{"id":64102,"date":"2012-04-29T00:01:00","date_gmt":"2012-04-28T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=64102"},"modified":"2020-07-06T16:00:39","modified_gmt":"2020-07-06T14:00:39","slug":"auch-im-tiefsten-dunkel-noch-ein-lachen-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/29\/auch-im-tiefsten-dunkel-noch-ein-lachen-2\/","title":{"rendered":"Auch im tiefsten Dunkel noch ein Lachen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Francisca Ricinski:<\/strong> Die heillose  Krankheit, die ein halbes Jahrhundert nach Ihrer Geburt als eine terra  incognita der Medizin noch im toten Winkel der Wissen\u00adschaft stand,  nistete sich in Ihrem fr\u00fch\u00adkindlichen Bewusst\u00adsein ein und schritt fort  oder setzte nur kurzweilig aus. Vitalorgane wurden massiv angegriffen,  der Energie\u00adzentren und -bahnen beraubt, der Lebens\u00adodem beinah  ausgel\u00f6scht, und trotzdem leben Sie! Gl\u00fcck oder die richtige Strategie?<br \/><br \/><strong>Gerald Uhlig:<\/strong> F\u00fcr die richtigen  Strategien war ich in meinen Anf\u00e4ngen zu sehr ein unwis\u00adsender  Traum\u00adt\u00e4nzer mit brennenden H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen. (die 70er Jahre waren auch  die Jahre der Ideale und bl\u00f6dsinnigen Illusionen). Ich mu\u00dfte mich zudem  mit ganz anderen Dingen auseinandersetzen: die Schmerzen ertragen  lernen \u2026, den Zufall verstehen lernen \u2026, h\u00e4ufig das Fenster offen  lassen, denn nur so bekommst du den Wind des kleinen Gl\u00fccks in dein  Zimmer<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Was dem Kind, das Sie waren,  geschah, war blo\u00df eine Laune, ein faux pas der Natur, der zuf\u00e4llig \u00fcber  Sie hereinbrach. So w\u00fcrden jedenfalls Verfechter der Evolutionstheorie  die eingetretenen Anomalien auslegen, ohne aber die geistige Kraft der  Schw\u00e4cheren, die ihnen Siegchancen einr\u00e4umt, in Betracht zu ziehen &#8230;  Und obwohl ich die Antwort schon ahne, da ich \u00fcber Ihre Einsichten und  \u00dcberzeugungen aus <em>Darwins Dame der Evolution<\/em> und anderen  Kunstwerken und Statements Bescheid wei\u00df, frage ich dennoch: Betrachten  Sie diese misslungene Mutation in Ihrem Fall blo\u00df als einen nat\u00fcrlichen  Vorgang der Evolution, in ihrem Anstreben nach Vollkommenheit?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Eine Laune der Natur, ein  kleiner zuf\u00e4lliger Fehler im Bauplan, mehr ist es nicht! Vollkommenheit?  Der Mensch kann immer nur beginnen, nie vollenden.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Haben Sie all diese Bek\u00fcmernisse \u00fcberlebt, weil Sie, ein, sozusagen, abgefallener Schw\u00e4chling, sich angepasst haben?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich habe \u00fcberlebt, weil ich ab  und an ein sturer Bock sein kann und weil ich mein Gehirn in seiner  Funktionsweise kenne. Ich bin ein Hypochonder und ein Placeboclown .Die  \u00fcberleben immer.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Lag es auch an dem  beharrlichen Widerstandsk\u00e4mpfer, der seinen fragilen Zustand annahm und  dem scheinbar sinnlosen Dasein einen h\u00f6heren Sinn verleihen wollte?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich war ein  Einpersonen-Widerstandsk\u00e4mpfer der schnell begriff, dass die Evolution  die eiskalte Poetin alles Gewordenen ist. Sie wacht \u00fcber die Spieltische  unseres Seins. Krankheit, Gesundheit, Sexualit\u00e4t, Tod, st\u00e4ndige  Ver\u00e4n\u00adderungen und einige andere Befind\u00adlich\u00adkeiten sind ihre  Mitspieler. Wir Menschen sind biolo\u00adgische Experimente, unsere Emotionen  Nerven\u00adreizungen, nicht mehr, nicht weniger. Sinn? Das Leben ist eine  v\u00f6llig sinnlose Reise. Und der etwas h\u00f6here Sinn ist simpel: Jeder will  doch erfahren, dass er von den anderen bejaht, geliebt, anerkannt und  respektiert wird und daf\u00fcr tun wir jeden Mist. Meine Strate\u00adgie war  folgende: Ich \u00e4nderte meine Identit\u00e4t so gr\u00fcndlich, dass ich mich selbst  auf der Stra\u00dfe h\u00e4ufig nicht mehr wieder erkannte. Damals, als junger  Mann, war f\u00fcr mich die Un\u00adordnung meines Geistes heilig. In meiner Kunst  wollte ich nichts anderes, als allen sagen, dass der Vater ent\u00adthront  werden muss, auf das ich, der Sohn herr\u00adschen m\u00f6ge. Aber dann, sp\u00e4ter,  bin ich wieder zur Gegenseite \u00fcbergelaufen, und wurde selbst zu dem  Feind, den ich einst hasste. Ich habe mein eigenes Selbst aufgezehrt.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Wie abgetrennt vom Euter der  Erde und unschuldig vertrieben, von einem feurigen Schmerz\u00adring zum  n\u00e4chsten und von einer Dem\u00fctigung zur anderen, bis in die H\u00f6lle, so  stelle ich mir Ihre fr\u00fchere Gestalt vor. Nicht die H\u00f6lle von Dante und  auch nicht allein die von Sartre in <em>Huis clos<\/em> (<em>L&#8217;enfer c&#8217;est les autres<\/em>), wollen hier gemeint sein, sondern Ihre eigenen H\u00f6llenfahrten im Leib, ob Schicksal oder aleatorisches Geschehen &#8230;<br \/> &nbsp; Auch sein  k\u00fcnstlerisches Gestalten sei aus nichts anderem gekommen als aus eigenem  Schmerz, gestand Antonin Artaud, ein begna\u00addeter Theate\u00adrmacher wie  Sie. Lie\u00dfe sich in einem \u00e4hnlichen Satz der Grund oder die Achse Ihres  Seins abzeichnen?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Alle Philosophie oder Kunst  beginnt damit, dass man sich ungesunde Gedanken macht! Ich wollte ja  auch nichts anderes, als von den anderen bejaht, geliebt, ja respektiert  werden. Ich war, wie gesagt ein Ein-Mann-Rebell, ein Desperado, der die  Kunsthallen \u00fcberfallen hat mit seiner Kunst, die f\u00fcr mich auch immer  die Sucht nach dem Geliebtwerden, nach der Umarmung des Erfolgs war. Bis  heute empfinde ich mich als ein M\u00e4ngelwesen, das der kindischen  Illusion verfallen ist, man k\u00f6nne sich allein vom Applaus ern\u00e4hren.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Zumindest brauchten Sie  nicht, wie die Akteure im alten Rom, \u201evalete et plaudite\u201c zu rufen &#8230;  Und der Beifall, den Sie reichlich erhalten, wirkt er nicht wie ein  N\u00e4hr\u00adstoff? &#8230; Vor wenigen Jahren wurde endlich der Code dieser  r\u00e4tsel\u00adhaften Krankheit entschl\u00fcsselt und der von Ihnen ererbte  Gendefekt als Morbus Fabry diag\u00adnostiziert. Gelang es den \u00c4rzten, den  Degra\u00addierungs\u00adverlauf Ihres leid\u00adgepr\u00fcften K\u00f6rpers zu unter\u00adbrechen  oder sogar zu stoppen? Wie entriegelte und entfaltete sich das Leben  eines \u201ePrivile\u00adgierten\u201c unter den Kranken nach dieser Sp\u00e4t\u00aderkennt\u00adnis  der Forschung und dank einer unver\u00adhofften Therapie\u00adchance?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Nein, der K\u00f6rperkrimi h\u00f6rt nicht  auf. Seit neuestem macht mein Herz was es will. Es schl\u00e4gt zu langsam,  zu schnell, bleibt stehen. So wurde meinem Herzen vor ein paar Wochen  eine kluge Maschine zur Seite gestellt (eingepflanzt),welche das Herz  durch elekro\u00admagnetische Impulse diszi\u00adpliniert. Die Maschine ist  weitaus intel\u00adligenter als mein Evo\u00adlutions\u00admuskel. Fabryleute sterben  im Durch\u00adschnitt zwi\u00adschen ihrem 40. und 50. Lebens\u00adjahren. Ich bin nun  58 und hoffe noch, mein neues Filmprojekt miterleben zu k\u00f6nnen.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Und das Rauschen des Todes,  die Angst und die Schatten des Zweifels \u2013 sind sie noch vernehmbar, oder  setzen sich immer mehr entfesselte Bilder, T\u00f6ne und Worte durch?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich habe mein Leben als eine  Kom\u00f6die der Evolution angenommen. So will ich es auch in meinem Film  erz\u00e4hlen. Drama und die Leute laufen einem ja sonst aus dem Kino oder  schlagen das Buch zu. Alle bestehen wir aus Angst, 80% Wasser und 100%  Zeit. Keiner will die nat\u00fcr\u00adlichen Wahrheiten sehen, aus denen wir  bestehen, am aller\u00adwenigsten bei sich selbst, alle wollen wir uns  ablenken, sind nichts als Touristen in unserem eignen Leben. Mehr  Wahrheit k\u00f6nnen wir nicht ertragen.