ortho\u00adgraphischen St\u00f6rungen, mit denen sich verschiedenen Zeitebenen (die Selbstmord-Szene im Fr\u00fchling 2000, die Kindheit in den 60-er Jahren, Lebenszeit-R\u00fcckblenden in verschiedene Alter) blitzartig hintereinander oder ineinander schachteln lie\u00dfen, fast wie Tonart-Wechsel in der Musik. Das Motto des Buches: \u201eIch sah ein Licht in Stromesform sich gie\u00dfen\/Und fl\u00fcssigen Glanzes voll im Bette ziehn\/Und dran den wunder\u00adbarsten Fr\u00fchling sprie\u00dfen\u201c stammt aus dem 30. Gesang des Paradieses der \u201eG\u00f6ttlichen Kom\u00f6die\u201c. Dieser Fr\u00fchling ist weit jenseitig. Der leuchtende Fluss ist sogar noch eine Illusion, \u201eein schattiges Vorspiel zur Wirklichkeit\u201c \u2013 und formt sich um zum Stiel der ber\u00fchmten Himmelsrose, in deren Bl\u00fcte Dante dann Gott erblicken darf.<br \/><br \/>Im historischen Diesseits der Novelle haben wir den Fr\u00fchling in Dachau. Er ist beeindruckend sch\u00f6n, gerade auch im historischen Hofgarten des Schlosses, in dem auch die letzte Sekunde der Novelle spielt. Nicht umsonst wurde das Dachauer Moos bereits in den 40-er und 50-er Jahren des 19. Jahrhunderts und verst\u00e4rkt nach 1870 zum Anziehungspunkt bekannter Maler: Spitzweg, Liebermann, Corinth, Dill, H\u00f6lzel haben hier gemalt, und Dachau wurde nach Worpswede zur bedeutendsten deutschen Malerkolonie. So ist es kein Wunder, wenn der Dachauer Fr\u00fchling immer wieder in den Zeugnissen ehemaliger KZ-H\u00e4ftlinge auftaucht \u2013 als schmerzvolles Paradox, das ihre H\u00f6lle nur umso tiefer erscheinen lie\u00df.<br \/><br \/>Zu \u201e42\u201c muss ich an dieser Stelle nur anmerken, dass es eben das Buch ist, in dem ich zum ersten Mal das Zeitthema ganz explizit angehen wollte. Die Zeit als Held eines Romans, das war die grundlegende Idee.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Die so wechselhafte Affektlage von Christian, der sich in einem diffusen Wahrnehmungszustand zwischen Schon und Noch Nicht befindet, spiegelt sich in einer perfekt ad\u00e4quaten Wort- und Satzkunst und in allen vorstellbaren Tempi, Temperaturen und Klangfarben wieder. Es gelingt Ihnen eine seltene Korrespondenz zwischen den unterschiedlichen Phasen des schl\u00e4ngelnden, zersplitternden oder geronnenen Monologs Ihrer Ich-Figur und den daf\u00fcr eingesetzten Ausdrucksformen und Stilmitteln, mit verbl\u00fcffender Wirkung. Ich sehe in Ihrer eigenwilligen Interpunktion bzw. Zerst\u00f6rung der Syntax keinerlei sterile sp\u00e4tavantgardistische Experimente oder unzumutbare Spielereien. Auch bestehen manche Stellen Ihres Romans \u201e42\u201c nicht ohne Grund oder Absicht aus wuchernden Perioden, die nicht mehr aufh\u00f6ren wollen.<br \/><br \/>Einige Kritiker und Rezensenten behaupten, dass Ihr gewagter Umgang mit der Sprache und den tradierten Normen sowie die vielen Fremdw\u00f6rter, Symbole, unbekannten Begriffe das Verst\u00e4ndnis Ihrer B\u00fccher erschweren oder sogar den Leser abschrecken. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem literaturinteressierten Publikum bei Ihren zahlreichen Lesungen und Begegnungen?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Es freut mich sehr, dass Sie im ersten Teil Ihrer Frage schon so gut beschreiben, weshalb ich manchmal \u2013 und im Laufe meiner Schreibarbeit auch immer st\u00e4rker \u2013 diese avancierten Methoden verwende. Es hat mit Spielerei wirklich nichts zu tun. Ich habe einigerma\u00dfen konservativ mit einem an den Meistern des 19. Jahrhunderts geschulten pr\u00e4zisen Realismus begonnen und mich danach mit den Inhalten formal weiterentwickelt. Von Anfang an hatte ich die Idee, die klassischen Methoden zu beherrschen und nur dann weiterzugehen, wenn ich eine Notwendigkeit dazu sah. Die hat sich auch ergeben, und so ist meine formale Eigenwilligkeit glaube ich sehr ernsthaft und elaboriert.<br \/><br \/>Im Allgemeinen verstehen das sowohl die Kritiker als auch das Publikum \u2013 was mich sehr angenehm \u00fcberrascht hat. Ich denke, sie sehen, dass es funktioniert, dass man den Effekt der B\u00fccher nicht mit anderen, einfacheren Methoden erzielen kann. Bei \u201e42\u201c und bei \u201eFr\u00fchling\u201c gibt es aber auch Absto\u00dfungen. Ich kann nichts daran \u00e4ndern, denn die Form meiner B\u00fccher ist kein Zufall, sondern entwickelte Notwendigkeit. .<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> \u201eBei meiner Selbstbegr\u00fcndung als K\u00fcnstler hat mich Flaubert enorm gepr\u00e4gt\u201c, haben Sie einmal gesagt. Erkennen Sie auch andere Meister und Wahlverwandte an?