<br \/><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/g-uhlig-lebe-180.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> <strong>F. Ricinski:<\/strong> Um das Leben ertragen zu  k\u00f6nnen, mu\u00df man den Tod an\u00adnehmen. Scheinbar haben Sie diese Maxime von  Sigmund Freud schon lange begriffen und verin\u00adner\u00adlicht \u2013 und auch dass  die Geb\u00e4rende einer Pers\u00f6nlichkeit das Leiden ist. Ist der Tod aber das  eigent\u00adliche Ziel des Lebens, wie der Wiener Psycho\u00adanalitiker es  behauptet, nur der Tod?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Der Tod ist nicht nur das  Endziel des Lebens, die Angst vor ihm hat unsere gesamte Kultur  entstehen lassen und gepr\u00e4gt. Das Leben ist nichts anderes als das  Warte\u00adzimmer des Todes. Leben ist immer ein gef\u00e4hrdetes Projekt. Aber  wir k\u00f6nnen nie tiefer fallen, als es die Natur f\u00fcr uns Menschen  vorgesehen hat. Trotzdem, auch bei allen Wellness\u00admedita\u00adtionen, nur der  Tod erl\u00f6st uns von unserer Todesangst.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> K\u00f6nnte man, so selten es  klingt, von einer positiven Rolle der Krankheit f\u00fcr Ihr Wesen sprechen?  Oder anders gefragt: Ist die Kunst Ihre andere, pertinente Antwort auf  die Sackgassen und Labyrinthe des Lebens, im Sinne von Schiller, der <em>An die Freunde<\/em> schrieb: \u201eAber hat Natur uns viel entzogen,\/ war die Kunst, uns freundlich doch gewogen,\/ unser Herz erwarmt an ihrem Licht.\u201c<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Viele um mich herum haben  Tumore, andere liegen in meinem Alter bereits mausetod am Schreib\u00adtisch.  Aber auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot und hat viel\u00adleicht sein  Leben verpasst. Ein kurzes, authenti\u00adsches Leben kann manch\u00admal  erf\u00fcll\u00adter sein als ein langes, und man kann um einiges gl\u00fcck\u00adlicher  leben, wenn man Frieden mit seinem Leben, seinen Krank\u00adheiten und dem  Tod macht. Es gibt so viele gesunde Schwach\u00adk\u00f6pfe, die lustlos durch ihr  Leben stolpern, und Menschen mit Krank\u00adheiten und Behin\u00adderungen sind  nicht selten Lebens\u00adk\u00fcnstler mit praller Lust am Dasein.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Irgendwann w\u00e4ren Biografen  auf Ihre ergreifende, beispielhafte Lebens\u00adgeschichte gesto\u00dfen, die sie  dann akribisch f\u00fcr uns und die Nachwelt fest\u00adgehalten h\u00e4tten. Vor  wenigen Jahren griffen Sie aber selbst zur Feder und schrieben mit  sch\u00f6pferischem Druck \u00fcber Ihr Dasein, wie in einer intuitiven  \u00dcber\u00adeinstimmung mit St. Augustin, an der Stelle, wo er uns Menschen als  das Ged\u00e4chtnis von uns selbst definierte.<br \/><em>Und trotzdem lebe ich. Mein Kampf mit einer r\u00e4tselhaften Krankheit<\/em>  ist also Ihre Autobiographie und noch mehr als das, finde ich. Es sind  zu\u00adsammen\u00adgebun\u00addene F\u00e4den einer Chronik des Leidens, dessen  urs\u00e4ch\u00adlicher Kern sich erst sp\u00e4t, sehr sp\u00e4t durch\u00adleuchten lie\u00df. Und  sie ist die Offen\u00adbarung eines wandlungsf\u00e4higen, in sich hinein\u00adh\u00f6renden  Menschen mit der \u201edoppelten Staatsb\u00fcrgerschaft eines Kranken und eines  Gesun\u00adden\u201c, wie Susan Sonntag sagen w\u00fcrde, ist ein Schrei in extremen  Tonlagen und Klangfarben, inst\u00e4ndig, der sich langsam zu einem  disso\u00adnanten, dennoch ver\u00ads\u00f6hnlichen, heil\u00adsamen Gesang entwickelt. War  es diese schwere Stoff\u00adwechsel\u00adst\u00f6rung, die Ihnen eine sinnliche  Perzep\u00adtion der innersten Szenarien erm\u00f6g\u00adlichte und Sie sp\u00e4ter dahin  brachte, Befreiung und Trost, eine Steigerung des Ertr\u00e4g\u00adlichen und  virtuelle Kom\u00admuni\u00adkations\u00adbr\u00fccken bei den K\u00fcnsten zu suchen?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Anfangs fand ich die Kunst toll.  Man konnte irgendetwas behaupten und morgens lange schlafen. Ich habe  f\u00fcr das Entstehen meiner Kunstwerke und Texte alles verwendet, was mir  brauchbar erschien, so wie es doch auch die Dame Evolution bei der  Auswahl neuen Lebens macht: Eine Collage aus Atomen, Nukleins\u00e4uren,  Genen, Erin\u00adnerun\u00adgen, Proteinen und Begierden. Und jedes ent\u00adstandene  Kunstwerk oder jeder entstande Mensch will doch nichts anderes, als sich  in der Welt behaupten. Nur, so\u00adlange meine Kunst keine Krank\u00adheiten  heilen kann, bin ich f\u00fcr mich als K\u00fcnstler gescheitert. Heute  interes\u00adsiert mich weniger die Kunst als die Wissenschaft, die  Forschung, Dinge, die sich erkennen und beweisen lassen.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Warum gerade eine Autobiografie?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Es ist v\u00f6llig egal, ob wir unsere Geschichten erfinden, oder selbst erlebt haben: Sie m\u00fcssen nur eines: gut unterhalten.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Eine Frage der Genauigkeit oder, im Gegenteil, der Vorzug verzweigter Erinnerungen, mutmachende Option?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Wir basteln unsere Biografien  nach dem Stoff, der sich in unseren Gedanken, Erin\u00adnerungen und Gef\u00fchlen  eingenistet hat. Mit den Erin\u00adnerungen kann man wunder\u00adbar in der  eigenen Geschichte spazieren gehen. Dabei wird man ihr nie so begegnen,  wie sie wirk\u00adlich war! Ich bin mit Geschichten angef\u00fcllt, die mir das  Leben gebracht hat. Jeder von uns besteht letztlich aus einer Vielzahl  kleiner Geschichten. Der Mensch ist nun mal das Tier, das sich  Geschichten erz\u00e4hlt, jede Familie hat ihre eigene Geschichte, ihre  eigene <em>genetische<\/em>  Geschichte und in jedem von uns liegt ein  tiefes Verlangen, seine eigene Geschichte zu erz\u00e4hlen. Die Vor\u00adstellung,  zu sterben, ohne seine Geschichte zu Ende erz\u00e4hlt zu haben, gibt uns  doch das furchtbare Gef\u00fchl, niemals gelebt zu haben. Solange ich lebe,  werde ich erz\u00e4hlen. Ob Fiktion, oder aus dem eigenen Erleben heraus, das  spielt keine Rolle. Wer lebt, erz\u00e4hlt.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Sie haben erst nach der  Nieren\u00adtrans\u00adplantation damit angefangen. Bedeutete dieser ausgesuchte  Moment ein Wendepunkt in Ihrer Lage \u2013 hinter Ihnen der Abgrund und vor  Ihnen ein offener Weg, gepflastert mit Neu\u00adhoffnung?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Hoffnung ist ein Begriff, der  in meinem Leben so nicht vorkommt. Ich habe Angst, keine Aufgabe zu  haben. Ich hasse es, nichts mit mir anfangen zu k\u00f6nnen. Ich muss immer  wissen, was ich als n\u00e4chstes zu tun habe. Ich muss was zu tun haben,  weil ich sonst die \u00dcbersicht \u00fcber mich verliere. Ich vergesse mich ohne  an einem Projekt zu arbei\u00adten.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong><em>Und trotzdem lebe ich<\/em>  \u2013 ein Buch, das den Leser, auch den mit intakten Genen, ber\u00fchrt und  erbaut. Das \u201enackte\u201c, unbepuderte Hervortreten verlangte wahrscheinlich  von Ihnen eine Menge \u00dcberwindung und Mut. Kam die \u201eMut\u00admaschi\u00adne\u201c beim  Schreiben zum Einsatz oder war es doch nicht so ein Hemmnis oder  unbe\u00adhagliches Unternehmen?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich habe selten Hemmungen, da  sich bei mir sehr fr\u00fch der Gedanke eingenistet hat, dass ich nichts zu  verlieren habe. Mit dieser Mentalit\u00e4t h\u00e4tte ich eigentlich mehr Erfolg  haben m\u00fcssen. Aber ich bin auch ganz schon bequem.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Werden durch Schreiben und w\u00e4hrend des Schreibens grunds\u00e4tzlich Gl\u00fccks\u00adstoffe ausge\u00adsch\u00fcttet?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Selten. Ich sitze lieber am  Kaffeehaustisch und rede, oder ich flirte, lese gerne Zeitung. Schreiben  ist f\u00fcr mich \u00dcberwindung und Schwerstarbeit. Sprache bedeutet f\u00fcr mich  gekonnter Tanz und Rhythmus. Beim Schreiben muss ich st\u00e4ndig korrigieren  und nachbessern. Ein furchtbarer Aufwand.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Wenige Jahre danach machten  Sie sich als \u201enur Schriftstehler der Dinge\u201c an eine andere Gattung  heran, obwohl, wie Ihr Protagonist Peter Baaks meinte, die Literatur nur  halbf\u00e4hig sein soll, ein Leben zu erfas\u00adsen, seine Wahr\u00adheiten als  Gescheh\u00adnisse zu stehlen. Aus welchem Bed\u00fcrf\u00adnis heraus schrieben Sie  den Roman \u201estoff.wechsel\u201c?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Damit ich etwas zu tun habe. Und  da mir mein Gehirn st\u00e4ndig Geschichten diktiert, und mir mein \u201eSelbst\u201c  und mein\u201c Ich\u201c ab und an abhanden kommen, muss ich mich w\u00e4hrend des  Schreibens an mich zur\u00fcckerinnern. Letztlich k\u00f6nnte ich auch reisen oder  schwimmen oder spazieren gehen oder flirten, was ich am liebsten tue.  Nur dar\u00fcber berichtet keiner. Wenn ich einen Roman schreibe, ist die  M\u00f6glich\u00adkeit gr\u00f6\u00dfer, dass man \u00fcber mein Gehirn in Aktion berichtet.  Eigentlich bin ich ein genetisch behindertes Luxus\u00adwesen.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Vielleicht auch, um \u201eden  erretteten und weiter\u00adent\u00adwickelten Wahnsinn\u201c Ihres Lebens abzuschlie\u00dfen  und \u201eihn als Literatur zwischen zwei Buchdeckel zu quetschen\u201c?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Unser Drama: Kinder zuf\u00e4llig  erzeugt; reinlich erzogen; mit ererb\u00adten G\u00f6ttern belastet, ererbte  Denkfehler im Gehirn. Weiter\u00adentwickler ererbten Wahn\u00adsinns. Bis zum  countdown.<br \/><br \/><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/buchtitel\/stoffwechsel-uhlig-180.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p> <strong>F. Ricinski:<\/strong> Ende 2011 erschien bei epubli Verlags\u00adgruppe Holtz\u00adbrinck <em>stoff.wechsel.<\/em>  Ohne dass dieser Titel einen obses\u00adsiven oder leitmotivischen Begriff  be\u00adinhaltet, wirkt er doch wie ein Signal\u00adwort, das ein  wieder\u00adkeh\u00adren\u00addes, bedeu\u00adtungs\u00advol\u00adles Thema Ihrer Schreib\u00adkunst  ank\u00fcn\u00addigt. Durch den Punkt, den Sie innerhalb des Wor\u00adtgef\u00fcges  augen\u00adf\u00e4llig gesetzt haben, wurde die enge Bezie\u00adhung der zwei Teile  Ihrer Syntagme vor\u00fcber\u00adgehend unter\u00adbrochen, und so kann jedes Wort,  bevor man die sinngebende Einheit (als Metabolismus) wieder\u00adher\u00adstellt,  auch f\u00fcr sich bestehen. Und so f\u00fchrt dieser Ein\u00addring\u00adling der  Inter\u00adpunktion zu einem sub\u00adtilen Sin\u00adnes\u00adwandel, wie z.B. von dem  aufge\u00adnom\u00admenen Stoff im K\u00f6rper zu der ide\u00adellen Grund\u00adlage Ihres Romans  \u2013 dem Er\u00adz\u00e4hl\u00adstoff. Auch an anderen Stellen spielen Sie mit den  W\u00f6rtern, gestalten Sie neu, und diese Neigung ent\u00adsch\u00e4rft f\u00fcr einen  Au\u00adgen\u00adblick die Ernst\u00adhaftig\u00adkeit eines Begriffs im Kontext. Wie  bedienen Sie sich grund\u00ads\u00e4tz\u00adlich der Sprache, wie gehen Sie mit diesem  Thesau\u00adrus um? Wie verstehen Sie als Autor des 21. Jahr\u00adhunderts ihr zu  dienen?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Meine Mutter hat sehr darauf  geachtet, dass wir Kinder ein gutes Deutsch sprechen. Ihr habe ich mein  Sprach\u00adver\u00adm\u00f6gen zu verdanken. Mit der Kraft meiner Augen und der der  Sprache habe ich meine Stra\u00dfen und Kontakte gebaut. Ich sehe mich als  Jongleur des Alphabets. Ich spiele mit der Sprache. Dann wieder zwingt  es mich zu einer Genauig\u00adkeit, die mir h\u00f6chste Konzentration abfor\u00addert.  Ich k\u00e4mpfe st\u00e4ndig gegen meine Bequem\u00adlichkeit, gegen meinen  Kaffee\u00adhaus\u00adm\u00fc\u00dfig\u00adgang. H\u00e4tte ich den Ruhm wie Marcel Duchamp, ich w\u00fcrde  nie wieder ein Kunst\u00adwerk machen, kein Buch mehr schreiben, sondern nur  noch Schach spielen. Letzt\u00adlich erlege ich mich selbst, wenn ich mir  nicht end\u00adlich eine Ruhe gebe.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Es geht in diesem Kurzroman  um die symbolische Reise durch sich und sein Selbst, mit lauten und  unter\u00adschwel\u00adligen Anklagen einer ab\u00adleh\u00adnenden Seele, hervor\u00adgerufen  durch das schlaf\u00adlose Ged\u00e4cht\u00adnis des Leidens. \u201eStoff.wechsel\u201c ist keine  direkte Autobiographie mehr, sondern eine Suite von Lebens\u00adsequenzen  und -stationen eines Prota\u00adgonisten, der in der dritten Person von sich  wie \u00fcber einen Fremden erz\u00e4hlt. Und diese Verfremdung, mit  Introspektionen, R\u00fcck\u00adblenden und \u00dcber\u00adblendungen oder Projektionen,  bietet dem Leser neben der Erf\u00fcl\u00adlung eines h\u00f6heren literarischen  Anspruchs weitere M\u00f6g\u00adlich\u00adkeiten der Selbsterkennung oder  verglei\u00adchenden Nach\u00addenkens \u00fcber M\u00e4ander und Abgr\u00fcnde des eigenen  Daseins. Die frei gespon\u00adnennen F\u00e4den seiner Erz\u00e4hlung (meist ein  innerer Monolog) kreuzen sich mit dem bei\u00dfenden, ungest\u00fcmen Ton der  Diskurse. Peter Baaks prangert damit das unnzu\u00admutbare Verhalten der  Erwach\u00adsenen an, die seinem Herzen Angst und Unfrieden einfl\u00f6\u00dften und  ihn als andersartig und von minderem Wert betrachteten: Nur ein klein  wenig Inter\u00adesse an seiner kleinen Person h\u00e4tte ge\u00adreicht, ihn \u201eaus dem  Schlamm dieses bestimmten Gef\u00fchls, er sei ein Nichts, eine Null\u00adnummer  der Sch\u00f6pfung, ein Loch in der Natur, heraus zu ziehen\u201c. (Freud hatte  recht, denn viele St\u00f6rungen im reifen Alter wurzeln in der Kindheit).  Auch mit seinen ekel\u00aderre\u00adgenden, geschw\u00e4t\u00adzigen Zeit\u00adgenossen und  \u00fcber\u00adhaupt mit der Spezies Mensch rechnet er auf seine sarkas\u00adtische  Weise ab. Wie ver\u00adzweifelt sollte er gewesen sein, um sich zu w\u00fcnschen,  im Labor seiner eigenen Welt einen anderen homo sapiens ent\u00adstehen zu  lassen?! Kein Golem zum Gl\u00fcck und auch kein Homunculus, und den\u00adnoch die  schauer\u00advolle Vision eines k\u00fcnst\u00adlichen Gesch\u00f6pfs. W\u00e4re dies eine  bessere Alter\u00adnative f\u00fcr ihn und die Gesell\u00adschaft gewesen?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich habe mir beigebracht, die  Sch\u00f6nheit sehen zu k\u00f6nnen, wenn ich gegen\u00adw\u00e4rtig bin. Das ist sehr viel.  Dumm\u00adheit und Tumb\u00adsein ekeln mich, auch das Stoff\u00adwechsel\u00adgeschehen  meiner Mit\u00admenschen. Ich brauche eine Menge Abstand. Massen k\u00f6nnen mich  zum Erbre\u00adchen bringen. Sorry \u2026<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Kein eigenes  Stoff\u00adwechsel\u00adgeschehen wird im Roman aus\u00addr\u00fcck\u00adlich beleuchtet und doch  schwingen Saiten Ihrer Seele mit, auto\u00adbio\u00adgrafische Z\u00fcge lassen sich  mancherorts leichter vermuten. Baaks Mutter hatte ihm immer gesagt, er  solle sich nie damit abfinden, nur ein Hamster zu werden. Wie schafften  Sie es, der Unwill\u00adkommene auf dieser Welt, Geisel eigener dunkler  Gedanken und Empfin\u00addungen, Sie, der aus jeder \u201eNormali\u00adt\u00e4t\u201c Getriebene,  mit den Ernie\u00addrigungen und den ersch\u00fct\u00adternden Traumata in sehr jungen  Jahren fertig zu werden?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich bin eben mit diesen  Geschichten nicht fertig geworden. Bis heute nicht.Und wie ich im Roman  sage: Aus der Absurdit\u00e4t der Dinge habe ich mein bisschen Licht und Ich  und Selbst gebastelt. Aber noch heute bin ich entt\u00e4uscht von mir, so  wenig zustande gebracht zu haben .Da ist mir meine Krankheit auch kein  Trost.