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Aber gewiss. Nabokov habe ich auf den Titel meines dritten Romans geschrieben. Die Robert-Musil-Spuren sind wohl auch unverkennbar. Goethe und Thomas Mann, Rilke, Kafka, Updike, Claude Simon &#8211; ach, mir fallen so viele Meister ein. Ich musste wirklich nicht vom Himmel fallen, die Literatur ist schier unersch\u00f6pflich an Vorbildern. Die Frage ist eher tempor\u00e4r: Wen, welche hohe Schule, l\u00e4sst man in einer bestimmten Schreibphase nah an sich heran?<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Was verbindet Sie mit den Schreibkollegen Ihrer Generation? Was unterscheidet Sie?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Th. Lehr:<\/strong> Ich kenne viele meiner Kollegen pers\u00f6nlich und bin mit einigen wenigen befreundet. Uns verbindet schon allein die Generationserfahrung und die Marktsituation und oft auch \u2013 zumindest bei meinen Freunden \u2013 gewisse Grundstandards der Literaturauffassung. Ansonsten bin ich hier lieber Objekt der Frage. Die Literatur\u00adwissen\u00adschaftler werden das besser sagen k\u00f6nnen, sofern sie meine Arbeiten f\u00fcr be\u00adgut\u00adachtenswert halten.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Wo geht I.E. die Literatur unserer Zeit, vor allem der aktuelle Roman, hin? Machen sich neue Str\u00f6mungen und inno\u00advati\u00adve Formen bemerkbar?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Ich habe keinen \u00dcberblick, ich versuche aber sehr wohl, neue Formen, neue Tendenzen zu schaffen. Dabei schaue ich weniger auf meine aktuellen Kollegen als auf einzelne gro\u00dfe Schriftsteller, deren Innova\u00adtions\u00adkraft mich inspiriert oder deren Formen ich wiederverwenden oder modifizieren kann.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Warum, glauben Sie, hat die Lyrik an gesellschaftlicher Bedeutung verloren und vermag nicht mehr, an ihren Glanzzeiten anzukn\u00fcpfen?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Lyrik war immer an eine gewisse Salonkultur gebunden, und die gibt es kaum mehr. Ob die zahlreichen Poetry-Events ein sinnvolles Gegengewicht herstellen, wage ich zu bezweifeln. Aber vielleicht geh\u00f6rt das kleine, \u201eerlesene\u201c oder \u201ebelesene\u201c Publikum auch unabdingbar zur Lyrik. Selbst in den Zeiten der Weimarer Klassik kann man kaum von einer \u201eBreitenwirkung\u201c sprechen.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> An welchem Werk arbeiten Sie zurzeit? Hat es schon einen Titel? Wann wird es in den Buchhandel kommen?<br \/><br \/><strong>Th. Lehr:<\/strong> Gerade erschienen ist mein erster Roman f\u00fcr Kinder, eine Mischung aus James-Bond und Alice im Wunderland mit dem Titel \u201eTixi Tigerhai und das Geheimnis der Osterinsel.\u201c Das war eine erfrischende und lustige Nebenarbeit zu einem umfangreichen Roman, an dem ich seit drei Jahren arbeite, der wohl gegen 2010 erscheint \u2013 und \u00fcber den ich hiermit gar nichts gesagt haben wollte &#8230;<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Ich danke Ihnen, lieber Thomas Lehr, f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch und w\u00fcnsche all Ihren B\u00fcchern eine gro\u00dfe Resonanz und dauerhaften Erfolg!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-97253 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Matrix1-231x300.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Matrix1-231x300.jpg 231w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Matrix1-385x500.jpg 385w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Matrix1-160x208.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Matrix1.jpg 470w\" sizes=\"auto, (max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/>Das Gespr\u00e4ch erschien zuerst in <em>Matrix<\/em> 2\/ 2008.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Francisca Ricinski: Vor einiger Zeit lasen Sie im Arp-Museum von Rolandseck Fragmente aus Ihrem Roman \u201e42\u201c. Dieser Titel wurde in den Medien unterschiedlich gedeutet und mit einigen Werken in Verbindung gebracht, wo diese symboltr\u00e4chtige Zahl auftaucht. Mir f\u00e4llt spontan&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/05\/04\/zeit-und-zeitbegriff\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":34,"featured_media":97253,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[93,2523],"class_list":["post-64110","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-francisca-ricinski","tag-thomas-lehr"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/34"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64110"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64110\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64110"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}