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Also haben Sie sich, so wie  Baaks sich vor\u00adstellte, ein Selbst aus dem Staub der Dinge erschaffen  &#8230; Jedenfalls konnten Sie auch ohne eine Mut\u00admaschine das Gef\u00fchl  erstellen, mitten\u00addrin zu sein, von vielen geachtet, bewundert &#8230;, und  das h\u00e4lt und h\u00e4lt an! Was f\u00fcr ein seltenes, seltsames Lebe\u00adwesen sind  Sie, Gerald Uhlig, das allen negativen Erfah\u00adrungen zum Trotz, immer  noch sagt, dass man die Menschen lieben und Ihnen helfen muss?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Sage ich das? Ich liebe die  Menschen nicht. Ich liebe meine Tochter. Und die hat leider meine  Krankheit geerbt. Sie liebe ich \u00fcber alles.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Nichts und niemand kann, was  Ihnen bzw. Ihrem alter ego passiert ist, ungeschehen machen. \u201eDu sollst  immer ein St\u00fcck Himmel \u00fcber deinem Leben bewahren\u201c, r\u00e4t aber ein anderer  Kranker, ein Asthmatiker namens Proust. Wie sieht Ihre eigene L\u00e4uterung  aus?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Auch im tiefsten Dunkel noch ein Lachen.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Trieb die Arbeit an diesem Roman die Heilung Ihrer Seele voran?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Kunst, Literatur heilt  nie.Tr\u00f6stet nicht einmal. Wenn das DNA-Alphabet Fehler hat, heilt  nichts. Ein Fehler im Bauplan bleibt auf immer ein Fehler im Bauplan.  Hat jemals ein Psychologe geheilt? Nein. Nur das Vergessen heilt. Ich  lebe durch Vergessen.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Trug sie zu einer  Bes\u00e4nftigung oder sogar zu einem vers\u00f6hnlichen Umgang mit den Schatten  Ihrer Vergangenheit bei, oder tun Sie sich immer noch schwer damit?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Durch meine lieblose Kind\u00adheit  leide ich manchmal unter dem Wal\u00adhol\u00adsyndrom: Stehe ich nicht jeden Tag  in der Zeitung, gibt es mich nicht .<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Und der folgende Satz geh\u00f6rt Ihnen: \u201eSt\u00e4ndiges Klagen und Schuld\u00adzu\u00adweisungen seien ver\u00adgeudete Lebens\u00adzeit\u201c.<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Kann ich immer wieder unterstreichen.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Der Begegnung mit der jungen  Malerin, die einen Misanthropen wie Baaks in einen unwiderstehlichen  Erregungszustand versetzt, und dem vollzogenen Geschlechtsakt im  Schlafwagen folgte Johannas Selbstmord. Schon im Prolog des  \u201eStoffwechselsromans \u201c, der \u201ewie ein Krimi beginnt\u201c, macht sich die  Mehrdeutigkeit Ihres Ausdrucks bemerkbar: \u201eWeil sie das Talent hatte,  gl\u00fccklich zu sein\u201c, klang die etwas paradoxe Antwort des  Schrifttstehlers auf seine eigene Frage nach dem Motiv von Johannas  Selbst\u00admord. \u201eBaaks&#8216; Haar wurde von einer Sekunde zu anderen  schneewei\u00df\u201c. Der Farbstoffwechsel ist also als Effekt eines  unmittelbaren Schock\u00aderleb\u00adnisses zu verstehen. Damit setzten Sie dieses  Geschehen ins Jetzt. Genau so gut k\u00f6nnte es aber das Zeichen seiner  eingetretener Alterung in einer extrem ver\u00addichteten, verzahnten  Vergangen\u00adheit und Gegenwart sein, weil er von dem Subjekt seiner  Begierde getrennt und der Transfer sinn\u00adlicher Energie abge\u00adbrochen  wurde.<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Sie sind eine sehr kluge Beobachterin. Ich bin fasziniert.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> \u00dcber einen zuf\u00e4lligen  Mitreisenden erfuhr Baaks aber, dass Johannas Selbstmord schon vor acht  Jahren statt\u00adgefunden hatte, und diese Mitteilung verun\u00adsicherte den  Gesch\u00e4ftsmann. Die zeitlichen Umst\u00e4nde und die angenommene Wirklichkeit  ihres Todes werden pl\u00f6tzlich relati\u00adviert. Wann genau und ob es  \u00fcberhaupt so passiert war, und wer die weibliche Gestalt sein konnte \u2013  wirft Fragen auf, aber vieles bleibt zwiesp\u00e4ltig, diffus. Und es ist gut  so, auch wenn dadurch die Charaktere nur aus gro\u00dfen Um\u00adrissen bestehen,  sogar ein wenig surreal wirkend. Mal dehnt sich die Zeit in diesem  Roman aus, mal flutet sie \u00fcber und mal komprimiert sich, wird  \u00fcbergestapelt, einge\u00adfroren, beinah auf\u00adgel\u00f6st.<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Erstaunlich, wie \u00e4hnlich Sie mit der Autorin der FAZ zu <em>stoff.wechsel.<\/em> sind. Falls es Sie interessiert: <a rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\" href=\"http:\/\/newsroom.epubli.de\/autoren\/frankfurter-allgemeine-zeitung-gerald-uhlig-romero\/\">newsroom<\/a><br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Wenn manch vereinbare  Eindr\u00fccke oder Betrachtungen vorkommen, liegt es, wenn nicht an den  Zufall, wahrscheinlich an die Offensichtlichkeit bestimmter  Text\u00admerkmale &amp; Teilaspekte Ihres Romans. Auch ein \u00e4hnlich ge\u00fcbtes  Leserauge, \u00e4hnliche F\u00e4higkeit oder Art, einen Text zu erfassen,  literarische Affinit\u00e4ten etc. w\u00fcrden solch unbeab\u00adsichtigte  Ann\u00e4he\u00adrungen bzw. Ent\u00adsprech\u00adungen erkl\u00e4ren. Hatten Sie vor, mit  \u201estoff.wechsel\u201c implizit ein Buch \u00fcber die Zeit zu schreiben?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ja. Es ist ein Buch, das nur  heute funktioniert, denn wen interessiert morgen noch das Mittelalter  von heute &#8230;Wir sind schnell, und k\u00f6nnen hoffent\u00adlich bald den  bio\u00adlogi\u00adschen K\u00f6rper abschaffen. Es ist zum anderen die Geschichte  einer Herz\u00adtrans\u00adplanta\u00adtion.(ein kaltes Herz will gegen ein warmes Herz  getauscht werden. (Das w\u00e4re meine n\u00e4chste O.P.) Die Story spielt  w\u00e4hrend eines Narkose\u00adtraums. Ich hatte diesen Traum bei meiner  Nieren-Trans\u00adplan\u00adtation und habe immer aus der Tiefe Mutter gerufen.  Ferner gibt es \u00c4hnlichkeiten mit der Bio\u00adgraphie von Steve Jobs (war  unbeab\u00adsichtigt). Nahe Zukunft: Es wird nicht mehr lange dauern, bis das  erste Bild f\u00fcr eine Milliarde Dollar versteigert wird.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Was bei Proust \u00fcber den  Geschmack ausgel\u00f6st wurde, n\u00e4mlich die Suche nach der verlorenen Zeit,  entsteht bei Uhlig im Auge des Reisenden, auf der Netzhaut. Zum  Beispiel, dass die wieder\u00adkeh\u00adrende Illusion eines kleinen Jungen auf  dem Gang des Zuges nichts anderes sei als die Visua\u00adlisierung von Baaks&#8216;  kind\u00adlichem Ich. Erlebten Sie eine sinn\u00adliche Wahr\u00adnehmung der Zeit wie  einst Marcel Proust? Wie betrachten Sie die Zeit, die allein durch die  Kraft der Erin\u00adnerung und Ein\u00adbildung wirkt oder beein\u00adflusst wird?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Die Zeit richtet uns dahin. Das  Alter ist die Dem\u00fctigung der Zeit. Die Zeit ist nichts anderes als ein  Kratzen an der Wand der Todeszelle des Lebens. Erinnerung ist  abge\u00adstandene Zeit. Und wenn man seine Erin\u00adnerungen verliert,  verwandelt man sich in Jemanden, den man noch nicht mal kennt. Und der,  den man kannte, verschwin\u00addet. Meine Gedanken waren auf einmal so wild,  dass ich pl\u00f6tz\u00adlich von meinem eigent\u00adlichen Ziel abge\u00adschnit\u00adten war  und meine S\u00e4tze klangen so, als w\u00fcrfelte ich nicht bei Tag im Licht,  sondern im Dunkeln. Meine Gedanken trockneten am unteren Rand aus, St\u00fcck  f\u00fcr St\u00fcck verdampften sie, und ich kehrte zur\u00fcck in den Ozean ohne  Erinnerung, ohne Zeit. Mein Gehirn begann Ballast abzuwerfen, ich verga\u00df  mich selbst, ehe die Welt beginnen konnte, mich zu vergessen.  Pl\u00f6tz\u00adlich hatte ich das Gef\u00fchl, dass ich den Sonnenaufgang am Horizont  nicht mehr erkennen konnte. Ich fand im Spiegel der Wellen mein Gesicht  nicht mehr. Wenn ich die W\u00e4nde meines eignen Ichs zu erf\u00fchlen versuche,  fiel mich diese gro\u00dfe, namenlose Trauer an. Ich konnte nur noch die Luft  atmen, die ich vorher abgekocht hatte. Ich hatte nie gelernt ein Ich zu  sein, das ohne die Gunst des Publikums \u00fcberleben konnte.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Die erotische Episode mit  Baaks und Johanna erinnert mich an ein anderes literarisches Paar,  dessen Los und Hingabe sich mit \u00e4hnlicher Intensit\u00e4t ereignet. Auch die  Beweg\u00adgr\u00fcnde von Faust (denn an seine Liebesgeschichte will ich hier  ankn\u00fcpfen), der von Helenas Sch\u00f6n\u00adheit bet\u00f6rt ist, sein Vorgehen, und  auch die Leitidee, dass Gl\u00fcck und Sch\u00f6nheit dauerhaft sich nicht  vereinen k\u00f6nnen, unterscheiden sich nicht allzu viel von dem, was in  Ihrem Roman geschildert ist.<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Es ist alles geschrieben, neues unter der Sonne gibt es nicht mehr!<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Nicht mehr oder noch nicht?!  &#8230; Faust bracht Helena in einen kleinen Wald, um dort den Augenblick  mit ihr auszukosten. Der Liebesakt von Johanna und Peter findet an einem  weniger poetischen Ort \u2013 n\u00e4mlich im Schlaf\u00adwagen, statt, aber auch sie  geniessen das volle Gl\u00fcck. Beide Paare f\u00fchlen sich jenseits aller Zeiten  und R\u00e4ume der Welt. Anschlie\u00dfend wirft sich Johanna, die junge  anziehende Frau, vor den Zug. Die mythische Helena verabschiedet sich  von Faust und l\u00f6st sich auf. Wo Sie sich k\u00fcnstlerisch mit Darwins  Theorien besch\u00e4ftigen, best\u00e4tigen Sie die Sexualit\u00e4t als einen Weg der  Evolution. In diesem Zusammen\u00adhang: W\u00fcrde Johanna eher den  Weiblichkeitsarchetyp verk\u00f6rpern, des Lebens Grundpfeiler? Oder ist sie  nur eine Erscheinung, eine hei\u00dfe Wunschvorstellung? Stimmen Sie diesem  Parallelwagnis zu oder ist dieser Exkurs zu abwegig?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Johanna verk\u00f6rpert f\u00fcr mich das  Prinzip der Dame Evolution und als solche kehrt sie im Roman auch wieder  zur\u00fcck. Sie ist das Leben selbst, die Sexualit\u00e4t, der Tod, der Zufall,  die Sch\u00f6nheit. Unsere Wirklichkeit, unser Geworden\u00adsein, all das steckt  in diesem d\u00fcnnen Romanchen. Er wiegt genausoviel wie ich 55g. (55 kg)<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Und auch der zuf\u00e4llig reich  gewordene, \u00e4ltere Baaks, dessen Libido sich wie ein Feuer entfachte,  wollte vielleicht gar nicht das dauerhafte Gl\u00fcck besitzen, sondern dem  Augenblick das H\u00f6chste entrei\u00dfen, stehlen und, Faust \u00e4hnlich, es  festhalten. Es ist sch\u00f6n, dass auch hier nicht alles verdeutlicht wurde,  die T\u00fcr f\u00fcr die Auslegung offen bleibt: Zauber und Gegenschlag, Binden  und L\u00f6sen oder anders gesagt, das Binom von Eros und Tod.<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Das ist wieder sehr klug von Ihnen formuliert!<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Spiegelt diese Schilderung  bzw. Andeutung einen unvermuteten romantischen Bestandteil Ihres Wesens,  der mit Ihren anderen Pers\u00f6n\u00adlichkeits\u00adz\u00fcgen koexistiert, oder handelt  es sich eher um die exklusive Sichtweise Ihres Helden und bewusst  einge\u00adsetzte Romantikelemente oder Ausl\u00e4ufer der fr\u00fcheren  Literatur\u00adstr\u00f6mung?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich habe soetwas wie einen  literarischen Krimi versucht. Auch bin ich kein  Literatur\u00adwissen\u00adschaftler. Dinge wollen aus mir heraus. Und ich lasse  es zu. Zudem irgendetwas muss ich ja tun, im Vergehen der Zeit.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Weder das Thema Ihres Romans  noch die Erz\u00e4hl\u00adtechnik sind neu. Noch zu wenig Inno\u00advatives,  Uner\u00adh\u00f6rtes, Provokatives, wie es in Ihren anderen Kunst\u00adsparten und  -werken der Fall ist. Jen\u00adseits manch abge\u00adflachter, leicht  redun\u00addan\u00adter Abschnitte und Gemein\u00adpl\u00e4tze, eines vereinzelten  d\u00e9ja-vu-Gef\u00fchls, schwingen jedoch ein elo\u00adquenter Parlando- und ein fein  nuancierter Ton mit. Die Unter\u00adtei\u00adlung in 41 Kapitel mit vorstehenden  Leits\u00e4tzen und R\u00e9sum\u00e9es weist zwar auf die Klarheit einer klas\u00adsischen  Struk\u00adturierung des Textes hin, aber ansonsten ist Ihr Roman ein  modernes Gemisch aus realer, fiktio\u00adnaler und surrealer Darstellung, ein  Durch\u00adweben von Damals, Nirgends und Jetzt, mit Stac\u00adcatos und  Spr\u00fcngen, Erz\u00e4hl\u00adfluss inter\u00adruptus, eine Hybride im besten Sinne des  Wortes. Und ob die Fiktion in ent\u00adsprechender Propor\u00adtion zu den anderen  Bereichen steht oder nicht, ein Roman setzt die Erfin\u00addung voraus, und  sie ist in \u201estoff.wechsel\u201c vorhanden. Gerade durch das einge\u00adwillige  Collagieren und weil Ihr Roman so unein\u00adheit\u00adlich bleiben wollte,  ent\u00adwickelte er sich zu einem einzig\u00adartigen Buch.<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Danke.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Werden wir demn\u00e4chst mit  einem Buch \u00fcberrascht, dessen Thema sich neu anh\u00f6rt, und wo Sie die  Sprache und die Stilmittel k\u00fchner einsetzen?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Mein neues Buch ist schon l\u00e4ngst  im Entstehen. \u201eDie Erfindung eines Kaffee\u00adhauses\u201c k\u00f6nnte es hei\u00dfen.  Stilmittel k\u00fchner? Bin ich zu anbie\u00addernd in meinen Gedanken und damit  in meiner Sprache? Sie meinen, da ist es wieder: Der Junge will um alles  in der Welt geliebt werden.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Ach wo! Wie l\u00e4sst sich von  Ihnen die Aufgabe eines modernen Schrift\u00adstellers, der Sinn seines  Werkens und Werkes n\u00e4her erl\u00e4utern? Denken Sie wie Adorno, dass es heute  Aufgabe der Kunst sei, \u201eChaos in die Ordnung zu bringen\u201c? Ist sie ein  Spiel mit ernsten Problemen, wie Kurt Schwitters meint?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Chaos und Ordnung organisieren  sich selbst. Da brauchen wir keine Kunst. Das ist der Herzschlag der  Natur. Wir Menschen sind nur chaotische Statisten.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Die Aprikosenb\u00e4ume gibt es,  die Aprikosenb\u00e4ume gibt es, jubelt Inger Christensen zu Beginn ihres  Langgedichts \u201eAlphabet\u201c. Die Alphabete gibt es, beschw\u00f6rt sie. Und den  Regen der Alphabete gibt es, und ein Gehirn im Innern der Sinne &#8230;  Uhligs Olivenb\u00e4ume gibt es auch, und sein Alphabet, auch wenn es anders  aussieht als z.B. das Anemonenalphabet der gro\u00dfen d\u00e4nischen Dichterin,  aber in einem analogen \u201eInnern der Sinne\u201c vernetzte das Gehirn seltene  Namen und S\u00e4tze aus zusammenger\u00fcckten Buchstaben. \u00d6lb\u00e4ume mit den  Wurzeln in die Erde verankert und, anstelle der Steinfr\u00fcchte,  Leuchtschriften an den \u00c4sten befestigt, das sind die urspr\u00fcnglichen  Komponenten einer singul\u00e4ren poetischen Idee gewesen, die Sie zwei Jahre  sp\u00e4ter in Form einer begehbaren Installation vollendeten. Die  lebendigen und die dinglichen Teile stehen vordergr\u00fcndig in keinem  kausalen, erkennbaren Zusammenhang, es waren Ihre Fantasie und die  vielen Gedanken an die mitbetroffenen \u201eKinder(n) des Seltenen  Alphabets\u201c, die aus einer ungew\u00f6hnlichen Assoziation von Natur,  Wissenschaft, Werbekunst und Lichttechnik etc., ein besonderes Kunstwerk  mit einer nachvollziehbaren Aussage schufen. Warum haben Sie den \u00d6lbaum  der immergr\u00fcnen Zypressen oder der anderen B\u00e4umen bevorzugt? Vielleicht  weil er schon in der Mythologie und auch in der Bibel, in der Antike  als Lebensbaum steht?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Die Olive ist ein sehr positiv  be\u00adsetzter Baum. Und in seiner Ent\u00adwicklungs\u00adgeschichte auch sehr alt.  Und da leuchtet aus ihm heraus die Mutation. Weit sichtbar.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Nat\u00fcrlich wachsen die B\u00e4ume  nicht in den Himmel, d.h. auch diese Aus\u00adstellung in der Galerie des  ber\u00fchmten Berliner Caf\u00e9 Einstein konnte keine seltene Krankheit heilen,  aber die \u201eStimme der Kunst\u201c verschaffte sich vermutlich mehr Geh\u00f6r f\u00fcr  die ungen\u00fcgend beachteten N\u00f6te und Sorgen als ein elaborierter Vortrag,  machte Mut und gab \u201erastlose Hoffnungen\u201c, wie Inger Christensen einen  solchen Zustand so zutreffend ausdr\u00fcckte. Noch lange sei nicht alles  verloren, auch wenn vieles dagegen spricht oder anders aussieht, schien  diese Instal\u00adlation nicht nur den Kranken, sondern allen Anwesenden zu  sagen. Welche positiven Auswirkungen hatte Ihr \u201eseltenes Alphabet\u201c in  der \u00d6ffentlichkeit und bei den Medizinern und Forschern?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Die Ausstellung\u201cseltenes  alphabet\u201c wurde auf die Insel Mainau eingeladen und war dort fast f\u00fcnf  Monate zu sehen. Sie soll, wenn Br\u00fcssel bezahlt, durch ganz Europa  tingeln. Aber das obliegt anderen Kr\u00e4ften.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Ich glaube, zu dem Gehalt  Ihres seltenen Alphabets und zum Gesamtwerk, \u00fcberhaupt zu Ihrer  Pers\u00f6nlichkeit passt kein besseres Motto als das dreizehnte Gedicht des  \u201eAlphabet\u201c dieser gro\u00dfartigen Lyrikerin! Wollen Sie einige Verse davon  h\u00f6ren? Also: \u201eich schreibe wie ein vom tode gezeichneter\/herbst schreibe  wie rastlose hoffnungen,\/wie lichtst\u00fcrme quer durch nebelhafte  erinnerung \/&#8230;ich schreibe wie der wind\/ schreibe in der luft\/ wie die  pflanzen schreiben\/ mit stielen und bl\u00e4ttern &#8230;\u201c H\u00e4lt sie nicht etwas  wie einen rotierenden Spiegel vor Ihren Augen? Konnten Sie sich darin  wiedererkennen?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich bin ein Cham\u00e4leon. Ich kann  mich in vielem wiedererkennen. Mein Problem: In zu vielem. Vielleicht  deshalb, weil es mich einfach nicht gibt und ich dies, im Gegenteil zu  vielen anderen, auch zugebe.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Nun lasst uns die Uhren  zwanzig Jahre zur\u00fcckstellen, zu der Stunde, als in der Neuen  Nationalgalerie von Berlin Ihre szenische Performance \u201eDas Lied der  Karpfen\u201c begann. Da ging es, so viel ich wei\u00df, um die effekt\u00advolle,  provo\u00adkative Hommage an Otto Dix, anhand seiner Fr\u00fch\u00adbilder des Krieges  und Elends, und der religi\u00f6sen Inhalte seines sp\u00e4teren Werkes.  Biographie\u00adbez\u00fcge, verwoben mit Ihren eigenen Insertionen, trugen zu der  Komplexit\u00e4t Ihrer Show bei. Leider befand ich mich nicht unter den  Zuschauern, dennoch konnte ich mir dieses auf\u00adfallend wilde Spek\u00adtakels  vorstellen. Das Ganze wirkte \u2013 nicht wahr? \u2013 wie eine Trans\u00adposition der  Dix-Werke in einem Format gro\u00dfen Ausma\u00dfes \u2013 als h\u00e4tten sich die  einzelnen Bilder von der Wand abgel\u00f6st und in die Happening-R\u00e4ume  hinein\u00adbegeben. Insbe\u00adsondere haben mich die Dramatik der  natura\u00adlistischen Szenen im Schluss\u00adteil ersch\u00fct\u00adtert. \u201eHier mu\u00df ein  Herz zu finden sein, hier mu\u00df eine Seele zu finden sei. Nirgendwo finde  ich ein Herz, eine Seele, weder im Krieg noch im Bordell\u201c, beklagte sich  der Kunstj\u00e4ger, w\u00e4hrend er in den Einge\u00adweiden eines mexi\u00adkanischen  Haifischs w\u00fchlte. \u201eNur Gehirn, Blut, Ged\u00e4rme\u201c&#8230; So klang das Drama um  das entseelte, seiner Illusionen und Tr\u00e4ume beraubte Wesen. Der  K\u00fcnstler, der an sich st\u00e4ndig versucht, dem Leben seine Geheimnisse zu  rauben, schreckte hier nicht mehr davor, einen unge\u00adsch\u00fctzten Leib zu  pl\u00fcndern. Und am Ende durften sogar die Zuschauer sich ein St\u00fcckchen  Haifleisch herausschneiden.<br \/> &nbsp; War mit dieser  Einladung zu einer kollektiven Zerst\u00fcckelung die Teilhabe aller an der  Kunst gemeint? Aus Tatenlosen \u201eMitt\u00e4ter\u201c zu machen? Und das Opfertum  eines K\u00fcnstlers vielleicht? Oder war es nur ein gelungener Gag? Musste  unbedingt ein ver\u00adspotteter Gott her, um das Opus zu kr\u00f6nen?..<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich bin fasziniert von Haien.  Diese Hommage in der Neuen National\u00adgalerie galt auch der Verbeugung vor  dieser Kreatur, die \u00fcber Millionen Jahre existiert. Der Kunstj\u00e4ger  t\u00f6tet dieses Tier, das nur fri\u00dft, zu \u00fcberleben. Im Gegensatz zum  Kunst\u00adj\u00e4ger, der immer fri\u00dft. Was mich ein wenig traurig macht ist, dass  ich einige Zeit vor Damien Hirst den Hai zum gehei\u00adligten Kunst\u00admahnmal  erhoben habe, er aber dann sp\u00e4ter damit Weltruhm erntete. Das ist eben  der Unter\u00adschied zwischen London und Berlin. In Berlin sind noch nie  gute, orginelle Leute entdeckt worden.Es gibt hier keine  Bedeutungs\u00admacher. Berlin kauft immer nur fertiges ein.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Ihre Hai-Darstellung (in \u201eDas  Lied der Karpfen\u201c) weist bei weitem mehr Originalitat auf und eine  komplexere Symbolik als Damien Hirsts ikonische Pr\u00e4sentation des in  Formaldehyd eingelegten Tigerhaies. Und vor ihm gab es auch der Hai von  Eddie Saunders, der von der Kunstwelt auch nicht richtig wahr\u00adgenommen  wurde, abgesehen von Hirst, der keine Hemmungen zu haben schien, sich  von Werken anderer K\u00fcnstler inspirieren zu lassen &#8230; Nicht nur der Hai,  auch der Karpfen scheint ein wesentlicher Ver\u00adtreter Ihrer Vor\u00adstellung  von der Welt und ihrer bzw. unseres gemein\u00adsamen Ursprungs zu sein.  Warum gerade dieses Korre\u00adlations\u00adverh\u00e4ltnis von Menschen und Karpfen?  Stellen Sie sich vielleicht auch eine gemein\u00adsame R\u00fcckkehr, eine  R\u00fcckf\u00fchrung vor, trotz einer uralten Weisheit, die \u201enon bis in idem\u201c  lautet?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Der Karpfen lebt und w\u00fchlt im  Schlamm. Ist das nicht der Ort, von wo wir einst herkommen? Und auch  dorthin geht die Reise wieder zur\u00fcck, in die atomare  Geheim\u00adgesell\u00adschaft der kleinen, kleinsten Teilchen. Die Erde nimmt  immer wieder das auf, was sie einst hervor\u00adgebracht hat.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> \u201eGeben Sie mir ein Museum und  ich f\u00fclle es!\u201c Dieser Satz von Picasso l\u00e4sst sich in Ihrem Fall  wunderbar paraphrasieren: \u201eGeben Sie mir ein Wasser\u00adbecken und ich f\u00fclle  es\u201c&#8230; Im Halbdunkel des Berliner Zoo-Aquariums schafften Sie in der  Tat diese museale Einrichtung einer einst intakten Natur, und f\u00fcllten es  mit verschie\u00addenen Lebe\u00adwesen und Objekten, die Sie selbst daf\u00fcr  anfertigten. Eine Menge konzep\u00adtueller Arbeit steckt in dieser  Kunstoper, aber auch ein Szenario verf\u00fch\u00adrerischer Sinnlichkeit. Und  auch hier eine Ambivalenz in der Darstellung, mit einer deutlichen  Botschaft und einer subtilen. Manche Sequenzen, ob singbar, ger\u00e4uschvoll  oder skurril komponiert, wiesen auf eine geduldige Wahr\u00adnehmung und  Toleranz gegen\u00fcber dem Anderen.<br \/> &nbsp; Zwar wurde die  Idee einer gemeinsamen Herkunft angedeutet, aber das Wissen um eigene  Menschen\u00adschuld an der Zerst\u00f6rung nat\u00fcrlicher Lebens\u00adr\u00e4ume schwebte mit.  \u00dcber das sp\u00fcrbare Entgleiten aus dem nat\u00fcr\u00adlichen Gleichgewicht klagten  Sie mit Hilfe einer Suite absurder Insze\u00adnierungen von Personen und vor  allem durch das Aufstellen Ihrer skurrilen Kunst\u00adobjekten, wie der  Hammer\u00adfisch oder die Schirm\u00adqualle, und gleich\u00adzeitig lie\u00dfen Sie durch  die Magie der Metaphern und Farbbilder oder akustischer Sugges\u00adtionen  einen Hauch von Nostalgie und Hoffnung auf ein friedliches Mit\u00adeinander  wehen. Wie auf Ulysses&#8216; Irrfahrt ert\u00f6nten Laute von Walen, allerdings  aus den Laut\u00adsprechern, mittei\u00adlungs\u00adbed\u00fcrftige Frauen und M\u00e4nner  rezi\u00adtierten und sangen ihr Lamento oder \u00fcbert\u00f6nten alles andere mit  ihrem schallendem Lachen, eine grazile Undine sa\u00df wie am Ufer und  wartete, aber niemand und nichts konnte das desolate Spektakel in einer  Weise versch\u00f6nern oder ihre Welt und sich retten. Noch nicht &#8230; Und  doch scheint diese Kunstoper, die \u201eVon Menschen und Karpfen\u201c erz\u00e4hlt,  das poeti\u00adschste aller Ihrer Werke zu sein, so weit ich beurteilen kann,  mit so geschwind wechselnden Sinnes\u00adeindr\u00fccken. Statt auf \u201eGehirn, Blut  und Ged\u00e4rme\u201c trafen hier das betrachtende Auge und das Ohr auf das  Wasser als Wiege des vielf\u00e4ltigen Lebens. Welche Resonanz hatte diese  Performance beim jungen und sehr jungen Publikum?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Meine Oper wurde  generations\u00fcbergreifend wahr\u00adgenommen und von den Medien sehr gut  angenommen, die Unterwasseroper wurde zu einer kleinen Pilgerst\u00e4tte f\u00fcr  Meditierende.Ich sa\u00df ja jeden Abend mit Sauer\u00adstoffflasche auf einem  Stuhl im Becken des Zackenbarschs. Dieses Bild hie\u00df  \u201eM\u00e4nnerfreundschaft\u201c.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Letztendlich sind die B\u00fccher,  die Musik, die Kunstwerke etc. unsere wahren Reicht\u00fcmer, die den  sch\u00f6pferischen Geist des Menschen bescheinigen. Eine Kunst aber scheint  alle zu \u00fcberragen: ars vivendi, die Lebenskunst eben, d.h. die  F\u00e4higkeit, sein Leben zu meistern. \u201eLeb als wolltest du t\u00e4glich sterben,  schaff als wolltest du ewig leben\u201c. Ein Lebensk\u00fcnstler ist laut Lexikon  jemand, der unter widrigen Umst\u00e4nden stets in der Lage ist, das Beste  aus seinem Leben zu machen. Nachdem ich so vieles \u00fcber Sie erfahren  durfte, kann ich ohne zu z\u00f6gern ausrufen: Ah, Gerald Uhlig-Romero, Sie  sind ja ein Lebens\u00adk\u00fcnstler, und was f\u00fcr einer! Nach welchen Ma\u00dfst\u00e4ben  und Gesichts\u00adpunkten gestalten Sie Ihr jetziges Leben? Was w\u00fcnschen Sie  sich, in diesem Leben noch zu erreichen? Und bis es eintritt, werden Sie  weiter k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig sein und an den Tag glauben, da Ihr Kunstwerk  eine erste Krankheit heilen wird?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Jeder Tag kann der letzte sein. Meine Tochter so lange unterst\u00fctzen, bis sie losfliegt. So oft als m\u00f6glich das Meer aufsuchen.<br \/> Da meine Kunst keine Krankheit heilen wird und ich an Morbus Fabry  sterben werde, war meine Kunst umsonst. Ich blicke der Leere, dem Nichts  aufrichtig ins Gesicht. Durch den Ruhm h\u00e4tte ich mich etwas mehr  ablenken k\u00f6nnen, aber er war mir nicht verg\u00f6nnt.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> An dieser Stelle fliehen  meine Gedanken an Ovids \u201eArs amatoria\u201c (Die Liebeskunst) und an das alte  Carpe-diem-Sonett von Ronsard (Pfl\u00fccke die Rosen des Lebens, bevor sie  verwelken!) Und sogar an die Epikureer und an die Zen-Praktiker, die f\u00fcr  ein Leben im Hier und Jetzt sind, indem sie sich ganz auf den gerade  vorhandenen Augenblick konzentrieren. Ob sie die richtige Lebenskunst  proklamieren oder beherrschen? Was f\u00fcr eine ars vivendi haben Sie  letztlich f\u00fcr sich ausgew\u00e4hlt?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich pers\u00f6n\u00adlich bin ein  Dilettant, der ganz gut reden kann. Aber mein Geist, meine Gedanken,  alles sind begabte Dilettanten geblieben. Ich h\u00e4tte mehr aus mir machen  k\u00f6nnen! Oder etwas anders formuliert: In unseren Breitengraden hat man  die M\u00f6glichkeit, viel aus seinem Leben zu machen, aber man muss auch die  Verantwortung f\u00fcr alles ertragen, was man nicht daraus macht oder  gemacht hat. Denn die Faulheit, die Bequem\u00adlichkeit, die  Unkonzen\u00adtration, die immer auch in unseren Seelen schlummert,  verhindert meist, das Wasser aus seinem eigenen Brunnen zu sch\u00f6pfen.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Wo sehen Sie eventuelle Vorz\u00fcge oder Schranken der Lebenskunst unserer Zeit?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Wir haben das Blut intel\u00adligent  gemacht und k\u00f6nnen in ihm lesen.Wir k\u00f6nnen bereits 1500 genetische  Fehler im Vorfeld der Geburt feststellen und so vielen Lebe\u00adwesen ein  leid\u00advolles Leben ersparen.(es gibt ca. 7000 seltene Krank\u00adheiten) Das  sind so gute Vorz\u00fcge unserer Zeit. Ich unter\u00adst\u00fctze dieses Programm, wo  es nur geht. Wir brauchen keine Krank\u00adheit, die Lebensreise ist schon  schwer genug!!! Und dass es auch dem letzten Erden\u00adbewohner klar wird:  Nicht Gott hat den Menschen gemacht, sondern der Mensch Gott.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Kann man \u00fcberhaupt von einer allgemeinen Lebenskunst reden?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ja. Es gibt nur ein Ziel f\u00fcr die Veranstaltung Leben: Das Erkennen der Sch\u00f6nheit!<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> F\u00fcr ein Leben im Jetzt  pl\u00e4dieren Sie auch, da wir nur eine Lebens\u00adzeit haben. Wie passt diese  Auffassung zu einem Axiom der Sinnlosigkeit wie \u201eDas Leben ist eine  atem\u00adberaubende Reise vom Nichts zum Nichts<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> &#8230;ins Nichts? Dazu habe ich  Jahre gebraucht, dieses heraus\u00adzufinden.Ich kann mit unseren Wahrheiten  gut leben. Wir m\u00fcssen sterben. Es gibt keinen Gott. Das Alter ist  furchtbar. Nichts was wir tun hat einen Sinn. Sex, Romantik und Kinder  zeugen sind kein Programm unseres Willens oder unsere Freiheit, sondern  einzig das Diktat der Evo\u00adlution, das sie uns aufzwingt. Der Mensch ist  eine peinliche Gestalt, solange er nicht seine Wahrheit erkennt.  \u00dcbrigens: Ich bin nicht zynisch verbittert, ich freue mich so auf den  kommen\u00adden Fr\u00fchling.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Und \u00fcber S\u00e4tze wie  \u201eEntschleunigung, dieses Wort kann ich nicht oft genug sagen. Wir sind  uns einfach entronnen\u201c h\u00e4tte ich gerne von Ihnen mehr erfahren. Und \u00fcber  vieles mehr &#8230; Ob Ihr Herz immer noch ein Hai ist, der niemals schl\u00e4ft  &#8230;<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Wieso wissen sie soviel \u00fcber mich und meine S\u00e4tze?<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Jetzt sind Sie der Fragende  &#8230; Weil ich intensiv recherchiert habe. Und wie Sie eine mediale  Pr\u00e4senz sind, war es nicht schwer, viele Dinge uber Sie zu erfahren. Das  Wesentliche erfuhr ich unmittelbar aus Ihrem Werk. Und den Rest taten  meine eigene Empathie und die Vorstel\u00adlungs\u00adkraft, gekoppelt mit viel  Neugierde und Bewunderung &#8230; Vor drei Jahren fand die Urauff\u00fchrung von  \u201eDarwins Dame\u201c statt. Es gefiel mir die \u00fcber\u00adzeugende Darstellung eines  Wissen\u00adschaft\u00adlers, der an sein Werk glaubt und dennoch in seiner  Intimit\u00e4t von harten Fragen und Zweifeln geplagt ist. Darf \u00fcberhaupt  jemand den Besitz einer vollst\u00e4ndigen und endg\u00fcltigen Wahrheit f\u00fcr sich  beanspruchen?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich w\u00fcrde sagen, nein.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Haben Sie mal gedacht, dass  auch Darwins biologische Erkl\u00e4rung unserer Welt und Herkunft eine  Erg\u00e4nzung oder Revision brauchen k\u00f6nnte?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Darwin und seine Zeitgenossen  haben das Prinzip Leben erkannt. Endlich, nach dem wir f\u00fcr unser  Nichtwissen die G\u00f6tter eingesetzt haben, die noch zum Teil heute  herumtoben. Und Darwin war zum Gl\u00fcck stark genug, seine Wahrheiten in  die Welt zu bringen, obwohl umringt von christlichen Fanatikern.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Sollen wir, wie er, Abschied  von der christlichen bzw. humanistischen Ethik nehmen, sollen die  St\u00e4rkeren nicht den Schw\u00e4cheren beistehen, sondern bek\u00e4mpft oder  beseitigt werden?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Dringender Abschied ist  angeraten. Humanistische Ethik ist auch nur ein Trick der Evolution. Das  findet jeden Tag an jedem Ort der Welt statt, dass der St\u00e4rkere sich  durchsetzt. Durch Empathie f\u00fcr andere erh\u00f6he ich meine eigene  \u00dcber\u00adlebens\u00adm\u00f6glich\u00adkeiten. Schlage keine T\u00fcre zu, kann ich allen jungen  Menschen nur raten.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Kann man Ihres Erachtens die  Frage, was der Mensch seiner wahren Natur nach eigentlich ist und was  ihn zu einem mitf\u00fchlenden, empathischen und sozialen Wesen macht,  beant\u00adworten, solange man an seine Theorien und Lehren ewig gebunden und  selbst undurch\u00adl\u00e4ssig bleibt? Was ist mit unserer Fantasie, unseren  Begabungen, woher kommen sie? Und Nervenzellen f\u00fcr Mitgef\u00fchl besitzen  wir auch, versichern uns die Neuro\u00adbiologen. A propos: Kennen Sie das  Buch \u201eGed\u00e4chtnis des K\u00f6rpers. Wie Beziehungen und Lebensstil unsere Gene  steuern\u201c von Joachim Bauer?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Die Epigenetik ist mir vertraut.  Ich glaube, wir sind gerade dabei, den Menschen v\u00f6llig neu zu sehen zu  lernen, daf\u00fcr haben wir sehr kluge Maschinen gebaut, die uns helfen  k\u00f6nnten.(Gerade die Hirnforschung, die Genforschung sind ein gro\u00dfes  St\u00fcck voran\u00adgekommen, mit vielen Klischees von unserem Wesen  aufzur\u00e4umen.) Ich glaube, wir hatten eine ganz sch\u00f6n romantische und  gef\u00fchlige Vorstellung vom Homo sapiens. Nur diese w\u00fcrde uns schnell  aussterben lassen, wir m\u00fcssen sehr schnell sehr viel intelligenter  werden.(da hilft keine Poesie, kein Kunstwerk) wenn wir (bald 10  Milliarden Menschen) \u00fcberleben wollen. Die Religionen m\u00fcssten als erstes  schnellsten raus aus den verengten Hirnr\u00e4umen, wir m\u00fcssen lernen sehr  vern\u00fcftig unsere Gef\u00fchle in den Griff zu bekommen, denn sie verursachen  das meiste Ungl\u00fcck.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> 1996 gr\u00fcndeten Sie in Berlin  das Caf\u00e9 Einstein und die dazu geh\u00f6rige Galerie, wo Sie seither die  eigenen bildne\u00adrischen Arbeiten, Fotos und Instal\u00adlationen sowie die  Werke bedeu\u00adtender K\u00fcnstler der Gegenwart ausstellen, und auch zu  Lesungen, Insze\u00adnierungen und Vortr\u00e4gen einladen. \u201eOhne Austausch mit  den Mitmenschen h\u00e4tten Pythagoras, Newton, Darwin und Einstein nicht  einmal das Einmalens beherrscht\u201c, erkennt Peter Baaks in  \u201estoff.wechsel.\u201c War ein solches Bed\u00fcrfnis nach Kommuni\u00adkation und  Austausch mit\u00adentscheidend f\u00fcr die Gr\u00fcndung Ihres Kaffee\u00adhauses?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Der damalige Hunger nach Geist,  denn das Kaffeehaus ist und war immer ein geistiger Ort. Ein Ort der  Klarsicht. Ein Ort der Erkenntnis. Ein Ort der Atheisten.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Einstein ist f\u00fcr Ihr Leben  und Schaffen kein zuf\u00e4lliger Name. Eine Collage mit blauem Fisch und  Einsteins Formel, die in Ihrer Galerie ausgestellt wurde, ist nur ein  kleines Beispiel davon. &#8230; Warum tauften Sie das Caf\u00e9 und die Galerie  auf den Namen von Einstein? Im Gedanken an die Zeit ohne Anfang und  Ende? Als Hommage an die menschliche Mentalkraft oder als gezielte  Verehrung eines genialen Physikers, der wunderbar Violine spielte?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Dieser Mensch hatte das (oder  was ich in ihn hineinprojeziere), was ich am Menschlichen verehre:  Gelassen\u00adheit, Konzentration, Poesie, Erkennt\u00adnis und die Musik. Ich bin  stolz, dass das Einstein auch ein Ort der Nobelpreistr\u00e4ger geworden  ist. \u00dcber die Nobel\u00adpreistr\u00e4gerin Linda Back habe ich bei einem  gemeinsamen Abend\u00adessen im Einstein erfahren, das ich aufgrund meiner  Symptome Morbus Fabry habe. Meine \u00c4rzte konnten mir das nicht sagen. Die  haben versagt.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong>\u00ad Sie sind \u201chungrig nach dem  Leben\u201c und dort k\u00f6nnen Sie sehr wahr\u00adscheinlich diesen Hunger immer  wieder stillen. Alles, was zum Leben geh\u00f6rt, trifft man dort.  Liebe\u00advolle Beobachtung von Menschen bringt Anregung, neue Ideen f\u00fcr  Ihre Kunst. Sie sprechen von Ihrem Caf\u00e9 wie von einer sozialen Skulptur.  Inwieweit passt der Begriff \u201esoziale Plastik\u201cvon Beuys zu Ihrer  sinn\u00adlichen Oase?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Alle Gesellschafts\u00adschichten  sind in diesem Bienen\u00adkorb zuhause. Da der Mensch nur f\u00fcr die  Kommuni\u00adkation und die Wechsel\u00adwirkung aus\u00adgestattet ist \u2013 mit Augen,  Armen, Beinen, Sprache \u2013 ist ein Ort wie das Kaffee\u00adhaus das  Zentral\u00adgestirn f\u00fcr die menschliche Gesellschaft.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Soll jeder Besucher Ihrer  Einrichtung aufgerufen sein, sich von der \u201eFlamme\u201c der Kunst und des  Herzens ergreifen zu lassen, um dort und vielerorts ein soziales  Miteinander mitzugestalten?<br \/><br \/><strong>G. Uhlig:<\/strong> Ich w\u00fcnsche mir, dass alle sich wohlf\u00fchlen, denn, wenn du dein Kaffee\u00adhaus gefunden hast, hast du auch dein Zuhause gefunden.<br \/><br \/><strong>F. Ricinski:<\/strong> Solche Worte denkt und  spricht kein Misanthrop aus &#8230; Vielleicht geschieht es Ihnen in einem  Augenblick der Entschleunigung am Meeresrand, die \u201eandere\u201c Wahrheit uber  sich (an)zu erkennen. Ich w\u00fcnsche es Ihnen!<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zur Person: <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gerald Uhlig-Romero wurde 1953 in  Heidelberg geboren und studierte am Wiener Max-Reinhardt-Seminar Musik  und Schauspiel. Danach arbeitete er als Schau\u00adspieler und Regisseur an  zahl\u00adreichen deutsch\u00adsprachigen Theatern. Zusammen mit Yoko Ono  insze\u00adnierte er 1996 im Saarland und Berlin John Lennons und Yoko Onos  Musical <em>New York Story<\/em>.<br \/>Uber 60 St\u00fccke hat Gerald Uhlig bislang verfasst und mehrere B\u00fccher veroffentlicht, darunter: <em>Alphabet der Fische. Gedichte und Zeichnungen.<\/em> (Lardon-Verlag 2004); <em>Berliner Melange-Geschichten aus dem Cafe Einstein Unter den Linden<\/em> (Heyne Collection 2006); <em>Und trotzdem lebe ich. Mein Kampf mit einer r\u00e4tselhaften Krankheit<\/em> (DVA 2009) und zuletzt den Roman <em>stoff.wechsel<\/em> (epubli 2011).<br \/>1996 gr\u00fcndete er in Berlin das Cafe Einstein <em>Unter den Linden<\/em>  und die Galerie im Einstein, wo er seither Werke inter\u00adnationaler  Foto\u00adk\u00fcnstler sowie seine eigenen bild\u00adneri\u00adschen Arbeiten und  Instal\u00adlationen aus\u00adstellt. Der Autor, Theatermacher und Bild\u00adk\u00fcnstler  leidet seit Kindheit an dem seltenen Morbus-Fabry-Syndrom.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Francisca Ricinski: Die heillose Krankheit, die ein halbes Jahrhundert nach Ihrer Geburt als eine terra incognita der Medizin noch im toten Winkel der Wissen\u00adschaft stand, nistete sich in Ihrem fr\u00fch\u00adkindlichen Bewusst\u00adsein ein und schritt fort oder setzte nur kurzweilig aus.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/04\/29\/auch-im-tiefsten-dunkel-noch-ein-lachen-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":34,"featured_media":13743,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[93,2522],"class_list":["post-64102","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-francisca-ricinski","tag-gerald-uhlig-romero"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64102","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/34"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=64102"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/64102\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=64102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=64102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=64102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}